Karriere Erfolgreiche Frauen: Mit Macht an die Spitze

Jung, weiblich, hoch begehrt: Nie standen für Frauen die Chancen besser, in der Wirtschaft Karriere zu machen. Doch viele scheuen noch immer den Weg zur Macht. Wir stellen junge Frauen vor, die es nach ganz oben geschafft haben.

A. Koschik, kog, bdo | , aktualisiert

"Frauen sind Löwinnen - stark und zum Sprung bereit", fast beschwörend buhlen Wirtschaft und Wissenschaft derzeit um weibliche Ressourcen. Baden-Württemberg prescht mit einem Programm zur Qualifizierung von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft nach vorne. "Invest in future" heißt ein Stuttgarter Wirtschaftskongress, "Get the best" eine Initiative für mehr Frauen in der Forschung. Mit dem "Girl's day" werben sowohl Unternehmen und Institute als auch Kammern, "Go up" zielt ebenso wie "Lust auf Unternehmertum?" auf die Gründerinnen, "Perspektive Pole Position" auf die Führungsfrauen.

Es bleibt nicht bei wolkiger Tagungsrhetorik. Unternehmen wie Deutsche Telekom und Siemens veranstalten Recruiting-Workshops nur für Frauen; McKinsey lockt junge Bewerberinnen mit Krippenplätzen und flexiblen Arbeitszeiten, DaimlerChrysler und Commerzbank legen Führungskräfte-Programme speziell für den weiblichen Nachwuchs auf. Die Zeit ist reif für Frauenkarrieren.

Denn die Not der Wirtschaft ist unübersehbar: In Zeiten steigender Lebenserwartung und niedriger Geburtenraten wird qualifizierter Nachwuchs knapp. Schon in wenigen Jahren werden die Unternehmen den Fach- und Führungskräftemangel zu spüren bekommen. Und Frauen sollen die Lücken füllen - nicht nur auf Sachbearbeiterebene, sondern vor allem in den Chefbüros.

"Wir können es uns nicht leisten, die Kompetenz und Leistungsfähigkeit gut ausgebildeter Frauen zu verschwenden", sagt der für das "Löwinnen-Programm" verantwortliche baden-württembergische Wirtschaftsminister Ernst Pfister. Die Zeit drängt: Schon für die kommenden fünf Jahre erwartet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB einen erheblichen Nachfrageanstieg nach hoch qualifizierten Kräften für Organisation, Management, Führungsaufgaben, Forschung, Beratung und Lehre.

Frauenfreie Zonen 

Die Zahl der Frauen im Management zu erhöhen, ist bitter nötig. Kaum mehr als jede zehnte Führungskraft im Land ist eine Frau. Ihr Anteil hat sich in den letzten zehn Jahren um gerade mal zwei Punkte auf jetzt 10,4 Prozent erhöht, so der Wirtschaftsinformationsdienst Hoppenstedt. Im deutschen Wissenschaftsbetrieb sieht es kaum besser aus: 14 Prozent aller Professuren sind an Frauen vergeben; auf den lukrativen C4-Lehrstühlen sitzen gar nur 7,7 Prozent (siehe Porträt S. 50). Auch die Gründungsneigung von Frauen gleicht eher der Dynamik einer Wanderdüne: Ganze sieben Prozent der erwerbstätigen Frauen sind selbstständig.

"Frauen sollten sich aktiv neuen Herausforderungen stellen und nicht warten, bis die Situation am Arbeitsmarkt so weit ist, dass sie gebraucht werden", rät Marion Bruhn-Suhr von der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung der Uni Hamburg. "Durch strategische Karriereplanung und gezielte Weiterbildung können sie jetzt ihre Chancen auf eine Führungsposition erhöhen." Dass weibliche Topkarrieren in der Wirtschaft schon heute möglich sind, zeigen Frauen wie BCG-Geschäftsführerin Kirsten Lange, BMW-Managerin Doris Jeckle-Upton oder Judith Jungmann, Personaldirektorin von Danone. Sie machen vor, wie es als Frau gelingt, in Unternehmen ganz nach oben zu kommen.

Fataler Hang zu hübschen Branchen  

Sich durchzubeißen, Macht zu übernehmen und zu behaupten - dazu fehlt es den meisten Frauen aber an Willen und Mut. Trotz hervorragender Ausbildung wählen sie oft schlecht bezahlte Jobs und meiden zukunftsträchtige technische Berufe, kritisiert nicht nur das Stuttgarter Wirtschaftsministerium.

Eine aktuelle Studie des Recruiting-Dienstleisters Access unter jungen Berufstätigen bestätigt, dass sich Frauen in der Wahl ihres Arbeitsplatzes völlig anders orientieren als Männer. Frauen wollen am liebsten bei Ikea arbeiten, bei Nestlé, Beiersdorf, L'Oréal, Unilever, Adidas, TUI und Lufthansa. Sie streben auch viel stärker als die Männer in die Medien- und Werbebranche. Größte Antipathien hegen sie gegen technische Industrien, Investmentbanking und Wirtschaftsprüfung - allesamt Branchen, in denen richtig Geld zu verdienen ist.

Kein Wunder, dass die Frauen beim Gehalt das Nachsehen haben. Weit über die Hälfte verdient zwischen 30.000 und 50.000 Euro pro Jahr. Das Gros der jungen männlichen Berufstätigen kommt auf 40.000 bis 60.000 Euro, ist aber darüber hinaus noch zu fast 30 Prozent in den höheren Gehaltsklassen bis über 80.000 Euro vertreten. Hier spielen gerade noch 8,1 Prozent der Frauen mit.

Als Aufgabengebiete bevorzugen Frauen in erster Linie Marketing, PR, Controlling, Consulting, Kundenbetreuung sowie Personalwesen. Doch auch hier sind ihre Karriere-Ambitionen begrenzt. Während fast ein Fünftel der Männer im kaufmännischen Bereich bei der Access-Studie angab, an Führungskräfte-Programmen teilzunehmen, sind es bei den Frauen 12,6 Prozent, im technischen Bereich sogar nur 3,8.

Personalberaterin Claudia Wacker von der Consultingfirma Heimeier & Partner hat Ähnliches festgestellt: "Je höher die Positionen, desto geringer der Anteil an weiblichen Bewerbungen." Gehe es gar um Geschäftsführer- oder Vorstandsposten, liege ihr Anteil bei etwa einem Prozent.

Vorbild McKinsey & Co. 

Die Scheu der Frauen vor verantwortlichen Positionen kommt nicht von ungefähr. Ursache ist ein immer noch weit verbreitetes traditionelles Rollenverständnis und eine männlich dominierte Management-Kultur, in der etwa das Problem, Kind und Karriere unter einen Hut zu kriegen, bislang keine Rolle spielte. Doch die Zeiten ändern sich. Was die Familienpolitik erst vage auf ihre Agenda gesetzt hat, geht ausgerechnet die leistungsorientierteste aller Branchen konkret an: Unternehmensberatungen wie McKinsey, Boston Consulting, Booz Allen Hamilton und Roland Berger kümmern sich neuerdings um die Kinderbetreuung, bieten Krippenplätze und flexible Arbeitszeitmodelle an.

"Wenn wir das Thema Work-Life- Balance nicht ernst nehmen, wird es uns in Zukunft nicht möglich sein, die wirklich besten Mitarbeiter zu rekrutieren und zu halten", ist Ralph Shrader, weltweiter CEO von Booz Allen überzeugt. Denn die Wertvorstellungen bei männlichen und weiblichen Studenten, so beobachten die Beratungshäuser, näherten sich immer stärker an. Männer wollten mehr Zeit für die Familie haben, Frauen mehr Zeit für den Job.

In den Genuss familienorientierter Arbeitsgestaltung kommen nicht nur Juniorberater. Irmgard Heinz, Geschäftsführerin bei Booz Allen, ist selbst gerade mit Zwillingen schwanger und plant, nach einer Auszeit von einem halben Jahr mit 60 Prozent wieder einzusteigen. Formal eine Dreitagewoche, die sie jedoch den persönlichen und beruflichen Erfordernissen anpasst: "Mal sind es 100 Prozent, dann wieder nur 20 - im Durchschnitt werde ich bei den von mir gewünschten 60 Prozent liegen".

Teilzeitregelungen wie diese nimmt in dem Beratungsunternehmen mittlerweile jeder Vierte im Laufe seines Arbeitslebens in Anspruch. Die Industrieunternehmen beginnen nachzuziehen. So bieten Lufthansa, Deutsche Bank, Siemens, Ford oder EADS spezielle Mentoring-Programme für den weiblichen Führungsnachwuchs an. Diversity heißt die neue Zauberformel: Ein paritätischer Mix aus männlichem und weiblichem Führungspersonal, so die Erkenntnis, steigert die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.

Die Mär vom weichen Weib  

Dass Frauen im Management nicht taff genug seien, hat die Forschung übrigens längst widerlegt. Frauen führen ebenso effektiv - nur anders, sagt Management-Berater Claus von Kutzschenbach, der die Verhaltensweisen von Frauen und Männer in Führungssituationen untersucht hat. So drängt es Frauen weniger dazu, ihre Macht zu demonstrieren. Sie führen konsensorientierter und uneitler. Was der Führungskultur nur gut täte.

Frauen streben nicht nach Macht um der Macht willen, hat eine Studie der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft unter Managerinnen herausgefunden. Was sie treibt, ist die Lust an Veränderung und Gestaltung - so wie die Frauen, die wir in dieser und den folgenden Ausgaben vorstellen. Die Zeiten sind günstig. Deshalb, Frauen: Macht Karriere!

Die Problemlöserin: Journalistin wollte Kirsten Lange werden, um auf Missstände hinzuweisen. Als Geschäftsführerin der Boston Consulting Group hält sie jetzt Lösungen bereit. Sie gilt als erste "Vollexotin" bei der Boston Consulting Group (BCG) - und hat es dennoch bis zur Geschäftsführerin gebracht. Mit Unternehmensberatungen hatte Kirsten Lange eigentlich nichts am Hut, als sie in München ein Studium der Journalistik, Soziologie und Philosophie begann. Mit ihrem Kommunikationstalent und ihrem Interesse an Menschen wollte sie am liebsten Reporterin werden. Ausgerechnet ein Job in den Semesterferien am Empfang bei McKinsey brachte den Sinneswandel, sich statt um einen Medienjob lieber bei den großen Unternehmensberatungen zu bewerben. "Mich reizte dort die Vielfalt, aber vor allem, nicht nur über Probleme berichten, sondern sie lösen zu können", sagt die 39-Jährige.

Bis sie es aber geschafft hatte, als Geschäftsführerin wichtigste Gesprächspartnerin für die Vorstände der BCG-Kunden zu sein, ging die junge Frau durch die harte Schule des Consultings mit Höhen und Tiefen - immer um Erfahrungen reicher. Was Kirsten Lange überhaupt nicht mag, sind Wissenslücken. Dann kniet sie sich tief in die Papiere - auch wenn es Nachtarbeit bedeutet. Aber sie hat gelernt, Hilfe anzunehmen und vor allem zu fragen. "Das war überhaupt sehr wichtig, meine Scheu vor Fragen zu überwinden", stellt sie rückblickend fest. "Von da an hatte ich nie wieder Panik, wenn ich etwas nicht gewusst habe." Ihr betriebswirtschaftliches Know-how polierte sie zusätzlich mit einem MBA am Insead auf. Und auf einmal stand ihr die Welt in jeder Hinsicht offen. Doch für Lange stand fest: "Ich bin leidenschaftliche Beraterin."

Die Welt blieb ihr trotzdem nicht fremd: Als Projektleiterin mit dem Schwerpunkt Papierindustrie und Verlagswesen jettete sie nach Skandinavien, war häufig in der Schweiz und regelmäßig in New York. Auch China wurde bald ihr zweites Zuhause: Als Managerin vermittelte sie dort Staatsunternehmen den Wert einer strategischen Unternehmensberatung. Und sie war angetan von "dieser Aufbruchstimmung, dass alles geht, der Dynamik und dem Enthusiasmus" - entsprach es doch ihrem eigenen Naturell. Logisch, dass es für sie dann kein Problem war, kurz nach ihrer Berufung zur Geschäftsführerin zwei Kinder in die Welt zu setzen. Ihre Flexibilität, eine Kinderfrau und eine Zwei-Drittel-Stelle machen es möglich.

Aber auch hier ist sie Pionierin bei BCG und hat deshalb nebenbei noch die "Consulting Mums", ein Netzwerk für BCG- Mitarbeiterinnen, gegründet, wo sie etwas von ihren Erfahrungen weitergeben will. Die Welt hat Kirsten Lange aber auch als Mutter nicht aus den Augen verloren: In ein paar Jahren will sie beruflich noch mal in die Ferne: "Vielleicht Südafrika. Die Auslandserfahrung will ich den Kindern auf jeden Fall mitgeben."

Die Musikbegeisterte: Der Zufall bescherte Katja Bittner die Popkomm. Als die Musikmesse von Köln nach Berlin geholt wurde, war sie zur Stelle - und wurde ein Jahr später Direktorin.

Für Katja Bittner hat sich ein Lebenstraum erfüllt, obwohl sie nicht mal 30 ist: "Ich kann so sein, wie ich wirklich bin", sagt die 27-jährige Popkomm-Direktorin frei heraus. "Was man gemeinhin als Karrierefrau versteht, das verkörpere ich optisch überhaupt nicht." Ihr Business- Outfit hat sie abgelegt, weil man in der Musikbranche damit "sowieso nichts erreicht", und findet es total angenehm. Klingt abgeklärt - und ziemlich sympathisch. Ihren persönlichen Erfolg lebt sie mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren.

Einsatz, Willenskraft, Teamfähigkeit und vor allem Herzblut zeichnen die junge Frau aus. Als 2004 die Musikmesse Popkomm vom Rhein an die Spree wechselte, gab es für Katja Bittner keine Vorbilder - aber die Vorgabe, es besser zu machen: In Köln hatte die Messe massiv an Image und Besucherzahlen eingebüßt. Offensichtlich hatte es sich bis zum Geschäftsführer der Messe Berlin, bei der die Popkomm angesiedelt ist, herumgesprochen, welches Potenzial in der jungen Frau steckte: Hatte es die Ost-Berlinerin, die in der Ukraine geboren ist, doch bereits geschafft, die fürs Renommee wichtige Jubiläumsfeier "300 Jahre St. Petersburg", die unter Putins Schirmherrschaft stand, nach Berlin zu holen.

Messechef Christian Göke schien beeindruckt und bot ihr die Projektleitung der Popkomm an, zumal sie auch durch ihr BWL-Studium an der Berufsakademie Ravensburg, Fachrichtung Messe- und Kongressmanagement, das nötige Rüstzeug mitbrachte. "Ich habe mich 100-prozentig dafür entschieden", sagt Bittner, verhehlt aber nicht, dass sie sich gefühlt habe, als habe man ihr "ein weißes Blatt mit dem Namen Popkomm" übergeben. Es sei nicht nur ein Projekt gewesen, sondern sie habe auch die gesamte Struktur aufbauen müssen. Geholfen hat ihr, dass sie auf zwei Förderer im Haus zählen konnte: ihren früheren Chef Detlef Meyer zu Heringsdorf, Abteilungsleiter für Gastveranstaltungen, der ihr schon früh schwierige Projekte anvertraute, und Ralf Kleinhenz, Bereichsleiter für Gastveranstaltungen und Kongresse.

Die erste Popkomm in Berlin wurde zum Erfolg, Katja Bittner von der Projektleiterin zur Direktorin befördert. Ein selbstverständlicher Weg? Ihre heutige Position spiegele im Prinzip ihre "Verhandlung über neue Konditionen nach dem Durchführen der ersten Popkomm" wider, sagt Bittner nüchtern. Dass sie mit der zweiten Musikmesse in diesem Jahr ihre persönliche Work-Life-Balance gefunden hat, zählt für sie als weiterer persönlicher Karriereschritt. "Früher war das Verhältnis Job/Privatleben 90:10, jetzt liegt es bei 70:30." Und so kann es von ihr aus bleiben: Das Auftanken zu Hause sei eben auch wichtig, um sich dann mit voller Kraft neuen Herausforderungen zu stellen.

Die Steuerfrau: Ihr Faible für Steuern hat Johanna Hey ganz nach oben gebracht: Die Jura-Professorin ist das jüngste Mitglied der Steuerreform-Kommission.

Sie ist erst 35, und sie hat alles erreicht, was eine Hochschulkarriere hier in Deutschland zu bieten hat: Jurastudium in sieben Semestern, Promotion, Habilitation, C4-Lehrstuhl auf Lebenszeit. Sie könnte sich jetzt zurücklehnen, es ruhiger angehen lassen. Doch der Typ ist Johanna Hey nicht. Mögen andere Professoren fünf Doktoranden haben - sie betreut 50. Mögen andere sich im Elfenbeinturm verschanzen - die Professorin für Unternehmenssteuerrecht sorgt dafür, dass die Politiker im Bundestag von ihren Ideen erfahren.

In nur drei Jahren hat sich Johanna Hey einen Ruf erarbeitet, für den andere Jahrzehnte ackern müssen. Wenn der Finanzausschuss zu Expertenanhörungen einlädt, ist sie ebenso gefragt wie als jüngstes Mitglied der "Kommission Steuergesetzbuch", die im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft Vorschläge für eine Steuerreform erarbeitet. "Als Wissenschaftler kommen Sie der Politik nur selten so nah, dass Sie etwas bewegen können", sagt Hey. Sie kann und tut es auch. Fast ihre gesamte Freizeit opfert sie der Politikberatung.

Schon als Studentin lud sie sich mehr auf als alle anderen: Drei Semester lang studierte sie Jura und Medizin parallel, um nur nichts Interessantes zu verpassen. "Das klingt schlimmer, als es war", wiegelt sie ab. Schließlich sei die Hauptarbeit in Medizin während des Semesters angefallen, in Jura dagegen in den Ferien. Erst als ihr klar wurde, dass sie sich mit zwei Studienfächern verzetteln würde, gab sie die Medizin auf. Heute weiß sie: "Es ist der Schlüssel für jede Karriere, dass man sich auf eine Sache konzentriert." Und so fühlte sie sich bereits nach sieben Semestern reif fürs Examen.

Auch heute stemmt Johanna Hey ein schier unmenschliches Tagespensum: "Um spätestens halb sechs Uhr morgens sitze ich am Schreibtisch und verlasse ihn selten vor zehn, elf Uhr abends - meist auch samstags und sonntags." Es ist die wissenschaftliche Neugier, die sie die Zeit vergessen lässt.

Doch die Juristin kann noch so ranklotzen - irgendjemand unterstellt ihr immer, dass sie nur dank Frauenförderung so weit gekommen sei. Deshalb erwähnt sie das Lise-Meitner-Stipendium, mit dem sie sich während ihrer Habilitation über Wasser hielt, eher ungern. Dabei hat sie nur genutzt, was für Männer selbstverständlich ist: Mentoren und Netzwerke. "Ohne meinen Kölner Doktorvater Joachim Lang hätte ich meine Karriere so nicht machen können", ist sie überzeugt. Er ermutigte sie, ihre Wissenschaftskarriere auszubauen. 2004 holte Lang seine begabte Schülerin auch in die Steuerreform-Kommission. Warum gerade sie es so weit nach oben geschafft hat? "Vielleicht, weil ich immer den Mut hatte zu sagen: Ich mach's", vermutet sie. "Frauen trauen sich oft zu wenig zu; die Herren sind da nassforsch."

Die Menschenführerin: Eher zufällig landete die Juristin Judith Jungmann in der Personalerschiene. Heute ist sie als Personaldirektorin von Danone Deutschland dort die einzige Frau an der Spitze.

Es soll Menschen geben, die in ihrem Leben nur eine Bewerbung geschrieben haben und damit bis ganz nach oben gekommen sind. Judith Jungmann ist eine davon. Der 34-Jährigen reichte eine einzige Blindbewerbung bei Siemens, um ihre Karriere ins Rollen zu bringen. Heute ist die Münchenerin Personaldirektorin von Danone Deutschland - weil sie auffiel, weil ihre Chefs sie förderten, und weil sie selbst den nächsten Karriereschritt einforderte. Dabei hatte sie das Arbeitsrecht während ihres Jurastudiums gar nicht sonderlich interessiert. Als Syndikus im Unternehmen wollte sie arbeiten, vorher noch ihre Doktorarbeit schreiben.

Doch weil es sie reizte, erst mal ihren Marktwert zu testen, schickte sie eine Bewerbung an Siemens los - und landete gleich einen Treffer: In der Rechtsabteilung sei leider gerade nichts frei, aber in der Personalabteilung brauche man jemanden, der sich um die Umsetzung der Altersteilzeit kümmere, hieß es. Anderthalb Wochen nach ihrem Zweiten Staatsexamen fing die 26-Jährige bei Siemens an.

Schon bald bemerkte ihr Chef, dass die junge Juristin auch bei öffentlichen Auftritten eine gute Figur machte. "Als ich nach drei Jahren etwas anderes machen wollte, hat er dafür gesorgt, dass ich im Haus sichtbar werde", erinnert sich Judith Jungmann, "und mich gezielt zu Vorträgen in andere Abteilungen geschickt." Dort entdeckte sie ein anderer Personalleiter, der gerade ein Team aufbaute. So ging es immer weiter nach oben - auch weil Jungmann nicht auf Beförderungen wartete, sondern den Mut hatte, ihre Vorgesetzten direkt anzusprechen. "Den Personalreferentenjob, den ich haben wollte, hatten bisher nur männliche Kollegen über 40 gemacht." Sie bekam ihn. Und spielte bereits mit dem Gedanken, bald das Unternehmen zu wechseln. Die Chance kam 2003, als ein Headhunter ihr die Personalleitung bei Danone Deutschland anbot. Sie war neugierig und schlug ein.
Nach dem Riesenkonzern Siemens war Danone mit seinen 800 Mitarbeitern in Deutschland eine ganz neue Erfahrung für sie: "Hier musste ich ganz schön ranklotzen und war für mehr Themen verantwortlich als früher - vom Hochschulmarketing über das Gehaltssystem bis hin zu Kennzahlen."

Vorbilder sind Judith Jungmann wichtig. Von erfolgreichen Menschen guckt sie sich gerne mal neue Arbeitsmethoden ab. Doch mittlerweile taugt sie selbst zum Vorbild. Als einzige Frau sitzt sie seit Juni im Direktionskomitee von Danone Deutschland. Als ihr früherer Chef auf einen anderen Posten wechselte, machte sich der Geschäftsführer beim Mutterkonzern in Frankreich für die Juristin stark. Die Männerriege an der Spitze empfing sie begeistert: "Als meine Beförderung verkündet wurde, haben alle spontan geklatscht."

Die Spaßmanagerin: Maike Tatzig hat es als Executive Producerin geschafft, deutschen Humor zum Exportartikel zu machen. Die preisgekrönte Impro-Comedy "Schillerstraße" war ihre Idee. Dass manche Leute ihre Karriere bis ins Letzte durchplanen, findet Maike Tatzig reichlich seltsam. Okay, nach dem Abitur hat sie etwas Handfestes gelernt, Grafik-Design. Aber danach hat sie sich einfach ins Abenteuer Arbeitsleben gestürzt. "Oft war es reiner Zufall, wie ich an meine Jobs gekommen bin", sagt die 32-Jährige. Pures Understatement.

Nie hätte Udo Jürgens sie als Sängerin auf seine Tournee mitgenommen oder eine Kreuzfahrtlinie sie als Moderatorin angeheuert, niemals wäre sie über einen Hostessen-Job in die Fernsehwelt gerutscht - wäre da nicht ihr Talent für alles, was mit Show und Bühne zu tun hat. "Wenn man sich beim Fernsehen gut anstellt, bekommt man schnell eine Chance aufzusteigen", hat Maike Tatzig damals erfahren. So gab sie bald ihren Job bei einer Krawall-Talkshow dran, bediente statt dessen die Spieletechnik bei einem Musikquiz.

In dieser Zeit begegnete sie Marc Schubert, Chef der "Hurricane Fernsehproduktion". Der engagierte sie nicht nur als Moderatorin für "Call-TV" und "Big Brother - Das Quiz", sondern eroberte auch privat ihr Herz. Dann plötzlich blieben die Job-Angebote aus: "Von dem Tag an, als ich mit Marc Schubert zusammen war, ging für mich als Moderatorin gar nichts mehr", erkannte die Kölnerin. "Klar: Die anderen Produzenten wollten sich keinen ,Spion ins Haus holen." Also machte sie sich als Mädchen für alles bei "Hurricane" nützlich. Sie schaute den Produzenten bei Aufzeichnungen über die Schulter, richtete Garderoben ein, schrieb das Begleitbuch zu "Genial daneben".

Oft saß sie nach der Show noch mit den Comedians zusammen, "und es war immer so puppenlustig, dass ich dachte: Diese Comedians unter sich müssten sich gemeinsam auf die Bühne bringen lassen". Die Idee zur "Schillerstraße" war geboren. Aber wer sollte sie umsetzen? Ihr Mann vertraute auf Bewährtes und heuerte einen erfahrenen Executive Producer an. Doch der sah nicht, was Maike Tatzig sah. So beschloss sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

"Ich habe schon kämpfen müssen dafür, dass ich Executive Producerin der Schillerstraße wurde", sagt Maike Tatzig im Rückblick. Doch als im Abspann der ersten Sendung ihr Name über den Bildschirm flimmerte, wusste sie, wofür sie sich durchgebissen hat. Es kam noch besser: Als erste deutsche Comedy-Sendung wurde das Format der "Schillerstraße" in die USA verkauft. Inzwischen läuft die fünfte Staffel, und Maike Tatzig hat schon wieder eine neue Comedy-Sitcom in Arbeit. Details verrät sie nicht - sonst könnte ihr ja der Zufall wieder in die Parade fahren: "Immer wenn ich Pläne mache, kommt mir etwas anderes dazwischen", lacht sie. "Aber manchmal mache ich auch deshalb Pläne, damit mir etwas anderes dazwischenkommt."

Die Bergfahrerin: Kein Ziel ist Doris Jeckle-Upton hoch genug. Oder weit genug entfernt. Als internationale Vergütungsspezialistin arbeitet sie trotzdem in München - der Familie zuliebe.

Auch wenn ihr dabei die Knie schlottern, Doris Jeckle-Upton sucht die Herausforderung: "Den Weg nach oben und nach vorne habe ich nie gescheut", sagt die BMW-Managerin. Sie ist diesen Weg durch die halbe Welt gegangen, hat sich immer Jobs vorgenommen, die sie zunächst ängstigten, "die einem aber nach sechs Monaten das Gefühl geben, etwas erreicht zu haben".
Dass die 38-Jährige heute als internationale Vergütungsspezialistin bei dem bayerischen Automobilkonzern ein Milliardenbudget verwaltet, verwundert bei ihren Erfahrungen nicht, obwohl das Interesse an Finanzen ihr nicht in die Wiege gelegt wurde: In Augsburg und Toronto studierte sie Mittelalterliche Geschichte, Politik und Literatur, machte nebenher einen Bachelor in BWL bei der IHK Augsburg. Doch war es diese Mischung, verbunden mit dem Gedanken, ihre Karriere international gestalten zu wollen, die zum Grundstein für ihren Werdegang wurde und den sie zunächst bei der EU-Kommission einlösen wollte.

Es hielt sie dort nicht mal ein halbes Jahr, die Eurokratie entsprach nicht ihrer Abenteuerlust im Blut. Lieber auf in die Welt: Chile sollte es sein, "weil das Land Anfang der 90er Jahre einen Wirtschaftsboom erlebte". Dass es schließlich Kanada wurde und die Unternehmensberatung Mercer, beflügelte Doris Jeckle-Upton nur, ja sie wanderte sogar ins Land ein. Wenn sie einen Schritt geht, dann ganz oder gar nicht. Ihr Faible für internationale Vergütung und Gesundheitssysteme brachte die junge Beraterin aber zurück nach Europa. Bei Phare in Utrecht wurde sie zur Expertin für die Länder der jetzigen Osterweiterung, die Einfluss auf die Sozialgesetzgebung der dortigen Länder nehmen sollte, bei Arthur Andersen in London tat sie sich als Managerin fürs Investmentbanking hervor.

Die Gipfel waren fast erreicht: Sollte es die Beratung bleiben? Das Investmentbanking auf Dauer werden? "Da kann man zwar schnell das Doppelte verdienen, aber die Arbeitswoche hat dann auch sieben Tage", erkannte Jeckle-Upton und wechselte - immer noch Abenteurerin - in der heißen Zeit des Internetbooms die Fronten zum Telekommunikationsanbieter Cable & Wireless. Dass sie schließlich in München landete, war ein Tribut an ihren Familiensinn: Ihr Vater war schwer erkrankt, und die Eltern konnten sich nicht mehr allein um die behinderte Schwester kümmern. Doch auch in ihrem neuen Job hat sich die Vergütungsspezialistin ihre internationale Ausrichtung bewahrt, Entwicklungspotenzial inbegriffen. Außerdem hat sie die Berge in der Nähe: Dorthin fährt die 38-Jährige gern zur Entspannung - aber nicht mit dem Dienstwagen, sondern mit dem Rad. Fast 4.000 Kilometer strampelt sie im Jahr, am liebsten aufwärts, die Alpen hinauf.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...