Konfliktschlichtung Wenn Kollegen sich streiten

Wenn es zwischen Kollegen kracht, kommt Mediatorin Sosan Azad zum Einsatz. Sie berichtet über banale Anlässe, tiefere Ursachen und warum die Vorgesetzten meist ein wichtiger Teil des Problems sind.

Kristin Schmidt, wiwo.de | , aktualisiert

Wenn Kollegen sich streiten

Foto: adam121/Fotolia.com

Frau Azad, Sie sind seit zehn Jahren selbstständige Mediatorin, schlagen sich also ständig mit den Problemen anderer herum. Da geht es wahrscheinlich um große Eklats vor versammelter Mannschaft, Machtproben zwischen Abteilungsleitern und so weiter.

Das kommt schon vor, aber der Großteil meiner Aufträge ist wesentlich trivialer. Ich würde sagen in 80 Prozent der Fälle geht es zunächst um Sachkonflikte. Mitarbeiter, die sich wegen der Urlaubsplanung nicht einigen können. Neue Produkte, die nicht rechtzeitig fertig werden und so Unruhe in die Abteilung bringen.

Sie sagen, es ginge "zunächst" um Sachkonflikte. Was meinen Sie damit?

Naja, wenn ich dann in das Unternehmen komme, mich mit den Beteiligten unterhalte, dann merke ich häufig, dass dieser Sachkonflikt nur die Bombe zum Platzen gebracht hat. Meistens geht es um zwischenmenschliche Verwerfungen, die über Monate oder Jahre gewachsen sind. Die Mitarbeiter wünschen sich mehr Anerkennung oder sie haben das Gefühl, stets viel zu geben, aber nichts zurückzubekommen.

Um das herauszubekommen, müssen Sie aber erstmal richtig nah an die Streithähne heran oder?

Ja, das stimmt. Eine Mediation beginnt meist mit einem Gespräch mit der Leitung – also Abteilungsleiter, direkte Vorgesetzte, in kleinen Unternehmen eventuell auch die Geschäftsführung. Sie stellen das Problem dar und ich muss herausfinden, ob es überhaupt ein Fall für mich als Mediatorin ist. Manchmal ist es auch eine Aufgabe für die Geschäftsleitung.

Wann zum Beispiel?

Wenn in einer Abteilung beispielsweise sehr viele Überstunden gemacht werden, einige Mitarbeiter dadurch kurz vor dem Burnout stehen und deshalb dünnhäutig oder aggressiv sind. So etwas kann ich nicht auflösen, ohne dass im Vorfeld die Strukturen geändert werden. Die Führungskräfte sind also zunächst gefragt.

Okay, aber bleiben wir bei einem Fall, bei dem Sie helfen können.

Genau, dann gucke ich mir einige Fakten an. Wer hat mit wem ein Problem? Sind es die Angestellten untereinander? Ist der Vorgesetzte involviert? Sind zwei Abteilungen sich spinnefeind? Je nach Fall konzipiere ich das Mediationsdesign.

Was bedeutet das?

Manchmal führe ich zuerst Einzelgespräche. Bei sehr vielen Beteiligten lasse ich zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Wann kann ich wen zu einem Gruppengespräch dazu holen? Wann ist es sinnvoll auch die Vorgesetzten zu hören?

Holen Sie die Vorgesetzten häufig dazu?

Ja. Eine sehr interessante Beobachtung, die ich über die Jahre gemacht habe. In 70 Prozent der Fälle sind sie nämlich Teil des Problems.

Inwiefern ist ein Abteilungsleiter verantwortlich, wenn Angestellte nicht miteinander klar kommen?

Nehmen wir mal an, die Stimmung in einem Team ist schlecht, weil die Konkurrenz zwischen den Mitgliedern groß ist. Dann würde ich schauen, wo dieser Machtkampf herkommt. Nehmen wir weiter an, die Angestellten haben befristete Verträge und einer bekommt einen Festvertrag, die anderen nicht. Jeder bekommt es mit, aber der Chef erklärt seine Entscheidung nicht. Das ist Gift für das Arbeitsklima.

Was würden Sie in diesem Fall raten?

Ganz häufig ist es in der Tat ein Kommunikationsproblem. Die Vorgesetzten sollten ihre Entscheidungen ansprechen und den anderen Mitarbeitern klar machen, dass sie auch wichtig sind. Chefs müssen außerdem ein deutliches Profil haben. Sie können nicht an einem Tag abends mit der Belegschaft ein Bier trinken und am nächsten Morgen knallharte Entscheidungen fällen. Auch das sorgt für Unruhe und Spannungen im Team.

Große Unternehmen haben meist eigene Mediatoren Sind Konflikte in kleinen Unternehmen schwieriger zu lösen als in großen Organisationen, weil man sich schlechter aus dem Weg gehen kann?

Nein. Ein großer Konzern ist wie eine große Stadt – man trifft meistens nur die Leute vom eigenen Kiez. Im Unternehmen ist man von den Kollegen aus dem eigenen Team abhängig. Da macht es keinen Unterschied wie groß das Unternehmen ist.

Also kommen sowohl Konzerne als auch kleine Mittelständler zu Ihnen, um Streit schlichten zu lassen?

Ja, allerdings habe ich in meiner Kundschaft mehr kleine und mittlere Unternehmen.

Warum?

Die großen Konzerne haben meist intern Mediatoren ausbilden lassen. Betriebsräte oder Gleichstellungsbeauftragte verfügen häufig über diese Zusatzqualifikation. Gibt es in Zweigstelle A ein Problem zwischen den Mitarbeitern und Zweigstelle B hat einen Mediator, dann kann dieser schlichten.

Was ist bei solchen internen Lösungen zu beachten?

Der Vermittler darf in seinem normalen Berufsalltag nichts mit den Konfliktparteien zu tun haben. Problematisch ist eine interne Mediation, wenn eine Führungskraft in den Streit verwickelt ist. Denn sie könnte später auch einmal zum Chef des internen Vermittlers werden.

Wann ist die Situation zwischen zwei Parteien besonders verfahren?

Wenn sie nicht mehr miteinander sprechen. Dann ist das eine Katastrophe und es wird sehr schwierig eine Lösung zu finden.

Hatten Sie einen solchen Fall schon mal?

Ja, mehr als einmal. Aber einer war besonders skurril. Zwei Freundinnen hatten eine Firma gegründet. Das Geschäft basierte auf freundschaftlichen Vereinbarungen. Beim Notar hatten sie so gut wie nichts geregelt. Wem gehört der Name? Wem das Logo? Alles ungeklärte Fragen.

Und dann?

Kleinigkeiten schaukelten sich immer weiter hoch. Die eine hatte befreundete Handwerker beauftragt, mit deren Arbeit die andere nicht zufrieden war. Die eine hatte einer Mitarbeiterin Sonderurlaub gewährt, weil diese in einer schwierigen privaten Situation war, ohne der anderen Geschäftsführerin Bescheid zu sagen. Das ging soweit, dass einst beste Freundinnen nicht mehr miteinander sprachen und wichtige Absprachen nur noch per Mail vornahmen. Die Belegschaft spaltete sich ebenfalls.

Was haben Sie in dieser verfahrenen Situation gemacht?

Es gab nur noch einen Weg, nämlich knallharte Realitäten aufzeigen. Wir haben uns zu dritt getroffen und ich habe ihnen mehrere Szenarien aufgezeigt und diese mit Fakten und Zahlen belegt. Die beiden Extreme waren: Sie reißen sich zusammen und arbeiten wieder miteinander oder das Geschäft geht den Bach runter.

Für was haben sich die beiden entschieden?

Sie haben sich getrennt. Manchmal hilft Vermitteln auf der menschlichen Ebene nicht mehr und auch die knallharten Fakten stoßen an ihre Grenzen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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