Karriere-Atlas 2008 München, Jena, Berlin: Die Top-Regionen in Deutschland

Der Karriere-Atlas 2008 stellt Deutschlands Top-Regionen für junge Fach- und Führungskräfte vor. Internationalität, attraktive Arbeitgeber und hohe Lebensqualität geben den Ausschlag.

Sara Kammler | , aktualisiert

Haben Sie sich schon einmal überlegt, nach Jena zu ziehen, um dort zu leben und zu arbeiten oder an einer der traditionsreichsten Unis Deutschlands zu studieren? Nein? Weil Sie dabei nur an DDR-Tristesse mit Plattenbauten und Schlaglöchern gedacht haben? An Arbeitslosigkeit? Sie sollten sich vom Gegenteil überzeugen (lassen). 18 Jahre nach der Wende sprießt das Mauerblümchen. Die Stadt an der Saale hat heute einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Hochqualifizierten und zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen. Und kulturell wartet Jena längst nicht mehr nur mit Goethe und Schiller, die beide in der Stadt gelebt und gearbeitet haben, sowie dem ältesten Planetarium der Welt auf. Das Open-Air-Festival „Kulturarena“ und eine quirlige Kneipen-Szene mit Läden wie dem Café Stilbruch oder Bia’s Café machen Jena attraktiv. Jeder vierte Jenenser ist Student.

Die Stadt in Thüringen ist der Überraschungssieger des Karriere-Atlasses. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos hat für Handelsblatt Junge Karriere untersucht, wie attraktiv die unterschiedlichen Regionen in Deutschland für junge Fach- und Führungskräfte sind. Deutschland ist dabei basierend auf den Anfahrtswegen von Berufspendlern in 150 Regionen unterteilt. Diese werden anhand von 25 Indikatoren untersucht. Neben der Beschäftigungsentwicklung und der Arbeitslosenquote der Fach- und Führungskräfte fließen Daten zu Kaufkraft, Chancengleichheit, Attraktivität der Arbeitgeber sowie Internationalität und Lebensqualität der Regionen in die Studie ein.

Denker und Lenker

Im Mittelpunkt des Karriere-Atlasses stehen zwei Gruppen von Fach- und Führungskräften: die Denker und die Lenker. Die Denker sind Entwickler und Innovateure. Zu ihnen gehören die MINT-Berufe, die Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und die Techniker ebenso wie Ingenieure. Sie stoßen Innovationen an und entwickeln neue Produkte und Dienstleistungen. Die Lenker sind Manager und Geschäftsführer, Wirtschaftsprüfer, Berater und Juristen, Hochschullehrer oder gehören zum Spitzenpersonal aus Verbänden und Verwaltung. Sie sind es, die die Ideen der Denker aufgreifen und umsetzen.

Jena belegt hinter München den zweiten Platz im Gesamtranking. In der gerade einmal 100.000 Einwohner zählenden Stadt ist die Anzahl an Fach- und Führungskräften sehr konzentriert. In keiner anderen Region haben Lenker einen höheren prozentualen Anteil an der Zahl der Beschäftigten. Zudem haben mehr als die Hälfte der Denker und fast 64 Prozent der Lenker gemessen an der Zahl aller Fach- und Führungskräfte in der Region keinen Uni-Abschluss. Frauen besetzen überdurchschnittlich viele Fach- und Führungskräftestellen. Jena nutzt sein Potenzial also optimal aus, um Stellen für Hochqualifizierte zu besetzen. Nichtsdestotrotz gibt es in Jena noch viele freie Stellen für Denker.

Darüber hinaus hat die Universitätsstadt Jena ihre Studenten. Sie sind der hochqualifizierte Nachwuchs, der zu einem großen Teil an seinem Studienort bleibt. Und auch Unternehmensgründungen von Absolventen und Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen (Institute von Fraunhofer-, Leibniz- und Max-Planck-Gesellschaft) tragen erheblich zum Wirtschaftswachstum bei. Mit Unternehmen wie Carl Zeiss und Jenoptik sowie Cybio und Analytik Jena liegt der Fokus auf optischer Industrie und Biotechnologie.

Schlecht sieht es in Jena - und das ist typisch für Ostdeutschland - allerdings noch mit der Kaufkraft aus. Das verfügbare Einkommen beträgt nur 15.672 Euro pro Kopf und Jahr, der Bundesdurchschnitt liegt bei 18.055 Euro. Zudem ist der Anteil hochqualifizierter Migranten - und auch das ist typisch für Ostdeutschland - gering, der in der Prognos-Studie die Internationalität einer Region ausmacht.

München liegt mit großem Vorsprung auf Platz eins des Gesamtrankings. Die bayrische Landeshauptstadt bietet die höchste Lebensqualität und in keiner anderen Region arbeiten mehr Denker und Lenker. Neben Jena und München stellt Handelsblatt Junge Karriere mit Berlin, Hamburg und Stuttgart die fünf besten Regionen ausführlich vor. Frankfurt am Main (Platz sechs) und Darmstadt (Platz neun) sind unter „Frankfurt/Rhein-Main“ zusammengefasst, und Köln/Bonn (Platz acht) firmiert mit Düsseldorf (Platz 13) als Region „Rheinland“. Mannheim liegt im Gesamtranking auf Platz zehn. Mit Ausnahme von Jena, dem Mauerblümchen, sind diese sieben Top-Regionen traditionell starke Kandidaten in Rankings; sie sind die sieben Etablierten.

Aufsteiger Bodenseekreis

Einen Aufsteiger gibt es aber auch im Westen: den Bodenseekreis (Platz sieben). Seine zukunftsträchtige Branchenstruktur mit Luft- und Raumfahrtindustrie (EADS) und Automobil (ZF Friedrichshafen) macht ihn zu einem starken Technologie-Standort und zieht Denker an. Allerdings punktet der Bodenseekreis nicht bei Indikatoren wie Internationalität und Lebensqualität. „So attraktiv wie eine Großstadt ist dieser ländliche Raum für junge Leute nicht“, erklärt Peter Kaiser, Autor der Studie und Senior-Projektleiter bei Prognos. Aus diesem Grund hat Handelsblatt Junge Karriere diese eher ländliche Region links liegen lassen. Denn Städte erscheinen für Einsteiger spannender.

Der Karriere-Atlas zeigt, dass es noch immer ein Ost-West-Gefälle gibt. Von blühenden Landschaften keine Rede: Mit Berlin, Jena, Potsdam, Leipzig und Dresden sind nur fünf Regionen aus Ostdeutschland unter den Top 28 von 150 Regionen, die Fach- und Führungskräften gute Bedingungen bieten. Dem Osten droht ein umfassendes Führungs- und Nachfolgeproblem: Die Beschäftigungsentwicklung der Lenker von 2002 bis 2007 ist stark rückläufig. Lediglich Berlin und Jena bieten optimale Lebensbedingungen. „Die Löhne sind im Vergleich zum Westen zu gering“, erklärt Kaiser. Deswegen sei es so schwer, Hochqualifizierte in den Osten des Landes zu locken. Für den Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der zugleich Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer ist, ein Unding. „Ich trete für eine schnelle Lohnangleichung ein,“ sagt Tiefensee.

In puncto Arbeitslosenquote der Hochqualifizierten schneiden die 39 Regionen in Ostdeutschland mit Ausnahme von Jena schlecht ab. Sie liegen im unteren Drittel der 150 Regionen. In Görlitz etwa ist jeder 14. Denker und Lenker arbeitslos. In Stuttgart nur jeder 100. Ein weiterer Grund: Mit Ausnahme von Berlin, Potsdam, Dresden und Leipzig stehen die Regionen bei weichen Faktoren wie Internationalität und Lebensqualität schlecht da. Auch ist in den ostdeutschen Bundesländern die Gesamtzahl an Hochqualifizierten und Lenkern insgesamt geringer und Ausschläge, egal ob positiv oder negativ, wirken sich entsprechend stärker aus.

Gute Aufstiegs- und Entwicklungschancen

Attraktiv für Denker und Lenker sind die Regionen, in denen große Unternehmen zuhause sind. „Fach- und Führungskräfte legen heute zunehmend Wert auf ein positives Image ihres Arbeitgebers. Sie arbeiten gern bei Betrieben mit großen und geschätzten Produktmarken oder bei Unternehmen, die sich gesellschaftlich engagieren“, sagt Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Zudem bieten große Konzerne mit internationaler Ausrichtung und Niederlassungen im Ausland gute Aufstiegs- und Entwicklungschancen, ein breites Produktportfolio sowie Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Regelmäßig landen Porsche, Daimler und Deutsche Bank ganz oben in Rankings der attraktivsten Arbeitgeber. Für die Regionen bedeutet dies: Je mehr umsatzstarke Unternehmen sie vorzuweisen haben, desto interessanter sind sie für Denker und Lenker.
[/IP0]Prognos bewertete die Regionen deshalb auch nach den Standorten der 500 umsatzstärksten Unternehmen des Landes. Bei diesem Indikator punkten München mit Siemens, BMW, Münchener Rück und Allianz; Stuttgart mit Daimler, Bosch und IBM; Frankfurt am Main mit Deutscher Bank, Nestlé sowie Sanofi-Aventis; Köln/Bonn mit Deutsche Post, Rewe und Telekom sowie Hamburg mit Beiersdorf und Otto. In den besten 25 Regionen werden 44 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Und die sieben Top-Regionen binden 33 Prozent der Denker und Lenker an ihre Standorte. Dabei arbeiten nur 23 Prozent aller Beschäftigten in diesen Regionen.

Ein wichtiger Standortfaktor - vor allem für die junge Generation - ist die Internationalität, da sich kulturelle Vielfalt positiv auf die Innovationsfähigkeit und damit auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Region auswirkt. Konkret: Je höher der Anteil an hochqualifizierten Migranten in einer Region, desto größer ihre Innovationskraft. Bei diesem Kriterium überzeugen die Regionen Frankfurt am Main, München, Stuttgart, Düsseldorf und Hamburg sowie Berlin.
Ein weiterer Indikator für die Attraktivität einer Region ist die Kaufkraft. Sie spiegelt das verfügbare Einkommen in der Region wieder und damit die Attraktivität des jeweiligen Standortes. Die Münchner haben mit 23<TH>439 Euro pro Kopf (bundesweiter Durchschnitt: 18055 Euro) das meiste Geld in der Tasche. Es folgen die Stuttgarter (21.092 Euro), die Frankfurter (20.942 Euro), Wiesbadener (20.901 Euro) und die Düsseldorfer (20.765 Euro). Die Städte im Osten können da nicht mithalten.

Die Lebensqualität wird zunehmend wichtiger

Neben Geld und Karrierechancen wird für die Denker und Lenker die Lebensqualität, die eine Region bietet, zunehmend wichtiger. Laut DIHK-Präsident Braun sind die Städte attraktiv, die unter anderem ein vielfältiges kulturelles Angebot an Ausstellungen oder Theatervorführungen aufweisen können. Im Karriere-Atlas von Handelsblatt Junge Karriere zählen Künstler, Designer und Schriftsteller als Garant für ein tolerantes Umfeld, das Denker und Lenker anzieht. In diesem Punkt liegt Berlin mit seiner bunten Kunst- und Kreativszene klar vorne.

Der Karriere-Atlas weist auch in die Zukunft. Anhand der demografischen Entwicklung hat Prognos die Chancen und Risiken für Denker und Lenker bis zum Jahr 2017 analysiert. Ist der Anteil der über 55-jährigen Denker und Lenker in einer Region groß, ist dies grundsätzlich positiv, da dort potenziell Jobs frei werden. Voraussetzung ist aber, dass junge Denker und Lenker nachrücken können. Ist dies nicht möglich, besteht die Gefahr, dass diese Regionen verwaisen. In Ostdeutschland ist die Vakanzquote vergleichsweise hoch. „Hier bieten sich kurzfristig Beschäftigungsmöglichkeiten“, sagt Kaiser. Die Wahlfreiheit hat aber ihren Preis: die Gehälter sind niedriger als im Westen.

Der Osten holt auf
Minister Wolfgang Tiefensee über die Attraktivität der neuen Länder.

Herr Tiefensee, bei der Beschäftigung von Fach- und Führungskräften schneiden Berlin und Jena, Leipzig und Dresden gut ab. Insgesamt hinkt der Osten aber dem Westen hinterher. Warum ist der Osten so unattraktiv?
Der Osten ist sehr attraktiv. Sehr viele junge, hochqualifizierte Menschen gehen nach Dresden, Jena, Potsdam oder Leipzig, übrigens auch viele aus dem Westen. Aber ein Punkt ist unbestreitbar: Die Unterschiede bei den Gehältern in Ost- und Westdeutschland sind nach wie vor groß. Das gilt für Facharbeiter, Ingenieure und sogar für Professoren. Gerade junge und gut ausgebildete Menschen wollen dies oft nicht akzeptieren. Sie sind häufig noch ungebunden und flexibel und suchen sich einen gut bezahlten Job in Deutschland, Europa und zunehmend auch in der ganzen Welt. Denn der Arbeitsplatz wird natürlich um so attraktiver je besser er bezahlt wird. Es gibt aber Regionen in Ostdeutschland, in denen die Wirtschaft stabil ist. Dort hat sich der industrielle Sektor stark entwickelt. In Städten wie Jena gibt es zum Beispiel hervorragende Hochschulen und Forschungseinrichtungen und eine gute Infrastruktur.

Was kann man gegen die niedrigen Löhne tun? Wie kann man diesen Zug von Ost nach West stoppen?
Ich trete für eine schnelle Lohnangleichung in Ost und West ein. Entscheidend ist, dass Tarifpartner, Unternehmen und Hochschulen Hand in Hand zusammenarbeiten. Wenn sie dies konsequent tun, dann werden Ost-West-Gefälle und Fachkräftemangel in bestimmten Branchen bald der Vergangenheit angehören.

Auch in punkto Lebensqualität hinken die Regionen in Ostdeutschland, abgesehen von Städten wie Dresden, Leipzig und Jena, noch hinterher...
Da widerspreche ich als ehemaliger Bürgermeister von Leipzig energisch. In einigen Bereichen ist die Lebensqualität im Osten sogar höher als im Westen. Die Innenstädte sind aufwändig saniert, und die Schulen renoviert. Im Osten ist zudem die Zahl der Kindertagesstätten höher als im Westen. Das ist für hochqualifizierte Facharbeiterinnen und Akademikerinnen von entscheidender Bedeutung. Hier waren die Grundlagen aus der Vergangenheit gut, und die haben wir weiter ausgebaut.

Ist es sinnvoll, wenn Regionen Cluster bilden und sich auf einige wenige Branchen spezialisieren?
Ein einzelner Bürgermeister oder ein Landrat kann vom grünen Tisch aus keine Wirtschaft planen. Es geht darum, Entwicklungspotenziale zu stärken. Wichtig ist, dass dabei keine Monokulturen herangezogen werden, sondern ein breiter Mix unterschiedlicher Branchen, die sich möglichst gegenseitig befruchten. Es ist ein ganz entscheidender Vorteil im Osten, dass sich gut funktionierende Netzwerke zwischen Wirtschaft, Forschung und Hochschule herausgebildet haben.

Wann ist eine Stadt für Sie attraktiv?
Wenn sie mir einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz, gute Kitas und Schulen für meine Kinder und ein intaktes Wohnumfeld bietet. Die Stadt sollte ein lebendiges, vielfältiges Kulturangebot besitzen, die Infrastruktur gut ausgebaut sein. Außerdem ein Umland mit viel Grün und schöner Natur. Ich hätte gern die Ostsee oder den Thüringer Wald in meiner Nähe. Das Wichtigste aber ist ein gutes soziales Umfeld. Ich lebe gerne in einer Stadt, mit aufgeschlossenen und freundlichen Menschen. Und ich gebe zu, ich bin ein typischer Städter.

Die einzelnen Regionen im Überblick:

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