Karriereratgeber Raus aus der Klapsmühle

Überstunden und chronische Überforderung: In seinem neuen Buch rechnet Karriere-Coach Wehrle mit dem Wahnsinn in deutschen Firmen ab und zeigt Wege aus dem Hamsterrad.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert

Raus aus der Klapsmühle

Foto: afxhome/Fotolia.com

Darum geht es: Die Tretmühle wird zur Klapsmühle, schreibt Karriere-Coach Martin Wehrle. In seinem neuen Buch "Bin ich hier der Depp?" lässt er sich in gewohnt satirisch-zugespitzter Art über den Wahnsinn in der modernen Arbeitswelt aus. Zahlreiche Auswüchse hat er zusammengesammelt und stellt sie als Erfahrungsberichte im Buch vor.

Etwa die Filialleiterin, die nach mehreren Einbrüchen dazu angewiesen wird, nachts im kühlen Lagerraum zu übernachten, um Einbrecher abzuschrecken. Oder die Praktikantin, die wegen ihrer Fremdsprachenkenntnisse eingestellt wird, um dem Nachwuchs vom Chef Privatnachhilfe zu geben. Oder die Beraterin, die vom Chef nachts im Büro festgehalten wird, um Überstunden abzuleisten.

"Fehlerhaft sind nicht die einzelnen Menschen, die mit Überforderung, Dauerstress und Burn-out kämpfen – fehlerhaft ist das System, das sie jeden Tag zu diesem Kampf zwingt", schreibt Wehrle. Die Arbeitswelt von heute gleiche der aus Zeiten des Frühkapitalismus. Die Renditen stünden über der Gesundheit der Menschen. "Die Mitarbeiter werden ausgenutzt, ausgelaugt und aussortiert."

Das 399 Seiten lange Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil hat elf Kapitel, die jeweils einem Thema gewidmet sind: ausbeuterische Praktika oder Ausbildungsstellen; wie Frauen systematisch am Aufstieg gehindert oder Ältere aussortiert würden. In allen Kapiteln finden sich die kurzen Erfahrungsberichte. Dazwischen führt Wehrle aus, wie unmenschlich die Arbeitswelt von heute sei. Für die meisten Aussagen führt er Studienergebnisse als Belege heran, beispielsweise Burn-out-Statistiken, Unzufriedenheitsstudien oder Überstunden-Reports.

Im zweiten Teil mit fünf Kapiteln gibt der Autor Tipps, wie sich Arbeitnehmer besser schützen und sich stärker auf ein erfülltes Leben jenseits der Arbeit konzentrieren können. Hier beschreibt Wehrle auch Selbstcoaching mit Übungen. Der Leser kann sich etwa eine Liste mit Situationen machen, in denen er sich überfordert gefühlt hat. Dann soll er ergänzen, auf Grund welcher Forderungen des Arbeitgebers, aber auch eigener Ansprüche, es zur Überlastung gekommen ist. Das lädt zum Arbeiten mit dem Buch ein.

Ratgeber Arbeitsrecht

Am Schluss gibt Wehrle dem Leser einen Kurzratgeber Arbeitsrecht mit. Hier sind 20 grundsätzliche Fragen beantwortet. Die Liste reicht von der wöchentlichen Höchstarbeitszeit über ein Recht auf Pausen und Urlaub, dem Umgang mit Überstunden, der Forderung nach ständiger Erreichbarkeit bis zur Überwachung durch den Chef. Neben einer kurzen Erklärung der Rechtslage gibt Wehrle Tipps, wie Arbeitnehmer auf unrechtmäßige Forderungen reagieren können und wie sie ihre Rechte durchsetzen.

Verspielt und witzig sind die Cartoons am Anfang eines jeden Kapitels. Sie stammen von dem Karikaturisten Dirk Meissner.

Sich von hinderlichen Glaubenssätzen aus der Kindheit ("Fall nicht negativ auf!", "Wenn du dich anstrengst, dann schaffst du alles!", "Sei ein liebes Mädchen", "Mach's den anderen recht!") zu verabschieden und sie durch vernünftiges Denken zu ersetzen.

Wehrle rät seinen Lesern, sich bei Überlastung und Unzufriedenheit im Job mit dem eigenen Weg in die Überarbeitung auseinanderzusetzen. Und sich Konflikten zu stellen.

Minuspunkte:

Viele von Wehrles Ratschlägen hat man schon einmal gelesen oder gehört. Und muss man wirklich noch einmal aufschreiben, dass Arbeitnehmer nicht verpflichtet werden können, immerzu erreichbar zu sein? Auch Wehrles sarkastisch-pointierter Unterton kann bei manchen Lesern bisweilen zu polarisierend ankommen: arme, ausgebeutete Arbeitnehmer versus böse, vampirhafte Arbeitgeber. Wen das nicht abschreckt, der dürfte sich an vielen knackigen Wortspielen und Wehrles schwarzem Humor erfreuen.

Bewertung:

"Bin ich hier der Depp?" ist ein unterhaltsames Ratgeberbuch, das mit Kritik nicht zimperlich ist und sich einfach so wegliest, aber auch zum Sinnieren einlädt.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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