Karriere-Aussteiger Lieber das eigene Süppchen kochen

Die öffentliche Kündigung eines Goldman-Sachs-Managers macht deutlich: Immer öfter entscheiden sich hoch bezahlte Manager für den Ausstieg aus der Knochenmühle – und starten ihr Leben noch einmal ganz neu.

Daniel Rettig, Manfred Engeser und Annina Reimann | wiwo.de | , aktualisiert


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"Gier ist gut"

Es gibt Reden, die zu Symbolen wurden für eine Ära. Darin erzählen schwarze Prediger von ihrem Traum, oder weiße Präsidenten fordern den Abriss einer Mauer. Reden, die in die Geschichte eingingen, weil sie die Welt ein Stück besser machten.

Aber es gibt auch Reden, die das Gegenteil erreichten. Eine solche hielt der Investor Ivan Boesky im Jahr 1986 – die Auswirkungen sind noch heute zu spüren. "Gier ist gut", sagte er zu Absolventen der amerikanischen Haas Business School, "gesund ist sie auch. Ihr könnt gierig sein und euch trotzdem wohl in eurer Haut fühlen."

Wie ein Gordon Gekko

Unterhält man sich heute mit Alexander Hartmann, dauert es nur wenige Minuten, bis er Boeskys Zitat erwähnt. Und das nicht nur, weil die Aussage in dem Film "Wall Street" vorkommt, mit Michael Douglas in der Rolle des skrupellosen Finanzhais Gordon Gekko.

Sondern weil Alexander Hartmann auf dem besten Weg war, selbst ein kleiner Gekko zu werden. Hartmann ist 44 Jahre alt und führt bereits sein zweites Leben.

Im ersten arbeitete er knapp 15 Jahre lang in der Finanzbranche, zuletzt als Abteilungsleiter bei einer international tätigen Schweizer Privatbank, verantwortlich für knapp 50 Mitarbeiter. Viel mehr will er über seinen früheren Job ungern erzählen.


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Heute macht Hartmann eine Ausbildung zum Sozialpädagogen in einem Schweizer Waisenhaus. Von der globalen Hochfinanz in eine Einrichtung für benachteiligte Jugendliche – der Kontrast, für den Alexander Hartmann sich entschieden hat, könnte kaum größer sein, und das freiwillig.

Denn Hartmann wurde weder gefeuert, noch hat er finanziell bis ans Lebensende ausgesorgt. Doch eines Tages meldete sich sein Gewissen. Erst ganz leise, dann, im Laufe der Jahre, immer lauter. Irgendwann konnte er es nicht mehr überhören, gehorchte ihm und verabschiedete sich von der Finanzbranche. Endgültig.

Verdorbene Firmenkultur

Greg Smith kennt dieses Gefühl sicher, auch wenn er sich für einen lauteren Abschied entschied. Vor knapp zwei Wochen kündigte der 33-jährige Investmentbanker bei Goldman Sachs – und verkündete diese Entscheidung am selben Tag mit einem öffentlichkeitswirksamen Paukenschlag:

In einem Artikel für die "New York Times" schilderte er nicht nur die Gründe seiner Entscheidung, sondern rechnete mit der seiner Ansicht nach verdorbenen Firmenkultur und dem Management um Bankchef Lloyd Blankfein ab.

Die Resonanz war enorm: In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, mittlerweile verlässliche Seismografen für gesellschaftliche Stimmungen, wurde der Text 100.000-fach geklickt und weitergeleitet. Für die einen ist Smith ein mutiger Held, der wagte, die Wahrheit auszusprechen. Selbst Henry Goldman III, der Urenkel des Bankgründers sagte, Smith habe "einen Treffer ins Schwarze" gelandet.


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Für die anderen ist Smith ein feiger Verräter, der seinen persönlichen Frust wegen einer geplatzten Beförderung für eine Generalabrechnung nutzte. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg etwa, dessen Unternehmen ein wichtiger Goldman-Sachs-Kunde ist, nannte die Vorwürfe "irrwitzig".

Doch egal, ob Held oder Heckenschütze – mit seinem offenen Brief hat Smith deutlich gemacht: Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 gibt es immer mehr Menschen, die der Finanzbranche erst jahrelang gedient haben – um ihr dann umso entschiedener den Rücken zu kehren.

Entweder, weil sie gekündigt werden und den ursprünglich unfreiwilligen Bruch zur radikalen Neuorientierung nutzen. Oder weil sie ganz bewusst aus dem sprichwörtlichen Hamsterrad ausbrechen wollen.

Raus aus dem Hamsterrad

Sich dazu entscheiden, das Höher-Schneller-Weiter nicht mehr mitzumachen, Beförderungen ablehnen und ihre beruflichen Ziele herunterschrauben. Andere wiederum steigen ganz bewusst aus, weil sie keinen Sinn mehr darin erkennen können, Geld um des Geldes willen zu mehren.

Oder weil sie sich gefangen fühlen in den Mühlen eines Konzerns, in dem Hierarchiedenken jede individuelle Kreativität tötet. Sie verzichten auf dicke Dienstwagen, hohe Boni, öffentliches Blitzlichtgewitter; engagieren sich stattdessen unentgeltlich in Wohltätigkeitsorganisationen; werden Modehändler, Ökobauer oder eröffnen ein Restaurant.


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Wofür auch immer sich diese Menschen entscheiden: Welche Motive bewegen sie zu diesem radikalen Schritt? Warum ist er ausgerechnet in der Finanzbranche so häufig zu beobachten? Und was lässt sich daraus lernen?

Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, kann man etwa nach Herzebrock-Clarholz zu Stefan Roggenkamp fahren. Als der an diesem Montagmittag die schlichten Produktionshallen inspiziert, ist kaum etwas los auf dem 7000 Quadratmeter großen Firmengelände im Gewerbegebiet der Kleinstadt in der westfälischen Provinz.

Trotzdem huscht ein Lächeln über das Gesicht des 42-Jährigen. "Morgens einkochen und abfüllen, dann aufladen und ausliefern – so soll es sein", sagt Roggenkamp. Und greift sich einen kleinen Becher "Feinste Bio-Eiscreme Erdbeere", abgepackt in kleine 100-ml-Portionen, bestellt von einem Stuttgarter Feinkostladen.

Sich selbst neu finden

"Man muss heute in der Lage sein sich selbst neu zu erfinden", sagt der Unternehmer, der Fertiggerichte in Bioqualität herstellt und sich "eine steile Lernkurve" bescheinigt. "Diese Realwirtschaft, das ist noch mal eine ganz andere Herausforderung als früher."

Früher, das war Roggenkamps altes Leben. Da arbeitete er als Investmentbanker in London, gut zehn Jahre lang, konstruierte Finanzderivate für die japanische Investmentbank Mizuho.


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Er leitete ein Team mit 90 Mitarbeitern, hatte viel Arbeit, ein sattes Gehalt und hohe Boni. Er führte ein angenehmes, ein schnelles Leben, mit dicken Autos und vielen Partys. Und dann tauchten plötzlich Katrina, Wilma und Rita auf.

Die Wirbelstürme richteten zwischen Ende August und Ende Oktober 2005 verheerende Schäden an – auch an Roggenkamps Karriereleiter. Über Nacht pulverisierten die Stürme ein Gros der Gewinne seines Derivatefonds. Kurz darauf verlor er seinen Job.

Er nahm sich eine Auszeit, kehrte auf den Bauernhof seiner Eltern zurück und bezog sein altes Kinderzimmer, in dem immer noch die Fußballposter von früher an der Wand hingen. Er half seinem Vater bei der Pflege der demenzkranken Mutter und dachte über seine Zukunft nach.

Gedanken über die Zukunft

Vier Monate und drei Jobangebote später hatte Roggenkamp eigentlich seine Rückkehr nach London beschlossen, ein Vertrag mit der Investmentbank Bear Stearns war unterschriftsreif.

Doch als er nach dem finalen Gespräch in einen Supermarkt ging und dort einen Becher Suppe aus dem Kühlregal nahm, beschlichen ihn Zweifel an der Rückkehr in sein altes Leben. Warum, fragte er sich, gibt es solche Suppen eigentlich nicht in Deutschland?


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Ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein eines erfolgreichen Investmentbankers ließ der damals 36-Jährige die Bankkarriere sausen und gründete im Herbst 2006 Roggenkamp Organics. Kaufte, gegen den Rat seines Vaters und den eines lokalen Bankers, für 750.000 Euro die Produktionsanlagen einer alten Corned-Beef-Fabrik, die die BSE-Krise nicht überlebt hatte.

Ein gutes Jahr experimentierte Roggenkamp, der schon im Studium als Koch gearbeitet hatte, mit Rezepturen, die er gemeinsam mit befreundeten Spitzenköchen wie Thomas Bühner aus dem Sterne-Restaurant La Vie in Osnabrück entwickelt, bis er die ersten Produkte auf der Kölner Lebensmittelmesse Anuga präsentierte:

frische, kalorienarme Suppen, hergestellt aus regionalen, biologisch kontrollierten Zutaten, ohne Geschmacksverstärker oder Farbstoffe, verfeinert um exotische Gewürze wie Sternanis oder Anapurna-Curry.

Suppen, Speiseeis und Salatsoßen - alles bio

Erste Edeka-Händler orderten die Suppen, doch erst nach zwei Jahren produzierte er profitabel. Um die Maschinen nicht nur im Herbst und Winter auszulasten, begann er mit der Herstellung von Speiseeis und Salatsoßen, demnächst sollen Majonaise, Sauce béarnaise und hollandaise hinzukommen.

13 fest angestellte Mitarbeiter und je nach Auftragslage bis zu 60 Arbeiter, die Roggenkamp aus den umliegenden Justizvollzugsanstalten auf Zeit ins Unternehmen holt, produzieren schon heute bis zu 15.000 Suppen täglich. Die Produkte liegen allein in Deutschland in den Kühlregalen von 3500 Läden, darunter Biomarktketten wie Alnatura und Basic, aber auch Feinkostläden wie Käfer’s in München.


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Bald werden Roggenkamps Produkte auch bundesweit in allen Kaiser’s-Geschäften sowie den City-Filialen der Supermarktkette Rewe gelistet. Aber auch in Polen und Schweden, Japan und Dubai ist Roggenkamp schon präsent.

Kürzlich stand er in der Dubai Mall neben dem Wolkenkratzer Burj Khalifa – vor einer mehrere Meter hohen Wand mit Roggenkamp Organics Eis. Das sei "schon ein tolles Gefühl" gewesen.

Auch wenn er zugibt, dass es ihn schon noch reizen würde, in der aktuellen Schuldenkrise an den Hebeln der Finanzwelt zu sitzen, und seine Tätigkeit als "intellektuelle Herausforderung und ökonomische Notwendigkeit" durchaus schätzte, weiß Roggenkamp doch: "Roggenkamp Organics aufzubauen hat schon eher was von Lebenswerk, als vom Schreibtisch aus Derivate zu handeln – dieses Unternehmen ist die Summe meines Lebens."

Unmoralisches Verhalten

Organisationspsychologen teilen die arbeitende Bevölkerung in drei Gruppen ein: Die erste Gruppe sieht in ihrer Tätigkeit hauptsächlich einen Job. Sie gehen morgens ins Büro, weil sie Geld verdienen müssen, um Miete zu zahlen, Kleidung zu kaufen oder in Urlaub zu fahren.

Die zweite Gruppe strebt in erster Linie nach einer steilen Karriere – vor allem, weil sie dadurch Macht gewinnen. Die dritte sieht in ihrem Beruf gleichzeitig eine Berufung.


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Es scheint fast so, als müsste man für viele Top-Manager in der Finanzbranche noch eine vierte Gruppe definieren: Sie arbeiten hauptsächlich, um so viel Geld wie möglich zu verdienen. "Gäbe es an der Wall Street keine Gier mehr", frotzelte der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich kürzlich, "dann bliebe nur Beton."
 
Warum scheint die Finanzbranche prädestiniert für unmoralisches Verhalten? Ökonomen, Soziologen und Psychologen sind sich darüber inzwischen einig: Das Streben nach Mehr, Mehr, Mehr ist gewissermaßen systemimmanent.

Kein Wunder: Die Angestellten arbeiten meist bis tief in die Nacht, Kontakte außerhalb der Branche gibt es kaum. Das Privatleben hat den Namen nicht verdient, das Familienleben ist bis auf die letzte Minute durchgetaktet, Telefonkonferenzen werden gerne morgens um fünf abgehalten, bevor die Kinder wach werden.

Hohes Budget, hohe Gehälter

Freitagsabends geht es mit dem Flieger nach New York, sonntags nach London, montags nach Frankfurt. Statussymbole wie Luxuskarossen und protzige Villen sollen die Qualen ebenso lindern wie die Flasche Rotwein im Restaurant, gerne zum Preis von 1000 Euro aufwärts.

Hinzu kommt: Die Summen, mit denen Investmentbanker täglich hantieren, haben sich in den vergangenen Jahren enorm potenziert. Allein die Kunden des Goldman-Renegaten Greg Smith verwalteten insgesamt umgerechnet etwa 800 Milliarden Euro. Und je höher das Budget der Kunden, desto höher die Gehälter.


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Zudem sind im gleichen Zeitraum insbesondere in den USA die Kosten für ein Hochschulstudium explodiert – viele Absolventen verlassen den Hörsaal mit Schulden. Um die möglichst schnell abzubauen, bewarben sich gerade die Besten unter ihnen bei den Investmentbanken.

Und genau hier fängt das Problem an. Denn einerseits sind die geistigen Überflieger ehrgeizig und erfolgreich. Andererseits gilt: Egal, wie klug jemand ist, Geld hat die Eigenschaft, den Charakter zu verderben – das hat der renommierte US-Psychologe Dacher Keltner von der Universität von Kalifornien in Berkeley in Dutzenden von Studien belegt.

Sein Fazit: Personen aus der Oberschicht neigen in Verhandlungen und Gewinnspielen häufiger zum Lügen und Betrügen als andere Bevölkerungsgruppen. "Gier ist alles andere als gut", sagt Keltner, "denn sie untergräbt moralisches Verhalten."

Eine große Leere

Ein Spiel, das Susan Dreyer nicht mehr mitmachen wollte und ausstieg – auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Damals, im Februar 2008, wird die DWS-Managerin für die Verwaltung des besten Fonds mit deutschen Aktien gekürt.

Doch anstatt sich über die Auszeichnung zu freuen, fühlt sich Dreyer, die damals ein Vermögen von 1,7 Milliarden Euro verwaltete, als wäre sie in ein Loch gefallen. "Ich spürte weder Leidenschaft noch intellektuelle Herausforderung", erinnert sich Dreyer. "Da war nur noch eine große Leere, ich sah keinen Sinn mehr in meinem Tun."


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Am Tag nach der Preisverleihung zieht Dreyer die Notbremse und kündigt. Sie, die mit 34 Jahren scheinbar alles erreicht hatte – große Wohnung, schickes Auto, hohes Gehalt. Und doch keine Antwort wusste auf die Frage: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben?

Erst einmal einen Schnitt: Dreyer trennt sich von einem Großteil ihres Vermögens und Besitzes. Zieht nach Berlin, unterrichtet erst die 8. und 9. Klasse einer Gesamtschule in Mathematik, schreibt dann ein viel beachtetes Buch über die Finanzbranche. Und fängt 2010 als Managerin beim Carbon Disclosure Project an, einer Non-Profit-Organisation, die transparent macht, wie umweltfreundlich Unternehmen agieren.

Das heißt: 85 Prozent weniger Gehalt, dafür mit einer 70-Stunden-Woche längere Arbeitszeiten als in der Finanzbranche. Und das unbezahlbare Gefühl, "endlich für eine gute Sache unterwegs zu sein", statt dem nächsten Bonus und der Beförderung hinterherzujagen.

So wie ihre Ex-Kollegen, mit denen Dreyer immer mal wieder telefoniert. Um dann zu hören, wie nervenaufreibend und mühsam deren Engagement an den Märkten gerade ist. "Das", sagt Dreyer, "will ich mir nicht mehr antun."


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Gedanken, die auch Thomas Brauße durch den Kopf schießen, wenn er im Vorzelt seiner Imbissbude auf einer Bierbank sitzt und mit den Anzugträgern plauscht, die bis vor einigen Jahren noch seine Arbeitskollegen hätten sein können.

Zurück zu flackernden Computerbildschirmen und Begriffen wie Risk Management und Cash-Flows? Auf keinen Fall. Gut erinnert sich der Ex-Banker noch an diesen Moment im Dezember 2008, als er Besuch von seinem Personalchef bekam und dieser einen Rechtsanwalt im Schlepptau hatte.

Braußes erster Gedanke: "Die machen hier jetzt die Lichter aus." Kurz darauf war sein Computerbildschirm aus und die Telefonleitung stumm. Allerdings traf es den Abteilungsleiter der Wertpapierabwicklung eines Brokers nicht unvorbereitet.

"Frankfurter Worscht Börse"

Schon häufig hatte er zur Mittagszeit am Fenster seines Büros im Frankfurter Messeturm gestanden, die Geschäftsleute unten auf der Straße beobachtet und an seinen Plan B gedacht: eine eigene Imbissbude. Die ist inzwischen kein Tagtraum mehr, sondern Wirklichkeit.

Im Sommer 2009, ein halbes Jahr nach seiner Freistellung, eröffnete der 46-Jährige die "Frankfurter Worscht Börse" – in einem ausgedienten Linienbus. Mehr als 850.000 Kilometer hatte der Bus bereits hinter sich, als er sein zweites Leben begann – ohne funktionierenden Rückwärtsgang.


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Ganz wie Brauße, der auch nicht mehr in sein altes Leben als Banker zurück will. Und jetzt vier Mal die Woche hinter dem Grill steht, "Pommes nackig", rot oder weiß über die Theke reicht, während der Geruch von Currypulver und Bratwurst durch die Luft wabert.

Schon um 6.30 Uhr geht’s los. Selbstständigkeit komme eben von selbst und ständig, sagt Brauße. Statt zwölf Mitarbeiter wie damals als Abteilungsleiter hat er heute nur noch drei. Und auch das üppige Gehalt vermisst er manchmal.

Früher habe er alles gekauft, was ihm gefallen habe, er sei zwei Mal im Jahr in den Urlaub gefahren und habe alle drei Jahre ein neues Auto angeschafft. Und freinehmen kann er sich maximal zwei Wochen im Jahr, statt 34 Tage.

Näher am Traumjob

Wie viel einem Imbissbudenbesitzer vom Umsatz bleibt, mag er zwar nicht verraten. "Aber wenn es gut läuft, verdiene ich dieses Jahr etwa die Hälfte von dem, was ich zuletzt bekommen habe", sagt Brauße. Doch um Geld geht es ihm nicht.

Viel wichtiger sei etwas anderes: Freiheit. Banker, das war ohnehin nie sein Traumberuf. Es war die Idee seiner Mutter, die ihn in die Lehre zum Bankkaufmann schickte. Seine berufliche Vergangenheit bereut er dennoch nicht. Von seinen wirtschaftlichen Kenntnissen profitiert er auch als Imbissbudenbesitzer. "Und jetzt", sagt Brauße, "bin ich schon sehr nah dran an meinem Traumjob."


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Solche Sätze hört Werner Fürstenberg in letzter Zeit häufiger. Der Hamburger Führungskräftecoach hilft Managern dabei, sich beruflich umzuorientieren. Bei ihm haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Betroffene gemeldet, die aus der Knochenmühle der Finanzbranche aussteigen wollen.

Viele seien früher stolz auf ihre Tätigkeit und ihren Arbeitgeber gewesen, doch nun litten sie unter dem Imageverlust ihrer Branche: "Sie verschweigen mittlerweile lieber, was sie beruflich machen", sagt Fürstenberg.

Außerdem stellen sie ihre Prioritäten auf den Prüfstand. Fragen sich mit Anfang 40, was ihnen im Leben wirklich wichtig sei. Wie viel Zeit sie für Familie und Freizeit haben, statt im Auftrag ihrer Arbeitgeber und Kunden nach der höchsten Rendite zu suchen – oder diese selbst so zu konstruieren, dass am Ende immer nur einer gewinnen kann: die Bank.

Flammender Appell von Steve Jobs

Alexander Hartmann will nicht ausschließen, dass er sich eines Tages ebenfalls unethisch verhalten hätte. Angesichts des steigenden Drucks aus der Führungsetage seien die Mitarbeiter zu "seelenlosen Automaten" verkommen, die den Profit maximieren sollten, erinnert sich der Schweizer – ganz im Sinne Ivan Boeskys.

Doch Hartmann hielt er sich lieber an einen anderen Ratschlag: Knapp 20 Jahre nach Boeskys Rede fand in Kalifornien eine Feier statt, die ebenfalls zum Symbol für eine Ära werden kann. Am 12. Juni 2005 wandte sich der inzwischen verstorbene Apple-Chef Steve Jobs mit einem flammenden Appell an die Absolventen der Universität Stanford:

"Eure Zeit auf der Welt ist begrenzt", predigte Jobs, "verschwendet sie nicht damit, das Leben eines anderen zu führen." Das Wort Liebe verwendete Jobs in seiner Rede zehn Mal – das Wort Gier kein einziges Mal.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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