Karneval "Echte Fründe ston zesamme"

Nicht nur die Haushalte von Köln und Düsseldorf ziehen wirtschaftlichen Nutzen aus Karneval. Wie und warum Manager und Unternehmer an Karneval jeck sind, und mit welchen Hintergedanken sie los ziehen.

Diana Fröhlich, Tanja Kewes | , aktualisiert

Der Gürzenich, jene urkölnische Veranstaltungslokalität, die von außen aussieht wie eine mittelalterliche Burg, ist an diesem Sonntagnachmittag im Januar voll besetzt. 1300Cowboys und Indianerinnen, Clowns, Pippi Langstrumpfs, Sträflinge und Teufelchen bevölkern den Saal. Ganz vorne, direkt an der Bühne steht Michael Garvens. Er ist noch keine Viertelstunde da, da ist er schon hoch dekoriert, da baumeln ihm drei Orden aus Emaille um den Hals – zwei von der KG Luftflotte, „seiner“ Gesellschaft, und einer von der KKG Alt-Lindenthal.

Der 52-Jährige, der im richtigen Leben Geschäftsführer des Flughafens Köln-Bonn ist und als gebürtiger Hamburger vom Typ her eher ruhig und gewieft, scherzt und lacht, prostet zu und busselt. Auf dem Kopf trägt er das blaugoldene Käppi der KG Luftflotte, passend dazu die blaue Uniform mit den goldenen Bordüren. Als schließlich der Fliegermarsch erklingt und der Elferrat einzieht, da zeigt der „Ehrensenator“, so lautet sein Titel in der Session, ein so breites, so glückliches Lächeln wie ein kleines Kind.

Und damit ist er in jecker Gesellschaft. Mit ihm an den schmalen Tischen im Gürzenich sitzt, steht und schunkelt eine illustre Schar. Mit dabei sind Fritz Schramma, der zurückgetretene Kölner Oberbürgermeister, Jörg Potreck, Chef der Hilton Hotels in Köln und Bonn, Sören Hartmann, Chef der Rewe Touristik, Claus Mingers, Ex-Vorstand des M-Dax-Konzerns Douglas, und Wilfried Wolters, Chef der Kölner Bimmelbahnen. Die Herren tragen entweder die blaue Uniform der KG Luftflotte oder sind gar nicht verkleidet wie Hartmann. Die Damen sind kostümiert – als Papagei, 20er- Jahre Lady mit Federboa und Zigarettenspitze oder bayrische Zenzi.

Kölle alaaf! Düsseldorf helau! Während der Session und an den tollen Tagen von Altweiber bis Aschermittwoch setzen sich viele Manager und Unternehmer die Narrenkappe auf. So wie Flughafenchef Garvens im Gürzenich wurden auf Mädchensitzungen, Herrenfrühschoppen und Prinzenproklamationen auch schon der Drogerie-König Dirk Rossmann, Dieter Morszeck, Chef von Rimowa-Koffer, Patrick Adenauer, Bauunternehmer und Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Air-Berlin-Boss Joachim Hunold gesichtet.

Verkleidet als Manager

Die Beweggründe sind dabei so vielfältig wie die Kostümwahl im Gürzenich. Der erste will vor allem Spaß haben, der zweite netzwerken, der dritte Marketing machen, der vierte Geld, der fünfte alles zusammen. Ganz ohne Hintergedanken geht kein Kappenträger los. Aber wie von den Höhnern besungen „ston“ sie dann wie „echte Fründe zesamme“. Und dabei sind längst nicht nur geborene Rheinländer. So sagt Hartmann von Rewe Touristik, der in seinem schwarzen Business-Anzug im Gürzenich wie eine Amsel unter bunten Vögeln wirkt und ein Nordlicht wie Garvens ist, noch zu diesem: „Dass Sie so Karneval feiern können, hätte ich ja nie gedacht. Ich muss da wohl erst noch meinen Weg finden. Das Geheimnis müssen Sie mir mal verraten.“

Der Karneval ist ein Marktplatz – und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist er für Hoteliers, Kneipiers, Kamelle-Hersteller und Strüßjer-Lieferanten ein gigantisches Geschäft. Rund 460 Millionen Euro Umsatz bringt das Volksfest jedes Jahr allein der Stadt Köln (siehe Ende). Zum anderen ist es die ideale Kontaktbörse. „Beziehungen knüpfen, pflegen und vertiefen und die eigenen Mitarbeiter motivieren, das sind neben dem sozialen Aspekt die Hauptgründe für Firmenchefs, sich im Karneval zu engagieren“, sagt Experte Rainer Minz von der Strategieberatung Boston Consulting.

So ist Flughafen-Chef Garvens auf der Kostümsitzung der KG Luftflotte „auf du und du mit Oberbürgermeister und Polizeipräsident“. „Das kann ja mal nützlich sein.“ Ähnlich denkt auch Bernhard Mattes, er steht sogar in der Pflicht. Der 54-Jährige ist Deutschland-Chef des Autobauers Ford, der einer der Hauptsponsoren des Kölner Karnevals ist. Als größter Arbeitgeber der Stadt stellt Ford dem Dreigestirn jährlich drei Wagen zur Verfügung, mit denen Prinz, Bauer und Jungfrau zu ihren mehreren Hundert Auftritten fahren können. Das ist Marketing vom Feinsten. Zum „Dank“ darf Mattes an Rosenmontag im Wagen des Festkomitees mitfahren.

„Man kann sich im Karneval dem Standort Köln nicht einfach entziehen“, sagt der gebürtige Wolfsburger, der sich während der Session gerne mal kostümiert unters Volk mischt und die Sitzungen in Köln besucht. Gemeinsam mit seiner Frau war er dieses Jahr auch bei der „Verleihung wider den tierischen Ernst“ in Aachen. Der Chef macht es vor, die Mitarbeiter ziehen mit: Ford hat 2001 eine eigene Karnevalsgesellschaft gegründet, die „Fidelen Fordler“.

Es herrscht Werbeverbot

Doch das geschäftliche Treiben hat nicht nur Anhänger. Als Fest schwankt der rheinische Karneval zwischen Brauchtum und Kommerz. Das weiß keiner besser als Markus Ritterbach, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval: „Wir bewegen uns hier auf einem ganz schmalen Grat.“ Die Institution ist einerseits auf das Engagement von Firmen wie Ford, UBS, Net Cologne angewiesen. Andererseits darf Karneval keine reine Werbeveranstaltung werden – ja, nicht einmal der Verdacht darf aufkommen. „Wir erliegen längst nicht jeder Versuchung. Unsere Regeln sind gesetzt“, sagt Ritterbach. So sind Markenlogos im Kölner Rosenmontagszug verboten. Und auch Garvens Marketingerfolg im Gürzenich ist nur sehr subtil. Der Gong, der im Saal die Durchsagen einleitet, ist der des Flughafens Köln-Bonn.

Tobias Bachmüller dagegen geht in die Offensive. Der Chef des Süßwarenherstellers Katjes aus Emmerich nahe der holländischen Grenze ist seit 2006 erstmals wieder im etwas weniger traditionsreichen Düsseldorfer „Zoch“ dabei. Zwar darf auch er sein Markenzeichen, eine schwarze Katze, nicht zeigen, doch der 53-Jährige hat eine Lösung gefunden. Auf seinem Wagen, einem nachgebauten Schiff, werden er und sein Geschäftsführerkollege Bastian Fassin als Matrosen verkleidet stehen und das Getränkepulver Ahoj-Brause – ein Produkt von Katjes – unters Volk werfen. Die Kinder der beiden helfen dabei mit, ein echter Familienbetrieb. „Ich bin zwar kein echter Karnevalist, aber den Spaß mache ich mit“, sagt Bachmüller.

Aus gutem Grund. Die ganze Aktion ist pures Product-Placement. 500000 Tütchen landen so in nur drei Stunden direkt in den Händen der Zielgruppe: den Kindern. Und nicht nur dort. Denn mittlerweile mögen auch Erwachsene die Brause – aufgelöst in Alkohol. Der Mittelständler setzt bei seiner Marketingkampagne auf prominente Helfer. Vor ein paar Jahren hat der Komiker Hape Kerkeling für Ahoj-Brause geworben, diesmal ist es Elton, der als Praktikant bei „TV total“ bekannt wurde. Diese Aktion ist auch im Konkurrenzkampf mit Haribo ein echter Knaller.

Am Montag steuert die fünfte Jahreszeit ihrem Höhepunkt entgegen – und zwar nicht nur für Katjes. Millionen Menschen werden sich in den Hochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz den Rosenmontagszug anschauen – und auf den Wagen werden viele Manager und Unternehmer stehen. In Köln werden das Ford-Deutschland-Chef Mattes sein, und Flughafen-Chef Garvens. Der schwärmt: „Das ist ein einmaliges Erlebnis. Eine Million Menschen flehen Sie um Kamelle an. Die vier Stunden vergehen wie im Flug.“ Und er weiß: „Jeck sein bringt Sympathiewerte.“

Der Karneval – ein Fest zwischen Spaß und Pflicht, Brauchtum und Kommerz. Oder wie der Kölner Komiker Marc Metzger im Gürzenich zu später Stunde zum Besten gibt: „Es ist kein Klüngel, es ist alles Benefiz.“

Im Jahr 1996 hat der nordrhein-westfälische Landtag den Karneval offiziell als Kulturgut anerkannt. Doch das jecke Volksfest hat auch eine steigende wirtschaftliche Bedeutung. Der Stadt Köln bringt der Karneval jedes Jahr stolze 460 Millionen Euro Umsatz. An den tollen Tagen stürmen rund eine Million Besucher die Kneipen und trinken das traditionelle Kölsch. Die Hoteliers freuen sich über mehr als 250 000 Übernachtungen und die Taxifahrer zählen während der fünften Jahreszeit über 500 000 Fahrten. Insgesamt 5 000 Arbeitsplätze erhält der Karneval in Köln. Doch nicht nur in der jecken Hochburg profitieren die lokalen Betriebe.

In Düsseldorf sichert die närrische Zeit immerhin 2 500 Jobs. Allein an Rosenmontag rechnet die Landeshauptstadt je nach Wetter mit rund einer Million Besuchern, in der Altstadt werden an diesem Tag knapp 200 000 Euro umgesetzt, an Altweiber kommt noch mal die gleiche Summe zustande. Wer auf einem Wagen im Rosenmontagszug mitfahren darf, der braucht Wurfmaterial. Für Schokoladentafeln, Gummibärchen oder Mäusespeck werden in Düsseldorf jedes Jahr 250 000 Euro ausgegeben, das sind rund 60 Tonnen.

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