Karriereverständnis Der Blickwinkel entscheidet

Daniel sei jetzt "wahnsinnig erfolgreich" und Guido habe "totales Karriereglück", erzählt der Mann am Handy laut in der U-Bahn. Er selbst arbeite beim Fernsehen und habe einen "total verantwortlichen" Job. Protokoll eines Gesprächs über Karriere.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

20.30 Uhr an einem Donnerstagabend in der Berliner U-Bahn – wer jetzt auf dem Nachhauseweg ist, hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Wahrscheinlich mal wieder ein paar Überstunden gemacht. Womöglich, weil er so engagiert und ambitioniert im Job ist. Wie der junge Mann, der lässig an der Tür lehnt. Ende 20, Anfang 30 ist er wohl. Vermutlich hat er gerade das Studium abgeschlossen und den ersten Job ergattert. Vielleicht ist er ein Überflieger. Sein Äußeres deutet an, dass er nichts dem Zufall überlässt: Selbst jetzt noch am Abend riecht er noch angenehm nach frischem Rasierwasser, die gegelte Frisur sitzt perfekt und auch sein vermutlich teurer Designeranzug ist nahezu knitterfrei. Dass der junge Mann einen 12-Stunden-Tag hinter sich hat, verkündet er laut am Telefon, das mit einem schrillen Klingelton das hypnotische Rattern des Zuges durchbricht.

"Mensch, Olli! Toll mal wieder was von Dir zu hören. Ich muss Dir dringend was erzählen. Was? Ja, ja, ich bin gerade auf dem Weg nach Hause. War heute wieder stressig!", trötet er los. Fahrgäste, die sich schon in den Feierabend dösten, schrecken auf. Der junge Mann spricht ungerührt weiter: "Du erinnerst Dich doch bestimmt noch an Daniel? Jaaaa, genau der aus dem Literaturseminar. Hm, genau. Stell Dir vor: Daniel ist jetzt waaahnsinnig erfolgreich!" Die Antwort auf die Frage, die sich manch unfreiwilliger Zuhörer nun wohl auch stellt, kommt prompt: "Er hat ein total cooles Start-Up gegründet und es läuft supergut! Nicht mehr lange und Daniel hat seine erste Million verdient!", schwärmt der junge Karrierist. Er spricht wirklich von "erster Million" und scheint ganz euphorisiert zu sein. Auch wenn er offenbar nicht genau weiß, womit Daniel sein Geld verdient. "Was? Nee, irgendwas mit Internet und Marketing. Aber total innovativ. Der hat da ein Business an den Start gebracht, das gab's noch nie!"

Olli am anderen Ende hat derweil eine neue Frage gestellt. "Ja, und bei Christoph hat sich auch endlich etwas ergeben. Du weißt ja, er hat fast zwei Jahre lang gesucht. Kannst Du Dir das vorstellen?", fragt der Laut-Telefonierer. Eine junge Frau blickt auf und lächelt mitfühlend. Offenbar kann sie gut nachvollziehen, wie es ist, wenn man zwei Jahre lang auf der Suche nach dem ersten Job ist. Der junge Handymann anscheinend nicht. "Mann, ich hätte ihn fast aus meinen Kontakten gestrichen!". Stillstand ist wohl nicht sein Ding. "Christoph hat sich ja mit allem Möglichen über Wasser gehalten. Der hat sogar Werbeflyer für eine Pizzaria verteilt!" Geringschätzung schwingt in seiner Stimme mit. "Aber jetzt hat er endlich was." Na, das wurde aber auch Zeit!

Die Bahn hält quietschend. Einige steigen aus, sie werden nie erfahren, wie Christoph seine zweijährige Jobsuche erfolgreich beenden konnte. Wer weiter fährt, hört nun, dass Christoph eine "Hammer-Promotionsstelle" bekommen hat. In der Schweiz. An einer Elliteuni! Er verdient irrsinnig viel Kohle – jetzt schon! Und er reist ständig herum, "der war gerade in den USA für einen Vortrag, geil, was? Kannst Du Dir das vorstellen? Christoph, dieser Loser!", plaudert der Handymann weiter. Na, das war jetzt aber ein bisschen gemein. Oder Neid. Denn wenn Christoph wirklich so ein Loser wäre, würde er ja wohl nicht in der Schweiz promovieren.

Olli muss bereits der Kopf schwirren! "Und auch Guido hat totales Karriereglück gehabt!", verkündet der Jungkarrierist noch. Naja klar, der ist ja auch Außenminister geworden. Aber der junge Mann meint einen anderen Guido. Der sei jetzt nämlich zum "Senior Salesmanager" in seiner Firma aufgestiegen, "nach gerade mal einem Jahr". Allerdings, klagt der Anzugträger, würde Guido jetzt immer "zu brainy reden".

Während die U-Bahn wieder volle Fahrt aufnimmt, scheinen manche im Wagen darüber nachzudenken, was wohl "brainy" bedeuten mag und wie die Steigerung dazu klingen könnte. "Und bei Dir, so jobmäßig?", fragt der junge Mann unvermittelt. Man möchte jetzt lieber nicht in Ollis Haut stecken. Hoffentlich kann er dem Jungkarrieristen etwas Erfolgreiches berichten. Der nickt gelangweilt, macht "hm" und "ähm" und "aha". "Na, das wird schon", würgt er seinen Freund ab. Vermutlich löscht er ihn gleich nach dem Auflegen aus seinen Kontakten.

Aber vorher fragt Olli noch zurück. "Bei mir? Och, bei mir läuft es hervorragend! Ich habe einen tollen Job. Ich bin doch jetzt beim Fernsehen!", verkündet der Jungspund laut. Aha, soso. War ja klar, so geltungsbedürftig wie der Herr sich schon in der U-Bahn in Szene setzt. Wo könnte er wohl arbeiten? Im Management eines Privatsenders, vielleicht gar als Moderator? Nein. Er sagt: "Ich bin so eine Art Teleprompter!"

Bitte? Grinsen auf den Gesichtern der Gesprächsmitlauscher. Was für eine Überraschung! Offenbar auch für Olli. "Na, nein, also – das ist schon total verantwortlich. Das ist auch komplex...", kommt der Handymann in Erklärungsnöte. Und stammelt weiter: "Also früher waren es Maschinen, heute machen das spezielle Mitarbeiter..." Seine weiteren Ausführungen gehen in der Stationsansage unter, die Bahn hält, die Türen rauschen auf, der menschliche Teleprompter steigt aus. Und mit ihm die Illusion, einen Prototypen des Karrieristen erlebt zu haben. Karriere – es kommt wohl auf den speziellen Blickpunkt an.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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