Jobsuche Zu wenig Jobs für zu viele Absolventen

Jung, gut ausgebildet, aber arbeitslos! Akademiker haben ein anstrengendes Jahr vor sich. Viele Unternehmen stellen keine neuen Mitarbeiter ein. Der Nachwuchs ohne Berufserfahrung hat es bei der Jobsuche besonders schwer.

Andreas Niesmann, Christian Müßgens | , aktualisiert

Es sah so vielversprechend aus: Das Bewerbungsschreiben hatte Eindruck gemacht, das Vorstellungsgespräch war super gelaufen, Anforderungen und Profil ergänzten sich perfekt - Maxie Strate, 25, wartete nur noch auf die Zusage für den heißersehnten Job. Dann kam der Einstellungsstopp. "Das war wie ein Schlag ins Gesicht", erinnert sich die Psychologin.

Im Februar 2009 hatte sie ihr Studium an der Universität Twente im niederländischen Enschede abgeschlossen. Die Studienzeit war respektabel, frühzeitig hatte sie sich auf Arbeits- und Organisationspsychologie spezialisiert, im Lebenslauf zeugte ein sechsmonatiges Praktikum von ersten Berufserfahrungen - trotzdem wollte es mit dem Jobeinstieg nicht klappen.

Rund 40 Bewerbungen hatte die Absolventin verschickt, zunächst nur im Umkreis ihrer Alma Mater, später dann auch deutschlandweit. Sechs Monate und etliche Absagen später nahm sie eine Hospitanz bei einer Studien- und Berufsberatungsgesellschaft in Köln an. "Irgendwann denkt man, besser ein Praktikum als gar nichts."

So wie Maxie Strate mussten im Krisenjahr 2009 viele Hochschulabsolventen Abstriche machen, wenn es um ihre beruflichen Ziele ging. Besonders hart erwischte es Berufseinsteiger, aber auch für Akademiker jenseits der 35 sind die Jobangebote derzeit knapp. "Die Zahl der Anzeigen auf unserer Seite sind so stark eingebrochen wie seit dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 nicht mehr", sagt Frank Hensgens, Vorstand der Online-Stellenbörse Stepstone. Mit rund 23 000 Stellenangeboten war dort im Juni 2009 der Tiefpunkt erreicht. Ein Jahr zuvor waren es noch doppelt so viele.

Industrie sucht weniger Fachleute

Auch in den Printmedien waren weniger Anzeigen zu finden: Der Stellenindex des Personaldienstleisters Adecco weist für die ersten neun Monate des Jahres 2009 einen Rückgang der Jobangebote für Akademiker von 37 Prozent aus. Im vergangenen Vierteljahr fiel die Zahl der Stellenangebote auf rund 16000 - im Vergleich zu rund 27000 im Jahr 2007.

Während die Zahl der Angebote sinkt, bleibt der Zustrom auf den Arbeitsmarkt konstant: Rund 310000 Absolventen haben 2008 ihr Studium an einer deutschen Hochschule beendet. Experten rechnen damit, dass sich diese Zahl auch 2009 nicht verringert.

Einen Job zu finden wird für die Nachwuchskräfte schwer. So hat eine Studie des Onlineportals Monster.de ergeben, dass nur ein Drittel der Top 1000 der deutschen Unternehmen in diesem Jahr neue Mitarbeiter einstellen will - zum Vergleich: 2008 und 2009 waren es noch zweimal so viele gewesen.

Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet 2010 eine spürbare Verschlechterung der Lage. Bislang hätten sich die Unternehmen darum bemüht, ihre Fachkräfte zu halten. Angesichts schwacher Wachstumserwartungen werde die Zahl der Entlassungen aber bald zunehmen, glauben die Arbeitsmarktforscher. Sogar Ingenieure, die sich bisher nicht lange um einen Job bemühen mussten, werden von der Krise erfasst. Sie waren vom Rückgang der Stellenanzeigen in Zeitungen und im Internet stark betroffen - und dürften es auch in diesem Jahr wieder sein.

So sank die Anzahl der Stellenanzeigen für Ingenieure im Maschinenbau laut Adecco seit Ende 2007 um rund 70 Prozent. Auch die Angebote für Ingenieure auf Stepstone.de seien erstmals zurückgegangen, berichtet Vorstand Frank Hensgens, "und zwar deutlich". Vor allem die vom Export abhängigen Industriekonzerne, etwa aus der Autobranche oder der Stahlindustrie, hätten ihre Suche nach jungen Fachleuten reduziert. "Früher wurden Ingenieure von der Uni weg gestohlen", sagt Hensgens, "heute nicht mehr."

Auch Wirtschaftswissenschaftler dürften die Folgen der Krise zu spüren bekommen - vor allem, wenn sie im Marketing arbeiten wollen. Dort setzten Firmen zuerst den Rotstift an, berichtet Hensgens. Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Stellen deutlich zurückgegangen.

Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht sogar ein grundsätzliches Überangebot an Wirtschaftswissenschaftlern: "Es ist in Mode gekommen, BWL zu studieren", sagt er. Jetzt müssten die Absolventen sich umso mehr anstrengen, um einen guten Job zu bekommen. Auch der Experte vom DIW glaubt, dass im Marketing weniger Leute gesucht werden als bisher. In den Personalabteilungen und in anderen Bereichen der Verwaltung sinke der Bedarf an BWL-Absolventen allerdings ebenso.

Wie eng der Arbeitsmarkt für junge Betriebswirte inzwischen ist, hat Marcus Eckert am eigenen Leib erfahren. Mehr als 120 Bewerbungen hat der Diplom-Kaufmann geschrieben, seit er im Februar 2009 sein Studium an der Universität Osnabrück abgeschlossen hat. Zunächst hagelte es eine Absage nach der nächsten. "Praktisch alle Unternehmen wollten nur noch Leute mit Berufserfahrung", berichtet der 27-Jährige. "Selbst im Trainee-Bereich hat man als Einsteiger ohne fachliche Erfahrung keine Chance."

Wird 2010 ein schlechtes Jahr für Akademiker?

Auch er musste seine Ansprüche zurückschrauben - und sich erst einmal mit einem Praktikum begnügen. Seit November hospitiert er bei einem Kölner Internet-Start-up, das eine Verkaufsplattform für Online-Händler anbietet. Die Chance auf eine Übernahme sei zwar gering, doch Marcus Eckert ist zuversichtlich, mit den gesammelten Erfahrungen im Anschluss schnell eine feste Stelle zu finden. "Ganz wichtig für mich ist die Referenz in meinem Lebenslauf."

Wird 2010 ein schlechtes Jahr für Akademiker? "Es kommt immer auf die individuelle Qualifikation an", glaubt Berufsberater Karl Brenke: "Und die hat nur wenig mit dem formalen Abschluss zu tun." Wer sich früh spezialisiere, wer seine Netzwerke nutze, der werde auch 2010 einen Job finden.

Außerdem gibt es Signale, die Anlass zur Hoffnung geben: Wie die Online-Stellenbörse Jobstairs in einer Umfrage unter knapp 50 deutschen Großkonzernen herausgefunden hat, gehen viele Personaler davon aus, dass bereits 2010 ein erheblicher Mangel an Fachkräften bestehen wird, unter anderem in den Bereichen Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften.

Berufliche Chancen trotz Krise bieten kleine und mittelgroße Unternehmen. "Bewerber sollten den Mittelstand analysieren und scannen", sagt Thomas Rübel, Geschäftsführer beim Büro für Berufsstrategie. Viele Akademiker konzentrierten sich zu stark auf die großen Konzerne - doch die stellten zurzeit viel weniger ein. Bei den Kleineren zeichne sich hingegen bereits jetzt ein deutlicher Bedarf ab.

Weiterbildung statt steiler Karriere

Außerdem sollten sich Jobsuchende auf ihre Stärken besinnen und lieber eine Phase der Weiterbildung einschieben, als auf die steile, schnelle Karriere zu setzen. "Jeder hat einen Schwachpunkt, an dem er noch arbeiten kann", mahnt Rübel, etwa wenn es um Fremdsprachen oder um Computerkenntnisse gehe. Studenten kurz vor dem Abschluss sollten versuchen, ihre Abschlussarbeit an den Interessen eines potenziellen Arbeitgebers auszurichten. Vor blindem Aktionismus warnt der Experte. Stattdessen sollten Berufseinsteiger sich kontinuierlich weiterbilden.

Auch Maxie Strate, die Absolventin aus Twente, hat während ihres Praktikums zusätzliche Erfahrungen gesammelt und Ruhe bewahrt. Ihre Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt: Über die Stellenbörse Monster.de bekam sie Ende 2009 ein Jobangebot, das zum Erfolg führte; am Montag hat sie bei einer kleinen Beratungsfirma in der Nähe von Utrecht im Recruiting angefangen. "Diese Stelle bietet mir einen guten Einstieg", freut sich die Psychologin. "Das ist etwas, das zu mir passt und wo ich Freude dran habe."

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