Katja Kraus Die wichtigste Frau beim Hamburger SV

Katja Kraus, ehemalige Torhüterin der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ist die einzige Frau im Vorstand eines Bundesligaklubs. Anfangs hatte sie mit Vorurteilen zu kämpfen. Jetzt bekommt sie beim Hamburger SV noch mehr Macht.

Diana Fröhlich | , aktualisiert

Die letzten Minuten vor dem Anpfiff sind für sie immer die härtesten der ganzen Woche. Wenn sich die Mannschaft des Hamburger SV auf dem Rasen warm macht und sich das Stadion mit Zigtausend Fans füllt, dann beginnt auch für Katja Kraus das Spiel: Die Managerin steckt sich ihr Handy in die Hosentasche, zieht den Mantel über und verlässt ihr Büro. Auf dem Weg zu ihrem Logenplatz schüttelt sie Dutzende Hände, begrüßt Sponsoren wie den Geschäftsführer vom Gebäudeausrüster Imtech, Klaus Betz, und treue Fans wie den sechsjährigen Lukas.

Der Smalltalk ist herzlich, aber hektisch. Die Anspannung vor dem Spiel ist ihr deutlich anzumerken, doch der Job als Marketing- und Kommunikationschefin bei dem Verein, der noch nie aus der höchsten deutschen Spielklasse abgestiegen ist, geht vor. Heimspiele sind Pflichtveranstaltungen. Die Begrüßungsrunde dauert fast eine Stunde, die erste Halbzeit ist danach fast um, jeder in Hamburg kennt "die Katja".

Dabei ist die 39-Jährige längst keine Lokalgröße mehr. Kraus ist die einzige Frau im Vorstand eines Bundesligaklubs und damit eine Exotin im testosterongesteuerten Männerfußball. Seit 2003 arbeitet sie Seite an Seite mit Vorstandschef Bernd Hoffmann für den HSV und hat sich nach und nach Respekt erarbeitet.

Kraus wird Siegenthalers Chefin

Erst im Januar dieses Jahres holten Hoffmann und Kraus Starstürmer Ruud van Nistelrooy von Real Madrid in die Hansestadt. Und vergangene Woche gab der Verein bekannt, die langwierige Suche nach einem Sportchef endlich beendet zu haben. Urs Siegenthaler, zurzeit beim Deutschen Fußball-Bund noch Chefscout für Bundestrainer Joachim Löw, wird nach der Weltmeisterschaft in Südafrika für den HSV arbeiten. Da Siegenthaler aber nicht wie sein Vorgänger Dietmar Beiersdorfer einen Vorstandsposten bekommt, wird Katja Kraus offiziell seine Vorgesetzte und gleichzeitig zweite Vorsitzende des Vereins.

Ihr Einfluss geht künftig weit über die Themen Marketing und Kommunikation hinaus, ihr wird der sportliche Bereich "organisatorisch und disziplinarisch zugeordnet", so Aufsichtsratschef Horst Becker. Siegenthaler wird sich um den Nachwuchs kümmern, Spieler sichten, den Kader entwickeln - doch die Verträge aushandeln wird Kraus. Für die Boulevardpresse ist sie damit die "mächtigste Frau im deutschen Fußball".

Doch von der Macht, die die Managerin künftig hat, will sie nur wenig wissen. Als ehemalige Fußballspielerin weiß sie, wie wichtig ein funktionierendes Team ist. Und von persönlicher PR hält sie nichts: "Viele Menschen öffnen bereitwillig Türen und wundern sich, dass diese nicht wieder zu schließen sind, wenn es unangenehm wird." Die Nachricht, dass Urs Siegenthaler zum HSV kommt, habe zwar viel Rummel ausgelöst und ihre Präsenz in den Medien war selten so hoch. Doch für sie gehe es um die Sache, nicht um Katja Kraus: "Ich bin mir bewusst, dass mein Job ein Privileg ist."

Bescheiden klingt das - zurückhaltend und professionell. Und das ist sie auch: Wer die große schlanke Frau mit dem offenen Lächeln und der leisen Stimme kennenlernt, der hat nicht das Gefühl, eine knallharte Geschäftsfrau vor sich zu haben.

In ausgewaschener Jeans, weißem Top und beiger Strickjacke sitzt sie entspannt in ihrem Büro und plaudert ausführlich übers Studium in Frankfurt, übers Joggen an der Alster, über die häufig schlechte Selbstvermarktung von Frauen im Berufsleben. "Frauen verdienen in vielen Jobs weniger als Männer. Sicher auch, weil das Auftreten ein anderes ist, wenn es darum geht, ihren Wert zu verkaufen." Kraus wirkt authentisch und hat sich auch mit fast 40 Jahren ihren mädchenhaften Charme erhalten.

Dabei war ihre Mission bei Amtsantritt vor sieben Jahren alles andere als einfach. Das Ziel war, die Marke HSV aufzupeppen und die abgekühlte Beziehung zwischen Verein, Stadt und Anhängern wieder aufleben zu lassen. Die Mannschaft war um die Jahrtausendwende nur Mittelmaß, ohne echte Stars und Identifikationspotenzial. Die Mitgliederzahlen stagnierten bei unter 20 000 und auch das Stadion war längst nicht mehr ausverkauft. Fans, die mit Trikots durch die Stadt zogen? Fehlanzeige!

Kraus wollte, dass "sich die Menschen neu in den Verein verlieben". Mit der Parole, "Der HSV gehört nach Hamburg", sorgte sie unter anderem dafür, dass das Trainingsgelände der Profis vom rund 30 Kilometer entfernten Norderstedt wieder nach Hamburg verlegt wurde, so dass auch die Spieler zurück in die Stadt zogen. Der HSV gründete eine Fußballschule, etablierte eine spezielle Mitgliedschaft für Kinder unter 14 Jahren und engagierte wieder Spieler mit Starqualitäten. "Mit der Verpflichtung von Rafael van der Vaart ist uns in der Vergangenheit der wichtigste Schritt in diese Richtung gelungen", sagt Kraus.

Heute gehört der HSV laut einer Studie des Beratungsunternehmens Sport und Markt mit Bayern München und Werder Bremen zu den drei beliebtesten Vereinen der Bundesliga. Mehr als 70 Prozent der Befragten finden den Verein "sympathisch". Und die Arena ist an den Wochenenden wieder ausverkauft, in der letzten Saison waren es durchschnittlich 55000 Zuschauer und der Verein hat mittlerweile 67 000 Mitglieder.

Von solchen Zuschauerzahlen wie die in der Hamburger Arena konnte Kraus als aktive Sportlerin nur träumen. Im Frauenfußball machte sie vor fast leeren Rängen als Torhüterin 220 Spiele für den FSV Frankfurt in der Bundesliga, und war von 1986 bis 1998 drei Mal deutsche Meisterin. Mit der Nationalmannschaft wurde sie 1995 Vize-Weltmeisterin und nahm an den Olympischen Spielen in Atlanta teil.

Kraus lernte am lebenden Objekt

Parallel zu ihrem Leben als Leistungssportlerin studierte sie Germanistik und Politik in Frankfurt. In der PR-Abteilung von Adidas machte sie ihre ersten Schritte im Berufsleben, doch entscheidend war ihr schneller Wechsel zu Eintracht Frankfurt. Nach nur einem Jahr in Herzogenaurach ging sie zurück an den Main.

Bei der Eintracht sollte sie sich "um die Pressearbeit kümmern, die es so noch gar nicht gab", sagt sie heute. Also lernte sie am lebenden Objekt, verhandelte mit Sponsoren und stellte vor dem Spiel auch mal selbst die Werbebanner auf. "Das war eine großartige Lehrzeit", sagt sie heute.

Heribert Bruchhagen, damals Geschäftsführer Sport der Deutschen Fußball Liga und heute Vorstandsvorsitzender der Eintracht, kennt Katja Kraus seitdem. "Sie hat sich in den zehn Jahren, in denen ich sie kenne, in der Bundesliga einen sehr guten Namen gemacht. Ich schätze ihre zurückhaltende Art sehr, und fachlich ist sie top."

Eine Frau als Pressesprecherin eines Bundesligaklubs, das war vor zehn Jahren eine absolute Seltenheit. Ein Headhunter wurde auf die junge Frau bei der Eintracht aufmerksam und holte sie als Kommunikationschefin zur Hamburger Vermarktungsagentur Ufa, inzwischen Sportfive. Hier hat sie nicht nur gelernt, wie man die Öffentlichkeit für sich gewinnt, sondern sie lernte auch Bernd Hoffmann kennen. Der Chef der Agentur bekam 2003 das Angebot, den Vorstandsposten beim HSV zu übernehmen und nahm Kraus gleich mit. 

Mit Vorurteilen hatte sie reichlich zu kämpfen. "Am Anfang fragten sich viele, was denn das Püppchen beim HSV will. Den Respekt, den sie heute genießt, hat sie sich hart erarbeitet", sagt Klaus Betz, Geschäftsführer von Imtech. Der Gebäudeausrüster wird ab Juli neuer Namensgeber des Stadions in Hamburg und löst damit die HSH Nordbank ab, die sich wegen der Finanzkrise aus dem Sponsoring zurückzieht. Betz hat bereits mehrfach mit Kraus am Verhandlungstisch gesessen. Für ihn ist sie ein guter Ausgleich zu Hoffmann. "Er polarisiert, sie gleicht aus."

Hoffmann wird von der größten Fanorganisation des HSV, den Supporters, häufig dafür kritisiert, dass er aus dem Traditionsverein ein Wirtschaftsunternehmen machen möchte. Auch sein Zögling Katja Kraus gerät da immer wieder in die Schusslinie.

Volker Greiner, Verkaufsleiter Deutschland beim Sponsor Emirates, schätzt Kraus dagegen für ihre ehrliche Art: "Bei ihr weiß man schnell, woran man ist. Sie ist offen, direkt und eine Expertin. Es ist angenehm, mit ihr zu kommunizieren, auch wenn man anderer Meinung ist. Am Ende finden wir immer eine Lösung." Greiner und Kraus kennen sich seit mehr als drei Jahren, seit dem Beginn der Zusammenarbeit vom HSV mit der Fluggesellschaft.

Doch warum ist die ehemalige Torhüterin nach ihrer aktiven Karriere nicht einfach im Frauenfußball geblieben - so wie Steffi Jones zum Beispiel? Die Weltmeisterin ist heute Präsidentin des Organisationskomitees für die Frauenfußball-WM 2011. Ein solches Amt kann sich Kraus nicht vorstellen. Bereits mit 26 zog sie die Fußballschuhe aus und machte den Schritt, raus aus der Frauen-Ecke, rein in die große Fußball-Welt. "Ich habe die Zeit intensiv gelebt, aber ich wusste immer, dass meine berufliche Entwicklung im Vordergrund steht."

Kraus ist eine Perfektionistin mit hohem Anspruch an die eigene Leistung. Aber alle 14 Tage steht für sie ein echtes Fußballerlebnis auf dem Programm - die Auswärtsspiele des HSV. Anders als die Heimspiele sind sie Kür und weniger Pflicht. Zu diesen fährt sie volksnah mit dem Zug, quer durch Deutschland. Und wenn das Stadion nicht so weit außerhalb liegt, dann geht sie vom Hauptbahnhof den Weg zu Fuß und guckt, wo die Fans ihr Bier trinken und welche Namen auf ihren Trikots stehen. So richtig abschalten - das fällt ihr dann doch schwer.

Vita
Am 23. November 1970 wird Katja Kraus in Offenbach geboren.

Sie zieht mit 17 zu Hause aus, wird Torfrau beim FSV Frankfurt. Nach dem Abi studiert sie Germanistik und Politik.

Nach ihrem Studium arbeitet sie parallel zu ihrer sportlichen Karriere in der PR-Abteilung von Adidas, danach bei Eintracht Frankfurt.

Seit 2003 ist Kraus Vorstandsmitglied beim Hamburger Sportverein.

In Zukunft ist sie auch offiziell für den sportlichen. Bereich beim HSV zuständig.

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