Jochen Schweizer "Ich habe sehr lange gebraucht, mein Talent zu entdecken"

Im Interview spricht Ex-Stuntman und Event-Unternehmer Jochen Schweizer über persönliche Zusammenhang zwischen Bungee-Springen und Kajak fahren, angstfreies Töpfern, seine Ducati 900 und warum er manchmal ein Weichei ist.

Stefan Wimmer | , aktualisiert

Herr Schweizer, Sie sind bekannt geworden als Stuntman, Extrem-Kajakfahrer und Adrenalin-Unternehmer. Wie sind Sie heute morgen ins Büro gekommen? Mit dem Motorrad auf dem Hinterrad?
Ich bitte Sie, das habe ich zuletzt mit 20 gemacht. Und das ist ja nun 32 Jahre her. Da bin ich ganz gelassen. Es gibt ein Markenbild in der Öffentlichkeit. Das ist geprägt von meiner Vergangenheit als Extremsportler und Stuntman. Ich persönlich bin heute ein ziemlich normaler und intensiv arbeitender Geschäftsmann und Unternehmer. Heute morgen bin ich ganz unspektakulär mit dem Auto vorgefahren.

Sie stehen, da Ihr voller Name auch Ihr Firmenname ist, immer persönlich im Rampenlicht. Ist das eher Vor- oder Nachteil?
Das ist die Konsequenz der Personenmarke. Für mich ist die Marke Programm. Deshalb teste ich auch permanent die Erlebnisse, die wir unter dem Namen Jochen Schweizer anbieten. Ich glaube, es gibt schlimmere Jobs im Leben.

Aber bei negativen Ereignissen stehen Sie selbst in der Schusslinie. Als 2003 ein Bungeespringer auf einer Ihrer Anlagen ums Leben kam, konnten Sie sich nicht hinter einem neutralen Markennamen verstecken.
Das hätte ich auch nicht getan. Aber 2003 war sicher eine Zäsur in meinem Leben. Was da passiert ist, das wird mich mein ganzes Leben begleiten. Ich bedaure zutiefst, was damals passiert ist. Aber ich kann es nicht rückgängig machen. Ich mache das mit mir selber aus. Ich glaube es ist nicht zum Schaden eines Charakters, wenn es von einem Höhenflug einmal wieder ganz nach unten geht.

Wie hat sich Ihr Charakter geändert?
Ich habe gelernt, alles mit Gelassenheit zu nehmen: Sieg oder Niederlage, Erfolg oder Misserfolg. Die Tatsache, dass wir sehr erfolgreich sind, erfüllt mich nicht mit Euphorie. Sicher, ich habe hart dafür gearbeitet, auch gekämpft; ich bin damals stehen geblieben, ich bin nicht umgefallen in dieser schweren Zeit. Aber ob meine Firma heute 40 Millionen Euro Umsatz macht oder 400 Millionen ändert nichts an meinem Leben.

Was treibt Sie an, wenn nicht unternehmerischer Erfolg?
Ich glaube an die Gesetze des Dharma: Eines der Gesetze heißt, dass jeder auf der Welt ist, um sein ureigenes Talent zu entdecken und zu entwickeln. Ich habe sehr lange gebraucht, um mein Talent zu identifizieren. Und es ist weiß Gott nicht die Frage: ,Wie hoch kann ich springen?' Oder: ,Wie schwer kann der Fluss sein, den ich runtergepeitscht werde?' Ich habe herausgefunden: Mein Talent war es immer, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht getan hätten, wenn sie mir nicht begegnet wären.

Sie beschäftigen sich mit Buddhismus und Zen. Warum landen adrenalinverrückte Extremsportler wie Sie immer wieder bei fernöstlichen Philosophien?
Weil sie an Grenzen stoßen, die eigene Angst überwinden müssen. Es geht um die Frage: Wie weit kann ich gehen, wie weit kann ich das Extreme kontrollieren? Mein Leben steht möglicherweise auf dem Spiel. Es geht dabei gar nicht um Adrenalin, sondern mehr um Endorphin: Was macht Menschen glücklich? Und sie kommen als Extremsportler irgendwann an den Punkt, wo es persönlich nicht mehr weitergeht. Irgendwann kommt man zu der Erkenntnis, dass eine noch höhere Klippe nicht auch mehr Glück bedeutet.

Und was ist heute Ihr Glücksrezept?
Der Dalai Lama hat mal gesagt: Widme dich der Liebe und dem Kochen mit unbekümmerter Selbstvergessenheit. Wenn ich koche, dann koche ich selbstvergessen, und wenn ich paddle, dann paddle ich selbstvergessen. Wenn ich liebe, dann liebe ich selbstvergessen. Ich weiß, was mich glücklich macht, aber was Menschen individuell glücklich macht, kann ich nicht sagen. Nicht jeder, der vom Bungeekran springt, ist nachher glücklich.

Glauben Sie nicht, dass der Adrenalinbedarf der Menschen bei den heutigen Wirtschaftsnachrichten gedeckt ist?
Das ist ja negativer Stress. Ein Fallschirmsprung, ein Segelflug oder ein Bungee-sprung, das sind, wenn überhaupt, positive Stresssituationen. Ich setze mich bewusst meiner Angst aus, überwinde sie. Daraus gewinne ich sehr viel Gelassenheit für einen Alltag, der mir oft nicht die Antwort auf die Frage gibt, ob die Entscheidung richtig oder falsch war, die ich getroffen habe. Beim Sport bekomme ich die Antwort sofort.

Also suchen die Menschen nach wie vor nach solchen Erlebnissen?
Ich habe das Gefühl, dass die Wirtschaftskrise in der Form, wie sie von den Medien dargestellt wird, die Breite der Bevölkerung noch nicht erreicht hat. Das ist aber ein Gefühl, ich bin kein Statistiker. Ich weiß auch nicht, wer die Statistiken gestaltet. Aber zunächst einmal glaube ich gar nichts von dem, was in der Zeitung steht, wenn es um die Frage geht, wie hoch die Arbeitslosigkeit oder wie stark die Inflation ist. Ich verlasse mich auf meinen gesunden Menschenverstand und beobachte mein Umfeld. Und den Menschen in meinem Umfeld geht es nicht merkbar schlechter als vor drei Jahren.

Vielleicht liegt das an Ihrem Umfeld.
Wir hatten in den ersten fünf Monaten ein Wachstum von 57 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nun kann ich sagen: Ohne Wirtschaftskrise wären wir wahrscheinlich um 80 Prozent gewachsen. Oder ich kann sagen: Die Wirtschaftskrise betrifft offensichtlich nicht das Marktsegment der außergewöhnlichen Erlebnisse. Oder: In diesen Zeiten gönnen sich die Menschen mal was Gutes.

Machen Sie keine Marktforschung?
Jochen Schweizer ist ein Life-Meinungsforschungsinstitut. Wir könnten eine aufwendige Marktforschung betreiben, um herauszufinden, ob angstfreies Töpfern in der Toskana ein Erlebnis ist, das unsere Kunden wollen. Oder wir verzichten darauf und stellen es online. Dann sagen mir die Kunden, ob es en vogue ist oder nicht. Jeden Monat gehen 20 bis 30 neue Erlebnisse in den Test.

Und was sagt Ihr eigenes Meinungsforschungsinstitut? Suchen die Menschen Adrenalin-Action?
Das macht nur einen Teil unserer Erlebnisse aus. Unter unseren Top Ten sind vier weiche Erlebnisse - von der Wellnessmassage bis zum Candlelight-Dinner.

Für Sie ist Motorradfahren ein TopErlebnis. Sie besitzen eine Ducati 900 Dharma. Vermischt sich in dieser Maschine die Liebe zum Buddhismus mit Ihrem Hang zum Wagnis?
Die Ducati war das Motorrad, das ich mit 18 haben wollte, mir aber nicht leisten konnte. Damals hatte ich noch keine Idee davon, was Dharma bedeutet. Eine 900er Ducati, wenn Sie da auf den Anlasser drücken, das ist so ein richtig ehrliches Moped. Die schüttelt sich erst mal, dann hat die einen Klang und eine Vibration, das ist phänomenal. Wenn ich auf meiner alten Duc sitze, fühle ich mich zuhause.

Das klingt aber arg nach Cowboyromantik, ein Leben im Sattel ...
Ich bin in meinem Leben, ich habe es mal ausgerechnet, ungefähr eine halbe Million Kilometer Motorrad gefahren. Und davon ungefähr 100000 Kilometer im Regen. Letztes Wochenende hatte ich mich für eins unserer Erlebnisse angemeldet, eine Harley-Tour mit Wolfgang Viereck. Und am Donnerstag habe ich mir den Wetterbericht angeschaut. Es war Dauerregen angesagt, auf den Pässen sollte es schneien. Wissen Sie was ich gemacht habe: Ich habe abgesagt. Daraufhin sagte der Wolfgang: ,Weichei!' Ist mir egal. Vor 30 Jahren wäre ich da mitgefahren, auch wenn es Katzen gehagelt hätte.

Woher stammt diese Begeisterung?
Mit 16 war ich in einer Clique: Vollgasfreunde Heidelberg. Wir fuhren Kreidler Florett, oranger Tank, Sechs-Gang-Schaltung, zurückversetzte Fußrasten, M-Lenker. In den Sommerferien wollten wir nach Gibraltar fahren. In Barcelona haben wir auf dem Campingplatz Mädchen kennengelernt und sind dort hängen geblieben. Keiner wollte mehr weiter nach Gibraltar. Also bin ich alleine gefahren. Im Jahr darauf ging es nach Marokko, ein Jahr später wieder. Nach dem Abitur habe ich die ganze Sache geplant und bin mit meinem besten Freund 20000 Kilometer durch Afrika gefahren. Danach war ich ein anderer.

Danach hatten Sie auch Ihren ersten Job in der Speditionsbranche.
In Lomé in Togo habe ich einen Spediteur beim Schachspielen kennengelernt, der wurde mein Mentor. Als ihm ein LKW-Konvoi in Obervolta, dem heutigen Burkina Faso, verloren ging, hat er mich angerufen. Ich bin hingeflogen, habe schließlich die LKWs gefunden und blieb zwei Jahre dort unten. Ich bin da zufällig hineingeraten und dann hineingewachsen.

Sie hatten sogar Ihre eigene Firma, die Sie aber bald wieder verkauft haben. War Ihnen das Leben als Spediteur irgendwann zu fad?
Nein, ich habe mir die anderen 40-Jährigen in der Speditionsbranche angeschaut - und habe nicht sehr viele gesehen, die gesund und zufrieden waren. Ich habe erkannt, dass dieses Unternehmen eine Bürde ist, die mir die Luft nimmt. Das mir zwar viel Geld bringt, aber mir die Bewegungsfreiheit raubt. Bewegungsfreiheit können Sie nicht mit Geld kaufen.

Wie sind Sie zum Bungeespringen gekommen?
Ich habe ein paar Jobs als Stuntman gemacht, zunächst als Extremkajakfahrer, dann kamen hohe Sprünge dazu. Die Wende kam 1987, bei einem Dreh für den Film "Feuer Eis und Dynamit", in dem ich als Extremkajakfahrer engagiert war. Im Jahr vorher hatte ich ein Gummiband gebaut, mit dem man von einer Brücke springen kann. Willy Bogner hat das gesehen und fragte mich, ob ich eines bauen könne, mit dem ich von der 220 Meter hohen Staumauer im Valle Verzasca springen sollte. Also bin ich gesprungen.

Eine Legende war geboren ...
Buena Vista hat einige Athleten aus dem Film bei der Premiere auf die Bühne geholt. Für mich war es eine große Enttäuschung, dass ich nicht als Kanute auf die Bühne geholt wurde, sondern für diesen Sprung. Ich erhielt erstaunlichen Zuspruch. Dabei war dieser Sprung Peanuts. Da muss man nichts können. Man braucht nur Mut. Kajakfahren ist eine hohe Kunst. Da habe ich 20 Jahre trainiert, um zu den Besten zu gehören. Und dann springst du einmal mit dem Gummiband von der Staumauer und plötzlich bist du ein Held.

Aber das war Ihr erster Schritt zu Reichtum und Berühmtheit.
Wirtschaftlicher Erfolg, das Habenwollen, war nie mein Ziel. Freiheit, Unabhängigkeit. Das wollte ich erreichen, vor allem anderen.

Überlegen Sie inzwischen manchmal, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen?
Das Unternehmen würde ohne mich sehr gut funktionieren. Dass das so ist, gibt mir sehr viel Freiheit. Ich habe hier eine Führungsmannschaft, die exzellent arbeitet. Das sind die besseren Manager. Ich bin überzeugt davon, dass das Unternehmen ohne den Gründer wunderbar weiterlaufen würde. Aber der Gründer hat noch verdammt viel Spaß, neue Ideen auszuhecken.

Müsste nicht ein Schweizer die Marke weiterführen?
Ich habe zwei Söhne. Doch ob einer von den beiden Interesse hat, im Unternehmen mitzuarbeiten, kann ich nicht entscheiden. Der eine will zum Beispiel Rennfahrer werden. Das ist wie mit dem Fallschirmspringen: Ich habe über 1000 Sprünge gemacht in einer Phase meines Lebens. Trotzdem habe ich nie versucht, meine Söhne vom Fallschirmspringen zu überzeugen. Ich wusste: Irgendwann kommt einer von ihnen daher und hat einen Fallschirm unterm Arm. Und so war es dann auch.

Fahren Sie denn Kajak?
Ja, beide. Das gehört ja zur Grundausbildung dazu, die Väter ihren Söhnen mitgeben müssen: Fische fangen, Feuer machen, Kajak fahren.

Zur Person

Der 1957 Geborene wuchs in Heidelberg auf und war schon als Kind ein "wilder Hund". Wildwasserkajak fuhr er so gut, dass er als Stuntman in Filmen mitwirkte (u.a. "Feuer, Eis und Dynamit") Nach Anfängen als Logistiker gründete er 1985 eine Actionmarketing-Agentur, die bald unter seinem Namen firmierte. Er machte Bungeespringen in Deutschland populär und führte andere Formate wie den "Vertical Catwalk" - eine Modenschau an einer Hausfassade - ein. 2003 stoppte ein tödlicher Bungee-Unfall zunächst den Aufstieg seines Geschäfts. Heute ist Schweizer Active Chairman einer dreigliedrigen Gruppe: die Jochen Schweizer GmbH vermarktet Erlebnisgeschenke, die Jochen Schweizer Event GmbH Firmenevents und die Jochen Schweizer Projects AG entwickelt eigene Attraktionen wie zuletzt einen Windtunnel in Bottrop. Die Gruppe beschäftigt rund 120 Festangestellte und 100 freie Mitarbeiter, sie machte 2008 27 Millionen Euro Umsatz.

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