Jonas Voelker Ein MBA in Singapur an der INSEAD

Der gelernte Investmentbanker ist aus seinem Beruf wieder zurück in die Ausbildung gegangen und hat für Junge Karriere die Vorteile eines MBA-Studiums zusammengefasst und für Junge Karriere ein Tagebuch geführt.

Junge Karriere | , aktualisiert

MBA am INSEAD in Singapur, eine spannende Zeit beginnt! Nach vier Jahren Investment-Banking bin ich wieder Student. Aber was hat mich hierher geführt? Kurz zu mir: Ich bin ursprünglich aus Stuttgart, aber in den letzten zehn Jahren viel herumgekommen: Studium BWL in Augsburg, mit Auslandssemestern in London und den USA, und Praktikum in Argentinien. Danach habe ich in Frankfurt im M&A bei Lehman Brothers angefangen, nach einem Jahr Umzug nach London, nach einem weiteren Jahr Wechsel zu einer kleineren unabhängigen Corporate Finance-Beratung in München, spezialiert auf Medien und Telekom. Nach mehreren Jahren im Berufsleben kam bei mir immer mehr der Wunsch auf, mich nochmal einen großen Schritt weiterzubilden. Als Alternativen habe ich eine Promotion oder einen MBA in Erwägung gezogen, aber nach einer kurzen Abwägung der Vor- und Nachteile stand die Entscheidung für mich relativ schnell fest: MBA. Eine Entscheidung, die natürlich jeder für sich selber treffen muss, aber meiner Meinung nach sprechen die folgenden Argumente klar für den MBA:

- Internationale Bekanntheit: ein MBA von einer Top-Schule ist (je nach Schule und Region) mehr oder weniger weltweit anerkannt. Er öffnet einem sehr viele Türen und Karrieremöglichkeiten. Der Wert eines deutschen Doktortitels ist auf internationaler Ebene damit nicht vergleichbar.

- Kürzerer, absehbarer Zeitraum: man weiß zu Beginn des MBA, an welchem Tag man ihn abschließen wird und wieder ins Arbeitsleben gehen kann, ganz im Gegensatz zu einer Promotion, die sich über Jahre hinziehen kann und nicht genau abschätzbaren Einflüssen ausgesetzt ist. Im besonderen hat man bei einem MBA die Wahl für ein 1-Jahres-Programm.

- Internationale Erfahrung: an allen guten Schulen lebt und arbeitet man in einem sehr internationalen Umfeld, lernt viel über andere Kulturen und schließt Freundschaften in aller Welt.

- Netzwerk: das Alumni-Netzwerk der Schulen ermöglicht einem Zugang zu wertvollen Informationen in den verschiedensten Industrien, potentiellen Geschäftspartnern, Jobangeboten und nicht zuletzt möglichen Freunden in fremden Städten.

- Teamwork/Softskills: Man arbeitet nicht wie bei einer Promotion im „stillen Kämmerlein“ vor einem weissen Blatt Papier, sondern immer in Teams mit unterschiedlichen Leuten. Dabei bekommt man wertvolle Einblicke in Teamarbeit und lernt andere Arbeitsweisen und kulturelle Besonderheiten kennen. Desweitern werden in den Kursen auch direkt Softskills vermittelt, wie z.B. Verhandlungstechniken.

- Direkte Anwendbarkeit auf Beruf und Karriere: die vermittelten Inhalte sind direkt im Arbeitsleben anwendbar, und nicht nur theoretische Luftschlösser. Die Career Offices der Schulen machen den ganzen Tag nichts anderes, als attraktive Jobangebote für die Studenten zu finden und zu vermitteln.

- Attraktivität für Nicht-BWLer: obwohl das nicht auf mich zutrifft, ist ein MBA besonders für Leute ohne Business-Background attraktiv, da er das bisherige Fachwissen mit allgemeinem kaufmännischem Wissen ergänzt.

Als die Entscheidung für einen MBA also gefallen war, stand die nächste Frage an: welche Business-School? Die Schulen lassen sich anhand verschiedener Kriterien unterscheiden:

- Dauer: die kürzesten Programme dauern 10 Monate, die längsten (full-time) 2 Jahre

- Standort: ob die Schule in den USA, Europa oder Asien stationiert ist, hat einen Einfluß auf potentielle Jobmöglichkeiten, das Alumni-Netzwerk, die Bekanntheit in der Region, das Image (so gut wie keine Schule aus Lateinamerika, Osteuropa, Afrika, und auch – traurig, aber wahr – Deutschland ist international wirklich von Bedeutung)

- Sprache: obwohl an so gut wie allen Schulen Englisch die dominierende Unterrichtssprache ist, bieten einige Schulen ein zweisprachiges Curriculum an, das es einem ermöglicht, sich parallel zum MBA eine nützliche Geschäftssprache anzueignen (z.B. IESE und Instituto de Empresa in Spanien, HEC in Frankreich)

- Position in Rankings: Ich glaube dieses Thema ist bereits erschöpfend behandelt, und obwohl man das wahrscheinlich tot-diskutieren kann, ist die Bottom-Line wohl: Rankings sind wichtig, jeder schaut sie an, also sollte man sich auch selber daran orientieren; sie sollten aber nur ein Anhaltspunkt unter anderen sein. Ich persönlich würde allerdings eher davon abraten, auf eine Schule zu gehen, die nicht regelmäßig irgendwo unter den Top 20 auftaucht.

- Teilnehmer: Die Schulen unterscheiden sich im Profil ihrer Studenten. Es gibt Schulen mit eher etwas „älterem“ Publikum mit einem Altersdurchschnitt von 35 Jahren (IMD), US-Schulen mit einem Schnitt von 27, und europäische Schulen im Mittelfeld. Dies hat natürlich jeweils auch Einfluß darauf, wieviel Arbeitserfahrung die Teilnehmer mitbringen. Dann gibt es Schulen mit über 90% internationalen Studenten (RSM, INSEAD, IMD, LBS) und andere mit weniger als 30% (so gut wie alle US-Schulen).

- Spezialialisierung: manche Schulen haben einen Schwerpunkt in „Entrepreneurship“ (Instituto de Empresa), andere in Finance (Wharton, Chicago, LBS) oder in Marketing (Kellogg).

- Preis: auch wenn sich das eventuell etwas seltsam anhört, aber der Preis sollte bei der Entscheidung eher im Hintergrund stehen. Der langfristige Wert eines MBA steht und fällt mit der Qualität der Schule. Nur aufgrund von Kostengesichtspunkten auf eine mittelmäßige Business-School zu gehen, wird sich langfristig wahrscheinlich nicht auszahlen. Eine wichtige Entscheidung die man zur Minimierung der Kosten treffen kann, ist allerdings – wie bereits erwähnt – ein 1-Jahres-Programm zu machen, was nicht nur den Verdienstausfall während des MBA minimiert, sondern auch die Lebenshaltungskosten. Wenn man nicht von seinem Unternehmen „gesponsert“ ist, kann man sich übrigens nicht wirklich auf Stipendien verlassen, da man die eng gefassten Voraussetzungen oft nicht erfüllt, die Organisationen Aufbaustudien nicht fördern oder z.B. in meinem Fall viele nur für die USA gelten. Und um eines der aussichtsreicheren Stipendien vom DAAD muss man sich zu einem Zeitpunkt bewerben (August ein Jahr vorher), zu dem man im Normalfall noch nicht mal seinen GMAT abgelegt hat, geschweige denn weiß, wann und wo man den MBA machen wird.

Anhand dieser Kriterien war meine erste Wahl eindeutig Insead, wegen des 1 Jahres-Programms, der Internationalität, der Mehrsprachigkeit (drei Sprachen sind Pflicht), des Brand Name, der Basis in Europa und der offenen Kultur, die von keiner Nationalität beherrscht wird. Als zweite Option habe ich mich noch bei Kellogg beworben, da dort als einzige US-Uni ein verkürztes 1-Jahres-Programm für Studenten mit BWL-Hintergrund angeboten wird.

Am meisten Zeit für die Bewerbung verschlungen die Essays, in denen man erklären muss, warum das bisherige Leben auf den MBA hinführt, was man sich davon verspricht und warum man sich an dieser Schule bewirbt. Ich habe mich in erster Linie an die Bewerbungsratgeber gehalten („How to get into the Top MBA Programs“ von Richard Montauk), wobei ich im nachhinein eher empfehlen würde, frei zu schreiben, da sonst das Risiko besteht, wie hunderte von anderen Bewerbern zu klingen.

Noch kurz ein paar Worte zum GMAT: es handelt sich hier wirklich nicht wie oft dargestellt um einen Englisch- und Mathe-Test. Es ist im Gegenteil eher so, dass weltweit die Chinesen die höchsten Testergebnisse erzielen, deren Englisch häufig recht schlecht ist. Der Test prüft vielmehr logisches Denken unter Zeitdruck. Die einzige Methode, eine gute Punktzahl zu bekommen ist üben, üben und nochmals üben. Es gibt viel Testliteratur, am besten fand ich die von Kaplan. Die sollte man durchmachen bis sie einem zu den Ohren rauskommt, drei bis vier Wochenenden sollte man schon opfern. Das Ganze sollte man dann auch noch mit der Software (kann man von der offiziellen Seite herunterladen, bei Kaplan ist auch eine dabei) üben, da es vor allem um Timing und einen kühlen Kopf unter immensem Zeitdruck geht.

Wenn man die Bewerbung eingereicht und die Interviews mit ortsansässigen Alumni durchlaufen hat, kann es sich übrigens durchaus lohnen, bei den Schulen mal nachzuhaken. Als ich bereits einige Wochen vor Insead die Zusage von Kellogg bekommen hatte, und dringend auf eine Antwort von Insead wartete, schickte ich ein Fax mit der Zusage-Deadline an Insead und bekam prompt einen Anruf der „Admissions Director“, die mir einen Platz in Singapur anbot! Ich hatte zwar als Wunschcampus Fontainbleau angegeben, aber nach kurzem Nachdenken wurde mir klar, daß Singapur im Grunde sogar die bessere Wahl war, also sagte ich kurz entschlossen zu. Dazu muss ich sagen, dass viele Bewerber nur aus Unkenntnis den „Hauptcampus“ wählen, bzw. weil ihnen Alumni (unter anderem auch die Interviewer) dazu raten, die allerdings Singapur häufig gar nicht kennen, da dieser Campus erst seit fünf Jahren existiert.

Ich habe mich dazu entschlossen, erst mal ohne meine Frau und meinen zweijährigen Sohn nach Singapur zu gehen, um mich voll auf das Studium konzentrieren und ins Social Life stürzen zu können. Zum Glück kosten ja Telephongespräche über sieben Zeitzonen hinweg dank Voice-over-IP fast nichts mehr, und die Webcam liegt bereit.

Über das Insead Studenten-Intranet suchte ich nach Mitbewohnern, und fand schließlich eine Spanierin und einen Franzosen, da ich diese beiden Sprachen gerne etwas auffrischen wollte. Im Endeffekt etablierte sich dann allerdings Englisch fest als Sprache in unserer Wohnung, aber das ist eine andere Geschichte ...

Fast alle Studenten wohnen in den zwei recht luxuriösen Wohnanlagen „Heritage“ und „Dover“, 10 Minuten zu Fuß vom Campus, mit mehreren Pools zwischen Palmen. Man teilt sich meist ein 2- oder 3-bedroom apartment mit anderen Studenten. Da in unserer Wohnung die Küche bis auf die Schränke und Elektrogeräte leider ziemlich leer und auf den Betten nur die puren Matrazen waren, stand erst mal Großeinkauf bei Ikea („Küchen-Starter-Sets“) auf dem Programm. Außerdem galt es noch einen Broadband-Anschluß und Mobile Phone zu besorgen. Sehr positiv überrascht hat mich die Effizienz in Singapur: eine für das Studentenvisum notwendige Gesundheitsuntersuchung mit 3-4 Stationen dauert gerade mal 25 Minuten, ein Bankkonto wird in 15 Minuten direkt am Empfang eröffnet, die Karte bekommt man sofort ausgehändigt.

Aber nun zum MBA: schon vor der ersten Woche wurde ein aufpreispflichtiger „Mathe-Crash-Kurs“ angeboten, an dem aber nur wenige teilnahmen, und der auch bei den Teilnehmern nicht auf besonders viel Begeisterung stieß.
Auch eine im Vorfeld herausgegebene Liste mit „Pre-Readings“, also Büchern, die man vor Beginn des Programms lesen sollte, stellte sich als grenzwertig heraus.
Dann ging es endlich los: um sich kennenzulernen und um mit seinem eigenen Team zu „bonden“, ging es in der ersten Woche für einen Tag auf einen „Outward Bound“ auf einer Insel vor Singapur. Dabei zieht man mit einem Coach durch ein Waldgebiet zu verschiedenen Hindernisparkours, die es mit Geschick und originellen Ideen zu meistern gilt. Am Ende war man zwar ziemlich naß und dreckig, aber es hat relativ viel Spaß gemacht.
Ich bin in einer Gruppe mit einem Italiener, einem Holländer, einer Britin und einer Inderin. Mit diesem Team bleibt man die ersten vier Monate zusammen, sitzt im Hörsaal nebeneinander und löst diverse Teamarbeiten.
Außerdem stellten sich in der ersten Woche auch die vielen Clubs am Insead vor, z.B. für Consulting oder Entrepreneurship. Und dann gab es natürlich jede Menge Dinner, mit den eigenen Landsleuten oder „Mixed Dinner“ mit zufällig eingeladenen Studenten. Da erfuhren wir auch zum ersten Mal, wofür INSEAD eigentlich steht: „I Never Stopped Eating And Drinking“.

Von meinen Mitstudenten war ich übrigens von Anfang an ziemlich begeistert. Alle sind natürlich sehr offen, und man lernt vor allem auf dem kleinen Campus hier in Singapur relativ schnell alle kennen. Wir sind hier 150 „Neue“ in zwei Sections á 75 (in Fontainebleau sind es 250 in vier Sections) plus ca. 70 „P4’s“, also älteren Semestern. Die bei weitem am stärksten vertretene Gruppe sind frühere Consultants, manchmal habe ich den Eindruck, 20% der Klasse wird von McKinsey gestellt. Viele davon bekommen den MBA gesponsort und kehren daher zu ihrem früheren Arbeitgeber zurück. Die am meisten vertretene Studienrichtung sind Ingenieure, gefolgt von Wirtschaftsstudenten. Etwas geringer als erwartet fällt für mich der „Promi-Faktor“ aus, also Söhne oder Töchter von Wirtschaftsbossen oder der politischen Führungsriege der verschiedenen Länder.
Wir haben 44 Nationen in unserer Klasse, am stärksten vertreten sind Inder, aber das ist nur zufällig in diesem Jahr so. Was ich etwas vermisse, sind mehr Leute aus Südamerika, Osteuropa und Afrika, aber da spiegelt sich wohl nur die wirtschaftliche Lage der verschiedenen Regionen wider.
Alle sprechen mehrere Sprachen (was ja auch Voraussetzung für das Programm ist) und haben meist in mehreren Ländern gelebt. Auf eine Art sind wir uns recht ähnlich, da wir alle zur gleichen Zielgruppe gehören, die so viel Geld in einen MBA investiert, auf der anderen Seite sind wir aber alle völlig verschieden. Das macht Gespräche meist sehr interessant und aufschlussreich.

Es gingen recht schnell auch die Aktivitäten des Career Management Service los, vor allem mit Workshops zum Investmentbanking, da viele Banken aufgrund eines starren Recruiting-Cycle schon zu diesem Zeitpunkt ihre Bewerbungsfristen haben. Außerdem wurde noch ein Workshop angeboten, der bei der zukünftigen Berufswahl helfen soll.

So, das ist es erst mal fürs erste, wenn Ihr Fragen habt, könnt Ihr mich unter voelkerj@NOSPAMhotmail.com erreichen, allerdings bitte ich um Verständnis, wenn eine Antwort eventuell mal etwas länger dauern sollte.

P2

Mittlerweile stehe ich schon am Ende von "P2". Das Programm ist eingeteilt in fünf Perioden á 2 Monaten, d.h. ich habe jetzt schon vier Monate hinter mir. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht, auf der einen Seite kommt es einem durch die Intensität viel länger, vielleicht wie ein halbes Jahr vor, andererseits rast die Zeit unglaublich schnell. Im Januar fängt schon die neue "Class of December 2005" an, und wir sind die Seniors!
Am Campus wird übrigens schon seit einem Jahr gebaut, im nächsten Jahr wird eine Erweiterung fertig, die die Kapazität nochmal deutlich erhöhen wird. Hoffentlich kennt einen das Personal im Restaurant dann immer noch beim Namen!

Ich kam relativ "neutral" nach Singapur, bin aber mittlerweile von diesem Land ziemlich begeistert. Das Wetter ist super (konstant 30°), Pool vor dem Haus, das Leben ist unkompliziert (Taxis sind zum Beispiel sehr billig und allgegenwärtig), alles funktioniert relativ reibungslos und effizient, es ist überall sauber, die Steuern sind niedrig, und man hat viele attraktive Reisegebiete in der Umgebung. Ich bin immer wieder von der Effizienz in Singapur überrascht. Einmal geht uns am Sonntag das Kochgas aus. Wir rufen eine Nummer an, 20 Minuten später ist das Gas geliefert und installiert. Meine spanische Mitbewohnerin erzählt mir, dass ihre Oma in Spanien auf eine Gaslieferung 2 Wochen warten muss ...
Dabei scheint das Klischee vom "Überwachungsstaat" nur im Ausland zu existieren, hier vor Ort fühlt man sich unbehelligt. Die strengen Gesetze existieren wohl schon, sind allerdings im Alltag bis auf einige Hinweisschilder so gut wie nicht präsent. Die Regierung von Singapur gibt Absolventen von Insead völlig unkompliziert eine permanente Aufenthaltserlaubnis, und meiner Familie, die mich mittlerweile für einige Wochen besucht hat, gefällt es auch sehr gut hier, so daß ich mir überlege, nach dem Studium hier zu arbeiten...

Da wir ab der nächsten Periode Wahlfächer belegen können, mußten wir "Gebote" für unsere bevorzugten Kurse abgeben, da manche Fächer, für die ein zu großer Andrang besteht, in einem Bietprozess vergeben werden. Auch für den Austausch mit Wharton in P4 konnte man ein Gebot abgeben, da für den Austausch nur begrenzt Plätze zur Verfügung stehen. Ich habe mich allerdings gegen diese Option entschieden, da ich nicht für zwei Monate aus der Insead-Community draußen sein will und der Zeitraum des Austausches zudem (wenn man im September anfängt) ausserhalb der US-Recruiting-Season liegt.

Die Professoren sind sehr gut, bis auf wenige Ausnahmen, so hatten wir in der letzten Periode für Accounting einen Austauschprofessor aus den USA, der sich nicht in IAS, sondern nur US-GAAP auskannte, was die meisten Studenten natürlich nicht so wahnsinnig interessierte. Glücklicherweise hatte ich den Kurs abgewählt, eine Option, die für einige Pflichtkurse besteht, und die sich für Leute, die schon Wirtschaft studiert haben, eventuell lohnt.
Die Professoren haben alle ihren eigenen Stil, und man macht z.B. nicht wie in Harvard das ganze Studium lang Cases, sondern diskutiert auch mal über einen Film ("Leading People and Groups"), wendet in einer Online-Simulation praktisch Spieltheorie gegen andere Teams an ("Prices & Markets") oder berechnet statistisch die - erwartungsgemäß nicht vorhandene - Korrelation von GMAT-Ergebnis und späterem Berufserfolg ("Uncertainty, Data and Judgement").

Mittlerweile haben wir auch aus den eigenen Reihen unsere "Reps" gewählt, die unsere Klasse in verschiedener Hinsicht ("Career Services Rep", "Academic Rep", "IT Rep", und - besonders wichtig - "Social Rep") vertreten.

Manche Studenten haben noch parallel Sprachkurse belegt, teilweise um den Nachweis einer dritten Sprache bei Abschluss des Studiums zu erfüllen. Generell empfiehlt sich eher, sich die nötigen Sprachkenntnisse bereits vor Beginn des Studiums anzueignen. Wenn man dann freie Kapazitäten hat, kann man ja immer noch die während des Programms angebotenen Sprachkurse nehmen, so lernen etwa einige meiner Kommilitonen hier Chinesisch.

Jetzt haben auch die "National Weeks" richtig angefangen, eine Tradition am Insead, bei der Studenten aus einem Land bzw. einer Region ihre Kultur, Speisen, Kleidung und Gebräuche präsentieren. Es gab u.a. eine indische Woche mit "Bollywood"-Filmen, eine Spanien-Lateinamerika-Woche mit viel Sangria und Tequila, und eine amerikanische Woche mit Live-Übertragung der Präsidentschaftswahlen bei Freibier.

Am Wochendende bilden sich meist Gruppen für Trips in die Region (die häufigsten Ziele sind Phuket, Bangkok, Kambodscha, Vietnam, Bali und die Metropolen von China). Ich fliege nach Peking und Shanghai, um diese interessanten und völlig verschiedenen Städte kennen zu lernen.
Auch sonst ist immer wahnsinnig viel los: Viele nutzen wie ich das warme Klima und gehen am Wochenende tauchen. Auch nehme ich wie einige andere Golfstunden, ein Sport der hier völlig zwanglos ausgeübt wird und wenig von seinem sonst oft üblichen "elitären Charme" hat. Immer mal wieder ergreift jemand die Inititative, und wir spielen Paintball, gehen ins Kino, zum Kartfahren oder wandern durch den tropischen Regenwald. An Halloween feiern wir eine Kostümparty auf einem Schiff. Besonderer Erwähnung wert ist auch noch der "DASH", bei dem einige wagemutige in verrückten Kostümen versuchen, von unserer Wohnanlage in drei Minuten den Hörsaal pünktlich zur "Mitternachtsvorlesung" um 8.30 morgens zu erreichen. Der Wettlauf wird natürlich auf Video mitgeschnitten und später als Kurzfilm vorgeführt. Eine nette Tradition hier ist auch der "Hawaian Friday" alle zwei Monate, bei dem viele Studenten in Hawai-Shirts zur Vorlesung kommen, um das Wochenende dem Klima entsprechend einzuläuten.
Es gibt aber auch seriöse Veranstaltungen, so waren wir Deutschen einmal zum Mittagessen mit dem deutschen Botschafter in Singapur und dem Dean des Asia Campus, auch ein Deutscher, eingeladen.
Ich nehme in einem Team mit zwei anderen an der Strategie/Marketing-Simulation "L'Oreal E-Strat" teil, an der weltweit mehr als 10.000 Teams von Business-Studenten teilnehmen.

Im November fand das erste Mal in Singapur ein "Cabaret" statt, eine Tradition die es bisher nur in Fontainebleau gab. Obwohl ich anfangs etwas skeptisch war, ob wir wohl genügend "kritische Masse" zusammenbekommen, war ich total überwältigt von dem Programm. Von Tänzen über Gesang, Theater, Filmen und natürlich einem echten "full monty" Männer-Strip ist alles dabei, und die "Insead-Community" füllte fast das ganze Theater.

Wenige Wochen später fand der "Dragon Ball" (in Fontainbleau Winter-Ball, aber dieser Name macht hier wenig Sinn) statt. Am Ende wollte einer unserer Professoren ziemlich betrunken im Spass einige unserer Anzug-Jacken verstecken, merkte aber nicht, daß er sie aus Versehen mitnahm, was dann zu einem mittleren Skandal in dem Nobelhotel führte. Erst am nächsten Morgen klärte sich das Ganze auf und die Jacken fanden nach und nach wieder zu ihren Besitzern zurück.

Bei diesen und ähnlichen Events sind übrigens die "Partner" (in überwältigender Zahl natürlich Partnerinnen) immer voll integriert, und machen begeistert mit. Natürlich haben sie auch mehr Zeit zum Shopping und Ausgehen, wovon sie auch ausführlich Gebrauch machen.

Ich muss noch kurz die Tradition des "Logoff" am Insead beschreiben. Wenn man vergißt, sich an einem öffentlichen Computer abzumelden (oder manchmal sogar nur seinen Computer für ein paar Minuten verläßt), schickt der nächste Benutzer häufig irgendeine "Spass-Email" an die ganze Klasse, in der verkündet wird, daß man einen Job als professioneller Tänzer gefunden hat, eine Umfrage zum Alkoholkonsum der Studenten macht oder Teile seiner Wohnungseinrichtung verkaufen will; manchmal sind auch ganz gute Gedichte darunter. Das ganze bewegt sich immer im Grenzbereich von glaubhaft bis lustig oder auch nur völlig schwachsinnig, die besten Emails sind häufig Tagesgespräch, vor allem wenn man nicht so genau weiss, ob sie ernst gemeint sind oder nicht.

Mitte Dezember standen zum zweiten Mal Exams an, sechs Stück an vier Tagen, davon manche vier Stunden lang, eins davon als Group Exam zusammen mit dem Team. Die letzten Tage davor wird es ganz ruhig und das soziale Leben kommt zum Stillstand. Die Benotung der Kurse ist übrigens relativ zu den anderen Studenten in der Klasse, die Noten werden entsprechend einer Normalverteilung vergeben, was den Nachteil hat, dass man sich gerade am Anfang etwas mehr anstrengen muss, wenn sich die anderen auch anstrengen, aber auch den Vorteil, dass man auch in einer besonders schweren Prüfung eine gute Note erreichen kann. Dass Studenten durchfallen und Kurse wiederholen müssen kommt trotzdem nicht besonders häufig vor.

Ich fliege über Weihnachten und Neujahr nach Deutschland, um mit Familie und Freunden zu feiern. Auf dem Flug sind auch Leute aus Dubai, als der Pilot uns eine Temperatur von minus zwei Grad ankündigt. Ein Raunen geht durchs Flugzeug ... trotzdem freue ich mich nach vier Monaten am Äquator auf ein bißchen Schnee.
Zwei Tage nach Weihnachten kommen die ersten Bilder der Tsunami-Katastrophe in Südasien. Da Singapur selber nicht betroffen ist, kann ich nur hoffen, dass niemand von meiner Klasse zu diesem Zeitpunkt gerade an der Küste von Thailand oder Indonesien war.

P3

Ich bin in Fontainebleau. Ursprünglich wollte ich erst die letzten zwei Perioden, P4/P5 gehen, hab mich aber umentschlossen, da ich in der letzten Periode wieder in Singapur sein will, und mindestens zwei in Frankreich, nicht nur eine.

Als ich mir am ersten Tag den noch leeren Campus anschaue, ein ungewohntes Erlebnis: ich werde von einem Security Guard angesprochen, der kein Englisch versteht. Ein Phänomen, das mich die ersten paar Wochen begleitet: erstaunlich viel Personal auf dem internationalen Campus spricht so gut wie kein Englisch. Ich spreche zumindest Alltagsfranzösisch, weiss nicht, wie das die ganzen Inder und anderen Asiaten machen, von denen die Mehrheit natürlich nicht mehrere europäische Sprachen sprechen. Manchmal fragt einer in einer Email "does anybody know an English-speaking ...".

Auch einige andere Dinge sind sind hier etwas anders, um nicht zu sagen französisch: im Insead-Restaurant sind die Köche mit Leidenschaft bei der Sache und bereiten die Steaks wie gewüncht zu, eine "grüne Welle" bei den Ampeln ist unbekannt; das Parkhaus unter der Schule ist gewöhnungsbedürftig: Einbahnstrasse ohne Wendemöglichkeit. Und ein Auto ist ziemlich essentiell hier: jede Party, jedes Dinner, jede Einladung ist in einem anderen Dorf, und ich habe mir sagen lassen, dass nach 22 Uhr kein Taxi mehr fährt. Wir haben unser Auto von Deutschland hergebracht, aber die meisten haben einen Langzeitmietvertrag mit einem der grossen Autovermieter.

Meine Familie ist jetzt auch hier, wir wohnen in Avon, der Nachbarstadt von Fontainebleau, in einem kleinen Haus von einem Studenten, der gerade in Singapur ist. Im letzten Monat jeder Periode gibt es immer einen regen Wohnungstausch-Markt per Email, und es ist eigentlich nie ein grosses Problem, etwas zu finden. In unserer P3, Januar/Februar, war Singapur natürlich besonders attraktiv, um dem trüben Winterwetter zu entfliehen, deshalb sind viel mehr Leute nach Singapur gegangen als nach Frankreich gekommen, und ich hatte die freie Auswahl an leeren Wohnungen hier.

Eine weitere Neuheit sind natürlich die neuen P1s, die jetzt gerade angefangen haben. Der Campus wuselt von den Frischlingen, wir organisieren "National Dinner" zum Kennenlernen, stellen unsere Clubs vor, und beantworten die vielen Fragen. Jetzt gehören wir dann also nach nur vier Monaten bereits zum "alten Eisen" ...

Partner bekommen gleich in der ersten Woche ein Buch ausgehändigt mit allen wichtigen Adressen und Aktivitäten. Es gibt jede Menge Familien hier, die sich mit ihren Kindern treffen und Spielgruppen organisieren. Einige gehen hier in den Kindergarten. Die Partner veranstalten auch einmal im Monat ein "Random-Dinner", bei dem man neue Leute kennenlernen kann.

Ich habe zusätzlich zu den vier Pflichtkursen drei "Electives", ich habe mich für Business Development, Managerial Negotiation und Investments entschieden. Für Electives muss man vor jeder Periode aus einem Guthaben von 200 Punkten "bieten", die meisten Kurse "kosten" nichts, aber einige sind so begehrt, das bis zu 70 Punkte geboten werden. Managerial Negotiation ist sehr interessant: jede Stunde beginnt mit einer Verhandlung, bei der man mit einem anderen Studenten über den Verkauf eines Grundstücks, einer Fabrik oder einer neuen Fernsehserie verhandelt, danach werden die unterschiedlichen Verhandlungstaktiken und -ergebnisse diskutiert.

Am Ende der ersten Woche erlebe ich meine erste "Chateau-Party". Da es hier in der Umgebung aus historischen Gründen jede Menge Schlösser gibt, finden die grossen Parties immer in einem davon statt, meistens als Abschluss einer "National Week" mit entsprechender Dekoration und Motto (Italienische "Toga-Party", britische "School-Disco" mit Schuluniform und Krawatte, chinesische Party in rot, spanische "Ibiza-Party" mit Strandklamotten, etc.). Bis auf ein paar Restaurants und die "Aussie-Bar" ist man, wenn man nicht nach Paris gehen will, auf Eigeninitiative oder die diversen Studentenparties angewiesen, die daher auch immer gut besucht sind.

Generell ist alles hier viel grösser, der Campus, die Parties, Veranstaltungen. Hat leider aber auch zur Folge, das sich die Leute hier nicht ganz so gut kennen. Auch einige von den Leuten, mit denen ich aus Singapur gekommen bin, sehe ich nur noch selten, daher fangen wir nach ein paar Wochen an, Dinner bei uns zu veranstalten, um uns mal wieder zu treffen. An den Wochenenden gehen immer einige Skifahren, wir fahren in die Nähe von Chamonix, sechs Stunden mit dem Auto.

In der letzten Nacht der Periode ziehe ich - meine Familie ist gerade in Deutschland - in ein neues Haus in einer Art Bauernhof um, da der Bewohner aus Singapur zurückkommt. Nach den Prüfungen am Nachmittag fange ich an Kartons zu packen, gehe dann auf ein Geburtstags-Dinner, schreibe ein letztes Assignment, für das ich nie Zeit hatte, schicke es morgens um drei per Email an den Professor, packe weiter, lade um fünf die Kartons ins Auto und transportiere sie ins neue Haus, packe meine Sachen, und um sieben holen mich zwei meiner Mitstudenten ab und wir fahren zum Flughafen um in der freien Woche nach Marokko zu fliegen. Eine intensive Insead-Nacht eben ...

P4

März/April. So langsam bessert sich das Wetter im Wald von Fontainebleau. P4 ist traditionell ganz der Jobsuche gewidmet, weshalb die meisten Studenten diese Zeit auf dem Europa-Campus verbringen, daher ist es recht voll. Dutzende von Unternehmen kommen zum "on-campus recruiting" und werben um Kandidaten.

Unsere Klasse schaut recht positiv in die Zukunft, da es Anzeichen dafür gibt, dass Juli 2005 ein guter "Jahrgang" wird (in Bezug auf Jobsuche natürlich, nicht die Brillianz der Studenten).

Die am stärksten vertretenen Branchen sind wie eigentlich an allen Business Schools die Untermehmensberatungen und Banken, wobei am INSEAD der Fokus klar auf den Beratern liegt. Letztes - und wahrscheinlich auch wieder dieses Jahr - war McKinsey der größte Recruiter auf dem Campus.

Für die Investmentbanken ist unsere Klasse etwas "offcycle", da sie immer im Herbst rekrutieren. Wenn man im Banking landen will, empfiehlt es sich daher, mit dem Januar-Intake am INSEAD zu beginnen, nicht im September. Der Ablauf des Recruiting ist im Wesentlichen immer recht ähnlich: das Unternehmen hält in einem der Hörsäle eine Präsentation, die häufig zumindest teilweise von INSEAD-Alumni gehalten wird, die davon berichten, dass sie sich "noch genau erinnern können, wie sie selber in diesem Hörsal saßen".

Wenn alle allgemeinen Fragen beantwortet sind, gibt es Drinks an der Bar, bei denen man sich mit den Unternehmensrepräsentanten unterhalten und "networken" kann. So bekommt man wertvolle Informationen für die Bewerbung, und im Idealfall erinnert sich der Recruiter später an ein gutes Gespräch mit dem Bewerber. Die Bewerbungsfrist ist dann meist ein bis zwei Wochen nach der Präsentation, und das Unternehmen kommt dann noch einmal auf den Campus, um einige ausgewählte Studenten in einer ersten Interviewrunde kennenzulernen.

Die zweite Runde ist dann meist im Unternehmen selber. Einmal gab es einen Präsentationstag, morgens bis abends eine Präsentation nach der anderen, die sich häufig sogar überschnitten. Man kann die Attraktivität der Unternehmen gut daran messen, wie voll der Hörsaal jeweils ist. Bei den großen Beratern tritt manchmal fast die gesamte Klasse geschlossen an, bei weniger bekannten Namen manchmal nur 20 Studenten. Die Berater scheinen insgesamt am aggressivsten einzustellen, schon Wochen vor den Präsentationen finden wir Einladungen und Werbegeschenke in unseren Briefkästen. Danach versuchen sie potentielle Kandidaten bei "wining and dining" Abendessen von ihren Vorzügen zu überzeugen. Teilweise werden auch Studenten zu Interviews eingeladen, die sich überhaupt nicht beworben hatten! Unter anderem scheinen auch Deutsche gefragt zu sein, was wahrscheinlich auf die immer noch relativ gerine Anzahl deutscher MBA-Absolventen zurückzuführen ist. Ich schaue mir viele Präsentationen an, wobei sich dies dann doch als sehr zeitaufwendig herausstellt, weil eine Präsentation inklusive Drinks immer gleich fast einen ganzen Abend verschlingt. Auf der anderen Seite sind einige Branchen nur wenig oder gar nicht auf dem Campus vertreten, zum Beispiel die Automobilindustrie. Wer sich für solche Bereiche interessiert, ist im Wesentlichen auf Eigeninitiative angewiesen.

Fachlich habe ich diese Periode sehr gute Electives, man hat die freie Wahl, da keine Pflichtkurse mehr zu belegen sind. Ich mache New Business Ventures (NBV), Private Equity (PE), Industry & Competitive Analysis (ICA) und Applied Corporate Finance (ACF). Die Kurse stehen und fallen total mit den Professoren, daher gehe ich meist in die erste Vorlesung, bevor ich mich festlege. NBV bei Filipe Santos bringt mir zum ersten Mal den Gedanken in greifbare Nähe, später vielleicht mal ein Unternehmen zu gründen oder mit aufzubauen. Bisher war das für mich nur eine abstrakte Überlegung, aber die praktischen Case Studies über die Gründungen früherer Absolventen und die zahlreichen Gastredner ziehen mich in ihren Bann. Zum Abschluss muss jeder Teilnehmer einen Brief an sich selbst schreiben, den der Professor in einem Jahr abschickt. So wird man in einem möglicherweise langweiligen Job daran erinnert, was aus den Träumen einer Unternehmensgründung geworden ist. Eine tolle Idee!
PE wird von einem Deutschen, Christoph Zott, gehalten, der mit viel Energie, Witz und anschaulichen Case Studies sehr anschaulich die Arbeitsweise von Private Equity-Unternehmen vermittelt.

Karel Cool in ICA stattet uns mit einer Toolbox von strategischen Denkweisen aus, die es uns ermöglichen, verschiedene Industrien schnell und logisch zu erfassen, und später vielleicht einmal Unternehmen in die richtige Richtung zu lenken. Ein Beispiel dafür ist etwa, dass wir uns genau überlegen, in welchen Fällen ein "first-mover advantage" wirklich besteht und was die Gründe dafür sind (z.B. kann kein Konkurrent einmal etablierte Produktionsstrassen von Tetra-Pak Verpackungen einfach ersetzen; wobei hingegen jederzeit ein neuer Hersteller von Overhead-Projektoren dem "first mover" große Marktanteile abgewinnen kann). Es hängt also vollkommen vom Produkt, der Kauffrequenz und dem Risko des Erwerbs ab, ob überhaupt ein Vorteil besteht, der erste im Markt zu sein.

Ein besonderes Highlight ist Kevin Kaiser in ACF. Er hat keine Scheu, Dinge beim Namen zu nennen, und öffnet einem die Augen, wie Entscheidungen im Umfeld von Top-Management, Investmentbankern und Beratern im realen Leben getroffen werden. Dabei schweift er so weit von den Präsentationsfolien ab, dass man sich teilweise eher wie in einer Psychologie- als einer Finance-Vorlesung vorkommt. Trotzdem stellt er Zusammenhänge und Motivationen der verschiedenen Player in einer unglaublichen Klarheit dar, daß es einem teilweise wie Schuppen von den Augen fällt. Vor allem die Investmentbanker bekommen häufig ihr Fett weg, allerdings meist zu recht. Für mich ein klarer Kandidat für den "best teacher award"!

Ansonsten kommt noch ein interessanter Guest Speaker auf den Campus: Dr. Mathias Döpfner von Axel Springer, der recht offen Fragen zur Verantwortung der Bild-Zeitung und Medien allgemein, der Expansion seines Verlages in Osteuropa und derzeitigen Herausforderungen im Online-Bereich spricht.

Meine Frau macht mit einigen anderen Partnern "Fundraising" für INSEAD's "A business school for the world"-Kampagne. Sie rufen die Alumni persönlich an, unterhalten sich über die aktuellen Entwicklungen an der Schule, zum Beispiel den neuen Campus in Singapur, und beantworten Fragen, was mit dem Geld passieren soll. Die amerikanische Kultur, das Alumni ihrer Alma Mater auf Jahrzehnte Spenden zukommen lassen, ist in Europa noch nicht so verbreitet, wäre aber im Sinne der weiteren positiven Entwicklung von INSEAD sehr wünschenswert, was viele Alumni auch verstehen, und teilweise bis zu 15.000 Euro spenden (was aber natürlich die Ausnahme ist)!

Während ich viele meiner Singapur-Kollegen wiedergetroffen habe, die erst jetzt nach Frankreich gekommen sind, sind ca. 35 Studenten in Philadelphia an der Wharton Business School. Mit dieser, häufig auf Platz 1 gerankten US-Schule besteht seit einigen Jahren eine Allianz, die sich auch auf Research und Professoren erstreckt, die es aber u.a. auch Studenten ermöglicht, für einen Zeitraum von meist zwei Monaten an der jeweils anderen Schule zu studieren, wovon auch rege Gebrauch gemacht wird. Von INSEAD gehen zumeist diejenigen rüber, die gerne nach dem Abschluß in den USA arbeiten würden.

Freizeittechnisch schaffe ich es in dieser Periode zweimal kurz nach Paris, und einmal nach Versailles. Am letzten Wochenende besuchen wir mit einem befreundeten Paar Eurodisney. Nur das berühmte Chateau von Fontainebleau schaffe ich nicht, und französich spreche ich leider auch so gut wie nie ... Im Hof gegenüber von unserem neuen Haus wohnt ein koreanischer Student mit Frau, die praktischerweise nicht auf Parties gehen, und daher immer sehr gerne auf unseren Sohn aufpassen, wenn wir weggehen wollen. Einmal kochen sie uns auch ein sehr leckeres traditionelles koreanisches Essen. Auch wir veranstalten bei uns noch zwei Dinner, um manche Leute mal wieder öfter zu sehen, vor allem die, mit denen ich keine Kurse zusammen habe, oder die ich in der nächsten Periode nicht mehr sehen werde. Einmal werden wir in das schönste Studenten-Haus eingeladen, dass ich bisher kennengelernt habe: "Le Vieux Moulin", eine alte Mühle in Moret-sur-Loign, die mitten in einem Fluss steht, nur mit einer Brücke zu erreichen, durch das Wasser nach außen schallisoliert (Parties!), mit großem Rasen und eigenem Grillplatz! Ansonsten als Unterkunft zu empfehlen ist auch das "Chateau Montmelian", wo alle paar Monate sehr gute Parties stattfinden.

Am Ende packen wir alle unsere Sachen wieder ins Auto - man entwickelt eine gewisse Routine - da es für die nächste Periode nochmal nach Singapur geht, weil ich beschlossen habe, mich in der Jobsuche zumindest für's erste mal ganz auf Asien zu konzentrieren, was ich wesentlich spannender finde als London, Paris oder die USA.
Außerdem hat uns Singapur dann doch einfach zu gut gefallen!

P5

Ich bin zurück in Singapur, diesmal zusammen mit Familie. Gleich in der ersten Woche gibt es eine Beachparty auf der Vergnügungsinsel Sentosa, bei 30 Grad im warmen Sand, und ich kann mich absolut nicht mehr erinnern, warum ich hier eigentlich weggegangen bin. Auch bei einigen der P3s scheint sich diese Erkenntnis durchgesetzt zu haben, denn man hört von immer mehr, dass sie die restlichen Perioden hierbleiben und hier einen Job suchen wollen. Wir wohnen jetzt im anderen Wohnkomplex "Dover", nicht mehr in "Heritage", haben die Wohnung von einer anderen Studentin übernommen. Als wir ankommen, geht der Strom anfangs nicht, und als ich schweißgebadet nach dem Sicherungskasten suche, merken wir erst mal, wie essentiell eine Klimaanlage hier ist.

Die Periode wird hauptsächlich von der Jobsuche geprägt, da ich hier in Asien quasi nochmal von vorne anfange. Ich hole mir alle (recht spärlichen) verfügbaren Infos, in einer der ersten Wochen findet auf dem Campus eine "Asia Career Fair" statt, bei der sich Unternehmen präsentieren, die hier in der Region Arbeitskräfte suchen. Aber ansonsten hält sich die Unterstützung des "Career Service" in Grenzen, man ist im Wesentlichen auf Eigeninitiative angewiesen. Mir kommt es außerdem so vor, daß INSEAD - obwohl direkt präsent - selbst in Singapur selbst noch keinen "Klang" hat, und von Arbeitgebern nicht speziell nachgefragt wird, von Hong Kong oder China ganz zu schweigen.

Ansonsten stehen wieder einige Highlights auf dem Event-Kalender an: es gibt einen Summer Ball, der diesmal unter dem Motto "Arabian Nights" mit Bauchtänzerinnen, Wasserpfeifen und Beduinenzelten steht. Zu diesem Anlass lasse ich mir bei Roy, dem "Hausschneider" von INSEAD-Studenten, einen Tuxedo maßschneidern, sowie zwei Anzüge, da die hier nur 250 Euro kosten. Kürzlich war der Schneider sogar in Fontainebleau, um dort Aufträge einzusammeln.

Für die Premiere des neuen Teils von Stars Wars haben unsere "Social Reps" ein Kino gemietet. Es gibt ein deutsches "Grillfest" und weitere Barbeques. Die National Weeks von Italien und Österreich finden statt. Es wird auch wieder ein Cabaret auf die Beine gestellt, genauso witzig und gut wie das letzte. Diesmal machen auch einige Wharton-Austauschstudenten mit, von denen 25 auf dem Campus hier sind, die gleiche Anzahl auch in Frankreich. Die Allianz, die es uns ermöglicht, nach Wharton zu gehen, wird nämlich auch umgekehrt rege genutzt. Ich lerne schnell den einzigen Deutschen in der Gruppe kennen, von dem ich erfahre, dass in seinem Jahrgang nur acht (!) Deutsche sind, was bei einer so großen Schule schon erstaunlich ist. Anscheinend versucht Wharton intensiv, unter anderem mehr Deutsche für ihr Programm zu begeistern. Insgesamt habe ich den Eindruck, daß die Allianz, auch im gemeinsamen Research, dem Austausch von Professoren und im PhD-Programm wirklich gelebt wird und beiden Top-Schulen nützt.

Zufällig findet gerade auch das "Wharton-Global-Alumni-Forum" in Singapur statt, zu dem die anwesenden Wharton-Studenten und auch wir kommen dürfen. Wir erhalten eine offizielle Einladung vom Präsidenten Singapurs in die "Istana", dem Äquivalent des "Weißen Hauses" in Singapur. Er empfängt uns auf dem perfekt geschnittenen Golfplatz-Rasen vor dem Präsidentenpalast, es gibt Essen aus allen Teilen Asiens, diverse traditionelle Spiele der Länder, ein klassisches Streichorchester, usw. Man merkt sehr deutlich die "Firepower" und das Geld, das Wharton im Hintergrund hat. Am nächsten Tag geht es weiter im Shangri-La Hotel mit jeder Menge CEOs als Guest Speaker zu asiatischen Business-Themen. Übrigens gehe ich mittlerweile auch zu den Alumni-Treffen von INSEAD in Singapur, jeden ersten Freitag des Monats, unter anderem natürlich zum Networken.

Als nächstes findet die Business Venture Competition statt, bei der verschiedene Studenten-Teams ihre Geschäftsideen vor einem Panel von Judges, unter anderem Business Angels und dem Gründer von "Indochine", einer sehr erfolgreichen Kette von Restaurants und Clubs, vorstellen, und bis zu 10.000 Euro gewinnen können. Da der Event nur einmal stattfindet, kommen auch mehrere Teams von anderen Campus aus Frankreich rüber, um ihre Ideen persönlich zu präsentieren.

Unser Team schaffte es leider nur bis in die Vorrunde. Ich hatte mich mit vier anderen aus unserem "Business Plan Workshop" Kurs einem realen Unternehmer angeschlossen, dem wir bei der Erstellung und Präsentation des Business Plans geholfen haben. Er, ein Lehrer aus den USA, war er gerade dabei, in Singapur eine Firma zu gründen, um einen neuen, patentierten und als "PGA product of 2005" ausgezeichneten Practice-Golfball "Birdieball" unter Exklusiv-Lizenz in ganz Asien zu vermarkten. Für uns Studenten war es sehr erhellend, direkt mit einem echten Unternehmer zusammenzuarbeiten, der sich nicht lange theoretisch das Konzept, die Strategie und das Marketing überlegt, sondern einfach mehrere zehntausend Dollar von Kollegen an seiner Schule einsammelt und loslegt. Als wir ihn fragten, wie er denn das Equity, also die Beteiligung an dem Unternehmen unter den Geldgebern aufteilen wollte, schaute er uns nur verständnislos an. Daß er als alleiniger Unternehmer einen größeren Anteil bekommen sollte, und dafür eventuell über Kredite finanzieren sollte, hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Ein sehr guter "Reality-Check" für uns frischgebackene MBAs.

Aber auch das Akademische kam nicht zu kurz, ich hatte sogar mit die besten Kurse in dieser Periode: "Social Psychology of Management" mit Allan Filipowicz, der beste Soft-Skill-Kurs des ganzen Jahres. Er schaffte es, uns vermeintlich einfache Konzepte wie aktives Zuhören, wirkliches Verstehen des Gegenüber und die Klärung von Missverständnissen durch den Austausch von Informationen in einer derart interaktiven und pragmatischen Form frei von "Fluff" beizubringen, daß ich davon noch - und gerade - in zehn oder zwanzig Jahren profitieren werde. Ein weiterer Klassiker war "Negotiation Analysis", in dem man sehr anschaulich nützliche Konzepte und Verhaltensweisen vermittelt bekommt, und der mit Klischees wie "so hart wie möglich verhandeln" und "es kommt nur auf's Endresultat an" aufräumt. Der letzte sehr nützliche Kurs war "Power & Politics", in dem man lernt, wie man sein persönliches Netzwerk von Zeit zu Zeit überprüft, wie man wichtige Entscheidungsprozesse beeinflußt und dass das berufliche Fortkommen nur zu einem erstaunlich geringen Anteil von fachlicher Leistung bestimmt wird.

Der neugegründete Asset-Management-Club, dessen Aktivitäten ich am Rande verfolge, bekommt von INSEAD - wie es an den amerikanischen Schulen üblich ist - einen kleinen Teil des Vermögens der Schule zur Verfügung gestellt, um ihn innerhalb des Clubs möglichst professionell und realitätsnah gewinnbringend anzulegen.

In der letzten Woche bekommen wir noch eine sehr interessante Lektion in Sachen interkulturelle Konflikte. In einem Massen-Email wird bekannt, daß einige chinesische Studenten einen Brief an den Dean vorbereitet hatten, um zu verhindern, dass sich Taiwan als eigenständiges Land im Rahmen der chinesichen National Week präsentieren darf. Daraufhin bricht eine Welle von mindestens 100 Massen-Emails los, in denen sich die unterschiedlichsten Leute - manche sehr sachlich, die meisten Chinesen sehr emotional - zu diesem Konflikt äußern. Da Scherz-Massen-Emails normalerweise an der Tagesordnung sind, brauche ich einen ganzen Tag, um zu verstehen, dass es den beiden beteiligten Gruppen wirklich ernst ist. Auf der einen Seite ein sehr interessanter interkultureller Einblick, auf der anderen Seite ist so eine Intoleranz die absolute Ausnahme hier und fällt daher so aus dem Rahmen, dass es erst wie ein Scherz erscheint.

Am Ende geht alles sehr schnell: es gibt jede Menge "Last Drinks" und Parties, einige reisen ab nach Frankreich, zur Graduation und viele auch zum Graduation-Trip nach Tunesien in einen wirklichen "Club Med". Unsere Zeremonie findet im Nobelhotel "Raffles" statt, ein letztes Get-together mit Ansprachen, Drinks und Häppchen, und dann ist es nach Übergabe der Urkunden und Händeschütteln offiziell auch schon vorbei. Wir übernehmen einige Sachen (Küchenutensilien, Grillzeug, ein Radio) von Leuten, die abreisen, da ich mir vorgenommen habe, noch mindestens zwei Monate hierzubleiben und mein Glück auf dem Jobmarkt zu versuchen.

Für uns steht dann noch ein schönes Highlight auf dem Programm: einer meiner Mitstudenten aus Singapur heiratet, mit Veranstaltungen drei Tage lang. Sein Vater ist der stellvertretende Premierminister von Singapur, daher ist alles von Feinsten, wir werden auch in sein Haus eingeladen, mit Polizisten vor der Tür. Auf die Feier kommt auch der frühere Premierminister und der Präsident.

P6/P7/P8 …

Von diesen Perioden gibt es offiziell nur P6, aber am Ende fange ich einfach an, weiterzuzählen, was immer ein großes Hallo und Interesse auslöst, wenn ich mich vorstelle mit "ich bin in P7". P6 ist ein relativ neues Programm, das bisher nur in Asien angeboten wird und es Studenten, die an Private Equity, Venture Capital oder Startups interessiert sind, ermöglicht, in diesen Branchen ein zweimonatiges Praktikum zu absolvieren. Ich hatte mich dafür ursprünglich angemeldet, mich dann aber letztendlich dagegen entschieden, da es unbezahlt gewesen, aber trotzdem eine Gebühr für INSEAD angefallen wäre.

Auf dem Campus ist es jetzt sehr ruhig, da die P3s sich in die Sommerpause verabschiedet haben. Die meisten reisen in der Region oder besuchen die Heimat. Einige machen Praktika, bei Banken in London, Unternehmensberatungen oder bei American Express oder Yahoo in Singapur.

Mittlerweile ist die Erweiterung des Campus hier offiziell eröffnet, was eine geniale Infrastruktur zur Folge hat: einen großen Hörsaal, den wir bisher nicht hatten, eine große neue Library, und vor allem neue Räume mit Computern mit riesigen Flatscreens, eigenen Telefonanschlüssen, auf denen man alle Nummern in Singapur kostenlos anrufen kann und auch selber direkt erreichbar ist, und wo man dank Türen die Temperatur selber regeln und Musik hören kann. Hier verbringe ich ab jetzt die meiste Zeit, um mich voll auf die Jobsuche zu konzentrieren.

Ich verfolge aufmerksam die offiziellen Postings, die der Schule zugehen, melde mich bei allen wichtigen Headhuntern, und versuche durch intensives Networking mit Alumni, Professoren, Wharton-Kontakten und sonstigen Bekanntschaften bei so vielen relevanten Personen wie möglich auf mein Profil aufmerksam zu machen. Leider ist der Jobmarkt in Asien generell nicht sehr transparent, sondern alles läuft über persönliche Empfehlungen und Beziehungen.

Diese aufzubauen braucht leider sehr viel Zeit, und ist nur teilweise von Erfolg gekrönt. Auf acht von zehn Bewerbungen bekomme ich nie eine Antwort. Ich interviewe bei Yahoo! SouthEastAsia für einen Business Development Job in Singapur, nur leider wird am Ende ein interner Kandidat vorgezogen. Bei der heimischen United Overseas Bank macht mich mein Interviewer darauf aufmerksam, daß ich nur ein lokales Gehalt erwarten könne, was um die 40.000 Euro liegt, also weniger als die Hälfte als in Europa. Obwohl die Steuern hier nur bei 10-15 Prozent liegen und die Lebenshaltungskosten niedriger sind, gleicht das den Unterschied meiner Meinung nach trotzdem nicht aus.

Die einzige Möglichkeit, hier gut zu verdienen, scheint mit einem "Expatriate-Package" zu sein, das man aber in der Regel nur bekommt, wenn man aus dem Ausland hierher versetzt wird. Aufgrund dieser Einsicht strecke ich schon mal meine Fühler nach Europa aus, führe ein paar Telephoninterviews und Videokonferenzen, und fliege für eine Woche für einige Gespräche nach London. Als nächstes versuche ich mein Glück in Hong Kong, gebe aber nach ein paar Wochen auf, als sich herausstellt, daß für neun von zehn ausgeschriebenen Positionen flüssige Chinesisch- oder Kantonese-Kenntnisse zwingend notwendig sind, womit ich leider nicht dienen kann.

Trotzdem erzählen mir die meisten Alumni in Hong Kong, mit denen ich mich unterhalte, daß sie viele Kollegen haben, die keine asiatischen Sprachen sprechen. Mein Eindruck ist daher, daß es sich dabei um einen relativ neuer Trend der letzten Jahre handelt, da sich die Unternehmen auf den chinesischen Markt konzentrieren, und es auch viel mehr qualifizierte einheimische Bewerber gibt. Interessanterweise erfahre ich dann auch von einigen asiatischen Studenten aus meiner Klasse, die nach und nach zurückkommen, dass sie genau das gleiche Problem in Europa hatten: mangelnde Sprachkenntnisse und kein Interesse an ihrem Profil.

Insgesamt scheint es viel schwerer, die Region zu wechseln, als wir uns das anfangs vorgestellt hatten. Und gleichzeitg noch die Branche oder den Bereich zu wechseln scheint fast unmöglich, da die Unternehmen sich hauptsächlich daran orientieren, was ein Bewerber vor dem MBA gemacht hat. Daher landen von meiner Klasse auch nach und nach sehr viele Leute, die noch vor einigen Monaten ganz andere Pläne hatten, wieder in ihren Heimatländern oder wo sie bisher gearbeitet haben. Mein ehemaliger französischer Mitbewohner geht zu McKinsey nach Paris, obwohl er überall, nur nicht in Frankreich arbeiten wollte, und meine spanische Mitbewohnerin fängt bei GE in Barcelona an. Das gleiche passiert vielen Deutschen.

Seit wir hier sind geht mein Sohn in den Kindergarten, im nahegelegenen neuen Pharma-Businesspark "Biopolis", spricht schon einige Sätze Englisch und kann sogar ein englisches Lied. Er geht jeden Tag in den Pool und lernt schwimmen und tauchen. Sein Photo erscheint in der neuen 2006 MBA Broschüre von INSEAD (auf Seite 24/25).

Ich entschließe mich, wenigstens die Zeit noch ein bisschen zum Reisen zu nutzen, da es immer mehr danach aussieht, daß es hier mit dem Job nicht klappen wird, und da meine Frau ein bisschen Zeit in ihrer Heimat verbringen will, gehen sie schon mal nach Deutschland, und ich gebe die Wohnung auf und komme bei einem Freund unter. Ich nehme an der von INSEAD organisierten "Great India Tour" teil, auf der wir innerhalb einer Woche Delhi, Taj Mahal, Jaipur, Mumbai und Bangalore besuchen, und an drei Tagen hintereinander um vier Uhr morgens aufstehen müssen, um unsere Flüge zu bekommen.

Außer Sightseeing besuchen wir einige Unternehmen: Johnson&Johnson, Tata Group, den größten Motorradhersteller der Welt Hero Honda, ein Callcenter und die hyper-moderne Zentrale von Infosys, vor der gleichzeitig die Kühe auf der Straße herumspazieren. Es ist wahnsinnig interessant, einen ersten Einblick in dieses Land der großen Gegensätze zu bekommen. Anschließend gehe ich mit einem Freund, der auch zu der mittlerweile recht überschaubaren Gruppe von Leuten, die hier noch einen Job suchen, gehört, nach Kambodscha und Vietnam. Die Tempel von Angkor Wat sind absolut überwältigend. In Vietnam erleben wir den sehr interessanten Prozess eines kommunistischen Landes im Umbruch.

Mittlerweile bin ich mit einigen Unternehmen in London im Gespräch für unterschiedliche Strategie-Positionen: mit Yahoo!, MTV, dem Telekom-Unternehmen Level3 und Lehman Brothers, so dass ich mich entschließe, meine Zelte abzubrechen. Es fällt etwas schwer, sich von dem easy lifestyle mit Maid, die putzt, bügelt, kocht und babysittet, den billigen Taxis, dem Pool vor der Haustür und der permanenten Wärme zu verabschieden, vor allem wenn ich an die Lebensqualität und die Kosten in London denke.

Witzigerweise habe ich am Tag meiner Abreise noch ein second-round Interview bei der Singapore Stock Exchange, die mich auch prompt für ein letztes Gespräch nochmal einladen. Daß ich Singapur gerade verlasse, sage ich ihnen nicht, nur dass ich für Interviews nach London gehe. Da ich über Dubai fliege, lege ich dort einen Stopover ein, und treffe mich mit einem Alum zum Lunch, mit dem ich mich über die Jobmöglichkeiten an diesem aufstrebenden Standort unterhalte.

Zwei Tage später bin ich in London, und erhalte bald darauf ein Angebot von Lehman Brothers für das Strategie-Team. Ich sage zu, da es genau dem entspricht, was ich machen will: es ermöglicht mir, Strategie-Arbeit zu machen, ohne Consultant zu werden, und gleichzeitig kann ich meine Kenntnisse des Investment Banking und von Lehman Brothers selber einbringen. Zusätzlich bin ich mir sicher, daß es dort in den nächsten Jahren Möglichkeiten für eine interne Versetzung nach Asien geben sollte, wenn ich das dann noch machen will, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Was ist nun mein Resumee? Es war ein super Jahr, das beste meines Lebens, auch wenn sich das jetzt sehr klischeehaft anhört. Ich habe es vorher auch nicht geglaubt und darüber gelächelt, aber es stimmt. Die Leute, mit denen ich die Zeit verbracht habe, die Freundschaften, die ich geschlossen und die Einblicke, die ich gewonnen habe, sind einfach unersetzlich! Die extrem internationale Atmosphäre am INSEAD und der sehr enge und freundliche Zusammenhalt der Studenten und Alumni macht diese Schule zu etwas ganz Besonderem, und der Campus in Singapur ist einfach traumhaft. Wenn ihr es euch überlegt, unbedingt dort anfangen, ihr werdet es nicht bereuen!

Schönen Gruß
Jonas

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...