Jobwechsel Selbstständig im Internet

Viele Jahre hat Markus Jung als Versicherungskaufmann gearbeitet. Auf Dauer war es zu wenig, jeden Tag Schadensfälle abzuarbeiten. Ein Fernstudium ebnete den Weg zum Gründer eines erfolgreichen Start-ups.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

Muss man immer den Beruf ausüben, den man einmal erlernt hat? Keineswegs. Wir stellen Menschen vor, die in einer zweiten Karriere eine neue Berufung gefunden haben. Im diesem Teil unserer Serie erzählt der 36-jährige Markus Jung, wie er durch ein Fernstudium auf die Idee für sein eigenes Unternehmen kam. 13 Jahre lang hatte er für eine große Versicherung Schadensfälle bearbeitet – heute ist er Internet-Unternehmer und sein eigener Chef.

ZEIT ONLINE: Herr Jung, nach dem Abitur machten Sie eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Hand aufs Herz: Waren Sie so brav und haben auf Ihre Eltern gehört, die Ihnen sagten: "Junge, mach was Solides"?
Markus Jung: (lacht) Ehrlich gesagt, war das so eine Entscheidung, ja. Ich bin mit der Berufswahl auch meinem Vater nachgekommen. Ich wollte erst einmal einen Beruf lernen, Geld verdienen, auf eigenen Füßen stehen. Da habe ich die kaufmännische Ausbildung gemacht. Aber ich hatte immer den Wunsch, auch noch zu studieren.

Den Wunsch haben Sie allerdings erst einmal vertagt, weil Sie nach der Ausbildung übernommen wurden.
Jung: Ich habe bei einer sehr großen Versicherung gelernt und wurde in einer Niederlassung in Köln übernommen. Nach der Ausbildung fand ich es gut, einige Zeit lang auch in dem Beruf zu arbeiten. Allerdings ödete es mich nach einiger Zeit an, nur Schadensfälle zu bearbeiten. Da habe ich mich nach Weiterbildungsmöglichkeiten erkundigt. In der Versicherungsbranche machen viele eine Fortbildung zum Betriebswirt. Das kam für mich aber nicht infrage. Ich wollte ja immer noch studieren.

Sie waren Mitte 20, warum nicht einfach den Job kündigen und noch mal an die Uni gehen?
Wenn man erst einmal Geld verdient und im Berufsleben steht, ist das ein harter Schnitt. Das wollte ich auch nicht. Also bin ich auf die Idee gekommen, ein Fernstudium zu machen. Aber die Suche gestaltete sich schwierig. Was ist das richtige Fach, welche Anbieter gibt es, was kosten die und wie seriös sind die? Ich fand Werbung von Fernuniversitäten auf der Rückseite von Fernsehzeitschriften nicht sehr überzeugend. Im Internet gab es auch nicht viele umfassenden Informationen. Also habe ich die Akademien und Fernunis angeschrieben, Material eingeholt, die Angebote verglichen und mich schließlich für Informatik an der Wilhelm Büchner Hochschule in Darmstadt eingeschrieben.

Und das ging so einfach? Was hat Ihr Arbeitgeber dazu gesagt, dass Sie nach Feierabend noch studiert haben?
Das wurde begrüßt und sogar gefördert. Wie erwähnt, war ich in einem sehr großen Unternehmen, in dem Weiterbildung recht verbreitet ist. Mein Arbeitgeber hat mich beispielsweise für Klausurtermine und Prüfungszeiten freigestellt. Und nach dem Abschluss auch einen Teil der Studienkosten bezahlt. Es gab sogar für besonders gute Leistungen einen kleinen Bonus. Dafür musste ich im Gegenzug unterschreiben, dass ich nach dem Fernstudium mindestens noch ein Jahr lang im Unternehmen bleiben würde.

Die wollten sichergehen, dass der von ihnen geförderte Diplom-Informatiker nicht gleich anderswo anheuert.
Richtig. Ich muss aber auch erwähnen, dass die Regelung von Seiten meines Arbeitgebers sehr großzügig war. Meine Studiengebühren haben im Monat 250 Euro betragen. Darin waren die Unterlagen und die meisten Kosten enthalten. Die Prüfungen fanden meist an einem Wochenende in der Hochschule statt. Die Reise- und Unterbringungskosten musste ich zusätzlich bezahlen. Außerdem gab es zur Prüfungsvorbereitung sogenannte Repetitorien, deren Teilnahme auch extra kostete. Da hat man  in einer Kleingruppe mit dem Dozenten intensiv für Klausuren gelernt.

Wie viel Zeit hat Sie das Fernstudium gekostet und wie haben Sie das neben der Vollzeitarbeit durchgehalten?
Man braucht Ehrgeiz und Disziplin, man muss sich sehr gut selbst organisieren. Ich habe das Studium in der vierjährigen Regelstudienzeit abgeschlossen und habe 2004 mein Diplom gemacht. Der Abschluss an einer staatlich anerkannten Fernuniversität ist mit dem einer normalen Hochschule gleichwertig. Aber der Weg dahin ist deutlich anstrengender. Etwa 15 bis 20 Stunden in der Woche muss man für so ein Studium rechnen. Wobei es Spitzenzeiten gibt, da braucht man mehr. Ich habe auch mal zwei Tage Urlaub genommen, um zu lernen. Und es gibt auch diese Phasen, in denen man sich kaum motivieren kann. Problematisch ist ja: Man lernt vor allem allein zu Hause. Für Freunde und Familie ist man scheinbar anwesend, aber man hat gar keine Zeit, weil man den ganzen Stoff lernen muss. Zwar bieten die Fernuniversitäten häufig auch einen Online-Campus an, man tauscht sich mit den Kommilitonen in Foren und per Mail oder am Telefon aus – aber die Hänger-Phasen muss man trotzdem allein bewältigen. Ich habe mich motiviert, in dem ich mich für erfolgreiche Prüfungen belohnt habe – zum Beispiel mit einem schönen Essen. Man darf auf keinen Fall in langen Zeiträumen denken. Und man sollte Abwechslung ins Lernen bringen.

Parallel zum Fernstudium haben Sie Ihr heutiges Unternehmen aufgebaut, die Plattform Fernstudium-Infos.de. Wie kam das?
Mir ist aufgefallen, dass es kaum Infos zum Fernstudium gibt – obwohl immer mehr Menschen diese Form der Weiterbildung nutzen. Ich habe ganz laienhaft angefangen, die von mir zusammengesuchten Informationen ins Netz zu stellen. Erst über ein Forum, dann über die Website. Ich habe immer mehr recherchiert, Interviews mit den Fernuniversitäten geführt, die Angebote verglichen, Service-Stücke zu den Themen geschrieben, die einen Studenten interessieren, der ein Fernstudium macht. Und so ist das gewachsen. Es kamen immer mehr Nutzer, das Material wuchs ständig – und die Serverkosten sind enorm gestiegen. Ganz zu Anfang habe ich alles privat bezahlt, das war so eine Art Hobby von mir. Dann habe ich begonnen, das Angebot über Werbung zu refinanzieren.

Heute leben Sie davon. Wie kam das? Wollten Sie der Versicherung schnellstmöglich den Rücken kehren?
Im Gegenteil, das Unternehmen hat mich die ganze Zeit gefördert. Ich habe auch nach dem Studium in einer anderen Abteilung gearbeitet. Eine Versicherung hat Verwendung für einen Informatiker mit kaufmännischer Ausbildung. Ich war noch zwei Jahre nach dem Studium in der Firma. Doch dann gab es Umstrukturierungen. Zur gleichen Zeit wuchs meine Website und ich spielte immer mehr mit der Idee, mich selbstständig zu machen. Für diesen Schritt kam mir meine kaufmännische Ausbildung zugute. Ich hab auch immer mehr gemerkt, dass mich das Portal viel mehr ausfüllt als mein Job bei der Versicherung. Ich hatte das Gefühl, ich mache etwas, dass mir wirklich Spaß macht, das anderen Menschen nutzt, und dass ich das gerne Vollzeit täte. Schließlich bekam ich von meinem Arbeitgeber ein Abfindungsangebot. Etwas Besseres hätte nicht passieren können.

Sie hatten das Startkapital, um mit Fernstudium-Infos.de in die Selbstständigkeit zu gehen?
Genau. Das war 2007. Ich hatte das schon vorbereitet, und es war ein nahtloser Übergang. Ich hatte während meines Fernstudiums gemerkt, dass ich eigentlich alle Qualifikationen lerne, die man als Freiberufler braucht: Selbstorganisation, effektiv und alleine arbeiten zu können oder auch Ideen sofort umzusetzen.

Jetzt dürfen Sie noch mal eben Werbung machen und erzählen, was man auf Ihrem Portal findet.
Einen Überblick über alle wichtigen Fernstudienangebote in Deutschland: Hochschulen, Akademien, Studiengänge und -gebiete. Ich habe noch eine Fortbildung im Journalismus gemacht und schreibe selbst die redaktionellen Inhalte. Zudem lebt das Portal von einer Community mit mehr als 15.000 Nutzern. Etwa 200 sind am Tag aktiv. Sie tauschen sich über alle wichtigen Fragen zum Thema aus. Die meisten von ihnen sind selbst Studierende an einer Fernuni, Dozenten oder Absolventen.

Haben Sie schon Mitarbeiter?
Noch nicht. Ich arbeite aber mit anderen Freiberuflern zusammen. Es gibt ehrenamtliche Moderatoren in der Community, eine PR-Agentur macht für die Site die Pressearbeit und Steuerberater die Buchhaltung.

Sie haben auch ein Buch geschrieben.
Ja, einen kleinen Ratgeber mit den 100 wichtigsten Fragen und Antworten zum Fernstudium. Der erscheint im März.

Würden Sie sagen, Sie haben eine zweite Karriere gemacht?
Von Karriere kann man wohl noch nicht sprechen, aber ich habe den Beruf gewechselt und ich habe gesehen, dass sich die Anstrengung gelohnt hat. Heute habe ich sehr großen Spaß an meiner Arbeit. Ich genieße die Freiheit, alles sofort ausprobieren zu können und meine Erfahrungen selbst zu machen – und nicht mehr in sehr starren Strukturen arbeiten zu müssen.

Was raten Sie Menschen, die ganz unzufrieden in Ihrem aktuellen Job sind?
Auf keinen Fall sofort alles hinzuschmeißen, aber sich neu zu orientieren, zu überlegen, was man gerne tun möchte, was einem Spaß macht, und abzuwägen, ob man damit auch Geld verdienen kann. Wer sich weiterbilden möchte, sollte sich informieren. Ein Studium neben dem Job ist eine Doppelbelastung, aber sie lohnt sich.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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