Kommunikation Retourkutsche: Sind Sie schlagfertig?

Sie mich auch! Nicht jede flotte Retourkutsche kommt auch gut im Job. Konter ja, Kündigung nein - Junge Karriere hat Experten nach ihren Lieblings-Schlagfertigkeits-Techniken gefragt. Und auch Bernhard Hoëcker gibt im Interview Tipps zur Schlagfertigkeit.

Liane Borghardt, Alexander Ross, Britta Domke | , aktualisiert

Das Gefühl kennt jeder: Die harte Attacke vom Vorgesetzten, die unfaire Kritik oder der dumme Spruch vom Kollegen kommen plötzlich und machen so perplex, dass einem dazu gar nichts einfällt. Schön wär's, jetzt wie ein Super-Action-Hero den Degen zu zücken und den Angreifer in seine Schranken zu verweisen. Kühl, souverän, überlegen. Trost für alle, denen der passende Konter mal wieder Stunden später eingefallen ist: Schlagfertigkeit ist nicht nur eine Disziplin für Naturtalente, sondern Übung macht den Meister. karriere hat den Trainingsplan mit Profi-Tipps, den wichtigsten Techniken und Anwendungsbeispielen zusammengestellt. Die eine K.-o.- Strategie gibt es nicht. Aber für jeden Typ und jede Situation im Job eine passende.

Besonders strategisch: die Entsorgungs-Technik

Rhetorik-Trainer Matthias Pöhm gibt Seminare XXL: Für zwei Tage zahlen 16 Teilnehmer je 5.600 Euro und bis zu 100 Zuschauer je 290 Euro.

"Sie sind nicht teamfähig." Oder: "Seien Sie doch nicht so dogmatisch!" Im Job begegnen einem häufig so genannte Etikettier-Vorwürfe. Bei solchen mehr oder weniger direkten Angriffen eignet sich die Entsorgungs-Technik hervorragend. Sie schälen den Negativ- Begriff heraus und interpretieren ihn positiv um: "Wenn ,nicht teamfähig' bedeutet, dass ich eigene Ideen entwickle und durchziehe - ja, dann bin ich nicht teamfähig." Das Schema ist immer dasselbe. Durch das Formulieren der Phrase "Wenn xy bedeutet, dass ..." gewinnen Sie Zeit und Sie wirken wahnsinnig souverän. Wer eine Woche lang täglich übt, dem fällt in sechs von zehn Fällen garantiert etwas Geeignetes ein. Die eine Schachmatt-Technik gibt es nicht - aber die Wahrscheinlichkeit, dass keine weitere Attacke folgt, ist hoch. Und Sie haben sich strategisch in eine sehr gute Ausgangsposition gebracht.

Besonders einfach: die Rückfrage-Technik

Meike Müller ist Kommunikationstrainerin und Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens Quarta in Berlin.

Gerade Frauen neigen dazu, im Beruf die Messlatte besonders hoch zu legen. Bei der Schlagfertigkeit verhält es sich ähnlich - da glauben wir, ein Konter muss gleich Pulitzer-preisverdächtig sein. Muss er aber gar nicht. Ich empfehle die Rückfrage-Technik, gerade weil sie so einfach ist. Bei einem pauschalen Vorwurf à la "Das müssten wir besser im Griff haben", legen Sie nicht los mit Rechtfertigungen wie: "Ich hatte ja auch nicht so viel Zeit." Statt Öl in die Flammen zu gießen, drehen Sie den Spieß um, indem Sie so sachlich wie möglich nachfragen: "Was meinen Sie genau mit ,besser im Griff haben'?" Das Beruhigende: Sie haben nicht nichts gesagt - eine solche Frage gelingt einem immer noch. Das Motto heißt: Wer fragt, führt. Jetzt ist Ihr Gegenüber gefordert. Sie überwinden die ersten Schrecksekunden und gewinnen eine Verschnaufpause. Häufig macht der Angreifer dann schon einen Rückzieher: "Na ja, ich meinte ja nur ..." Das ist auch das Gute bei dieser Taktik: Sie klopfen ab, ob jemand einfach nur schlecht gelaunt ist oder wirklich sachliche Kritik anbringen will.

Besonders schlagfertig: die 3-T-Regel

Diplom-Psychologe Reiner Neumann arbeitet als Manager-Trainer und Autor zu den Themen Rhetorik und Kommunikation.

Eine Schlagfertigkeits-Technik, die die Beziehungsebene schont und damit eine konstruktive Arbeitsatmosphäre wahrt, ist die 3-T-Regel: Touch - Turn - Talk. Zuerst reagieren Sie auf einen Kommentar und bestätigen den angesprochenen Aspekt als wichtig. Dann bringen Sie Möglichkeiten zum Handeln ins Spiel. Schließlich zeigen Sie, was bereits getan wurde oder zu tun ist. Das Totschlag-Argument schlechthin "Das machen wir aber immer so!" kontern Sie nach dieser Regel dann so: "Häufig ist das auch der richtige Weg. Firma Meier ist allerdings ein besonders anspruchsvoller Kunde. Deshalb müssen wir dort neue Wege beschreiten. Ich schlage vor, dass wir ..." Die Antwort ist zwar nachdrücklich, aber nicht arrogant oder besserwisserisch. Trotz Zwischenruf können Sie das Gespräch problemlos fortsetzen. Übrigens sollten Sie vermeiden, in Ihrer Antwort den kritischen Aspekt wörtlich aufzugreifen. Sie verstärken ihn sonst für die übrigen Zuhörer.

Besonders souverän: die Dolmetscher-Technik

Der Münchener Autor Matthias Nöllke hat vier Ratgeber zum Thema Schlagfertigkeit verfasst.

Der witzige Gegenangriff ist zwar der spektakulärere - aber im Büro empfiehlt sich doch die weichere Tour. Denn hier geht es in der Regel ja nicht darum, Lacher zu erzielen, sondern darum, seine Souveränität zu bewahren. Das klappt gut mit der Dolmetscher-Technik. Eine Kränkung wie "Sie haben ja keine Ahnung" übersetzen Sie in eine sachliche Feststellung: "Sie meinen, wir beide sind unterschiedlicher Meinung?" Wer glaubt, das sei keine Schlagfertigkeit, sondern gelebte Sozialpädagogik, der irrt. Denn der Dolmetscher nimmt es in die Hand, seinem Gegenüber zu erklären, was er gerade gesagt hat. Sprich, er bestimmt, wohin die Reise geht. Seinem Gesprächspartner dürfte es schwer fallen, ihn von seinem Kurs abzubringen. Übrigens kann man mit der Dolmetscher-Technik auch Beleidigungen kurzerhand in Komplimente verwandeln. Die Übersetzung von "Sie sind ja vielleicht eine Krücke!" lautet dann: "Ja, ich bin die Stütze des Unternehmens."

Keine bestimmte Technik, sondern entsprechend der Persönlichkeit reagieren

Christine Öttl vom Münchener Trainingsunternehmen objektiv macht Coachings zu Karriere und Kommunikation.

Eine bestimmte Technik würde ich nicht allgemein empfehlen - denn was mir liegt, das passt zu meiner Persönlichkeit und gibt mir die Lockerheit, schlagfertig zu sein. Wenn jemand etwas Gemeines zu mir sagt, drehe ich mich beispielsweise weg und sage zu einer fiktiven dritten Person: "Hey, eigentlich ist der da ganz nett. Aber jetzt macht der mich zur Schnecke." Mit der Charme-Offensive habe ich gute Erfahrungen gemacht: Man nimmt Gift raus und bringt den anderen zum Lachen. Auch bei angespannteren Situationen im Büro ist es wichtig, sich klar zu machen: Was hier gerade vor sich geht, ist ganz normal. Meist ist der Angreifer einfach nur genervt. Also versuche ich, das Leid hinter der Attacke zu verstehen. Denn in der Regel fährt ja keiner einfach so die Krallen aus. Statt sich in seinem eigenen Gefühl zu verheddern, fragt man dann den anderen nach seinem Befinden: "Mensch, was ist denn mit dir los? Ich weiß ja, dass du eigentlich nicht so bist ..." Stößt ein Kollege oder ein Vorgesetzter einem allerdings heftig vor den Kopf, sollte man seine Verletztheit ruhig zeigen: "Entschuldigung, da muss ich jetzt erst mal schlucken." Das ist einfach menschlich.

Der Besprechungsraum ist keine Kleinkunstbühne, warnt Managementautor Alexander Ross. Denn was nützt der Applaus von der Seite, wenn von oben die Abmahnungkommt? Gedanken zum schmalen Grat zwischen kerniger Replik, Fettnapf und Risiken.

Achtung, Fettnapf!

"Du bist schuld, dass ich Hartz IV bin." - "Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job." Die Antwort von SPD-Chef Kurt Beck auf die Bemerkung eines Arbeitslosen war heiß umstritten, aber in jedem Fall schlagfertig. Auch in der Berufswelt stören Sticheleien, Provokationen und verbale Angriffe aller Art die kommunikative Geschäftsgrundlage. Hier hilft Schlagfertigkeit, nicht das Gesicht zu verlieren. Viele Ratgeber übersehen allerdings: Im Beruf ist Kommunikation nie hierarchiefrei, und sie verläuft nach eigenen Regeln. Vor allem nicht so locker-flockig wie im Fernsehen. Wer den Besprechungsraum mit einer Kleinkunstbühne verwechselt, riskiert schließlich mehr als nur einen Lacher.

Risiko und Nebenwirkung

Denn provokative Kommunikationssituationen im Beruf haben immer ein Vorher und ein Nachher. Dass jemand gerade gegen Sie jetzt stichelt, hat meist einen Grund. Und der liegt nicht nur beim anderen, sondern vielmehr in der Beziehung. Auch die schlagfertigste Antwort ist hier nur weiße Salbe für die Symptome. Vor allem das Nachher wird gerne unterschätzt. Ein treffender Konter auf eine unangemessene Äußerung einer Person bekommt vielleicht sogar zustimmende Blicke. Doch Ihre kernige Replik wird zum Problem, wenn Sie um die Krümel streiten und dabei den Kuchen verlieren. Verzichten Sie daher besonders auf jene vermeintlich schlagfertigen Antworten, die vor allem die Beziehung berühren. Sonst kann es Ihnen wie König Pyrrhus ergehen, der zwar die Römer in der Schlacht bei Asculum besiegte, doch danach sagte: "Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!" Seitdem gilt als Pyrrhus-Sieg, was zu teuer erkauft wurde. Es wäre doch schade, wenn Sie dafür zwar Beifall von der Seite erhalten - aber auch die Abmahnung von oben.

Konsens oder Clinch

Müssen Sie sich nun alles gefallen lassen im Job? Keineswegs, auch nicht von hierarchisch höher gestellten Personen oder Kunden. Doch Sie müssen lernen, wie man anderen Menschen gekonnt und elegant widerspricht. Denn viele Ratschläge sind problematisch, etwa Rückfragen wie "Was genau meinen Sie mit Totalversager?". Sie wiederholen nicht nur den Vorwurf, sondern stacheln auch zum konkreten Nachlegen an: "Na, wie beim Controllingprojekt, das Sie auch schon vergeigt haben." Wer jetzt mit der vermeintlichen Universalantwort "Sie sind ein guter Beobachter" kontert, an dessen Realitätssinn wird schnell gezweifelt.
Schlagfertigkeit sollte daher stets angemessen sein, und zwar der Situation wie Ihrer Rolle, aber immer auch der Person, gegen die Sie in den verbalen Sparring treten. Eine schnelle, schlagfertige Antwort verknüpft dabei Standards der Rhetorik, Elemente der Didaktik sowie Bilder und Basiswissen. Entscheidend ist, ob Sie letztlich wieder einen Konsens benötigen oder mit jemandem auch länger im Clinch liegen können.

Geist macht Geschichte

Am souveränsten wirken daher immer noch all jene Konter, bei denen man neben Geistesgegenwart vor allem Esprit und Humor beweisen kann. Es ist doch kein Zufall, dass viele Beispiele wirklich schlagfertiger Bemerkungen meist Zitate von Menschen sind, die auch als herausragende Persönlichkeiten bekannt wurden. Etwa François Mitterrand: Der frühere französische Staatspräsident wurde einmal von einem Störer fortlaufend unterbrochen mit dem Ruf "Aufhören!". Mitterrand gab elegant zurück: "Ich würde uns beiden den Gefallen ja gerne tun, aber wir sollten in dieser Situation nicht nur an uns selbst denken."

Alexander Ross ist Wirtschaftsjournalist und Kommunikationswissenschaftler. Sein neues Buch "Fettnapf-Slalom für Manager" ist im F.A.Z.-Verlag erschienen.

An der Uni

Na, das ist ja eine selten blöde Frage.
Für dieses Totschlag-Argument gibt es sogar eine Redensart: "Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten." Die sollten Sie allerdings nur einsetzen, wenn Ihr Gegenüber einigermaßen humorvoll ist. Einen subtileren Stich versetzen Sie ihm mit der Rückfrage-Technik, die den Ball wieder an den Provokateur zurückspielt: "Und wie müsste Ihrer Meinung nach die intelligente Version dieser Frage lauten?"

Sie müssen noch viel lernen.
Wenn der Prof Ihnen auf die Ich-weiß-alles-und-du-nichts-Tour kommt, schlagen Sie ihn mit seinen eigenen Waffen: Schmeicheln Sie seiner Eitelkeit und nehmen Sie ihn in die Pflicht. "Genau deshalb bin ich hier: Weil ich von Ihrem Wissen profitieren möchte. Könnten Sie mir noch mal erklären, ... ?" Die Komplimente-Technik muss allerdings vorsichtig dosiert werden: Übertriebene Schleimerei wirkt schnell unglaubwürdig.

Mit so einem Versuchsaufbau brauchen Sie gar nicht erst anzufangen.
Wenn Ihr Versuch wirklich Murks ist, fahren Sie besser mit der Zugeständnis-Technik als mit Erklärungen. Verweigern Sie sich dem nervenzermürbenden Spiel von Vorwurf und Verteidigung und geben Sie Ihrem Prof einfach Recht: "Das sehen Sie völlig richtig." Das nimmt die Schärfe aus dem Gespräch und schadet Ihrem Ruf weniger als ein verbocktes Experiment.

Ach, du bist schon im 14. Semester? Und wann willst du fertig werden?
Selbst Günther Jauch fragt so was gerne mal bei "Wer wird Millionär?". Schade, dass die Studenten dann meist kreuzbrav  "Öh, vielleicht im nächsten Jahr" antworten. Viel origineller wäre doch mal eine Variante der Übertreibe-Technik, die den versteckten Vorwurf ignoriert und ihn maßlos überzeichnet: "Also, noch nehme ich Vorschläge entgegen. 20 Semester, 30 Semester ..., wer bietet mehr?"

Und was macht man später so als Anglist/Volkswirt?
Es gibt zwei Gründe, warum jemand diese Frage stellt: Erstens, er will Ihnen durch die Blume zu verstehen geben, dass Sie mit diesem Studienfach eh keinen Job kriegen. Dann lassen Sie den Vorwurf mit einer Minimal-Antwort ins Leere laufen, indem Sie ihn gar nicht als Vorwurf verstehen: "Was ich machen werde? Arbeiten. Und Geld verdienen." Zweitens, er hat tatsächlich keine Ahnung, womit sich Anglisten/Volkswirte den lieben langen Tag beschäftigen. Bei solchen Bildungslücken ist etwas Hochnehmen erlaubt. Seit Till Eulenspiegel hat sich die Technik des Wörtlich-Nehmens bewährt: "Wie der Name schon sagt: angeln/Völker bewirten natürlich."

Beim Chef

Wie? Sie wollen schon gehen? Ist doch erst 18 Uhr ...
Blöde Sprüche wie dieser - und wir gehen jetzt mal davon aus, dass 18 Uhr die normale Feierabendzeit ist - lassen sich wunderbar mit genauso blöden Antworten parieren: "Ja, ich bin grad mal in der Mittagspause. Bis später!" Die Nonsens-Technik nimmt der Provokation Ihres Chefs die Spitze und signalisiert ihm: Auf so eine alberne Frage werde ich sicher nicht ernsthaft antworten.

Nehmen Sie das jetzt bitte nicht persönlich.
Nee, ist klar. Gerade hat Ihr Chef noch gesagt, dass Sie eine Mimose/ein fauler Sack/ein renitenter Störenfried sind. Und jetzt sollen Sie es nicht persönlich nehmen. Da hilft die Rückfrage-Technik: Fordern Sie von ihm Klartext statt Phrasen. "Wie soll ich es denn Ihrer Meinung nach nehmen?" Oder Sie nutzen die Retour-Technik und schlagen mit gleichen Waffen zurück: "Gut, dann nehmen Sie es bitte auch nicht persönlich, dass ich Ihre Kritik als sehr unsensibel erlebe."

Wieso ist das noch nicht fertig?
Für alles, was Sie tun, haben Sie einen guten Grund - dieses Prinzip steckt hinter der Wäre-es-Ihnen-lieber-Technik. Die Methode: Sie stellen dem Vorwurf eine extreme Alternative gegenüber, die Ihrem Chef noch viel weniger lieb sein dürfte: "Wäre es Ihnen denn lieber, wenn ich einen unausgegorenen Schnellschuss abliefere?"

Mehr haben Sie in der ganzen Zeit nicht geschafft?
Natürlich erwartet Ihr Chef Rechtfertigungen und Entschuldigungen, warum Sie mit dem für ihn so wichtigen Projekt nicht vorangekommen sind. Verblüffen Sie ihn stattdessen mit der Positiv-statt-Negativ-Technik, indem Sie eine stolze Bilanz Ihrer "Nebenbei"-Arbeit ziehen: "Oh doch. Viel mehr. Ich habe zehn Anrufe entgegengenommen, drei Kollegen bei ihren PC-Problemen geholfen und den Drucker von seinem Papierstau befreit. Nennen Sie mich Superwoman!"

Na also, geht doch!
Ein vergiftetes Kompliment, das Sie entschärfen können, indem Sie die versteckte Unterstellung mit der Dolmetscher-Technik beim Namen nennen: "Sie meinen also, dass ich beim ersten Versuch aus purer Böswilligkeit nicht all mein Können eingesetzt habe?" An dieser Stelle winken die meisten Chefs erschrocken ab: So krass wollen sie ihre Kritik dann doch nicht verstanden haben.

Bei den Kollegen

Dafür habe ich keine Zeit.
Besonders beliebt bei Kollegen, die sich vor unangenehmen Aufgaben drücken wollen. Aber auch deren Tag hat genau 24 Stunden - wie der Ihre. Deshalb können Sie auch hier die Dolmetscher-Technik nutzen und das Argument Ihres Gegenübers präzisieren: "Sie meinen wohl: Ich setze meine Prioritäten anders. Das müssen Sie bitte mit der Geschäftsführung klären. Denn die hat diesem Projekt allerhöchste Priorität bescheinigt."

Sind Sie so blöd oder tun Sie nur so?
Sie müssen selbst entscheiden, wann bei Ihnen eine Grenze überschritten ist: Können Sie so einen Spruch noch als Frotzelei abtun? Dann haben Sie die Wahl, ihn entweder ironisch-witzig zu parieren ("Keine Ahnung. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie es herausgefunden haben?") oder ihn zu ignorieren. Empfinden Sie die Frage allerdings als Unverschämtheit, dann können Sie dem Angreifer mit der Abgrenzungs-Technik klare Grenzen setzen. Sprechen Sie nicht den Inhalt des Gesagten an, sondern die unangemessene Wortwahl: "Ich möchte nicht, dass Sie in diesem Ton mit mir reden."

Immer müssen wir für dich Extrawürste braten.
Überraschen Sie Ihren Gesprächspartner, indem Sie ihm zustimmen. Mit der Gerade-weil-Technik betonen Sie, dass Ihr Verhalten für den anderen nicht negativ, sondern ganz im Gegenteil sehr vorteilhaft ist: "Gerade weil Ihr mir netterweise immer Extrawürste bratet, kann ich mich voll auf die neue Marketingkampagne konzentrieren. Und wenn die gut läuft, haben wir alle was davon."

Wenn ich hier was zu sagen hätte, wärst du ganz schnell weg vom Fenster.
Aber Ihr Kollege hat zum Glück nichts zu sagen. Deshalb können Sie seinen Spruch getrost unter "leere Drohung" verbuchen. Drohen Sie genauso leer zurück (Retour-Technik): "Wenn du hier was zu sagen hättest, hätte ich schon längst bei der Konkurrenz angeheuert." Damit ist das Gleichgewicht der Kräfte wieder hergestellt - und Ihr Kollege wieder zurück auf dem Teppich.

Im Meeting

Das hat doch noch nie geklappt.
Wer solche Glaubenssätze aufstellt, muss sich gefallen lassen, dass seine unverrückbaren Überzeugungen als unflexibel und altmodisch gebrandmarkt werden. Am besten funktioniert dies mit der Was-wäre-wenn-Technik, die Vorbilder aus der Geschichte zu Hilfe nimmt: "... sprach Carl Benz und beschloss, auch weiterhin lieber Kutsche zu fahren." Oder: "Glauben Sie, Bill Gates wäre mit dieser Einstellung Milliardär geworden?"

Sie können nichts als kritisieren.
Machen Sie den Angreifer selbst zum Opfer - mit dem Gegenangriff: "Ich gehe eben nicht so naiv an die Sache heran wie Sie", "Das habe ich mir von Ihnen abgeguckt" oder "Ach, und was machen Sie gerade?". Damit ist plötzlich der andere in der Defensive. Und Sie sind aus der Schusslinie.

Da können Sie als ... nicht mitreden.
Gääähn! Solche Asbach-Uralt-Phrasen lassen sich mit der Grossvater-Technik kontern. Da sie immer den gleichen Wortlaut hat, lässt sie sich leicht auswendig lernen. Sie fragen: "Entschuldigung, kennen Sie vielleicht meinen Großvater?" Ihr Gegenüber, irritiert: "Nein, warum?" "Weil Sie die gleichen alten Sprüche draufhaben wie er."

Wir sind doch hier nicht im Kindergarten.
Warum eigentlich nicht? Provokationen wie diese lassen sich wunderbar ins Positive uminterpretieren, wenn man sie wörtlich nimmt: "Schade, nicht wahr? Schließlich könnten wir von Kindern in puncto Kreativität einiges lernen." So verwandeln Sie mit der Umdeutungs-Technik den schwarzen Peter, den man Ihnen zugeschoben hat, in ein hübsches Fleißkärtchen.

Das ist doch alles totaler Unsinn.
Oft fällt einem nicht sofort die Knaller-Replik ein. Dann hilft es, sich Notfall-Techniken zurechtzulegen, mit denen Sie wertvolle Zeit für eine geistreichere Antwort gewinnen. Ausrufe wie "Ach was" oder "Na sowas" helfen ebenso über die erste Sprachlosigkeit hinweg wie die ironisch angehauchten "Sagen Sie bloß", "Tatsächlich?" oder "Was Sie nicht sagen".

Junge Karriere: Hallo Herr Hoëcker, schüchtern große Frauen Sie ein? Ich bin immerhin geschätzte 20 Zentimeter größer als Sie ... 

B. Hoëcker: Noch nicht. Aber ich weiß ja auch nicht, welche Fragen Sie mir gleich stellen.

In welchen Situationen verschlägt es Ihnen denn dann die Sprache?

Vor allem in denen, die für mich neu sind. Das kann eine Frage sein, über die ich nachdenken muss, oder wenn ich auf einer Party bin, wo ich niemanden kenne. Ich bin ja eher so der stille Typ (senkt die Stimme, um dramatisch zu klingen), der in einer Ecke steht mit der Cola in der Hand und einem Fuß an der Wand.

Aus dem Fernsehen kennt man Sie als jemanden, der auch den blödesten Spruch der Kollegen parieren kann. Wird man zwangsläufig so schlagfertig, wenn man nur 1,59 Meter misst?

Das müsste ja dann heißen, dass mit abnehmender Körpergröße die Schlagfertigkeit zunimmt. Es ist sicher so, dass ich mit Worten versucht habe, etwas auszugleichen, was am Körper fehlt. Aber wenn ich ein sehr Stiller wäre, könnte man das genauso mit meiner Körpergröße begründen. Letzten Endes hängt es wohl eher mit dem Elternhaus zusammen: Wir haben immer sehr viel geredet zu Hause. Sprache und Intellekt spielten bei uns eine größere Rolle, als beim Fußball erfolgreich zu sein.

Waren Sie als Kind der Klassenclown?

Daran habe ich wenig Erinnerung. Aber ich weiß noch, wie ich wegen meiner Schlagfertigkeit mal aus dem Unterricht geworfen wurde. Ein Lehrer hatte damals zu uns gesagt, wir wären zu nichts zu gebrauchen, wir seien wie ein Haufen nasses, vollgeschissenes Stroh. Da habe ich mich gemeldet und gesagt: "Ist doch super. Das düngt, das wärmt, und man kann es verbrennen." Da hat er mich vor die Tür geschickt.

Die Frage aller Fragen: Kann man Schlagfertigkeit lernen?

Ich würde mit der Zweitfrage-aller-Fragen antworten: Was ist denn überhaupt Schlagfertigkeit?

Also: Was ist Schlagfertigkeit?

Da müsste ich mal bei Wikipedia nachgucken, was gerade die gültige Definition ist. Ich würde das jetzt aus dem Kopf folgendermaßen definieren (setzt einen dozierenden Tonfall auf): "Schlagfertigkeit, ursprünglich aus dem Kampf kommend; schnelle körperliche Reaktionen auf einen Angriff, den Körper betreffend; heute benutzt im Bereich der Kommunikation; bezeichnet die Fähigkeit, auf eine Bemerkung, eine Frage oder einen Vorwurf in möglichst kurzer Zeit, mit einer möglichst für die den Satz, die Frage oder den Vorwurf formulierende Person überraschenden Antwort zu reagieren." (Schwärmerisch) Ich liebe das korrekte Formulieren. Ich könnte stundenlang wie ein Lexikon reden.

Dann definieren Sie doch bitte noch mal: Wie lernt man Schlagfertigkeit?

Das wird der zweite Absatz des Wikipedia-Artikels: "Lernmöglichkeit (lacht). Die Lernmöglichkeit von Schlagfertigkeit ist bisher noch nicht erforscht und deshalb auch nicht klar zu definieren." (Wieder ernst) Ich weiß es nicht. Man kann sie trainieren, aber nicht lernen. Sich etwas anzulesen funktioniert hier nicht. Je mehr positive Erfahrungen man mit Schlagfertigkeit macht, desto besser wird man. - Ich weiß gar nicht, was ich gerade hier rede. Aber ich find's sehr spannend!

Sie waren ja mal zwei Jahre beim Improvisationstheater Springmaus. Ist das eine gute Schule für Spontanität?

Ja und nein. Wenn man keine Spontanität mitbringt, ist man beim Impro-Theater aufgeschmissen. Aber man trainiert auch viel, weil man 200 Mal im Jahr auf der Bühne steht und auf Anweisungen reagieren muss, die einem zugerufen werden. Und man lernt ein paar Techniken, die allerdings hauptsächlich das Spiel betreffen. Ob das für den Alltagsgebrauch so hilfreich ist, weiß ich aber nicht.

Was lernt man denn da?

Vor allem, keine Angst davor zu haben, einfach loszulegen. Das Hauptproblem bei der Schlagfertigkeit ist ja, dass die Leute Angst haben zu sagen, was sie denken. (Murmelt vor sich hin) Vielleicht ist Schlagfertigkeit auch einfach, zu sagen, was man denkt. Und dann kann man?s nicht trainieren, sondern es kommt einfach darauf an, was man denkt. - Das ist das komplexeste Interview, das ich je in meinem Leben geführt habe.

Und wir sind noch nicht am Ende. Warum haben die Menschen denn Angst, zu sagen, was sie denken?

Ein Kollege hat mir mal gesagt: Die größte Angst des Menschen ist die vor Zurückweisung. Das ist die Urtriebfeder, der Grund, warum Leute keine Reden halten wollen: Sie haben Angst, dass andere die Rede doof finden und sie deshalb aus der Gemeinschaft ausschließen. (Verfällt wieder in den Definitions-Tonfall) Vielleicht ist Schlagfertigkeit der Verlust der Angst, in einem Gespräch zu verlieren. Oder einen Gag zu machen, der nicht funktioniert. Dabei ist das gar nicht schlimm: Gerade bei Improvisation wollen die Leute auch sehen, dass man etwas nicht schafft. Dann ist der Wert dessen, was funktioniert hat, umso größer.

Hat sich durch die zwei Jahre beim Impro-Theater bei Ihnen etwas geändert?

So eine Erfahrung geht nicht spurlos an einem vorüber. Bestimmte Tricks, etwa in Reimen zu singen oder zu sprechen, sind sehr viel einfacher für mich, weil ich die so oft trainiert habe.

Dazu würde ich gerne mal eine Improvisationsübung mit Ihnen machen. 

(Richtet sich auf dem Sofa auf.) Oh ja, da bin ich sehr gespannt!

Sie haben ja VWL bis zum Vordiplom studiert. Folgende Situation: Sie müssen sich unbedingt für ein Seminar anmelden, aber vor Ihnen stehen Massen von Studis, die auch einen Platz wollen. Drängeln Sie sich vor - in Reimen. Und bitte ...

Das - hehe - (überlegt exakt eine Sekunde) "Oh mein Gott, ich lieg darnieder. Da komm ich besser später wieder." - Ich bin einfach nicht der Vordrängler. Selbst wenn ich an der Frittenbude nur eine Gabel haben möchte, würde ich mich dafür in der Schlange anstellen.

Wow, das ging eben aber schnell.

Ja, ich hatte zuerst im Kopf: "Ich komme später wieder" - und dann brauchte ich nur noch eine Zeile, die auf -ieder endet.

Wie war das im VWL-Studium? Haben Sie Ihre Vorlesungen aufgemischt?

Nein, gar nicht. Ich bin nicht der Typ, der dauernd rumrennt und für Unterhaltung sorgt. Ich sitze manchmal nur so rum. Das heißt aber nicht, dass es im Studium langweilig war. Obwohl VWL schon viele langweilige Elemente hat. Interessant fand ich Spieltheorie, das hatte so etwas Strategisches. Ich war ja in Bonn, das ist eine sehr mathematische Universität, und wir haben sogar einen Nobelpreisträger. Professor Doktor Selten. (Setzt ein gespielt überhebliches Gesicht auf) Ich persönlich habe bei ihm Außenhandelstheorie gelernt. Nicht, dass ich etwas verstanden hätte. Aber ich habe bei einem Nobelpreisträger studiert, das möchte ich doch bitte erwähnt haben.

Gerne. Kann man sich mit Schlagfertigkeits-Techniken auch auf mündliche Prüfungen vorbereiten?

Mit Sicherheit. Ich erinnere mich an meine mündliche Abi-Prüfung in Erdkunde, in der ich schlagfertig war und eine Eins bekommen habe. Ich sollte auf einer topografischen Karte von Norddeutschland die Wasserlinien erklären und habe super Theorien aufgestellt, was die Schiffe auf diesen Kanälen alles machen und transportieren können. Leider sagte der Lehrer: "Also, diese Kanäle, auf denen Ihre Schiffe fahren, die sind etwa einen Meter breit." Das heißt, alles, was ich gesagt hatte, war totaler Unsinn.

Trotzdem haben Sie eine Eins bekommen?

Ich habe spontan eine neue Theorie entwickelt, dass die Wasserlinien Abflusskanäle im Marschland sind. Das hat anscheinend funktioniert. Was ich da gemacht habe, ist im Grunde eine Regel aus der Improvisation: Egal was kommt, ich nehme es an. Wenn also auf der Bühne eine Kollegin zu mir sagt: "Mein Sohn, komm endlich nach Hause", dann antworte ich nicht: "Aber ich bin doch gar nicht dein Sohn", sondern: "Ach, Mama!" Und wenn ich etwas erzähle und merke, es ist Unsinn, dann sage ich: "Ich habe das Gefühl, dass meine Theorie komplett falsch ist. Deshalb würde ich gerne noch mal komplett neu anfangen, wenn ich darf."

Mark Twain hat mal gesagt: "Schlagfertigkeit ist das, worauf du erst 24 Stunden später kommst."

Das kenne ich total gut. Man fährt mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig und wird von einem Opa angepfiffen, der einem mit dem Stock hinterherhaut. Meist sagt man ganz blöd "Entschuldigung" und fährt weiter. Erst später fällt einem ein, dass man hätte anhalten sollen - und beispielsweise total nett zu dem Opa sein. Das wäre für ihn wahrscheinlich viel schlimmer gewesen.

Gab es mal eine peinliche Situation, in der Ihre Schlagfertigkeit versagt hat?

Das werde ich oft gefragt, aber ich kann mich nie erinnern - zumal ich nicht davon überzeugt bin, wirklich so schlagfertig zu sein. Ich habe zu oft das Gefühl: Das hätte ich sagen können, das wär?s gewesen.

Ach, Ihnen geht das auch so? Das ist ja beruhigend. Dabei kommen Sie bei "Genial daneben" ganz oft auf die Lösung der Frage. Wissen Sie einfach mehr als andere, oder denken Sie so schräg, dass dann oft das Schrägste richtig ist?

Ich sage gerne: Ich bin der Einzige, der das Konzept der Sendung nicht verstanden hat. Denn während die anderen an ihren Spaß denken und an die Unterhaltung der Zuschauer, sitze ich manchmal da und denke nur: Verdammt, ich will die Lösung!

Muss man denn gebildet sein, um schlagfertig sein zu können?

Man kann nur da schlagfertig sein, wo man gebildet ist. Wenn ich mich nur mit Autos auskenne, werde ich im Autobereich sicher total schlagfertig sein. Aber sobald das erste Motorrad kommt, hört?s auf.

Glauben Sie, dass schlagfertige Menschen erfolgreicher im Job sind?

Wenn es darum geht, ein Haus zu bauen, dann bringt einem Schlagfertigkeit relativ wenig. Wenn man aber viel mit Menschen zu tun hat, ist Schlagfertigkeit eher ... (stockt). Wobei, was mir gerade auffällt: Ich glaube, Intelligenz und Allgemeinbildung sind da wichtiger als Schlagfertigkeit. Die ist ja nur ein ganz kurzer Moment, in dem man reagiert. Das ist nicht zu unterschätzen, aber nichts geht über Bildung. Das ist die Basis. Wow, da habe ich ja jetzt noch eine richtige Message entwickelt. Wahnsinn. Nichts geht über Bildung. Ist das schon die Überschrift vom Interview?

Nö. Vielleicht aber "Ich hab?s gleich", wie Ihr aktuelles Soloprogramm. Das klingt nach dem genauen Gegenprogramm zur Schlagfertigkeit ...

Ja, genau das ist mein Problem: Meistens genügt es mir nicht, was ich an Schlagfertigkeit mitbringe. Dann sage ich: "Ha, warte, es gibt doch noch dieses ... nee, ich formulier?s mal neu ... nee, Moment ... also, andersrum." Das habe ich leider öfter, dieses Stammeln.

Gut gestammelt, Herr Hoëcker! Und jetzt viel Spaß bei "Genial daneben".

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