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Karriere mit Macht: Der einflussreichste Berater Deutschlands

Karriere mit Macht Der einflussreichste Berater Deutschlands

Der Düsseldorfer Anwalt Michael Hoffmann-Becking ist der große Ratgeber der deutschen Wirtschaft. Auf ihn hören die Clans der Quandts und der Boehringers sowie Siemens und die Deutsche Bank. Vereinnahmen lässt sich der Profi-Intimus aber von keinem der Mächtigen.

Jürgen Salz, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Kzenon/Fotolia

Schon lange nicht mehr nur Anwalt

Das Telefon stammt vermutlich noch aus den 80er Jahren – ein schwarzer Kasten mit ausladendem Display. Das Gerät steht hinter dem Schreibtisch von Michael Hoffmann-Becking, Partner der Kanzlei Hengeler Mueller.

Wenn der Apparat klingelt, sind fast immer Hochvermögende und Mächtige an der Leitung: Chefs von Konzernen, Vorsitzende von Aufsichtsräten, führende Köpfe deutscher Industriedynastien.

Keiner arbeitet für so viele Top-Shots der deutschen Wirtschaft wie der 69-jährige Düsseldorfer Staranwalt. Längst berät er nicht mehr nur in juristischen Angelegenheiten, sondern auch wenn es um die Unternehmensstrategie oder Vorstandsposten geht.

Von BMW bis Stihl

Die BMW-Erben Quandt, der Pharmaclan Boehringer oder die schwäbische Motorsägenbauer-Familie Stihl vertrauen dem Urteil des gebürtigen Magdeburgers, ebenso die Konzernchefs von Linde, Siemens oder Deutscher Bank.

Für Deutschlands größtes Geldhaus hat Hoffmann-Becking kürzlich versucht, einen Vergleich mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch auszuhandeln, doch dann machte das Institut noch einen Rückzieher.


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Der Ausnahmejurist war schon im Hintergrund involviert, als in den 90er Jahren Thyssen und Krupp fusionierten. Und er betreute die Gründung der Metro in ihrer heutigen Form. "Ja, ich habe Einfluss", erklärt Hoffmann-Becking mit gebotenem Understatement, um seinen mächtigen Mandanten nicht die Schau zu stehlen.

Der sich so zurücknimmt, ist ein großer, stattlicher Herr, trägt Goldknöpfe, Manschetten und seit 2001 das Bundesverdienstkreuz. Im Film würde er gut einen Admiral abgeben.

Sein Büro, unweit der Düsseldorfer Königsallee, liegt im neunten Stock eines modernen, aber wenig protzigen Bürohauses. Geschätzt etwa 400 Bücher stehen in den Regalen, die ihn in seinem Büro umgeben, vorwiegend juristische Fachliteratur und Unternehmens-Biografien.

Unabhängiger "Entscheidungshelfer"

Durch die vollverglaste Fensterfront blickt er auf die Düsseldorfer Innenstadt, die Kirchen, den Rhein. Klare Sicht. Der Sohn eines Arztehepaares sieht sich selbst als "Entscheidungshelfer", gern betont er seine Unabhängigkeit.

Zwar lebt er sicher blendend von seinen Manager-Mandanten, aber er macht sich nicht gemein mit ihnen. Über die exzessiven Gehälter von Top-Führungskräften – an der Spitze Volkswagen-Chef Martin Winterkorn mit einem Verdienst von rund 17,5 Millionen Euro, kann er sich ziemlich aufregen: "Das ist doch nicht mehr vermittelbar." Seine Stimme wird dabei merklich lauter.


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Karriere-Helfer Hoffmann-Becking sitzt hinter einem großen, hellen Holzschreibtisch. Bildschirm, Blumen, ausgedruckte E-Mails; dazwischen hat der stolze Großvater eine Kinderzeichnung seines Enkels drapiert.

Das schwarze Telefon bleibt stumm. "Mein Einfluss auf Personalentscheidungen zum Vorstand war vielleicht hier und da nicht ganz unerheblich", untertreibt er. An welchen Karrieren und Entscheidungen er mitgewirkt habe?

Kurzes Schweigen, dann sagt er kurz und freundlich:. "Mandantengeheimnis, don’t ask me." Die Antworten ergeben sich aus den Mandaten, die Hoffmann-Becking sein Eigen nennt. Seit 20 Jahren gehört der Unternehmensanwalt etwa dem Beraterkreis des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim an.

Mitglied des Beraterkreises

Das Gremium, in dem unter anderem auch BASF-Vorstand Andreas Kreimeyer sitzt, berät die Familieneigentümer, die Boehringers und die von Baumbachs. Die Mitglieder des Beraterkreises diskutieren über Strategien, Medikamente und Top-Personalien.

Hoffmann-Becking macht keinen Hehl daraus, dass er den aktuellen Boehringer-Chef Andreas Barner besonders schätzt.


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Er kann auch gut mit Clanchef Christian Boehringer. Das Familienoberhaupt, Mitte 40, und der gut 20 Jahre ältere Top-Anwalt treffen sich regelmäßig, um über die Entwicklung im Unternehmen zu sprechen.

HB, wie Hoffmann-Beckings internes Kürzel lautet, trifft zwar keine unternehmerischen Entscheidungen. Er berät aber Eigentümerfamilien in schwierigen Fragen, auch zu Themen jenseits der Juristei – und macht so Einfluss geltend.

Eine ähnliche Rolle wie bei Boehringers spielt der Honorarprofessor bei den Quandts, denen etwa 46,7 Prozent des Münchner Autobauers BMW gehören. Hoffmann-Becking kennt die Familie gut.

Gern gehörter Rat

Er geht regelmäßig zum großen Familienempfang bei der Verleihung des Herbert-Quandt-Medien-Preises. Und er sitzt im Aufsichtsrat von Stefan Quandts Beteiligungsgesellschaft Delton, die mit Logistik und Naturheilmitteln Geschäfte macht.

Beim westfälischen Autozulieferer Hella, einem Spezialisten für Lichttechnik, arbeitet Hoffmann-Becking als Aufsichtsratsvorsitzender eng mit dem persönlich haftenden Gesellschafter Jürgen Behrend und dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Rolf Breidenbach, zusammen.


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Auf seinen Rat hören zudem die Privatbank Trinkaus & Burkhardt, seit 1992 im Besitz des Bankenkonzerns HSBC, die Stiftung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie die Felix Schoeller Gruppe aus Osnabrück, ein Spezialist für Foto- und Dekorpapiere.

"Als Anwalt kann ich nur die Plausibilitäten testen und Vorstände unter Begründungszwang setzen", gibt sich Hoffmann-Becking bescheiden. Zuweilen ergreift er auch schon mal das Wort, wenn es um die Entwicklung neuer Produkte geht: "Ich bemühe mich, die technologischen Entwicklungen zu beobachten und darauf zu achten, dass die Unternehmen die Trends nicht verpassen", sagt er.

Freund der Familie

Ganz eng ist das Verhältnis inzwischen mit den Eigentümern des Motorsägenbauers Stihl in Waiblingen bei Stuttgart. Bei den Schwaben scheint der Vielfach-Berater inzwischen fast zur Familie zu gehören.

Der einstige Unternehmenschef und langjährige Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans-Peter Stihl, sowie seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden im Herbst 2009 von der Konrad-Adenauer-Stiftung für ihre Verdienste um die soziale Marktwirtschaft ehrt. Hoffmann-Becking durfte die Festrede halten, beide Geschwister waren gerührt.

In wenigen Wochen feiert Hans-Peter Stihl seinen 80. Geburtstag, natürlich wird Hoffmann-Becking zu den Gästen gehören. Trotz solcher Nähe hält der Intimus der wirtschaftlich Mächtigen seine Mandanten auf Distanz. "Ich duze mich nicht", betont Hoffmann-Becking, "auch wenn ich die Mandanten schon lange kenne."


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Der erste Prominente in dieser Reihe war Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts der Düsseldorfer Maschinenbau-Unternehmer Heinrich Weiss, Eigentümer der heutigen SMS Siemag und zeitweise Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Hoffmann-Becking hatte sein Studium gerade mit Prädikatsexamen und Promotion abgeschlossen; dem Jungjuristen schwebte eine wissenschaftliche Karriere vor. Da machte ihn eine Tante mit einem entfernten Verwandten, dem Rechtsanwalt Hans Hengeler, bekannt.

Der Seniorpartner der Düsseldorfer Kanzlei Hengeler Mueller führte den jungen Mann bei den Wirtschaftsgrößen der Rhein-Ruhr-Region ein, etwa bei den damaligen Stahlunternehmen Thyssen und Otto Wolff. Damit schied eine wissenschaftliche Karriere endgültig aus.

Im Genuss des Jugendbonus

Schnell fand Hoffmann-Becking Gefallen am Umgang mit den Mächtigen. 1973 wirkte er – im Auftrag von Unternehmer Weiss – beim Zusammenschluss von Siemag und Schloemann mit.

Damit kam der Neue in der westdeutschen Anwaltsszene, gerade mal 30 Jahre alt, gut an in der Wirtschaft. "Ich bekam einen Jugendbonus", erinnert er sich.


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Kurz darauf erlitt Mentor Hengeler einen Schlaganfall. Der junge Hoffmann-Becking übernahm die Mandate, wurde zum Chefberater von Thyssen und dem damaligen Elektrokonzern AEG, von dem es heute nur noch die Marke gibt.

Bei einem Gespräch im Schlosshotel Kronberg im Taunus hatte der damalige AEG-Chef Walter Cipa sogar versucht, den vielversprechenden Junganwalt abzuwerben. Noch nach einigen Gläsern Chablis und einem nächtlichen Spaziergang durch den Schlosspark lehnte der Umworbene dankend ab.

"Wenn Sie einmal die Unabhängigkeit eines Partners bei Hengeler Mueller genossen haben", sagt er heute, "dann gehen Sie in keinen Vorstand mehr."

Telekom-Affäre

In die Öffentlichkeit geriet der Jurist, der eigentlich lieber im Stillen arbeitet, im Zuge der Spitzelaffäre bei der Deutschen Telekom. Der damalige Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel soll sich an Hoffmann-Becking mit der ebenso delikaten wie diskreten Frage gewandt haben, wie das Unternehmen denn gegen eine undichte Stelle im Aufsichtsrat vorgehen könne, von der offenbar Interna des Gremiums an Journalisten flossen.

Hoffmann-Beckings Ratschläge sind bis heute nicht überliefert. Er selbst schweigt dazu. Die Deutsche Telekom bespitzelte monatelang Journalisten, darunter auch zwei von der WirtschaftsWoche. Hoffmann-Becking wurde im Zuge der Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft Bonn dazu vernommen. Das Landgericht Bonn entschied allerdings, dass er nicht vor Gericht aussagen müsse.


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Heute berät Hoffmann-Beckings Kanzlei Hengeler Mueller 22 von 30 Dax-Konzernen – ein Spitzenwert. Siemens und Linde zählen noch immer zu seinen persönlich betreuten Mandanten. Andere wie RWE, Metro oder ThyssenKrupp hat der Altmeister inzwischen an jüngere Anwälte übertragen.

Hoffmann-Becking, der kommendes Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, arbeitet inzwischen an seiner persönlichen Arbeitszeitverkürzung. Vor zwei Jahren hat er nach eigenen Angaben 3000 Stunden im Jahr gearbeitet, was in etwa einem 13-Stunden-Tag entspricht.

Inzwischen gibt er sich mit weniger zufrieden. Mit seiner Ehefrau frönt Hoffmann-Becking, der im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel wohnt, jetzt häufiger der Kultur, insbesondere der Musik und der Kunst. Bei Bach kann der Unternehmensanwalt besonders gut entspannen.

"Die wollen den alten Fahrensmann"

Statt großer Dax-Konzerne betreut Hoffmann-Becking jetzt überwiegend Familienunternehmen. "Die wollen den alten Fahrensmann", meint er. Dem Fleischfabrikanten Clemens Tönnies, auch bekannt als Boss von Schalke 04, steht er in einem Rechtsstreit gegen seinen Neffen Robert bei. Beide halten jeweils 50 Prozent an dem Unternehmen und streiten nun miteinander darum, wer das Sagen hat.

Dem einstigen BDI-Präsidenten Jürgen Thumann, Mitgesellschafter des Düsseldorfer Mischkonzerns Heitkamp & Thumann, ist er ebenfalls zu Diensten – auch dabei geht es um eine ziemlich verkrachte Familienangelegenheit.


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Familienunternehmen sind häufig auch irgendwie dankbarer, findet Hoffmann-Becking: "In Publikumsgesellschaften geht es anonymer und weniger emotional zu, die Amtszeiten der Vorstände sind begrenzt."

Anders sei dies bei nicht börsennotierten Familienunternehmen, doziert er: "Dort haben Sie es oft über Jahrzehnte mit denselben Personen zu tun. Aber dafür brauchen Sie dort ein Kaplansgemüt. Sie müssen gut zuhören und zusprechen können.

Eine Entscheidung braucht oft doppelt so lange wie in einer börsennotierten Kapitalgesellschaft. Aber wenn Sie es schaffen, etwa einen neuen, maßgeschneiderten Gesellschaftervertrag aufzusetzen, der die Nachfolge regelt, dann erfahren Sie auch mehr Dankbarkeit als in einer Kapitalgesellschaft."

Traummandat zum Abschluss

Hat so ein Erfolgsanwalt eigentlich noch ein Traummandat? Hoffmann-Becking überlegt nur kurz: "Ich würde gerne noch mal den Zusammenschluss zweier großer Unternehmen begleiten."

Hat er denn schon eine Idee? "Mehr kann ich dazu nicht sagen", sagt Deutschlands einflussreichster Wirtschaftsanwalt. "Mandantengeheimnis!"

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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