Konstruierte Vergütung Vorstandsgehälter im Visier

Spezialisierte Berater haben die Entlohnung in Unternehmen komplex und sich selbst nahezu unersetzlich gemacht. Kaum jemand steigt noch durch. Doch nun regt sich Widerstand.

Nena Schink, wiwo.de | , aktualisiert

Vorstandsgehälter im Visier

Transparente Gehälter 2

Foto: denisfilm / Fotolia.com

Dass Manager ihre Gehälter rechtfertigen müssen, die Politik mal wieder über gierige Eliten und maßlose Boni diskutiert, kann Helmuth Uder nicht verstehen. "Es wird immer so getan, als sei das Festgehalt eines Vorstands der Lohn für seine Arbeit und die Bonuszahlung eine Art Bonbon, das irgendwie obendrauf kommt", sagt er. Das sei ein Grundirrtum. Und überhaupt: Wenn Gehälter aus dem Ruder liefen, sei das kein Fehler im System, sondern menschliches Versagen. "Das ist so ähnlich wie bei einem Flugzeugabsturz, bei dem nicht die Maschine defekt war, sondern der Pilot das Unglück verursacht hat", sagt Uder.

Seine Haltung ist kaum überraschend. Schließlich hat Uder die Entlohnungssysteme maßgeblich mitgebaut. Sein Arbeitgeber Willis Towers Watson zählt zu einer Handvoll spezialisierter Beratungen, die die Entlohnung in Unternehmen regelkonform, transparent und objektiv gestalten wollen. Tatsächlich sind die Vergütungen unter ihrer Mitwirkung so komplex geworden, dass allenfalls sie selbst noch durchblicken. Deshalb stehen sie zunehmend in der Kritik.

Komplexe Gehaltsmodelle für Vorstände und die Managerebenen darunter

In den vergangenen Jahren ist das Geschäft der Gehaltsexperten stark gewachsen. Willis Towers Watson ist an der Börse rund 18 Milliarden Dollar wert und beschäftigt weltweit 39 000 Mitarbeiter. In Deutschland konkurriert das Unternehmen mit Spezialanbietern wie Hkp und Personalberatern wie Kienbaum um Aufträge, zudem drängen Wirtschaftsprüfer und Anwälte in den Markt. Die Vergütung von Vorständen ist zwar prestigeträchtig, trägt zum Umsatz der Berater aber nur wenig bei. Lukrativ ist vor allem die Entwicklung von Gehaltsmodellen für die Ebenen darunter.

Bedarf ist zweifellos da. Unternehmen, die in vielen Ländern aktiv sind, müssen ebenso viele Regeln beachten. Und Investoren hinterfragen die Bezahlung zunehmend kritisch. Alle Wünsche unter einen Hut zu bringen ist alles andere als einfach. "Die Systeme sind so komplex, dass selbst Aufsichtsräte in Dax-Unternehmen nur im Ausnahmefall in der Lage sind, die Grundzüge zu verstehen", sagt Manuel Theisen, Experte für die Regeln guter Unternehmensführung.

Das müssen sie aber. Da der Aufsichtsrat rechtlich für die Vorstandsvergütung verantwortlich ist, haftet er bei Fehlern. Schaltet er Experten ein, sichert er sich gegen Klagen von Aktionären oder den Vorwurf der Untreue ab. Kaum ein größeres Unternehmen verzichtet heute deshalb noch auf Berater. "Hier hat der Gesetzgeber selbst einen Markt geschaffen", sagt Theisen.

Dabei ist der Einsatz der Experten noch keine Garantie dafür, dass alles rund läuft. So hatte die Deutsche Börse ein Regelwerk entwickelt, das ihrem Chef Carsten Kengeter einen Millionenbonus verschaffte. Da er dabei womöglich Aktien kaufte, während er bereits die Fusion mit der Londoner Börse plante, ermitteln Staatsanwälte. Das System der Deutschen Bank fiel 2016 bei den Aktionären glatt durch.

Für Berater Uder sind das Einzelfälle. "Wir hinterfragen Vergütungsmodelle kritisch und nehmen umfassende Analysen vor", sagt er. Dafür zögen die Berater Daten aus bis zu 20 Unternehmen heran, verglichen sie und unterstützten dann den Aufsichtsrat dabei, auf dieser Grundlage eine angemessene Spannbreite für die Entlohnung des Vorstands festzulegen. "Bei den gesetzlichen Vorgaben gibt es Spielraum, den der Aufsichtsrat nutzen kann, um die Interessen der Eigentümer wahrzunehmen. Den nutzen wir natürlich für unsere Kunden", sagt Uder.

Aber profitiert davon am Ende nicht doch vor allem die Unternehmensspitze?

Berater dürfen laut Gesetz nur für den Vorstand oder nur für den Aufsichtsrat arbeiten, der über die Vorstandsvergütung entscheidet. Für eine klare Trennung der Interessen reicht das nicht. "Im Ergebnis bezahlt der Vorstand selbst die Experten, die seine nachhaltige und hochkomplexe Vergütung entwickeln und in immer kompliziertere Vertragswerke stecken", sagt Experte Theisen. Der Aufsichtsrat hat kein eigenes Budget, um die Berater wirklich unabhängig zu bestellen, zu bezahlen und zu instruieren. Aus dieser Schieflage resultieren für Theisen die teilweise übertriebenen Vergütungen.

Investoren wollen mehr Licht ins halbdunkle Wirken der Berater bringen. So fordert etwa der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock, dass Unternehmen offenlegen, wen sie warum beschäftigen und wie viel sie wofür zahlen. "Mehr Transparenz", so heißt es in der Empfehlung des Fondsriesen, "wird helfen, die Kompetenzen der Berater einzuschätzen und Interessenkonflikte zu vermeiden." Bisher ist das nur ein frommer Wunsch.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...