Kind und Karriere Netflix führt voll bezahlte Elternzeit ein

Streaming-Riese Netflix zahlt Mitarbeitern während der Elternzeit volles Gehalt. Auch andere Tech-Firmen setzen auf die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Ein Modell für Deutschland?

Tina Groll, Zeit.de | , aktualisiert

Netflix führt voll bezahlte Elternzeit ein

Foto: Halfpoint / Fotolia.com

Der Streaming-Dienst Netflix führt eine voll bezahlte Elternzeit für seine Mitarbeiter ein. Künftig können die Beschäftigten im ersten Lebensjahr ihres Kindes entweder ganz eine Auszeit nehmen, die Arbeitszeit flexibel reduzieren oder zurückkehren und wieder eine Auszeit nehmen – alles das zu vollen Bezügen.

Die Regelung soll für alle Mitarbeiter gelten, egal auf welcher Hierarchiestufe oder wie lange jemand schon für das Unternehmen arbeitet. Man wolle, dass sich die Beschäftigten keine Sorgen über Arbeit oder Geld machen müssen, wenn sie eine Familie gründen, teilt Netflix-Managerin Tawni Cranz im Unternehmensblog mit. Zugleich soll so die Unternehmenskultur von Freiheit und Verantwortung gefördert werden.

USA hat kein Gesetz zur Elterngeldvergabe

So viel Familienfreundlichkeit, das hat in den USA eine ähnlich heftige Debatte ausgelöst wie zuletzt das Angebot von Tech-Unternehmen, das Einfrieren von Eizellen ihrer Mitarbeiterinnen zu finanzieren, damit sich diese auf die Karriere konzentrieren und den Zeitpunkt der Familiengründung auf später verschieben können.

Auch in den USA ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein großes Problem. Anders als hierzulande gibt es in den USA keine Elternzeit, ja nicht einmal einen bezahlten Mutterschutz. Mitarbeiterinnen, die ein Kind bekommen, haben nur in Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten Anspruch auf zwölf Wochen Urlaub – in der Regel unbezahlt. Sechs Wochen bezahlte Elternzeit gibt es nur für Beamte bei Bundesbehörden und das auch erst seit Beginn dieses Jahres.
 
Generell werden in den USA viele Sozialleistungen durch die Unternehmen geleistet. Bezahlter Urlaub, eine Betriebsrente oder Krankenversicherung – das sind die Incentives, mit denen amerikanische Arbeitgeber um Fachkräfte werben.

Google & Co. setzen bereits auf besser bezahlte Elternzeit

Neu ist die Investition in eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht. Zuletzt hatten auch Yahoo, Apple, Facebook und Google bezahlte Elternzeiten eingeführt. Bei Yahoo etwa hatte Konzernchefin Marissa Meyer die Elternzeit 2013 für Mütter auf 16 Wochen ausgedehnt. Väter können seither acht Wochen nehmen. Bei Google bekommen Eltern 18 Wochen frei, Facebook schickt Mütter wie Väter vier Monate in eine bezahlte Elternzeit und Apple ermöglicht seinen Mitarbeiterinnen immerhin 14 Wochen Mutterschutz und Elternzeit, den Vätern sechs Wochen.
 
Erst zu Beginn des Jahres hatte sich Präsident Barack Obama für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf stark gemacht. In seiner Rede an die Nation sagte er, dass Frauen ein Recht auf einen bezahlten Mutterschutz hätten.

Obwohl die USA rückständiger bei der gesetzlichen Verankerung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Deutschland sind, gelingt Müttern wie Vätern in den Staaten der Spagat zwischen Kind und Karriere besser. Die Geburtenrate ist mit 1,88 Kindern pro Frau höher als in Deutschland (1,38 Kinder). Die Frauenerwerbsquote liegt mit fast 70 Prozent etwas höher als in Deutschland und auch die Teilzeitquote der Frauen ist geringer als hierzulande, wo fast jede zweite Frau Teilzeit arbeitet – unabhängig davon, ob sie Kinder hat oder nicht.

In Deutschland macht zwar mittlerweile ein Großteil der Mütter Gebrauch von der Elternzeit, aber nur jeder dritte Vater. Auch die Aufteilung der insgesamt 14 Elterngeldmonate für beide Elternteile zusammen bleibt weiterhin traditionell: Die allermeisten Männer gehen nur zwei Monate in Elternzeit, die allermeisten Frauen nehmen die maximale Dauer von zwölf Monaten. Diese klassische Aufteilung soll durch das seit Juli geltende Elterngeldplus aufgebrochen werden, das Paare fördert, die sich die Familienarbeit gleichberechtigter teilen wollen. Sie haben länger Anspruch auf Elterngeld, wenn sie früher in Teilzeit an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Vereinbarkeit von Kind und Karriere auch Unternehmenssache

Dagegen finden sich in Deutschland kaum Beispiele für Unternehmen, die Regelungen über das Elternzeitgesetz hinaus anbieten und etwa wie Netflix einen vollen Lohnausgleich in der Familienzeit zahlen oder auch kurzfristige Auszeiten, dazwischen Wiedereinstiege und erneute kurze Auszeiten im Job ermöglichen.

Firmen der New eEonomy haben entdeckt, dass diese Flexibilität ein wichtiger Ansatz ist, um Familien zu unterstützen. Und sie haben erkannt, dass die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur dem Staat, sondern auch den Unternehmen obliegt. Dazu gehören auch Betriebskindergärten, flexible Arbeitszeitmodelle und die Rückkehrrechte von Teilzeit in Vollzeit.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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