Jungunternehmer Im Gründungsfieber

Kurse zum Unternehmer-ABC sind der Trend an Wirtschaftsunis weltweit – und bei Studenten immer beliebter. Nur: Kann man an einer Hochschule lernen, wie man eine Firma aufzieht?

Melanie Hofmann | , aktualisiert

Im Gründungsfieber

Foto: motorradcbr/Fotolia.com

Sein Ziel zu Beginn des MBA-Studiums war das vieler Kommilitonen: Cinto Gersie wollte den ersehnten Einstieg in die Top-Management-Beratung schaffen, zu McKinsey, Roland Berger oder der Boston Consulting Group wechseln. Das war 2006. Heute ist er Chef seines eigenen Unternehmens Ganic-Water und vertreibt Premium-Wasser aus Norwegen.

Geplant hat er das zwar nicht, bereut aber auch nicht.

Entrepreneurship, in etwa "Unternehmertum", ist Trend an vielen Business-Schools – und erobert auch in Deutschland die MBA-Programme. Die Management-Fortbildung, die hier erst allmählich an Gewicht gewinnt, hatte durch die Finanzkrise einen faden Beigeschmack bekommen, weil viele gefallene Bankmanager einen MBA hatten. Mit dem Gründerfieber wollen die Business-Schools sich auch ein Stück weit rehabilitieren.

Solide betriebswirtschaftliche Grundlage

"Auf den ersten Blick ist die Kombination MBA und Unternehmensgründung vielleicht ungewöhnlich, verträgt sich aber eigentlich ganz gut", sagt Peter Witt, der an der WHU-Otto Beisheim School of Management in Vallendar seit vielen Jahren Entrepreneurship unterrichtet. Der MBA habe die Tradition, Manager auszubilden, also klassische Angestellte, "aber die müssen auch Fähigkeiten lernen, die man als Unternehmer gut gebrauchen kann", sagt Witt.

Das Wichtigste sind solide betriebswirtschaftliche Kenntnisse, also Rechnungswesen, Strategie, Finanzen, Marketing, Logistik. All dies ist schon immer Teil des MBA gewesen, der etabliert wurde, um fachfremden Spezialisten den BWL-Hintergrund zu vermitteln.

"Im Fach Entrepreneurship lernt man dann die gründungsbezogenen Inhalte wie das Erstellen eines Businessplans, eines Finanzierungsplans oder wichtige Verhaltensweisen wie Markteintrittsstrategien", sagt Witt. Gezeigt wird das meist an Fallbeispielen erfolgreicher Gründer, oft Alumni der jeweiligen Business-School. Je nach Programm und Schwerpunkt erstellen die Studenten zudem eigene Businesspläne, die dann manchmal tatsächlich auch umgesetzt werden. 

Unterschiedliche Förderung unternehmerischen Handelns

Der WHU-Professor Witt war es auch, der als Dozent das Gründer-Interesse bei Cinto Gersie geweckt hat. "Wir hatten gleich zu Anfang des Programms einen Kurs in Entrepreneurship, der hat mich nachhaltig beeindruckt", erinnert sich der ehemalige Student. Die Erfahrungsberichte anderer WHU-Gründer, allen voran der Samwer-Brüder mit WHU-Alumni Oliver Samwer, hätten ihn zum Nachdenken gebracht.

"Das wäre sonst gar kein Thema gewesen", sagt Gersie.  Den MBA hat er als gute Grundlage für sein eigenes Startup empfunden. "Ein Geschäftsführer oder Gründer muss sich breit auskennen", sagt Gersie. Die Worte "Geschäftsführer" und "Gründer" verwendet er synonym, wohl um zu zeigen, dass die Aufgaben im Unternehmen sich sehr ähneln. Das Thema Entrepreneurship selbst habe er im Studium dann zwar nicht weiter vertieft, es komme aber in fast allen Kursen an der WHU vor. 

Die HHL Leipzig Graduate School of Management nennt sich zwar nicht Gründer-Uni, fördert bei ihren Absolventen aber doch unternehmerisches Handeln und stellt bei konkreten Geschäftsideen Kontakte zu Geldgebern, Ehemaligen und Beratern her. "Wir beobachten eine Kultur der Team gründung", sagt Andreas Pinkwart , Rektor der HHL. "Über die Hochschule können Partner gefunden werden, die offen sind für eine Gründung." Auch das Netzwerk der Hochschule könne entscheidende Hilfestellung liefern.

Im Gegensatz zu Conti Gersie hatte Stefan Reuter zumindest schon mal über die Möglichkeit zu gründen nachgedacht, als er sich im vergangenen Jahr für einen Vollzeit-MBA an der Mannheim Business School (MBS) entschied. "Der MBA ist für mich eine Karrierewechsel-Möglichkeit, man kann sich weiterentwickeln", sagt Reuter.

Das Programm sei zwar umfangreich und interessant, habe ihm aber nicht einen Baukasten für eine Unternehmensgründung geliefert. Für Reuter ist vor allem das Netzwerk entscheidend: Man lerne viele spannende Menschen kennen, die vielleicht ähnliche Interessen und Ziele haben. "Das war für mich ein ausschlaggebender Grund", sagt er.

Seine Rechnung ging auf: Mit drei Kommilitonen gewann er den Wettbewerb "European Businessplan of the Year" der London Business School. Ihre Geschäftsidee ist die Anwendung "Spotted": Über Social-Media-Plattformen kann man unterwegs sehen, welche Menschen mit ähnlichen Interessen sich gerade in der Nähe befinden. "Das hat uns wirklich vorangebracht", sagt Reuter.

Teamprojekt als Ausnahme

Die Jury habe einige Ideen und Anmerkungen zum Konzept geäußert. Ein Vorschlag: "Spotted" vor allem für Firmenkunden anbieten, also beispielsweise im Rahmen von Messen oder Branchenkongressen, sodass potenzielle Gesprächspartner sich schnell finden können. "Diese Idee hat uns so gut gefallen, dass wir das direkt umgesetzt haben", sagt Reuter. Reuter und seine Mitgründer haben ihren Businessplan als Teamprojekt im Rahmen des MBA erstellt – eine Ausnahme, da im einjährigen Vollzeit-MBA in Mannheim normalerweise ein Beratungsprojekt für Unternehmen auf dem Lehrplan steht.

Im berufsbegleitenden Executive-MBA für erfahrene Führungskräfte erstellen hingegen alle Absolventen ein unternehmerisches Projekt. Hier sei auch der Anteil der Gründer höher. "Im Vollzeit-MBA gründen nur etwa zehn Prozent der Absolventen direkt nach dem Abschluss ihr eigenes Unternehmen", sagt Ralf Bürkle von der MBS.

Idee und Businessplan

Stefan Reuter und seine Kollegen haben sich nun um ein Gründerstipendium beworben, der Gesellschaftervertrag liegt bereit. Im September haben sie ihren Abschluss in Mannheim gemacht, jetzt beginnen sie mit der Programmierung ihrer Anwendung. 

"Welche Idee wirklich erfolgreich sein wird, das kann man vorher nicht sagen", weiß Gründungsexperte Peter Witt, der inzwischen auf über 15 Jahre Erfahrung mit Unternehmertum zurückblickt. Erst der Businessplan zeige, ob eine Idee gut ist. "Deshalb ermutige ich auch im MBA jeden, als Thesis einen solchen Plan auszuarbeiten", sagt Witt.

Er sieht noch einen weiteren Vorteil, wenn MBA-Absolventen gründen: "Wer einen MBA macht, ist meist schon etwas älter und hat oft Berufserfahrung – das macht MBA-Absolventen als Klientel sehr interessant", sagt Witt. Man wisse zudem inzwischen, dass die Erfolgsaussichten einer Unternehmensgründung höher sind, wenn der Gründer schon Erfahrung hat.

Conti Gersie und sein Premium-Wasser GanicWater belegen das. "Ich würde jetzt wirtschaftlich vermutlich besser dastehen, wenn ich zu einer Beratungsfirma gegangen wäre, aber ich bin trotzdem heilfroh, dass ich gegründet habe", sagt Gersie.

Die Freiheit, als Unternehmer zu arbeiten, Entscheidungen unabhängiger treffen zu können als jemand, der angestellt ist – das will er nicht missen.

Auch an europäischen Hochschulen entdecken die Absolventen zunehmend die eigene Firma als Alternative. Am Insead in Frankreich ist die Zahl der Gründer von drei Prozent im Abschlussjahr 2010 auf acht Prozent im Jahr 2011 gestiegen.

An der London Business School waren es 2011 sieben Prozent, an der Rotterdam School of Management gründete einer von 100 Absolventen.

Da viele Absolventen erst einmal ihre Schulden aus den hohen Studiengebühren zurückzahlen müssen, wählen viele zuerst einen gut bezahlten Job und machen sich womöglich erst Jahre später selbstständig. Das verfolgen aber nur wenige Hochschulen.

An der Harvard Business School hat fünf Jahre nach dem MBA die Hälfte mindestens einmal gegründet.

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