Karriere Aldi, Lidl, Plus: Arbeiten im Einzelhandel

Üppiges Gehalt, frühe Verantwortung: Eine Karriere beim Discounter klingt verlockend. Doch nicht jeder ist für Aldi & Co. gemacht. Neben der Bürotätigkeit muss zum Beispiel auch tatkräftig angepackt werden. Wer hier nicht flexibel und dynamisch ist, ist falsch.

Kirsten Ludowig | , aktualisiert

Schon während Patrick Redmann, dunkler Anzug, weißes Hemd, gestreifte Krawatte, aus dem Auto steigt, lässt er seinen Blick prüfend über den Parkplatz schweifen. Liegt irgendwo Müll? Stehen Einkaufswagen verlassen herum? Sehen die Grünpflanzen ungepflegt aus? Auf dem Weg zum Eingang des hellen Gebäudes geht es weiter: Ist der Schaukasten schmutzig? Hängt gar die Aktionswerbung von letzter Woche noch darin? Quillt der große Abfalleimer über? Im Kopf hakt der 31-jährige Diplom-Kaufmann mit den struppig gegelten Haaren seine persönliche Checkliste Stück für Stück ab.

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet der Bereichsleiter Filialorganisation bei Aldi Süd in der Regionalgesellschaft Kerpen. Vier Filialen im Großraum Köln mit 40 Mitarbeitern betreut er, und er ist jeden Tag vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen. Dazu gehört in erster Linie der Rundgang, der schon auf dem Parkplatz beginnt und sich drinnen fortsetzt. "Alles muss sauber, ordentlich und klar strukturiert sein", sagt Redmann, geht durch die gläserne Schiebetür - nicht ohne zuvor einen zerknüllten Einkaufszettel vom Filzvorleger zu pflücken - und hält bei der ersten Palette mit Brot, Brötchen und Kuchen.

Die Aufstiegschancen bei Discountern sind gut

"Ich habe immer die Kundenbrille auf und stelle mir die schlichte Frage: Würde ich hier gerne einkaufen?" Über den Status seiner Filialen berichtet er regelmäßig dem Leiter Verkauf in Kerpen. Ein klassische Karriere in der Welt der Discounter: schneller Einstieg, viel Verantwortung und doch längst nicht jedermanns Sache. "Der Job ist eine Typfrage", sagt Redmann.

In den 60er-Jahren führte Aldi als erstes Handelsunternehmen in Deutschland das Discountprinzip ein, andere Einzelhändler zogen zügig nach. Im vergangenen Jahr hatten die Discounter nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung einen Anteil von 44 Prozent auf dem deutschen Lebensmittelmarkt. Aldi gilt als Marktführer, mit einem geschätzten Umsatz von 23 Milliarden Euro. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts AC Nielsen von 2007 kennen 99 Prozent aller Deutschen Aldi, 86 Prozent kaufen dort ein.

Discounter wachsen in allen Branchen

Aber was heißt das eigentlich, Discounter, und was genau ist das Discountprinzip? Der Begriff stammt von dem englischen Wort "discount" ab und heißt übersetzt Preisnachlass oder Rabatt. "Das Ziel der Discounter ist ein möglichst hoher Warenumschlag in möglichst kurzer Zeit", erklärt Branchenexperte Matthias Queck vom Marktforschungsinstitut Planet Retail. Der Weg dahin führt über ein flaches Produktsortiment, einfache Präsentation und niedrige Preise. "Zu den Discountern im klassischen Sinne zählen die großen Lebensmittelketten Aldi, Lidl, Netto und Plus, Penny sowie Norma", sagt Queck. Längst hat das Discountprinzip aber auch auf andere Branchen wie Textil, Schuhe, Möbel oder Elektro übergegriffen.

Paletten und Aktionsflächen, Ware direkt aus dem Karton, grelle Preisschilder - einkaufen bei den Billig-Supermärkten liegt im Trend. "Die Discounter sind in den letzten Jahren stark gewachsen", sagt Matthias Queck. "Das Prinzip ist den Deutschen in Fleisch und Blut übergegangen. Der Normalpreis, an dem sie sich orientieren, ist der Discountpreis." Mittlerweile müssen sich sogar große Supermarktketten den Preissenkungswellen der Discounter beugen. So verwundert es nicht, dass Aldi und Co. relativ gut dastehen, während der deutsche Einzelhandel in der Wirtschaftskrise stark leidet.

Allerdings gehören die Discounter auch nicht zu den Krisengewinnern schlechthin, wie man vermuten könnte. "Aktuell ist die Konzentration auf dem deutschen Markt hoch und Wachstum nur noch über Verdrängung möglich", sagt Queck. 2008 überrollte den Discounthandel eine große Konsolidierungswelle - Netto etwa kaufte über 2300 deutsche Plus-Filialen. "Trotzdem expandieren viele Discounter gerade in der Wirtschaftskrise stark im Ausland und haben deshalb Nachwuchssorgen." Und so bieten die großen Discounter allein bei den Trainee-Programmen zum Bereichs- oder Verkaufsleiter einige Hundert Plätze in diesem Jahr an (siehe Seite 5).

Akademiker sind bei Discountern stets gefragt

Der gelernte Versicherungskaufmann Patrick Redmann ist Ende 2006 bei Aldi Süd eingestiegen. Der Kontakt kam auf dem Tag des Handels der Uni Köln über Eckhardt Otte zustande, den Geschäftsführer in Kerpen. "Ich habe mich mit Herrn Redmann unterhalten und ihn zu einem Vier-Augen-Gespräch nach Kerpen eingeladen", erzählt Otte. "Etwa drei Wochen später, nach Schnuppertag und zweitem Gespräch, habe ich ihm einen Vertrag angeboten."

Obwohl Aldi Süd - wie viele Discounter - extrem öffentlichkeitsscheu ist, gibt das Unternehmen Gas, wenn es darum geht, Akademiker für sich zu gewinnen. "Discounter wie Aldi und Lidl sind schon seit ein paar Jahren mit großen Ständen auf unserem Absolventenkongress vertreten", sagt Jens Reufsteck. Er ist Leiter Marketing & Online beim Karrieredienstleister Staufenbiel, der Deutschlands größte Jobmesse veranstaltet.

Discounter kämpfen mit Imageproblemen

Die Discounter gehören zu den beliebtesten Einkaufszielen der Deutschen, haben sich auf dem Markt etabliert und bieten auch in der Wirtschaftskrise Jobs. Warum gehören sie dann nicht auch zu den beliebtesten Arbeitgebern? An dem Überwachungsskandal bei Lidl, dem zweitgrößten Lebensmittel-Discounter, liegt es laut Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an derFachhochschule Bonn-Rhein-Sieg, eher nicht. "Meine Studenten zumindest lassen sich davon bei der Jobsuche nicht abschrecken", sagt er. Aber was ist dann der Grund?

Die Discounter kämpfen seit Jahren mit einem großen Imageproblem. Bei Aldi und Co. zu arbeiten, erscheint vielen Absolventen, die frisch von der Uni oder FH kommen und nach einem ersten Job suchen, nicht gerade glamourös. "Der Absolvent, der bei einem Discounter anfängt, muss anpacken können und vor allem auch wollen. In diesem Job ist sehr viel praktische Problemlösung gefragt", sagt Marlies Bröckers vom Karrieredienstleister Access, gesucht werde der Hands-on-Typ. Ein "impulsiver Macher" wie Eckhardt Otte von Aldi Süd in Kerpen es nennt - zumindest für das Trainee-Programm zum Bereichs- oder Verkaufsleiter, wie es viele Billigheimer in Deutschland anbieten.

Vom Aufbau her ähneln sich die Konzepte: In verschiedenen Phasen lernen die Trainees den Aufgabenbereich eines Filialleiters kennen. Dabei werden sie in einer oder mehreren Filialen eingearbeitet, begleiten aber auch erfahrene Verkaufs- oder Bereichsleiter. Schließlich übernehmen sie - meist in Vertretung für Kollegen - erste Verantwortung für eine oder mehrere Filialen. Zum Teil sind auch einzelne Stationen in der Zentrale, etwa in den Bereichen Verwaltung, Disposition oder IT, vorgesehen.

Bei Aldi verdient es sich am besten

Und das Geld? "Beim Gehalt ist Aldi Süd der Porsche unter den Discountern", sagt Bröckers von Access. Ein Trainee bei Aldi Süd bekommt einen Audi A4 als Dienstwagen und verdient 62000 Euro brutto jährlich. Im zweiten Berufsjahr sind es 73200 Euro, im dritten 81700 Euro und im vierten 95000 Euro. Es verwundert also nicht, dass das Unternehmen so offen über Gehälter spricht, während sich andere Lebensmittel-Discounter bedeckt halten. Aber auch Lidl und Netto werben mit überdurchschnittlichen Gehältern, und bei Norma gibt es etwa 54000 Euro brutto jährlich zum Einstieg.

Andererseits erwarten die Unternehmen auch viel von ihren Mitarbeitern. Wer nach dem Studium bei einem Discounter anfängt, hat keinen Nine-to-five-Job. 60- bis 70-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit, die Samstage gelten als normale Arbeitstage, und jeder muss ganz unten anfangen.

Jeder fängt ganz unten an

Auch Patrick Redmann hat in seinem Trainee-Programm gelernt, was es heißt, eine Filiale zu führen: kassieren, Ware bestellen, auch mal ein Glas runtergefallene Gurken aufwischen. "Für Schreibtischtäter ist der Job nichts", sagt er. "Man braucht die richtige Grundeinstellung und darf sich nicht zu fein sein, auch mal Kartons zu tragen oder eine Palette umzustellen." Nach dem 12-monatigen Trainee-Programm wurde er Bereichsleiter Filialorganisation, die dritte von fünf Karrierestufen.

Jetzt weiß er, was zu tun ist, wenn laut Wetterbericht die ersten Sonnentage vor der Tür stehen. Dann werden auf einen Schlag Grillfleisch, Baguettes, Butter, Salate und Dips in Massen nachgefragt und müssen im Vorfeld bestellt werden. Kuchen mit Schokoglasur dagegen sollte nicht nachgeordert werden. Zudem prüft er die Belege und täglichen Kassenabrechnungen, hat ein wachsames Auge auf die Verkäufe und Umsätze und kümmert sich um alle Personalfragen.

Es gehört bei Aldi Süd zur Philosophie, dass jeder Mitarbeiter - auch diejenigen, die in der Zentrale in Mülheim an der Ruhr arbeiten - ein paar Wochen Filialluft schnuppern, um dem Kunden so nah wie möglich zu sein. Die Filialzeit während des Trainee-Umlaufs soll jedoch vor allem die Akzeptanz der Bereichsleiter bei ihren Mitarbeitern fördern. "Ich kann nicht durch die Gänge gehen und sagen ,mehr Grillfleisch', wenn ich mich vorher noch nie mit der Warenbestellung auseinander gesetzt habe", sagt Redmann.

Wenn Redmann unterwegs ist, führt sein Weg in jeder Filiale zuerst ins Büro. Das ist die geheimnisvolle Tür gleich vorne rechts neben der letzten Kasse. Redmann stellt seine Tasche ab und nimmt eine Art Kladde aus der Schreibtischschublade. "Das ist das Besucherbuch. Da muss sich jeder eintragen, der nicht direkt in der Filiale arbeitet", erklärt er. In manchen Filialen, die schon 20Jahre und älter sind, finden sich auf den ersten Seiten noch die Unterschriften von Karl Albrecht. "Das hat schon einen gewissen Hauch von Geschichte", sagt Redmann. Wie die meisten seiner Kollegen hat er den Aldi-Gründer, der wie sein Bruder Theodor zu den reichsten Männern Deutschlands zählt, noch nie zu Gesicht bekommen.

Aldi ist  auch eine Erfolgsgeschichte der Nachkriegszeit

Die Essener Geschwister - die Abkürzung Aldi steht für Albrecht-Discount - bauten die Kette nach dem zweiten Weltkrieg auf und teilten sie Anfang der 60er-Jahre in Aldi Süd und Aldi Nord. Mittlerweile besteht Aldi Süd aus 31 Regionalgesellschaften, die jeweils von einem Geschäftsführer geleitet werden. Zur Regionalgesellschaft Kerpen gehören 49 Filialen. Von den elf Bereichsleitern sind sechs Männer und fünf Frauen. Das ausgewogene Verhältnis ist laut Aldi Süd zwar Zufall, aber Thomas Roeb von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg hat bei seinen ehemaligen Studenten beobachtet, "dass bei Aldi Frauen mindestens genauso gute Chancen haben wie Männer."

Breichsleiter müssen stets viel kontroliieren

Patrick Redmann legt den Stift beiseite und geht wieder in den Verkaufsraum. Er läuft zurück zum Eingang, denn dort beginnt sein Ladenrundgang. Er kontrolliert zum einen die Technik, zum Beispiel den Pfandautomaten oder die Temperatur in den Tiefkühltruhen und Kühltheken. Er achtet aber auch darauf, dass Aktionsartikel wie die blühenden Ampelpflanzen ansprechend präsentiert sind, die Preisschilder richtig hängen und die Salatherzen frisch sind. Zudem schaut er hier und da auf das Mindesthaltbarkeitsdatum.

"Der Bereichsleiter übernimmt im Wesentlichen Kontrollaufgaben", sagt Roeb aus eigener Erfahrung. Er hat zwei Jahre für Aldi Süd gearbeitet. "Die Discounter sind stärker als andere Unternehmen hierarchisch geprägt." Daran musste sich Roeb, der 1988 direkt vom Campus zu Aldi Süd kam, erst gewöhnen. "Verbesserungsvorschläge über den eigenen Verantwortungsbereich hinaus äußert man nicht von sich aus, sondern nur, wenn der Vorgesetzte einen danach fragt."

Aber auch der Job an sich, speziell die routinierten, starren Arbeitsabläufe und das ständige Kontrollieren, hält den ein oder anderen Absolventen von einem Einstieg beim Discounter ab. "Viele BWL-Studenten wollen sich in ihrem ersten Job kreativ verwirklichen - zum Beispiel bei einer Unternehmensberatung", sagt Marlies Bröckers vom Karrieredienstleister Access. "Die Discounter aber sind so erfolgreich, weil sie so fest strukturiert sind. Der Absolvent sollte bereit sein, sich diesen Strukturen anzupassen." Das gelingt nicht jedem. "Über ein Drittel der Trainees, die bei Aldi anfangen, scheiden im ersten Jahr wieder aus", behauptet Roeb. Aldi Süd macht dazu keine Angaben.

Die Anforderungen werden schnell sehr hoch

Andere Absolventen schreckt aber auch die frühe Verantwortung ab. "Als Bereichsleiter muss ich entschlussfreudig sein. Es gibt 100 Kleinigkeiten am Tag, die ich entscheiden muss", erzählt Patrick Redmann. In der Tat kämpft er an vielen Fronten: Abläufe, Mitarbeiter, Kunden. "Ich bin so etwas wie ein Unternehmer im Unternehmen."

Redmann hat gute Chancen - er ist der Typ für eine schnelle, harte Karriere beim Discounter. In zwei oder drei Jahren würde er gerne eine Zeit lang ins Ausland gehen - vielleicht nach Großbritannien, in die USA oder nach Australien. Das ist bei Aldi Süd möglich, aber nicht die Regel. Auch hier gilt: Man fragt nicht, man wird gefragt. Die Geschäftsführung spricht nur den Bereichsleiter an, den sie für geeignet hält. Redmann muss also hoffen, dass es für einen Auslandsaufenthalt reicht; denn der ist die Eintrittskarte für einen weiteren Aufstieg bei Aldi Süd. Am Ende des Tages geht er wieder hinaus auf den Parkplatz und steigt, nach einem prüfenden Blick zurück, in seinen Dienstwagen. Morgen steht für Patrick Redmann die nächste Filiale auf dem Programm. "Für Schreibtischtäter ist der Job nichts. Man braucht die richtige Grundeinstellung und darf sich nicht zu fein sein, auch mal eine Palette umzustellen." Patrick Redmann

Jobaussichten bei Discountern

Aldi Süd unterhält in Deutschland etwa 1740 Filialen. Nach dem 12-monatigen Trainee-Programm sind die Bereichsleiter Filialorganisation verantwortlich für etwa 6 Filialen und 50 bis 70 Mitarbeiter. Aldi Süd plant, 2009 rund 70 bis 100 Trainees einzustellen. www.aldi-sued.de/karriere

Lidl (Schwarz-Gruppe) besitzt rund 3000 Filialen in Deutschland. Nach dem 9-monatigen Trainee-Programm sind die Verkaufsleiter verantwortlich für etwa 5 Filialen mit 80 Mitarbeitern. www.lidl.de

Penny (Rewe-Gruppe) machte keine Angaben.

Netto und Plus (Edeka-Gruppe) haben rund 4000 Filialen in Deutschland. Nach dem 12-monatigen Trainee-Programm sind die Verkaufsleiter verantwortlich für 5 bis 7 Filialen. Netto will 2009 40 bis 50 Trainees einstellen. www.netto-online.de/karriere

Norma führt etwa 1300 Filialen in Deutschland. Nach dem 6- bis 8-monatigen Trainee-Programm sind die Bereichsleiter Verkauf verantwortlich für 5 bis 7 Filialen und 40 bis 60 Mitarbeiter. Norma plant, 80 Trainees einzustellen. www.norma-online.de

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