Konfliktpotenzial Warum der Wettbewerb unter Frauen so groß ist

Das Konfliktpotenzial und der Wettbewerb unter Frauen im Job scheint wesentlich höher zu sein als bisher angenommen. Warum Frauen im Job häufig keine Nebenbuhlerin dulden und Stutenbissigkeit kein Märchen ist.

Frank Siering | , aktualisiert

Emmy-Gewinnerin Felicity Huffman spielt in der US-Erfolgsserie „Desperate Housewives“ eine Mutter von drei Kindern. Eine neue Chance, wiedergewonnene Motivation und ein verständnisvoller Ehemann treiben sie zurück in ihren anstrengenden Managerjob. Dort stellt sie allerdings schnell fest, dass sich die Zeiten geändert haben.

Ihre Chefin zeigt keinerlei Verständnis für freigehaltene Babyabende, Elternsprechzeiten und Theatervorstellungen in der Schulaula. Im Gegenteil: Die ehrgeizige, allein stehende Mittdreißigerin verlangt von ihrer Untergebenen, nach Feierabend noch schnell mit ihr in eine Bar zu huschen, um der frustrierten Top-Verdienerin Gesellschaft zu leisten. Als Huffman nach dem dritten Barabend doch lieber ihre Kinder ins Bett bringen möchte, beginnt das Mobbing. „Wenn Sie keine Energie für den Extra-Einsatz aufbringen können, sehe ich für Sie hier keine Zukunft“, giftet ihre Chefin sie an.

Willkommen in Hollywood? „Keineswegs“, urteilt Nan Mooney, „Queen Bee“-Opfer und Autorin des neuen US-Bestsellers „I can’t believe she did that“. Als Queen Bee wird in den USA eine Managerin bezeichnet, die wie eine Bienenkönigin keine andere Königin neben sich duldet – und sie deshalb eliminiert.

Nach Interviews mit mehr als 100 Arbeitnehmerinnen ist Mooneys Fazit, dass das Konfliktpotenzial und der Wettbewerb unter den Frauen im Job wesentlich höher zu sein scheint als bisher angenommen. Die als „She Devils“ titulierten stutenbissigen Chefinnen haben in den USA heftige Diskussionen ausgelöst. Hatten bisher besonders Frauenrechtlerinnen dieses Thema ausgeklammert, berichten plötzlich Frauen von New York bis Los Angeles von Zickenalarm im Job.

„Ich bin 31 Jahre alt und dachte eigentlich, dass die Frauen in meinem Alter endlich mal mit diesem kindischen Gezicke aufhören“, erzählt Kimberly, Produktionsmanagerin in einer Werbeagentur in Santa Monica. Und Angie Miller, 35, berichtet gar von einem „geplanten Komplott“ gegen sie: „Ich kam aus dem Urlaub zurück. Und die Weiber in meiner Abteilung hatten sich plötzlich alle gegen mich verschworen“, erzählt die Abteilungsleiterin mit einem sechsstelligen Jahresgehalt.

Warum aber bekämpfen sich Frauen auch noch gegenseitig, wenn die Unternehmensstruktur ohnehin noch zum Großteil von Männern dominiert ist? „Wäre Solidarität nicht der erste Gedanke, um sich gegen die männliche Konkurrenz durchzusetzen“, fragt auch Autorin Mooney. „Frauen, die auf der Karriereleiter nach oben steigen, werden von anderen Frauen nicht als Komplizin, sondern als Bedrohung gesehen“ – lautet ihr Resümee. Ihre Begründung: Frauen, die mit Frauen zusammen arbeiten, „verspüren einen enormen Druck, immer nett und freundlich zu sein.“ Und diese „übertriebene Freundlichkeit“ führt dazu, dass aufkeimende Konfliktsituationen in der Firma nicht offen diskutiert, sondern „hinter dem Rücken der Kolleginnen“ ausgetragen werden. Das Resultat: eine brodelnde Gerüchteküche, gute Ideen werden geklaut, und versteckte Aggressivität regiert. Besonderer Stein des Anstoßes, so Mooney, ist für Frauen im Job das Thema Familie: „Kinderlose Frauen tendieren dazu, Mütter zu diskreditieren.“ Meist glaubten sie, dass die Mütter nicht mehr so belastbar sind wie sie selbst.

Männer kämpfen eher mit offenem Visier

Dass Frauen so als emotional intelligent gepriesen werden, scheint eher gegen sie zu arbeiten. Mooney glaubt, dass es gerade diese emotionale Intelligenz ist, die Frauen die Schwächen ihrer Gegnerinnen erkennen und zum gekonnten Gegenschlag ausholen lässt. Mooney: „Frauen nehmen alles sehr persönlich, auch im Job.“

Und genau hier liegt wohl der Unterschied zu den männlichen Führungskräften. „Keine Frage, auch Männer intrigieren, boykottieren und tuscheln. Aber Männer bekämpfen sich offen und direkt. Konflikte fechten sie aus, bis eine Lösung für das Problem gefunden ist.“

Anja Busse ist Rhetoriktrainerin in München und beschäftigte sich in ihrer Promotion mit „interfemininen Konflikten“. Auch sie glaubt, dass sich Frauen – im Gegensatz zu Männern – berufliches Fortkommen gegenseitig nicht gönnen. Frauen empfinden Konkurrenz nämlich als unnatürlich und funktionieren im Job eher beziehungsorientiert. „Das ist ein Erbe der Evolution“, so Busse. Weibliche Säuger versuchten so, das Überleben des Nachwuchses zu sichern. Für Jungen ist ganz natürlich, im Spiel gegeneinander zu wetteifern. Mädchen dagegen bevorzugen eher Gruppenspiele, die oft sofort unterbrochen werden, wenn es zum Streit kommt.

Auch ein Mobbingreport der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg überraschte mit dem Ergebnis, dass Männer häufiger als Mobber am Arbeitsplatz auffallen, Frauen aber ein zu 75 Prozent höheres Mobbingrisiko tragen. 59 Prozent sind demnach Opfer von Männern und 41 Prozent von Frauen.

Bei dem Ergebnis ist zu bedenken, dass es im Berufsleben mehr Männer gibt. Die geschlechterbezogene Verteilung der Opfer liefert ein detaillierteres Bild. 82 Prozent der männlichen Mobbingopfer werden von Männern gemobbt. Frauen zu 57 Prozent von anderen Frauen. Fazit: Alle werden in erster Linie vom eigenen Geschlecht attackiert.

Nan Mooney glaubt: „Frauen müssen lernen, dass es okay ist, Konflikte offen auszutragen.“ Oder sie greifen in die Trickkiste – so wie Felicity Huffman in „Desperate Housewives“. Nachdem ihre Chefin sie einfach nicht aus ihren nächtlichen Fangarmen ließ, entschied sich Huffman zum Gegenangriff. Nicht mehr zugeknöpft und zurückhaltend, sondern sexy und flirty präsentierte sie sich am vierten Barabend. Auf gekonnte Art und Weise kauft sie ihrer Chefin somit den Schneid ab und durfte schon den nächsten Abend wieder bei ihrer Familie verbringen. Ein Konkurrenzkampf unter Frauen im Büro kann halt doch mit den konventionellen Waffen einer Frau bekämpft werden.

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