Karriere im Handel Macher gesucht!

Ob Aldi, Obi oder Toom: Bei Hochschulabsolventen gelten die Handelshäuser als Langweiler. Dabei locken sie mit schnellem Aufstieg und internationalen Karrierechancen. Denn für ihre Expansionspläne brauchen sie dringend junge Führungskräfte.

Thomas Röbke | , aktualisiert


Foto: mik ivan/Fotolia

Wie Scheichs ihr Geld ausgeben

Judith Spanuth hat gelernt, wie man einen Lachs mundgerecht zerlegt. Sie weiß, wie es sich anfühlt, im Dirndl und mit Perücke im Karneval Präsente zu verteilen. Und sie hat gestaunt, wie Scheichs ihr Geld ausgeben, denn einen hat sie als Personal Shopperin begleitet. "Das war schon ein ganz besonderes Erlebnis. Am Ende standen wir inmitten von zahlreichen Tüten, gefüllt mit Parfum, Geschirr, Besteck und vielem mehr."

Seit 2010 ist die 27-Jährige Trainee bei Galeria Kaufhof. Und schon im kommenden Jahr soll ein ganzes Kaufhaus auf ihr Kommando hören – dann ist sie Geschäftsführerin einer Filiale.

Ein großer Sprung: Ursprünglich hatte Spanuth Latein und Kunst studiert und wollte Lehrerin werden. Doch sie merkte schnell, dass das nicht das Richtige für sie war. Stattdessen startete sie als Azubi im Handel, bei einem Fachgeschäft für Motorradzubehör, und sattelte später noch ein BWL-Studium drauf. "Beides hat mir so viel Spaß gemacht, dass danach endgültig klar war: Ich will in den Einzelhandel!"

Niedriger Anteil von Akademikern

Judith Spanuth ist damit eine Exotin – der Anteil von Akademikern im Handel, vor allem Volks- und Betriebswirten, liegt bei nur sechs Prozent und ist damit niedriger als in den meisten anderen Branchen. Doch das soll sich ändern: Die Handelshäuser suchen dringend Fach- und Führungskräfte, in kaum einem anderen Sektor sind derzeit so steile Karrieren möglich.

Schon mit Mitte 20 leiten Akademiker mitunter kleinere Filialen. Im Bewusstsein der Studierenden sind diese Chancen aber noch nicht so recht angekommen. "Geiz ist geil"-Parolen sind eben wenig sexy.


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Das unbekannte Wesen

Im Absolventen-Barometer des Berliner Trendence-Instituts finden sich unter den 100 beliebtesten Arbeitgebern gerade mal drei Handelskonzerne: Otto (Platz 52), Ikea (55) und Metro (88). Ein Imageproblem. Oder wie Joachim Zentes, Direktor des Instituts für Handel und Internationales Marketing in Saarbrücken, sagt: "Viele sehen nur die Mitarbeiter, die kassieren oder Ware einräumen, und können sich einfach nicht vorstellen, was hinter den Kulissen passiert."

Dabei werden die Geschäftsprozesse der Konzerne tatsächlich zunehmend komplexer, etwa durch das Wachstum des Online-Handels oder durch die noch stärkere Internationalisierung ihres Geschäfts: Der Außenhandel wird für die Häuser immer wichtiger.

Viele Großkonzerne erwirtschaften heute die Hälfte ihres Umsatzes jenseits der deutschen Grenzen, vor allem in Osteuropa sehen Branchenkenner noch großes Wachstumspotenzial. Zugleich stagniert der Binnenmarkt. Für das Deutschland-Geschäft wird dieses Jahr ein Umsatzplus von nur 1,5 Prozent erwartet.

Ins Ausland? Kein Problem!

Hochschulabsolventen und Young Professionals gelangen deshalb schnell auch auf Posten im Ausland. Hier sind gerade die deutschen Handelsketten gut aufgestellt. Allein der Metro-Konzern ist in 33 Ländern in Europa, Asien und Afrika präsent, weltweit stellt er jährlich rund 400 Hochschulabsolventen ein, so Pressesprecher Moritz Zumpfort. "Aufgrund unserer internationalen Expansion gehen wir davon aus, dass dieser Bedarf weiter steigen wird."

Beste Chancen haben Betriebs- und Volkswirte,die Branche sucht aber auch Absolventen anderer Fachrichtungen, etwa Juristen, Logistikexperten und Wirtschaftsinformatiker.


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Mit Stabilität punkten

Ausgerechnet hier haben die Häuser aber schlechte Chancen: "Im Logistik- und IT-Sektor muss sich der Handel sehr bemühen, wenn er von den Assen die Besten haben will", sagt Zentes. Punkten kann die Branche dagegen mit großer Stabilität, trotz der weltweiten Finanzkrise. "Die Beschäftigtenzahlen sind stabil, es ist sogar ein leichter Anstieg zu erkennen", so Wilfried Malcher, Bildungsexperte des Handesverbands Deutschland (HDE ).

Knapp drei Millionen Menschen arbeiten derzeit bei Rewe, Douglas, Obi & Co. Der Einzelhandel ist fest in der Hand dieser großen Namen: Nur ein Prozent der Unternehmen erzielt einen Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Euro – auf sie entfällt aber laut Statistischem Bundesamt ein Marktanteil von 65 Prozent.

Ausruhen können sich die Platzhirsche jedoch nicht. Konkurrenz machen ihnen die Hersteller-Ketten, die vom Entwurf über die Produktion bis zum Verkauf die gesamte Wertschöpfungskette abdecken. Im Modebereich ist das Konzept bereits etabliert durch Häuser wie H & M, Hugo Boss oder Tom Tailor. Aber auch die Hersteller von Technik (Apple), Kosmetik (Nivea) oder Spielzeug (Lego) verkaufen immer häufiger ihre Produkte gleich selbst in repräsentativen Shops.

Ausbau des Online-Geschäfts

Gleichzeitig wandelt sich die Branche durch den weiteren Ausbau des Online-Geschäfts, seit 2006 haben sich die Internet-Umsätze der deutschen Versandhändler verdoppelt, teilt ihr Bundesverband mit.

Und auch die traditionellen Filialgeschäfte steigen mittlerweile in den boomenden Markt ein. Der Handelskonzern Tengelmann zum Beispiel, noch eher bieder auftretend, hat sich bei den hippen Online-Shops Brands4friends und Zalando eingekauft. Und Media-Markt Saturn verleibte sich im März dieses Jahres den Online-Händler Redcoon ein, um endlich im E-Commerce Fuß zu fassen – der Verzicht auf einen Online-Shop war zunehmend zu einem Umsatzproblem geworden. Ende des Jahres sollen die Shopping-Portale eröffnen.


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Für Typen mit Fingerspitzengefühl

Mit dem Wachstum des Online-Geschäfts sind im Handel inzwischen auch IT-Entwickler und Wirtschaftsinformatiker gefragt. Allerdings haben auch Quereinsteiger gute Chancen. Gesucht werden in der gesamten Branche Typen, die anpacken können. "Keine intellektuellen Überflieger, sondern konzeptionelle Macher, strategische Denker mit Bodenhaftung", so Handelskenner Joachim Zentes.

Wichtig sei aber auch ein geschickter Umgang mit Menschen – nicht nur im Gespräch mit den Kunden, sondern auch im Kollegenkreis. Denn die Young Professionals treffen auf hochqualifizierte Nichtakademiker. "Diese Mitarbeiter lösen Probleme oft sehr pragmatisch, nicht mit dem methodischen Know-how, das an Hochschulen gelehrt wird", so HDE -Experte Malcher.

Hier ist mitunter Fingerspitzengefühl gefragt, das nicht jeder Kandidat mitbringt, wie Zentes beobachtet hat. "Die soziale Verantwortung für vielleicht Dutzende Mitarbeiter überfordert den einen oder anderen."

Gute Gehaltsaussichten

Passenden Absolventen bietet die Branche moderate Einstiegsgehälter: Berufsanfänger mit Masterabschluss können derzeit mit etwa 36.000 Euro rechnen, mit Bachelor sind es rund 3.000 Euro weniger. Dabei gilt grundsätzlich: Je größer die Firma, desto höher das Gehalt.

Und die Verdienstaussichten steigen mit den Jahren deutlich: Jeder vierte Geschäftsführer mit Personalverantwortung und mehr als zehn Jahren Berufserfahrung verdient mehr als 156.000 Euro.


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Hohe Steigerungsraten

Beim Gehaltspoker mischen schon seit einigen Jahren ausgerechnet die Discounter kräftig mit. Schon die Führungsebene oberhalb der Filialleiter, die Bezirksleiterpositionen, besetzen sie am liebsten mit Akademikern. "Sie verlangen viel, zahlen aber auch überdurchschnittlich", so Zentes.

Nach 18 bis 24 Monaten verdienten Bezirksleiter 55.000 bis 60.000 Euro im Jahr plus Firmenwagen. "Solche Steigerungen in so kurzer Zeit gibt es nicht bei Lufthansa, Roland Berger oder der Deutschen Bank."

Nadine Eichhöfer muss sich auf diese Karrierestufe erst noch hocharbeiten. Die 35-Jährige ist seit April Geschäftsleiterin der Peek & Cloppenburg-Filiale in Chemnitz. Auch sie gelangte über Umwege in den Einzelhandel – ursprünglich hatte sie eine Hotelfachausbildung gemacht. Nach einem BWL-Studium startete sie 2006 als Trainee in Hamburg.

Learning by doing

An ihre erste Aufgabe erinnert sie sich gut: Sie sollte Jeans auf einem Tisch in der Damenabteilung stapeln. Gerade als sie fertig war, kam ein Kollege aus der Herrenabteilung zu ihr. Ob sie wisse, wo seine Jeans-Stapel seien, die hätten doch neben den Damenhosen gelegen.

"Dabei schaute er auf meinen Tisch. Im selben Augenblick mussten wir beide sehr lachen." Damen- und Herrenhosen hat sie danach nie wieder verwechselt.

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