Jörg Dräger "Bildung hat einen gesellschaftlichen Wert"

Jörg Dräger, Experte des Centrums für Hochschulentwicklung, sieht Privat-Unis im Aufwind - wenn das Konzept stimmt. Worauf es bei der richtigen Finanzierung, dem Studienprofil und dem Gesamtkonzept ankommt, in welchen Nischen es sich besonders gut gedeiht und welche Vorteile eine Privat-Uni hat, verrät er in diesem Interview.

Carola Sonnet | , aktualisiert

Herr Dräger, wie abhängig sind die privaten Hochschulen von den Entwicklungen an den Finanzmärkten?
Sponsoren sind auf jeden Fall zurückhaltender geworden. Außerdem leiden die angelegten Stiftungsvermögen. Aber in den USA lässt sich ein interessantes Phänomen beobachten: In der Krise investieren die Leute in ihre eigene Weiterbildung, das heißt, dass die Nachfrage steigt. Das reflektieren übrigens auch die Aktienkurse der amerikanischen Privathochschulen. Auch in Deutschland kann die globale Krise die Studiennachfrage erhöhen.

Sind die privaten überhaupt noch attraktiv für Studenten und Investoren?
Die privaten Hochschulen in Deutschland hatten vor einigen Jahren einen großen Innovationsvorsprung. Der wird aber immer kleiner. Die staatlichen Hochschulen ziehen nach, bieten ein internationales Angebot und MBAProgramme - auch weil sie durch den Wettbewerb dazu gezwungen sind. Die privaten Hochschulen haben dafür ein großes Potenzial, sich neue Zielgruppen zu erschließen, über Teilzeit-Studiengänge für Berufstätige, Weiterbildungen oder speziell auf Migranten zugeschnittene Angebote.

Die private Hochschule Witten/Herdecke stand jüngst kurz vor dem finanziellen Aus, und die private Hanseuni in Rostock musste ganz aufgeben. Welche Fehler wurden gemacht?
Zwischen Witten und Rostock besteht ein signifikanter Unterschied: Witten hat den Anspruch, eine forschende Universität mit breitem Fächerspektrum zu sein und kann sich deswegen mit Studiengebühren nur zu einem kleinen Teil selbst finanzieren. Es gab aber in Witten nie den einen großen, verlässlichen Geldgeber. Und das gesammelte Geld konnte nicht gespart werden, sondern musste immer in den laufenden Betrieb gesteckt werden. Die Hanseuniversität in Rostock war hingegen eine Nischen-Uni ohne Marke. Sie hatte nur ein schmales Angebot von BWL-Studiengängen, die günstig im Betrieb waren und den Absolventen hohe Einkommen in Aussicht stellten. Trotzdem fehlte die Nachfrage.

Ist das Geschäftsmodell, wonach private Unternehmen die Hochschule finanzieren, gescheitert?
Nein. Ich denke aber, dass Nischenangebote wie in Rostock nur unter vier Bedingungen funktionieren können: Es muss einen starken Fokus der Hochschule auf einen bestimmten Bereich geben, es darf kein "Schnickschnack" angeboten werden, wie Sport, Mensa und Alumni-Bälle, und es muss ein Wachstumskurs erkennbar sein. Außerdem braucht man einen Markennamen. An einigen sehr schlanken, sehr fokussierten Hochschulen funktioniert das gut.

Für wie nachhaltig halten Sie die Finanzierungskonzepte der privaten Hochschulen insgesamt?
Bei den erfolgreichen privaten Hochschulen steht meistens eine zahlungskräftige Stiftung im Hintergrund. Die Zeit-Stiftung an der Bucerius Law School oder die Jacobs-Stiftung in Bremen stiften Vertrauen und sorgen dafür, dass auch das Geld von anderen Seiten fließt.

Ist Bildung Ihrer Meinung nach ein Geschäft?
Bildung hat einen gesellschaftlichen und einen privaten Wert. Der Staat hat hier seine Aufgabe, kann sich aber die Kosten mit Privatleuten teilen. Einige Privat-Unis haben den staatlichen gezeigt, dass man auch mit weniger Geld teilweise bessere Resultate erzielen kann. Natürlich muss die Forschung immer subventioniert bleiben, und es muss Bildungsziele über geschäftliche Interessen hinaus geben.

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