Karrieresprungbrett Praktikum Wissenstransfer durch Mindestlohn gefährdet

Mit guten Einfällen verändern Praktikanten die Sichtweise in Unternehmen und "mischen festgefahrene Ideen auf": Davon ist Michael Bloss, Institutsdirektor an der HfWU in Nürtingen, überzeugt. Gerade hat er das Buch "Praktika als Karrieresprungbrett" veröffentlicht. Für ihn profitieren durch ein Praktikum beide Seiten: Denn Unternehmen bieten Praktikanten Einblicke in die Praxis und können im Idealfall Nachwuchskräfte rekrutieren. Diese Wertschöpfung gerät aber durch das Mindestlohngesetz ins Straucheln: Denn freiwillige Praktika werden aus Kostengründen gestrichen. Im Interview erklärt Bloss die Problematik und sagt, für wen es jetzt schwieriger wird.

Interview: Anne Koschik | , aktualisiert

Wissenstransfer durch Mindestlohn gefährdet

Wissenstransfer_1

Foto: auremar/Fotolia.com

In Ihrem Buch "Praktika als Karrieresprungbrett" empfehlen Sie Studierenden, sich im Idealfall für eine Praktikumsdauer von einem Semester zu entscheiden. Da am 1. Januar das Mindestlohngesetz (MiLoG) in Kraft getreten ist, können aber nur noch Pflichtpraktikanten Ihrem Rat folgen. Denn freiwillige Praktika sind jetzt auf maximal drei Monate beschränkt bzw. gar nicht mehr möglich. Wie stehen Sie dazu?

Bloss: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Leistung bezahlt werden soll. Ich bin allerdings kein Freund vom Mindestlohn. Denn wohin soll das im Unternehmen führen: Gibt es dann den billigen und den teuren Praktikanten? Das kann nur Unfrieden geben. Ich bin grundsätzlich gegen eine Nicht-Gleichbehandlung und daher halte ich von der Ausgestaltung des Mindestlohns nichts.

Praktika sollen doch Orientierung bieten. Dafür wurden sie eingerichtet. Die Neuregelung kann nun dazu führen, dass Praktika schlichter werden: Dadurch entsteht für den Einzelnen die Schwierigkeit, dorthin zu kommen, wo er noch etwas erreichen kann.

Wie ich gehört habe, beschäftigt sich die Hochschulrektorenkonferenz aktuell damit, speziell auch bei den Geisteswissenschaftlern Praktika in die Curricula zu übernehmen. Es wird also mehr Pflichtpraktika geben.

Das löst noch eine Riesenwelle aus, wenn das mal zu allen Unternehmen vorgedrungen ist.

Der Gesetzgeber möchte mit dem MiLoG Praktikanten auch vor Ausbeutung schützen. Ist das ein geeigneter Weg? Zum Beispiel für das in Ihrem Buch aufgeführte Investmentbanking, das laut Ihren Beobachtungen in den vergangenen fünf Jahren klassische Stellen im kostenintensiven Bereich mit Praktikanten aufgefüllt haben soll.

Einerseits ist es in der Tat im Investmentbanking noch weit verbreitet, sich „besser mal einen Praktikanten“ für bestimmte Arbeiten zu holen. So gelten Daten-Auswertungen oder das notwendige, aber lästige Ausfüllen von Excel-Dateien unter berufserfahrenen Bankern als langweilig. Studenten hingegen haben da noch Lust drauf.

Andererseits werden diese Praktikanten dafür richtig gut bezahlt. Natürlich erhalten sie deutlich weniger als ein Festangestellter, aber mehr als alle anderen Praktikanten.

Ist das nicht trotzdem grenzwertig?

Natürlich ist dies in gewisser Weise grenzwertig. Aber was ist das nicht in einer sich so schnell bewegenden Welt? Ich bin dennoch der Ansicht, wenn beide Parteien darauf „Spaß“ haben, sollte man das Experiment wagen. Jedenfalls verdienen solche Praktikanten auch mal 2.000 oder 3.000 Euro. Sie haben – zugegeben – aber auch mehr Ausgaben durch hohe Mieten und Lebenshaltungskosten in Frankfurt, London und anderen großen Finanzplätzen.

Welche Kompetenzen sollte generell ein Praktikum zutage befördern?

Praktikanten erhalten die Möglichkeit, ihr Fachwissen in der Praxis anwenden zu können. Aber vor allem sollen sie das (Berufs-)Leben lernen. Das beginnt mit ganz alltäglichen Dingen, wie Auftreten und Formulierungsgeschick, geht über die Persönlichkeitsentwicklung bis hin zu ganzen Tagesabläufen. Die Praktikanten bekommen mit, dass sie sich immer auf alles vorbereiten müssen – und nicht einfach ins Tagesgeschehen reinstolpern können. Das gilt ewig. Sie übernehmen branchen- und personentypische Floskeln, Gestik und Mimik. Was sie prägt, ist, dass sie sich durchbeißen müssen – und zwar auf hohem Niveau.

Findet ein beiderseitiger Know-how-Transfer statt?

Eindeutig ja. Wenn Praktikanten ihre Kenntnisse in die Praxis umsetzen dürfen, geschieht das aus meiner Erfahrung superschnell und ist mit guten Einfällen verbunden. Praktikanten verändern die Sichtweise und mischen festgefahrene Ideen auf. Ich diskutiere zum Beispiel viel mit ihnen, lasse ihnen ausreichend Freiraum und bin gespannt auf ihre Ideen. Denn das muss man sagen: Sie gehen ja ganz unvoreingenommen – durch Politik oder Budgetbeschränkungen – an die Themen heran. Es ist der Genuss des unverkrampften Blicks auf Unternehmensseite. Das bringt einen zum Nachdenken.

Praktikanten scheinen sich über den Wert, den sie Unternehmen bieten, selbst nicht bewusst zu sein. Die "Generation der Zweifelnden" – so bezeichnen Sie die Nachwuchskräfte. Wie kommen Sie darauf?

Aus Existenzthemen heraus: Die jungen Menschen fragen heute ständig: Bin ich gut genug? Hab ich ein Auskommen? Studiere ich das Richtige? Ist meine Karriereplanung zukunftsweisend? Oder ist das nur eine Modererscheinung?

Ich stelle fest, dass die Unbeschwertheit fehlt, die früheren Generationen zu eigen war. Alles ist zerbrechlicher. Vielfach wird auch die Globalisierung unterschätzt. Alle wollen zurück; es gibt eine starke Sehnsucht danach, eine Heimat zu finden.

Die Ursache sehe ich in Bologna: Das ganze Studium wurde gestrafft, Auslandssemester vielfach zur Pflicht gemacht.

Aber um ehrlich zu sein: Auf die Bachelor-Absolventen wartet auch keiner. Für die Karriere muss es schon mehr sein. Das spricht sich rum. Und verunsichert.

Werden Praktika ein Karrieresprungbrett bleiben?

Studierenden kann es gelingen, durch ein Praktikum in die Werkstudententätigkeit hinüber zu rutschen. Sie können Trainees werden oder als Absolvent in die weiterführende Beschäftigung übernommen werden.

Und aus Unternehmenssicht muss ich sagen: Den eigenen Nachwuchs auszubilden, ist immer noch das Beste. Das schließt sozusagen die Wertschöpfungskette in sich.

Das Karrieresprungbrett funktioniert für Praktikanten vom ersten Tag an: Denn sie können im Unternehmen jeden kennenlernen – vom Azubi bis zum Aufsichtsratsvorsitzenden. Es geht für sie darum, wirklich gut zu sein und einen starken Eindruck zu hinterlassen. Während des Praktikums zählt fachliche Eignung plus Einsatz plus Mut zur eigenen Meinung. Damit bleibt man in Erinnerung und kann sein Netzwerk leben lassen. An sich ist Mut, der wichtigste Punkt von allem. Mut, kein Übermut!

Wo sehen Sie Probleme?

Insgesamt wird es schwerer für diejenigen, die nicht im oberen Drittel der Notenskala liegen. Chancen, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, haben dann nur diejenigen, die interessant und spannend sind. Standardprofile gibt es zur Genüge. Und eins ist klar: Fachwissen kann man noch beibringen, Persönlichkeit jedoch schlecht: Ein Rindvieh machen Sie nicht zu einem normalen Menschen. Arroganz kann man schwer austreiben.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...