Karrierefrauen Frauen-Wirtschaft: Die neuen Top-Ökonominnen starten durch

An Universitäten und Forschungsinstituten wächst eine neue Generation von Top-Ökonominnen heran. Sie machen in der ehemaligen Männerdomäne immer mehr Boden gut.

Anne Kunz, wiwo.de | , aktualisiert

Frauen-Wirtschaft: Die neuen Top-Ökonominnen starten durch

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Es klingt nach der großen Ausnahme: Mit Claudia Buch, VWL-Professorin aus Tübingen und Mitglied im Sachverständigenrat, könnte bald zum ersten Mal eine Frau an die Spitze eines großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts rücken. Dabei wäre Buchs Wechsel zum Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), wo sie derzeit als Wunschkandidatin gilt, nur die Fortsetzung eines Trends: Die Volkswirtschaftslehre wird zunehmend weiblicher.

Da gibt es zum Beispiel Monika Piazzesi. Die 43-Jährige wurde schon vor zehn Jahren Assistenzprofessorin an der University of California und erhielt mit 37 Jahren eine Professur auf Lebenszeit in Chicago, bevor die amerikanische Elite-Universität Stanford sie vor vier Jahren abwarb. In den USA sind schon fast 30 Prozent aller Assistenzprofessoren weiblich. Bei den Professoren sind es zwar erst 13 Prozent, doch 2000 waren es erst sieben Prozent. Auch in Deutschland ist der Trend eindeutig: Waren 1993 nur 15 Prozent der Volkswirte, die eine Promotion abschlossen, weiblich, sind es heute über 30 Prozent. Auch bei den Habilitationen setzen sich immer mehr Frauen durch: 1981 waren fünf Prozent aller Habilitanden weiblich, nun sind es durchschnittlich 20 Prozent.

Elite-Frauen

Und diese Ökonominnen sind keine Quotenfrauen. Sie zählen vielfach zur Elite ihrer Profession. Arbeiten von Piazzesi, der Frankfurter Volkswirtin Nicola Fuchs-Schündeln oder von Michèle Tertilt aus Mannheim erscheinen regelmäßig in den renommierten Fachzeitschriften der Welt. Eine der meistzitierten Studien zur Interbanken-Krise etwa stammt von Cornelia Holthausen, Volkswirtin bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Piazzesi ist Mitherausgeberin des "Journal of Political Economy" und leitet beim US-Thinktank "National Bureau of Economic Research" (NBER) die Abteilung Vermögenspreise.

Von Polygamie in Afrika bis zur deutschen Wiedervereinigung

Typische Frauenthemen gibt es in der Ökonomie indes nicht: Holthausen kümmert sich um Interbankenmarkt, Zahlungsverkehr und Bankenaufsicht, Fuchs-Schündeln hat die Sparneigung in Ost- und Westdeutschland vor und nach der Wiedervereinigung analysiert. Tertilt beschäftigte sich mit der Entwicklung von Frauenrechten im 19. Jahrhundert und erforschte die Polygamie in Afrika. Sie fand heraus, dass in Subsahara-Staaten, in denen viel Geld in Hochzeiten fließt, Investitionen in produktive Technologien verdrängt und das Wirtschaftswachstum gehemmt werden. Piazzesi hat beispielsweise gezeigt, dass während des US-Immobilienbooms in den Jahren 2000 bis 2006 erstaunlicherweise vor allem die Preise von Häusern stiegen, die einkommensschwache Haushalte gekauft hatten.

Mit 30 Jahren beginnt die heiße Phase

Doch was sind die Voraussetzungen dafür, dass eine wissenschaftliche Karriere bei Frauen erfolgreich ist? "Anfang 30 ist die heiße Phase, von der alles abhängt", sagt Tertilt, mit 30 Jahren Assistenzprofessorin in Stanford, seit 2010 Professorin für Makroökonomie in Mannheim. "In dieser Zeit müssen Wissenschaftler ihre Publikationsliste füllen." Doch zugleich ist es das typische Alter für eine Familiengründung, was viele Frauen aufgeben lässt, weiß Irene Bertschek, Abteilungsleiterin für Informations- und Kommunikationstechnologien am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Sie war 30, als sie ihre Promotion abschloss, und ging danach in die Babypause, ein Karriereknick, sagt sie heute, habilitiert hat sie nicht.

Piazzesi und Tertilt blieben kinderlos. Doch es gibt auch einen dritten Weg, wie die Lebensläufe von Fuchs-Schündeln oder Holthausen zeigen: Als 29-Jährige beginnt Holthausen bei der EZB in der Abteilung "Financial Research". Mit 33 wird sie zum ersten Mal Mutter. Nach der Geburt fehlt sie nur wenige Monate. 2005 wird sie erneut schwanger und wechselt in die Abteilung "Market Operations", die Anleihenkäufe vornimmt oder die Geldleihgeschäfte der EZB an die Privatinstitute vorbereitet. Drei Jahre später bricht die Finanzkrise aus. Obwohl sie damals in die Abteilung "Financial Research" zurückgewechselt war, geht sie freiwillig für einige Monate zurück zu "Market Operations".

Die Kollegen dort sind vollkommen überlastet. Holthausen hilft, den ersten Ein-Jahres-Tender, den die EZB krisenbedingt ausschreibt, vorzubereiten. Doch obwohl die Mutter jede Menge Überstunden im Eurotower schieben muss, sind ihre beiden Kinder gut versorgt. Die Zentralbank leistet sich für ihre Mitarbeiter eine Kita, die bis 19 Uhr geöffnet ist. "Das ist ein großer Nachteil Deutschlands: Das Betreuungsangebot ist noch nicht richtig ausgebaut, hier ist in den nächsten Jahren noch viel zu tun", sagt Holthausen.

Auch Top-Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln von der Universität Frankfurt hat es geschafft. Die Mutter von drei Söhnen war Assistenzprofessorin in Harvard, bevor sie 2009 einer Berufung nach Frankfurt folgte. Seit einiger Zeit ist sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Diese Frauen stoppt nichts

Auch an privaten Forschungsinstituten sind Frauen auf dem Vormarsch. Christina Wilke etwa, Leiterin der Niederlassung des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) in Bremen, setzte nach dem BWL-Diplom in Mannheim ein zweites in VWL von der Fernuni Hagen drauf. Bereits während des Zweitstudiums begann sie als Doktorandin am Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und demografischer Wandel (MEA) und beschäftigte sich mit der deutschen Rentenreform. 2008 schloss sie die Promotion ab. In den Jahren danach arbeitet sie sich beim MEA hoch: vom Senior Economist zur stellvertretenden Forschungsbereichsleiterin und schließlich zur Geschäftsführerin für das gesamte Institut. Seit Sommer dieses Jahres ist Wilke Leiterin der HWWI-Niederlassung in Bremen.

Bei Volkswirten keine Diskriminierung

Ist die angebliche gläserne Decke für Frauen vielleicht also ein Mythos? "Wenn eine Frau gut ist, hat sie die gleichen Chancen auf einen Job wie ein Mann", sagt Piazzesi. Auch Wilke hat diese Erfahrung gemacht: "Wenn ich etwas wirklich schaffen wollte, hat das bisher immer geklappt. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas nicht erreichen könnte, nur weil ich eine Frau bin." Beide Frauen können keine Unterschiede bei den Karriereaussichten zwischen Männern und Frauen in der VWL feststellen.

Das unterstreicht auch eine Studie, die auf einer Befragung von 546 Postdocs in Deutschland beruht: Bei Volkswirten gab es für die Karriereaussichten keine signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede. "Ich glaube nicht, dass Frau sein schadet", sagt auch Cornelia Holthausen. Doch für ihren Geschmack gibt es gerade auf oberster Führungsebene noch zu wenig Frauen. Das zeigt auch der sogenannte Glas-Decken-Index, der die Aufstiegschancen von deutschen Wissenschaftlerinnen in Spitzenpositionen misst.

Zwar stieg der Index seit 2010 an Hochschulen um 65 Prozent und legte an außeruniversitären Forschungseinrichtungen um etwa 80 Prozent zu, doch ist er mit 0,33 und 0,15 immer noch weit von der 1,0 entfernt. Erst 1,0 würde Chancengleichheit bedeuten. "In Deutschland hat es lange Zeit an Vorbildern gefehlt", kritisiert Michèle Tertilt von der Uni Mannheim. "Ich habe mich deshalb an Forscherinnen in den USA orientiert, zum Beispiel an Susan Athey." Die US-Ökonomin, 1970 in Boston geboren, ist schon seit 2006 Ökonomie-Professorin in an der Elite-Uni Harvard.

Wenn Frauen, obschon sie das Zeug dazu hätten, darauf verzichten, sich zu habilitieren oder über eine Juniorprofessur eine volle Professur zu erlangen, geschieht das heute allerdings vielfach aus freien Stücken. So ist es auch bei Irene Bertschek vom ZEW. Ihr war die Familie wichtiger. Bereut hat sie es nie. 

Die Angst der Männer  

Denen aber, die die Karriere noch weiter nach oben klettern wollen, stehen alle Türen offen. Und wie reagieren die Männer der Zunft? Jahrzehntelang klagten Frauen darüber, sich in beruflichen Sitzungen und Besprechungen unwohl zu fühlen, weil sie deutlich in der Minderheit waren. Nun fürchtet ein renommierter deutscher Makroökonom, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, es könnte in der VWL bald zugehen wie bei einem Kaffeekränzchen: "Ich glaube, bald werden wir Männer uns unwohl fühlen."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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