Knigge für Geschäftsessen Glänzen Sie beim Dinner mit dem Chef

Der Chef will seine Mitarbeiter besser kennen lernen und lädt zum Essen ein - oder noch schlimmer: Er kommt zum Essen vorbei. Was nun? Stil-Experten klären im Interview auf über die Do's and Don'ts beim Geschäftsessen.

Interview: Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Glänzen Sie beim Dinner mit dem Chef

Foto: s.poth / fotolia.com

Wenn der neue Chef beschließt, dass er seine Mitarbeiter kennen lernen will…

Bernhard Zirkler: …ist die Aufregung groß. Es gibt zwei Sachen, die in letzter Zeit zu beobachten sind. Einmal, dass die Vorgesetzten zu ihren Mitarbeitern nach Hause kommen, das ist aber noch die Ausnahme.

Sandra Götsch: Diese Handlung vom Vorgesetzten entspricht auch nicht der Etikette. Man lädt sich nicht bei anderen ein. Wenn der Vorgesetzte zuerst zu sich nach Hause einlädt, kann er damit rechnen, dass eine Gegeneinladung folgt.

Bernhard Zirkler: Das Zweite ist, dass Vorgesetzte mit ihren Mitarbeitern Essen gehen.
Die Personen

  • Bernhard Zirkler ist Betriebswirt mit der Fachrichtung Personal und Ausbildung. Seit 1994 ist er Trainer für Stil und Etikette.
  • Sandra Götsch ist selbständige zertifizierte Kniggetrainerin und Gründungsmitglied der Knigge Gesellschaft für Moderne Umgangsformen.

Das klingt doch ganz nett.

Bernhard Zirkler: Dabei geht es aber darum zu sehen, wie sich die Angestellten bei einem Business-Essen verhalten. Das ist eine sehr interessante Sache.

Also geht es bei diesem Kennenlernen mehr darum, zu sehen, ob jemand Messer und Gabel richtig halten kann?

Bernhard Zirkler: Ja und auch darum, ob jemand mit ungewohnten Situationen fertig wird und die souverän meistert. Die Basics müssen natürlich auch stimmen: Wie benutzt man welches Besteck, welches Getränk kommt zu welchem Gang...

Sandra Götsch: Manchmal testen Vorgesetzte ihre Mitarbeiter und legen schlechte Manieren an den Tag: Deshalb sollte man sich dem niemals anpassen.

Was gehört denn zu den Anforderungen? Muss ich einen Hummer aus seiner Schale lösen können?

Bernhard Zirkler: Nein, das ist gar nicht nötig. Ich kann selbst auch keinen Hummer zerlegen. Das ist eine manuelle Fertigkeit, die man üben müsste. Dafür gibt es Spezialisten, die das übernehmen. Ich war neulich mit Führungskräften bei einem Sieben-Gänge-Menü, bei dem wir auch die schwierigen Dinge geübt haben, also Fisch filetieren und welche Bestecke man dazu verwendet. Da sollte eine gewisse Souveränität gegeben sein.



Den Hummer zerlegt also der Kellner, die Scholle muss ich selber filetieren machen.

Bernhard Zirkler: Das sollte man können, ja. Sie sollten wissen, wie der Fisch aufgebaut ist, dass es Knorpelfische gibt, die ganz normal mit Messer und Gabel isst und dass es Grätenfische gibt, die mit einem Fischbesteck zerteilt werden, damit ich die Gräten nicht im Mund habe.

Aber in einem guten Restaurant sollte ich doch das entsprechende Besteck zum jeweiligen Fisch bekommen…

Bernhard Zirkler: Ich habe es selbst in Düsseldorf bei einem Lehrgang in einem sehr guten Restaurant erlebt, dass ich einen Seeteufel bestellt habe und ein Fischbesteck dazu bekommen habe. Und als ich den Kellner gefragt habe, warum er mir ein Fischbesteck gibt, hat er gesagt: Wir wissen, dass das nicht richtig ist, aber die Gäste verlangen es immer. Wie verhält es sich mit den Getränken?

Muss es Wein sein oder ist auch Bier erlaubt?

Sandra Götsch: Wenn Sie ein Bier trinken wollen, trinken Sie ein Bier. Aber dann bleiben Sie bitte auch dabei: Einmal Bier, immer Bier. Das gilt auch beim Wein: Man trinkt von hell nach dunkel – Wasser, Weißwein, Rotwein – und wechselt dann nicht mehr von Rotwein zurück auf Weißwein.

Gibt es einen Fauxpas, den man auf jeden Fall vermeiden sollte?

Sandra Götsch: Zahnstocher bitte auf keinen Fall am Tisch verwenden – auch nicht hinter vorgehaltener Hand. Dafür geht man in den Waschraum.

Bernhard Zirkler: Und ganz wichtig: Schlüsselbund, Handy, Geldbeutel, Zigaretten und Ellenbogen gehören nicht auf den Tisch.

Was muss man beachten, wenn der Vorgesetzte – auf eine Gegeneinladung oder selbsteingeladen – zu den Mitarbeitern nach Hause kommt?

Bernhard Zirkler: Es gibt da ein Zauberwort, das heißt Authentizität. Das ist das Wichtigste. Wenn ich in eine fremde Wohnung komme, merke ich sofort: Ist das gekünstelt, ist das nur für meinen Besuch zurechtgemacht worden oder ist das echt und entspricht das der Person, die dort lebt? Dass es sauber und ordentlich ist, darüber brauchen wir uns nicht zu unterhalten, aber es sollte authentisch bleiben.

Unordnung ist nicht authentisch?

Bernhard Zirkler: Das kann schon von Nachteil sein. Das ist das Gleiche beim Essen: Wenn jemand keine Tischmanieren hat, wirkt sich das sofort auf das Gesamtbild aus: Mir hat bei einem Essen in Ingolstadt der Restaurantchef erzählt, dass ein Manager bei Tisch den Zahnstocher mit großem Erfolg benutzt und das Ergebnis in einer übrig gebliebenen Kartoffel auf seinem Teller drapiert hat. Dann nahm er die Stoffserviette, schnäuzte hinein und legte sie in der Bratensauce ab. Ich frage in solchen Situationen immer: Würden Sie sich bei so jemanden eine Rechtsberatung holen beziehungsweise würden Sie sich von ihm die Zähne sanieren lassen, wenn Sie sowas gesehen haben?

Das heißt aber auch, dass trotz aller Authentizität Abendkleid oder Smoking angemessener sind als Jeans und T-Shirt.

Bernhard Zirkler: Über den Dresscode für die Einladung spricht man vorher. Den Dresscode gibt vermutlich der Chef vor. Eine Krawatte kann man während des Essens lösen, wenn der Chef auch lockerer wird. Das klärt sich aber am Abend.

Und was wird am besten serviert?

Sandra Götsch: Wenn der Vorgesetzte nach Hause kommt, geht es in erster Linie um das Persönliche, nicht um die Kochkünste. Man muss sich da nicht in Unkosten stürzen, Hummer und Austern müssen es also nicht sein.

Bernhard Zirkler: Wenn man sich nicht sicher ist, sagt man einfach: Wir hatten vor, das und das zu servieren, gibt es da von Ihrer Seite Einschränkungen: Gibt es irgendwelche Allergien, Abneigungen, sind Sie Vegetarier?

Wie verhält es sich mit den Getränken? Alkohol ja oder nein, Rotwein oder Weißwein?

Sandra Götsch: Fragen Sie ruhig: Trinken Sie Alkohol? Mögen Sie lieber Wein oder Bier?

Jetzt sagt der Vorgesetzte, dass er gerne Wein trinkt und der Mitarbeiter kennt sich mit Wein nicht aus. Was nun?

Sandra Götsch: Wer sich mit Wein gar nicht auskennt, holt sich in einer Weinhandlung eine Empfehlung. Auch da gibt es Weine, die kein Vermögen kosten.

Der Wein muss nicht zwingend teuer sein?

Sandra Götsch: Wenn man im Supermarkt zum 1,99 Euro-Wein greift, kann das in die Hose gehen.

Es gibt Wild, dazu einen korrespondierenden Rotwein. Der Chef trinkt lieber Weißwein...

Sandra Götsch: Zur Not habe ich einen weißen und einen Rotwein zuhause. Dann aber daran denken, den Rotwein vorher zu dekantieren, damit er atmen kann.

Wie sieht es mit der Dekoration aus? Muss man extra zum Floristen gehen, ein Blumengesteck kaufen und eine Tischdecke auflegen?

Bernhard Zirkler: Ich habe zum Beispiel einen Designertisch, der sich an Tangram orientiert und den ich nach Gegebenheiten zusammenstellen kann. Da wäre es schade, wenn eine Tischdecke drauf läge. Ich lege einfach nur kleine Platzdeckchen auf. Wer es kann, kann die Serviette ein bisschen drapieren, wer es nicht kann, legt sie einfach auf die linke Seite.

Stoffserviette oder Papier?

Bernhard Zirkler: Es gibt sehr dekorative Papierservietten. Grundsätzlich macht es aber immer etwas her, wenn man Stoffservietten hat.

Muss es das Tafelsilber von der Großtante sein oder tut es auch das Ikea-Besteck?

Bernhard Zirkler: Ganz normales Besteck reicht völlig. Da muss man keinen großen besonderen Aufwand betreiben. In der Winterzeit macht sich eine Kerze ganz gut. Kerzen sind immer schön und unterstreichen den feierlichen Rahmen. Da braucht man dann keine große Dekoration mehr.

Wie lange darf ich meinen Chef alleine in meinem Wohnzimmer warten lassen, bis ich Vorspeise und Hauptgang fertig habe?

Bernhard Zirkler: Man kann einen Gast nicht alleine lassen. Wenn man ein Paar ist, kann einer sich in der Küche um das Essen kümmern und der andere bleibt beim Gast. Aber es sollte so vorbereitet und geplant sein, dass alles weitgehend fertig ist und niemand zu lange in der Küche verschwindet. Eine Viertelstunde ist ein guter Zeitraum.

Wenn der Vorgesetzte sagt, dass er zu mir nach Hause kommt, um mich besser kennen zu lernen, betrifft das die gesamte Familie? Müssen auch Partner, Kind und Hund Spalier stehen oder schicke ich die besser ins Kino?

Bernhard Zirkler: Ich stehe einem Tanzverein mit rund 600 Kindern und Jugendlichen vor und da ist jeder anders: Da gibt es welche, die sind richtig lieb, freundlich und höflich. Richtige Sonnenscheinchen. Aber das ist nicht die Regel. Es gibt auch welche, die man beim Besuch des Vorgesetzten lieber geknebelt und gefesselt im Heizungskeller unterbringen möchte.

Also muss ich realistisch einschätzen, ob mein Kind ein Sonnenschein oder ein Fall für den Keller ist.

Bernhard Zirkler: Und das ist ein Riesenproblem. Denn die Eltern sind da oft nicht sehr realistisch. Sie sollten sich überlegen, ob sich Ihre Kinder zwei Stunden lang am Tisch benehmen können. Gerade bei kleinen Kindern sind das Wenige. Es gibt natürlich Teenager, die sind hervorragend erzogen und sagen: Wir essen mit den Eltern und dem Chef und wenn es dann in den Smalltalk geht, verschwinden wir und beschäftigen uns mit dem Computer.

Für kleine Kinder fällt das Dinner mit Chef also aus.

Bernhard Zirkler: Kleinere Kinder dürften ein Problem sein, ja. Zumindest, wenn sie nicht früh ins Bett gehen. Wenn kleinen Kindern am Tisch langweilig wird, ist das nämlich nur am Anfang süß. Das Thema Kinder ist bei solchen Treffen jedenfalls nicht zu unterschätzen.

Was setze ich meinem Chef eigentlich vor, wenn ich überhaupt nicht kochen kann?

Bernhard Zirkler: Solange ihr Chef Sie als Computerfachmann und nicht als Koch beschäftigen will, ist das kein Problem. Wenn man etwas nicht kann, kann man auch dazu stehen. Dann bestellt man halt einen Caterer oder lässt sich von einem Restaurant ein Menü liefern.

Kann ich dann nicht gleich sagen: Ich kann überhaupt nicht kochen, lassen Sie uns doch zu meinem Lieblingsitaliener gehen?

Bernhard Zirkler: Damit gehen Sie vielen Problemen aus dem Weg. Sie müssen sich keine Gedanken machen und hinterher nicht aufräumen.

Und wer zahlt den Spaß?

Sandra Götsch: Derjenige, der einlädt, ist der Gastgeber. Der Gastgeber zahlt. Und: Wenn Sie Ihren Chef einladen, reservieren Sie vorher einen Tisch, auch wenn in dem Restaurant sonst immer ein Tisch frei ist. Just an diesem Tag ist vielleicht keiner frei oder nur noch der neben der Toilette.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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