Jura-Absolventen Angehende Anwälte kämpfen um die Jobs

Rund 10.000 Jura-Absolventen verlassen jedes Jahr die Universitäten. Garantie auf einen Job als Anwalt, Richter, Diplomat oder in der Wirtschaft haben sie aber nicht. Mehr denn je gilt: frühzeitig spezialisieren, Fachwissen anderer Branchen aneignen, Praktika absolvieren.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Gehört das Positron zu den Bestandteilen eines Atoms? Wer hat das Musical "My Fair Lady" komponiert? Und sitzt jemand namens Neil Kinnock in der aktuellen EU-Kommission? Fragen wie diese sind den meisten Juristen herzlich egal - es sei denn, sie wollen, wie Philipp Wendel, ins Auswärtige Amt. Der promovierte Jurist wusste die korrekten Antworten: Nein, Frederick Loewe, nein. Er bestand den umfangreichen Wissenstest für angehende Diplomaten, den Intelligenztest, einen Aufsatz und zwei Sprachtests.

"Das Auswahlverfahren ist ganz schön hart", sagt Wendel. 1600 Kandidaten hatten sich beworben, im Frühjahr wurden er und 34 weitere Jung-Akademiker als Anwärter für den höheren Auswärtigen Dienst angenommen. Warum er sich dieser Herausforderung gestellt hat und seine Bewerbung nicht an eine Kanzlei schickte? "Die ganze Welt als Arbeitsplatz - das hat mich enorm gereizt", sagt er. Und er hat gute Chancen, dort zu bestehen. Auslandspraktikum bei einer Wirtschaftskanzlei in Warschau, ausgezeichnete Englisch- und Französischkenntnisse, Studium in Tübingen, Aix-en-Provence, Kiel und Miami - ein Job als hochbezahlter Wirtschaftsanwalt wäre wohl auch drin gewesen.

Stattdessen drückt er noch mal die Schulbank. An der Akademie des Auswärtigen Dienstes büffelt er noch bis Mai 2008 Wirtschaft, Politik, Recht und Geschichte. Besteht er die Abschlussprüfung, kann Philipp Wendel seinen Job antreten. Am liebsten auf "heißem Pflaster", wie der Newcomer sagt. "Reizvoll fände ich ein Land, in dem deutsche Außenpolitik viel bewegen kann, zum Beispiel in Israel oder im Kaukasus." Schon als Schüler habe er an Austauschprogrammen teilgenommen und dabei immer im Hinterkopf mit dem Gedanken gespielt, später einmal seine Heimat repräsentieren zu wollen. Außerdem reizt ihn das Rotationsprinzip im Auswärtigen Dienst. "Mit dem Einsatzort wechseln die Aufgaben. Deshalb muss man Generalist sein."

Wer es wie Philipp Wendel in den Staatsdienst schafft, ist fein raus. Als lebenslang abgesicherter Beamter hat er die Chance, alle paar Jahre in einem anderen Land zu arbeiten. Doch diese luxuriöse Qual der Wahl hat längst nicht jeder der rund 10 000 Jura-Absolventen, die jährlich die Uni mit dem zweiten juristischen Staatsexamen in der Tasche verlassen. Anders als in den Disziplinen Elektrotechnik, Maschinenbau, Rechnungswesen oder Informatik, deren akademischer Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt stark gefragt ist, können sich bei den Juristen nur Spitzenleute ihre Jobs wirklich aussuchen.

Sozialversicherungspflichtige Stellen sind knapp

"Die Großkanzleien schicken ihre Talentscouts in die Unis, um sich die Besten zu sichern, so wie in den USA die Football-Profis ausgespäht werden", sagt Stephan Göcken, der Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) in Berlin. Anders gesagt: Auch hier setzt sich nur Qualität durch. Die breite Masse hingegen findet häufig nur als minder bezahlter Praktikant den Jobeinstieg.

Selbst wenn die Jobofferten für Juristen in den Tages- und Fachzeitungen laut Personaldienstleister Adecco 2005 und 2006 erstmals wieder angestiegen sind: Sozialversicherungspflichtige Stellen in Kanzleien, Behörden oder Rechtsabteilungen sind immer noch knapp. 2006 wurden fast 40 Prozent weniger Juristen gesucht als noch fünf Jahre zuvor, und das bei annähernd gleicher Absolventenzahl.

Wer sich nach dem Examen nicht in das Heer der zurzeit knapp 6000 arbeitslos gemeldeten Juristen einreihen will, muss die Weichen deshalb früh stellen. "Drauflos studieren und hoffen, dass es schon irgendwie mit dem Traumjob klappt, ist reine Traumtänzerei", mahnt BRAK-Sprecher Stephan Göcken. Höchstens zehn Prozent der Absolventen eines Jahrgangs kämen in Justiz oder Verwaltung unter.

Durch seinen Studienschwerpunkt Völkerrecht und internationales Seerecht hat Diplomat Wendel schon früh definiert, welche Branchen er später einmal anstrebt. Am Internationalen Seegerichtshof in Hamburg hat er zudem als Praktikant gearbeitet. Auch seine 34 neuen Kollegen waren allesamt bereits im Ausland oder bei einer internationalen Organisation tätig, zum Beispiel bei einer Botschaft oder Auslandshandelskammer, bei Institutionen der EU oder bei UN-Einrichtungen wie dem Ruanda-Kriegsverbrechertribunal in Tansania.

Wer plant, statt bei einer Behörde oder einer internationalen Organisation lieber in der Rechtsabteilung eines großen Unternehmens einzusteigen, spezialisiert sich besser auf eines der im Wirtschaftsleben gefragten Rechtsgebiete. Rund 20 Prozent aller aktuellen Stellenangebote für Juristen entfallen laut Adecco auf private Unternehmen, auf Banken, Versicherungen, Immobiliengesellschaften, Pharma- und Chemiekonzerne und die Fertigungsindustrie. Sogar viele Arbeitgeber aus dem öffentlichen Dienst sind heute mehr oder weniger unternehmerisch orientiert, etwa Krankenhäuser oder Energieversorger. Gefragt sind hier vor allem Experten für Arbeitsrecht, Vertragsgestaltung, Produkthaftung, Insolvenz- oder Steuerrecht.

Aber vor allem Spezialisten für Gesellschaftsrecht haben Konjunktur: "Die Merger- und Akquisitions-Welle, die 1998 bis 2001 erstmals hochschwappte und dann wieder abebbte, hat erneut an Fahrt gewonnen", sagt Jens Hohensee, Recruiting-Experte bei der Unternehmensberatung Kienbaum in Hamburg. Das bedeutet im Klartext: Die Aussicht für Juristen, die fachlich fit sind für die Begleitung von Übernahmen und Fusionen, ist derzeit besonders gut. Aufgerüttelt von zahlreichen Korruptionsskandalen richten immer mehr Unternehmen so genannte Compliance-Abteilungen ein, die für die Einhaltung und Umsetzung von Gesetzen und Vorschriften verantwortlich sind. Auch hier ergeben sich Job-Chancen für Rechtswissenschaftler, vorausgesetzt, sie verfügen über die jeweils nötige Branchenkenntnis. Der in dieser Hinsicht gebeutelte Elektrokonzern Siemens beispielsweise hat gerade das neue Vorstandsressort "Recht und Compliance" erstmals besetzt - mit dem Juristen Peter Solmssen. Ein Vorbild, das Schule machen könnte.

Bis zum Unternehmensvorstand ist es trotzdem ein weiter Weg. Die Basis dazu legen Absolventen nach wie vor mit ihrer Abschlussnote. Anders als beispielsweise bei den internationalen Großkanzleien gelingt der Einstieg in die freie Wirtschaft aber auch gut ohne eines der seltenen Prädikatsexamen: "Das Doppelt-Befriedigend ist zwar immer noch ein gutes Entree, ist aber längst kein unumgängliches Muss", betont Kienbaum-Experte Hohensee. Tatsächlich unerlässlich für eine Wirtschaftskarriere seien vielmehr verhandlungssicheres Englisch, kaufmännische Grundkenntnisse und praktische Erfahrungen, die man sich am besten frühzeitig in Form mehrerer relevanter Praktika aneignet. Doch selbst wenn die freie Wirtschaft mittlerweile interessante Einstiegschancen und Entwicklungsperspektiven bietet: Das Gros aller Jura-Absolventen landet noch immer im Anwaltsberuf. Rund drei Viertel des Nachwuchses wird Advokat.

Top-Kanzleien besitzen magische Anziehungskraft

Die Hitliste der beliebtesten Arbeitgeber dominieren weiterhin die internationalen Top-Adressen der Zunft: Namen wie Freshfields Bruckhaus Deringer oder Hengeler Mueller oder Clifford Chance belegen unverändert Jahr für Jahr die vorderen Plätze beim Trendence Absolventen Barometer Law. Die Vision, vielleicht einmal als Partner den eigenen Nachnamen in großen Lettern neben den Anwaltslegenden hängen zu sehen, berauscht viele. Natürlich üben auch Einstiegsgehälter von 85.000 bis 100.000 Euro plus Bonus magische Anziehungskraft aus.

"Solche Summen sind in allen anderen Bereichen aber völlig illusorisch", betont BRAK-Geschäftsführer Stephan Göcken. In der freien Wirtschaft muss der Juristen-Nachwuchs selbst in gut zahlenden Branchen wie der Automobilindustrie oder bei Pharmakonzernen mit deutlich weniger auskommen. Die Hälfte aller Berufseinsteiger ohne Promotion verdient laut Personalmarkt sogar weniger als 42 000 Euro brutto im Jahr. Das gilt erst recht für den Staatsdienst. Seine A13-Bezüge - zirka 3200 Euro brutto im Monat - kann Jung-Diplomat Philipp Wendel allenfalls mit der steuerfreien Auslandszulage auf Top-Kanzlei-Niveau hieven - vorausgesetzt er ist nicht im krisensicheren Brüssel oder in Kopenhagen tätig.

Um sein Gehalt zu verdoppeln, müsste er schon Städte wie Nowosibirsk, Kiew, Dschibuti oder Luanda in Angola anpeilen. Je unwirtlicher ein Land politisch, wirtschaftlich und kulturell ist, desto höher fällt die scherzhaft Busch-Bonus genannte Zusatzzahlung aus.
Aber auch der Anwaltsnachwuchs in den Top-Kanzleien bekommt nichts geschenkt: 60- bis 70-Stunden-Wochen sind eher die Regel als die Ausnahme. "Die Arbeit in einer Wirtschaftskanzlei mit einem Familienleben in Einklang zu bringen, das diesen Namen verdient, ist nicht einfach", warnt sogar schon die Image-Broschüre von Gleiss Lutz.

Eine gute Balance von Arbeit und Privatleben, also weniger Nacht- und Wochenenddienste und kaum Reisetätigkeit, das vermuten Studenten zu Recht eher bei kleineren Kanzleien. Florian Kelm hat so eine Stelle gefunden, wenn auch aus einem anderen Grund. Nach seinem Studium in Hamburg, dem Referendariat in Dortmund und dem einjährigen Master in Wales (International Business Law), entschied sich der 32-Jährige, zu promovieren. Drei Tage arbeiten, zwei Tage recherchieren und schreiben - das schwebte ihm vor. Nur: Kaum ein Personalchef, mit dem er sprach, unterstützte seinen Plan. Erst als er im Landgericht Köln einen Steckbrief mit Foto an die Wand pinnte, wurde er fündig.

Bei der Kanzlei Zacher & Partner hat er sich jetzt auf den Bank- und Kapitalmarkt spezialisiert. Er vertritt Anlagevermittler in Streitfällen und promoviert nebenher zum internationalen Insolvenzrecht. Ab und an bleibt da sogar Zeit, an der Fachhochschule Vorlesungen zu übernehmen oder sein Wissen im Wirtschaftsrecht an Gymnasiasten weiterzugeben. Das bringt ihm Spaß. "Stoff lehren und mit Schülern arbeiten - das möchte ich auch in Zukunft gerne machen", sagt Florian Kelm. In einer großen Kanzlei hätte er dazu vermutlich keine Gelegenheit bekommen. "In kleinen Kanzleien bekommt man oft mehr Einblicke und kann vielseitiger arbeiten."

Ausweg: Selbstständigkeit

Leicht zu finden sind solche Stellen allerdings auch nicht. "Der Markt für Bewerber ist brutal", sagt Henrik Timmann, 37, Experte für Patentrecht. Er ist jüngster Partner in dem zwölf Rechtsanwälte großen Team von Rospatt Osten Pross in Düsseldorf. Seine Erfahrung: Ein fest angestellter Anwalt rentiert sich nur, wenn er schnell Umsatz bringt. Und gerade Mittelständler können sich "Fehlinvestitionen" ins Personal noch weniger erlauben als renommierte Kanzleien, die es sich erlauben können, ihren Mandanten stolze Stundensätze in Rechnung zu stellen.

Wer sich den Stress der Bewerbung und den Druck in einer Kanzlei hingegen nicht antun will, kann sein Glück auch selbst in die Hand nehmen. Florian Bischoff, 33, hat das beispielsweise getan, nach einem ersten Probelauf in einer Kanzlei. "Da war ich nur ein kleines Rad im Getriebe und Ablage der anderen Anwälte, das war unbefriedigend", sagt der Hamburger. Also kündigte er, besuchte Seminare für Existenzgründer, belegte Kurse, um fit in der Buchführung zu werden - und machte sich im Sommer 2005 selbstständig. Viel Kapital brauchte er dazu nicht. Bischoff nahm sich ein kleines, präsentables Büro in der Innenstadt, für 7,50 Euro pro Quadratmeter, stellte einen Schreibtisch, eine Sitzgelegenheit für Mandanten und eine Kaffeemaschine für persönliche Gespräche hinein und hoffte, "Wind unter die Flügel zu bekommen". Der Medienrechtler hatte Glück. Ein erster Mandant mit regelmäßigem Beratungsbedarf kam auf ihn zu, mit der Zeit wuchs die Kundenliste. "Das kam alles durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Diese Wirkung sollte man nicht unterschätzen. Wenn man keinen Mist baut, empfehlen einen die Mandanten oft weiter." Nach einem halben Jahr sah er, dass es auch finanziell klappt.

Inzwischen arbeitet Florian Bischoff wieder in einer Kanzlei, diesmal aber in einer freien Sozietät, einer Art Bürogemeinschaft für Rechtsanwälte. Bei einem Anwaltsstammtisch wurde er von der Kanzlei Rotermund angesprochen. Ob er nicht interessiert sei? Man suche noch einen Medienexperten. Bischoff stieg ein. Der Vorteil: Die Mitglieder arbeiten auf eigene Rechnung, nach außen tritt die Gruppe als Kanzlei mit verschiedenen Fachrichtungen auf und kann, je nach Bedarf, einen Mandanten gleich einen Raum weiter schicken. Dafür braucht man großes Vertrauen in die Kollegen. Aber es funktioniert, und trotzdem ist jeder sein eigener König. Die Motivation als Freiberufler sei ungleich höher, sagt er, "selbst trockene Themen bringen mir Spaß. Das war früher nicht so." In einer Kanzlei fest anstellen lassen will sich Florian Bischoff jedenfalls nicht mehr. "Diese Freiheit werde ich nicht wieder hergeben."

Ob große Kanzlei oder kleine, fest angestellt oder Freiberufler: In der Startphase hilft es, sich möglichst früh einen Mentoren zu suchen, einen Vertrauten mit Kontakten, der fachliche Fragen beantwortet und Einblicke in die Praxis gewährt. Oft erreicht man das nur durch gewonnenes Vertrauen und gute Leistungen bei der Arbeit, zum Beispiel als Praktikant, Honorarkraft oder Referendar. Es gibt aber auch andere Wege.

Ab April 2008 bietet die Kanzlei Baker & McKenzie erstmals in Deutschland ein studienbegleitendes Mentorenprogramm an. Dafür bewerben können sich Studenten ab dem fünften Semester. Wer einen der 25 Plätze ergattert, erhält einen Partner als persönlichen Coach zur Seite gestellt, darf die Firmenbibliothek nutzen und wird zu Sprachkursen, Veranstaltungen oder auch in ein Auslandsbüro der Kanzlei eingeladen.

Nur wer das Anwaltsleben frühzeitig ausprobiert, kann zudem auch seine persönliche Eignung dafür überprüfen, sich spezialisieren oder gegebenenfalls in ganz andere Bahnen lenken. Partner Henrik Timmann warnt zum Beispiel eindringlich: "Wer Angst vor Streit hat, sollte besser nicht Prozessanwalt werden." Neben der Bereitschaft zu Auseinandersetzungen brauche man außerdem für die erfolgreiche Rechtsgestaltung Fantasie und strategisches Geschick.

Und natürlich dürfen Anwälte, wenn sie allein oder mit Partnern eine Kanzlei führen möchten, keinerlei Scheu vor der Buchhaltung, den Steuern oder der Personalführung haben. Dass der ehemalige Vorsitzende der britischen Labour-Party Neil Kinnock seit 2004 kein EU-Kommissar mehr ist, das muss man als Anwalt allerdings nicht unbedingt wissen.

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