Karl-Georg Altenburg "Ich sehe meinen Beruf wie ein Tennismatch"

Für Karl-Georg Altenburg, Deutschlandchef der Investmentbank JPMorgan, heißt sportlicher Ehrgeiz, dass man nicht immer als Sieger vom Platz gehen muss.

Dorothee Fricke | , aktualisiert

Junge Karriere: Herr Dr. Altenburg, Sie haben Maschinenbau mit Schwerpunkt Kraftfahrwesen studiert: Warum sind Sie nicht in die Automobilindustrie gegangen?
Altenburg: Nach dem Diplom hatte ich einige Vorstellungsgespräche in der Branche und hätte dort auch eine Stelle bekommen können. Aber mir schien die Welt der ganz großen Organisationen nicht der richtige Weg für den Einstieg zu sein. Kleinere Strukturen gefielen mir besser, so dass ich mich dann zunächst für eine Unternehmensberatung entschieden habe.

Hat Ihnen das Ingenieurstudium trotzdem etwas gebracht?
Nicht unbedingt das Fachwissen, aber man bekommt in einem technischen Studium die Werkzeuge mit auf den Weg, um komplexe Probleme analytisch und strukturiert zu lösen, und dies auf eine ganz faszinierende Art und Weise.

Besser als etwa im BWL-Studium?
Das kann man so nicht sagen, die Schwerpunkte sind eben andere. Die Wirtschaftswissenschaften bieten vor allem den Vorzug, dass sie tiefergehende Kenntnisse der Volkswirtschaft vermitteln, die natürlich für die Beurteilung von Kapitalmärkten von enormer Bedeutung sind.

Warum haben Sie auf Ihren Diplomingenieur noch eine Promotion draufgesetzt?
Meine Doktorarbeit über Synergieeffekte bei Unternehmenszusammenschlüssen habe ich während der Tätigkeit als Unternehmensberater begonnen. Das war für mich zum einen die Brücke zur Betriebswirtschaft, zum anderen war es damals in meinem Fach üblich, dass man entweder promovierte oder einen MBA machte. Die Erfahrung, bei einem Thema so weit in die Tiefe zu gehen, bis es kaum noch weiter geht, war sehr befriedigend für mich.

Für viele ist die Tätigkeit bei einer Unternehmensberatung ein Durchlauferhitzer für die Karriere. War das bei Ihnen auch der Fall?
Das war in der Tat ein wertvolles Training, aber mich persönlich hat die Arbeit als Unternehmensberater letztendlich nicht völlig erfüllt. Deshalb bin ich nach zwei Jahren auch ins Investment-Banking gewechselt. Eine wichtige Erfahrung in der Beratung war aber, Organisationsstrukturen und Abläufe eines Unternehmens in ihrer Gesamtheit kennenzulernen.

Was hat Sie am Investment-Banking mehr gereizt?
Im Unterschied zur Beratung geht es hier um den Einsatz von Kapital, das dann auch tatsächlich fließt. Das hat für mich den Spannungsgrad noch einmal wesentlich erhöht. Doch ganz ehrlich hat mich anfangs vor allem auch das Angebot von Salomon Brothers gereizt, nach New York zu gehen. Aus einem geplanten Jahr wurden dann fast sieben.

Wie sah in den achtziger Jahren das Leben als junger Wall-Street-Banker aus? Viel arbeiten und viel feiern?
New York war und ist sicherlich der faszinierendste Finanzplatz der Branche. Die Zeit dort war sehr spannend, aber auch nicht immer leicht. Damals waren die Strukturen, in deren Rahmen junge Leute an den Beruf herangeführt wurden, noch viel weniger ausgeprägt als heute. Man musste um seinen eigenen Platz kämpfen. Das war manchmal ganz schön frustrierend. Aber natürlich habe ich neben der vielen Arbeit auch jede Menge Spaß gehabt: Wir waren eine tolle internationale Community mit Leuten aus aller Herren Länder - Indien, Japan, Südamerika oder Australien. Da ging es natürlich oft nach der Arbeit zusammen in die Bar. Als ich später meine heutige Frau traf, habe ich New York noch einmal von einer ganz anderen Seite kennengelernt.

Wie haben Sie es schließlich geschafft, sich in New York zu etablieren?
An den Moment, als meine Bemühungen, einen festen Platz in New York zu finden, endlich erhört wurden, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich saß in meinem kleinen Cubicle, als der Europa-Chef von Salomon mich anrief und sagte: "Karl, ich habe gehört, du willst in New York bleiben. Was willst du denn gerne machen?" Ich merkte, wie er am anderen Ende der Leitung mit den Fingern trommelte, so dass ich mich relativ schnell entscheiden musste. Aus dem Bauch heraus habe ich mich dann für den Bereich Debt Capital Markets, also Fremdkapitalmärkte, entschieden. So habe ich meine Chance bekommen und daraufhin europäische Emittenten betreut, die in Amerika Kapital aufnehmen.

Wie viel Ehrgeiz braucht man, um Karriere zu machen? Und welche Rolle spielt der Faktor Glück?
Ich war schon immer ehrgeizig und wollte gerne Erfolg haben, aber mein Ehrgeiz war immer sportlicher Natur. Ich bin begeisterter Tennisspieler und habe den gesunden Ehrgeiz, den man beim Sport entwickelt, sehr gut auf den Beruf übertragen können. Aber kein Fleiß und kein Ehrgeiz kann fehlendes Glück ersetzen.

Sie haben sich im Jahr 2000 mit einem Unternehmen im Bereich Mobilfunk selbstständig gemacht. Was hat Sie gereizt, dafür einen sicheren Posten bei JPMorgan in London aufzugeben?
Ende der neunziger Jahre gab es natürlich einen ziemlichen Hype um das Unternehmertum. Davon habe ich mich auch etwas anstecken lassen, aber vor allem hat mich immer schon die Erfahrung der Selbstständigkeit gereizt. Es gab eine vielversprechende Idee, die ich zusammen mit zunächst fünf Kollegen umsetzen wollte. Sehr zum Bedauern meiner Vorgesetzten habe ich gekündigt und bin ins kalte Wasser gesprungen.

Vier Jahre später haben Sie wieder bei JPMorgan angeheuert. Waren Sie als Unternehmer gescheitert?
Ich würde nicht von Scheitern sprechen. Zum einen war das eine sehr wertvolle persönliche Erfahrung für mich, und zum anderen haben wir immerhin unser Geschäftsmodell stabilisiert, wenn auch nur in einem Markt. Die Zeit damals war sehr turbulent. Wir haben wohl unterschätzt, wie schwer es ist, sich gegen die Oligopole im Mobilfunk und die Industriepolitik schlechthin durchzusetzen. Daran ist gescheitert, dass wir richtig groß wurden. Trotzdem: Heute gibt es ein gesundes Unternehmen in Rumänien, in dem zirka 700 Leute arbeiten. Der Grund für meinen Ausstieg war eher, dass das Unternehmen in eine Phase gekommen war, wo mehr operative Fähigkeiten gefragt waren. Die meisten meiner Partner sind geblieben, ich bin ausgestiegen.

Das Risiko, als Unternehmer wie auch als Investmentbanker zu scheitern, ist recht groß: Sind Sie ein risikofreudiger Mensch?
Ein gesundes Risikobewusstsein habe ich schon, aber es ist nicht übersteigert. Wichtig ist das auch gegenüber den Kunden: Die wollen eine klare Entscheidung und eine Meinung, zu der man steht. Wenn man sich immer nur um eine klare Empfehlung oder Entscheidung herumdrückt, schafft man keinen Mehrwert.

Haben Sie als Deutschlandchef überhaupt noch Kundenkontakt?
Natürlich habe ich auch selber Kundenverantwortung, und dem möchte ich mich auch nicht entziehen. Ich könnte nicht nur ein reiner Manager sein. Nur so kann ich gegenüber meiner Mannschaft Akzeptanz erreichen und die richtigen Akzente setzen.

Welche Werte sind Ihnen im Berufsleben wichtig?
Als Verantwortlicher bin ich Vorbild und muss die Richtung für unser Team vorgeben. Man muss für das, was man einfordert, auch selber einstehen können. Der entscheidende Faktor, aber auch das Allerschwierigste ist es, die Mitarbeiter so zu motivieren, dass sie das Beste geben.

Haben Sie ein Motto?
Ich sehe meinen Beruf wie ein Tennismatch. Sie strengen sich an, Sie geben alles, Sie versuchen zu gewinnen - immer im Rahmen der Regeln. Sie können aber auch vom Platz gehen und sagen: "Es war nur ein Tennismatch."

Gibt es aus Ihrer Sicht entscheidende Mentalitätsunterschiede zwischen einem deutschen und einem amerikanischen Unternehmen?
Ich denke, dass kann man so nicht sagen. Die großen deutschen Unternehmen sind heute genauso international wie amerikanische. JP Morgan hat aber eine ganz besondere Unternehmenskultur, die sich durch ein sehr partnerschaftliches Verhältnis auszeichnet. Das ist ein ganz entscheidender Wettbewerbsvorteil, denn jede Minute, die man mit unternehmensinternen Problemen beschäftigt ist, ist eine Minute weniger mit dem Kunden.

Sie haben fünf Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren: Wie schaffen Sie es, neben dem Job Zeit für die Familie zu finden?
Zum Erfolg im Beruf gehört ein ausgeglichenes Privatleben. Davon bin ich fest überzeugt. Dazu muss man sich die Zeit nehmen. So gut es geht, versuche ich, mir die Wochenenden freizuhalten. Dann fordert meine Frau zum Glück ein, dass der Blackberry die meiste Zeit des Tages liegen bleibt.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten für einen Tag etwas ganz anderes machen: Was wäre das?
Dann würde ich gerne auf dem Tennisplatz in Wimbledon im Endspiel stehen.

Karl-Georg Altenburg
Als Spross einer Juristenfamilie wurde Karl-Georg Altenburg 1962 in Mülheim an der Ruhr geboren. Nach dem Abitur studierte er Maschinenbau und Kraftfahrwesen an der RWTH Aachen. Statt wie geplant Automobilingenieur zu werden, ging er nach dem Studium zur Unternehmensberatung Arthur D. Little und promovierte neben dem Beruf an der TU Wien. Vom Beratergeschäft wechselte Altenburg bald ins Investment-Banking und machte bei Salomon Brothers Karriere an der Wall Street. 1993 wechselte er zu JP Morgan, zunächst in New York, später in London. Im Jahr 2000 gründete er das Telekommunikationsunternehmen Inquam Ltd., welches heute der drittgrößte Mobilfunkbetreiber in Rumänien ist. Altenburg nahm jedoch im Jahr 2004 das Angebot an, zu JP Morgan zurückzukehren, zunächst als Leiter des Investment-Bankings Deutschland/Österreich. Seit Juli 2006 ist Altenburg CEO für Deutschland und Österreich. Mit seiner Familie - Altenburg ist Vater von fünf Kindern - lebt der begeisterte Tennisspieler heute in Frankfurt.

JP Morgan Chase and Co.
JPMorgan Chase and Co. ist gemessen an der Marktkapitalisierung die zweitgrößte Bank der USA und die siebtgrößte Bank weltweit. Sie setzt sich zusammen aus der Investmentsparte JPMorgan und der Verbrauchersparte Chase, die in den USA der zweitgrößte Anbieter von Kreditkarten ist. Trotz Gewinneinbruchs hat JPMorgan Chase and Co. die durch den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes ausgelöste Finanzmarktkrise besser weggesteckt als viele Konkurrenten. Der im ersten Quartal erwirtschaftete Überschuss lag bei 2,37 Milliarden Dollar. Die vergleichsweise starke Position verdankt der Konzern einem soliden Risikomanagement. Schlagzeilen machte das Unternehmen, das weltweit rund 180000 Mitarbeiter beschäftigt, jüngst mit der Übernahme des von der Pleite bedrohten Wettbewerbers Bear Stearns für etwa eine Milliarde Dollar. Die US-Notenbank Fed hatte den Deal mit einer Liquiditätshilfe unterstützt. Anfang Juni wurde die Übernahme offiziell abgeschlossen.

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