Karrierewechsel Kehrtwende in der Lebensmitte

Das Haus ist gekauft, die Kinder groß, und beruflich bereits viel erreicht: Mit Mitte 40 und Anfang 50 wollen viele Menschen ihr Leben noch einmal umkrempeln. Wer das wagt, muss viel Zeit, Geld und Nerven investieren.

Marcel Berndt, wiwo.de | , aktualisiert

Kehrtwende in der Lebensmitte

Foto: thomaslerchphoto/Fotolia.com

Nach 20 Jahren in der Telekommunikation hatte Martina Bandoly genug: Sie wollte den Wechsel. "Für mich war der Punkt erreicht, an dem ich mich gefragt habe: Bleibe ich? Und was will ich die nächsten Jahre wirklich machen?", sagt die ehemalige IT-Systems-Managerin. Der Eifer, mit dem sie Ende der 80er Jahre in die neu entstehende IT-Branche eingestiegen ist, war längst verflogen. Ihr Herz schlug mittlerweile mehr für die Personalentwicklung ihrer Mitarbeiter. Also wagte sie mit 47 die Kehrtwende und arbeitet seit sechs Jahren selbstständig als Karriereberaterin.

Eine erfolgreiche Kehrtwende

Heute berät sie Menschen, die ebenso eine Kehrwende einschlagen möchten. Davon gibt es in Deutschland einige – die allesamt ein Wagnis eingehen: Wer selbstständig wird, trägt das Risiko, zu scheitern. Wer Festanstellungen in anderen Branchen sucht, trägt das Risiko, wegen seines vergleichsweise hohen Alters abgewiesen zu werden. Hinzu kommt, dass Quereinsteiger einiges lernen müssen – und das im fortgeschrittenen Alter.

Immerhin spielt ihnen dabei ihr hoher Erfahrungsschatz in die Hände: "Die Lernfähigkeit ist auch im Alter noch gegeben", sagt Psychologe Niclas Schaper von der Uni Paderborn. "Ältere Menschen mögen Informationen langsamer verarbeiten, aber im Bereich der Expertise lernen Menschen noch bis ins hohe Alter dazu."

Der Erfahrungsschatz

Psychologen unterscheiden hierbei zwischen fluider und kristalliner Intelligenz. Die fluide Intelligenz beschreibt, wie flexibel und schnell Menschen Informationen verarbeiten können, und die kristalline Intelligenz das Wissen, dass Menschen anhäufen. Beide Intelligenzarten nehmen bis Mitte 20 zu. Während die fluide Intelligenz ab diesem Punkt beständig abnimmt, steigt die kristalline Intelligenz weiter an – wenn auch langsamer als bisher.

Zum Wissen, das sich Quereinsteiger aneignen müssen, gehört einerseits fachliches, andererseits branchenspezifisches: "Ich muss wissen, welche Qualifikationen ich brauche, wie der Markt aufgebaut ist, wie seine Bedingungen und Anforderungen aussehen", sagt Martina Bandoly. Kurzum: "Ich muss die Sprache der Branche sprechen."

Sie selbst hat vor ihrem Berufswechsel Bücher über Kommunikation gelesen und entsprechende Seminare besucht. Nachdem sie ihre Stelle bei T-Systems aufgegeben hat, folgte eine über 500 Stunden lange Coaching-Ausbildung, die vom Deutschen Bundesverband Coaching zertifiziert wurde. Hinzu kamen Seminare über Selbstständigkeit bei der KfW-Bank. "Gerade die Selbstständigkeit ist mit hohen Risiken behaftet", sagt Bandoly. "Wer das wagen will, braucht ein solides finanzielles Fundament." Und einen langen Atem, um die ersten Jahre Verluste einstecken zu können.

Ein persönliches Netzwerk hilft Selbstständigen, an Aufträge zu kommen – und Menschen, die weiterhin auf Festanstellungen setzen, einen Arbeitsplatz zu erhalten. "Gerade als älterer Quereinsteiger, wird man bei klassischen Stellenanzeigen kaum Erfolg haben", sagt Bandoly. Also muss man auf Beziehungen setzen.

Auch Initiativbewerbungen können helfen, sofern man sich zuvor genau mit der Branche und dem Unternehmen beschäftigt hat. Hierbei zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, sich im Vorfeld zu informieren. "Ich muss herausfinden, was für Bedürfnisse diese Firma hat, und in der Bewerbung herausstellen, warum ich diese erfülle", sagt Bandoly. "Ich muss mich als Anbieter darstellen und nicht als Bitsteller."

Gezielter Quereinstieg

Als Beispiel nennt sie eine Quereinsteigerin, die sie zuletzt beraten hat. Sie hatte Kommunikation studiert, sich zur Assistentin der Geschäftsleitung in einer gemeinnützigen Organisation hochgearbeitet – und festgestellt, dass ihr Bürotätigkeit und Management nicht liegen. Dafür jedoch ihr Ehrenamt, in dem sie Senioren begleitet hat. Heute betreut sie in einem privaten Seniorenheim ältere Menschen, geht mit ihnen spazieren oder unterhält sich einfach mit ihnen. "Sie hat sich initiativ beworben und exakt, das angeboten, was gebraucht wurde", sagt Bandoly. "Schließlich haben Pfleger oft wenig Zeit und eine eng getaktete Arbeit."

Das Beispiel zeigt auch: Die Entscheidung, den Beruf zu wechseln, muss zum bisherigen Lebensweg und zur Persönlichkeit eines Menschen passen. "Der Wechsel sollte durch mehr begründet sein als nur dadurch, dass ich mit dem alten Job nicht mehr zufrieden bin." Das sei jedoch oft der Fall, sagt Bandoly. Oftmals wollen Menschen lediglich deshalb eine Position aufgeben, weil sie mit dem Chef nicht klar kommen, oder das Gefühl haben, dass es beruflich nicht weiter geht.

In beiden Fällen hilft es, die Probleme beim Vorgesetzten anzusprechen. Und auch selbst daran zu arbeiten. "Bevor man die Stelle wechselt, sollte man schauen, was man innerhalb der Situation verändern kann", sagt Bandoly. Wer etwa Probleme mit dem Chef hat, solle sich fragen woher diese stammen. "Erinnert mich der Chef vielleicht einfach nur an meinen Onkel Herbert, mit dem ich mich noch nie verstanden habe? Und was kann ich selbst tun, um die Beziehung zu verbessern? Was hat der Chef für Bedürfnisse, denen ich entgegen kommen kann?"

Wenn die Karriere stockt

Oftmals sind Menschen jedoch einfach nur unzufrieden damit, dass die Karriere stockt: "Je älter man wird, desto geringer werden die Aussichten, dass es vorwärts geht. Schließlich kann und will nicht jeder in den Vorstand aufsteigen." Auch hier gilt es, vor der Kehrtwende zu sehen, wie sich die Situation verbessern lässt. Selbst wenn es nicht weiter geht, können Betroffene etwa beim Vorgesetzten bitten, neue Kompetenzen zu bekommen, oder sich in Fortbildungen weiter zu entwickeln. "Es geht nicht immer darum, aufzusteigen, sondern zufrieden zu sein", sagt Bandoly. "Man kann sich auch zum Experten weiter entwickeln, es muss nicht immer alles auf den Vorgesetzten hinauslaufen."

Auch wenn zahlreiche Menschen gerade in ihrer Lebensmitte den Wunsch haben, etwas zu ändern, möchte Psychologieprofessor Niclas Schaper nicht von einer "Midlife Crisis" sprechen "Der Begriff ist umstritten und auch empirisch nicht nachweisbar." Dahinter stecke kein gesellschaftliches Phänomen, sondern individuelle Entscheidungen. "Entwicklungspsychologisch lässt sich das mit den verschiedenen Lebensphasen eines Menschen erklären", sagt Schapers. Wer beruflich schon einiges erreicht hat, finanziell ausgesorgt und seine Kinder versorgt hat, möchte schlichtweg neue Herausforderungen annehmen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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