Jobkultur Geld oder Leben?

Nicht nur Großbritannien diskutiert über die Kultur in den Investmentbanken. Der schlechte Ruf und der massive Stellenabbau schrecken weltweit die Absolventen ab: Die Nachwuchskräfte arbeiten lieber in anderen Branche, als sich komplett dem Job zu verschreiben.

Katharina Slodczyk <br />Mitarbeit: Holger Alich, Stefani Hergert, Carsten Herz, Martin Kölling, Finn Mayer-Kuckuk, Frank Wiebe | , aktualisiert

Geld oder Leben?

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Foto: Mammut-Vision/Fotolia.com

Eigentlich war es keine Frage, wo Roderick Preece sein Geld verdienen würde: "Mein Großvater und mein Vater waren Banker, meine Schwester hat sich auch dafür entschieden", erzählt der 24-Jährige. Er wollte diesen Weg ebenfalls einschlagen – bis er einige Wochen lang bei seiner Schwester gewohnt hat.

"Ich hab Tag für Tag erlebt, wie sie ganz früh morgens zur Arbeit fuhr und sehr spät abends nach Hause kam, zum Teil völlig ausgepowert und immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: Hoffentlich verlier' ich den Job nicht bei der nächsten Umstrukturierung", erzählt der Brite aus einem Vorort von London.

"Was sie von ihrem Arbeitstag erzählte, klang nicht so, als ob das den Einsatz wert wäre." Und so hat sich Preece eine Alternative gesucht.

Massiv geschädigte Branchen-Reputation

Die Kultur in der Branche, die Exzesse der Finanzkrise und Skandale wie die Libor-Manipulation haben Spuren hinterlassen. Sie haben die Reputation der Finanzbranche massiv geschädigt. All das hat sich schon ausgewirkt: Auf Berufseinsteiger wie Preece, die sich fragen, ob sie solch einen Job wirklich machen wollen. Und auf Finanzinstitute, die ihre Nachwuchsauswahl anpassen.

Die aktuelle Diskussion in Großbritannien um den Tod eines deutschen Praktikanten der Investmentbank Bank of America Merrill Lynch in London wird das wohl noch verschärfen. Der 21-Jährige soll laut Medienberichten angeblich nächtelang durchgearbeitet haben, bevor er vergangene Woche tot in seiner Wohnung gefunden wurde.

Auch wenn die Todesursache unklar ist: Seitdem der Fall bekannt wurde, diskutiert nicht nur die Londoner City über die Arbeitsbedingungen in den großen Banken.

Flucht aus der City

Kaum Schlaf, lange Nachtschichten und jede Menge Stress: Im Londoner Finanzzentrum erzählt man sich halb schaudernd, halb ehrfurchtsvoll Geschichten von jungen Bankern, die nach einem 24-Stunden-Arbeitstag mit dem Taxi für einen Kleiderwechsel nach Hause fahren – nur um danach gleich wieder frisch geduscht ins Büro zurückzukehren.

Mit dem Druck wird nicht jeder fertig, in den vergangenen Jahren häuften sich die Selbstmorde. Sie sind ein trauriges Indiz dafür, dass sich die Kultur der Gier oft genug mit einer Kultur der Angst und Verunsicherung mischt.

Ein Arbeitsumfeld, das so einige inzwischen zum Berufswechsel animiert. Auf dem Onlineportal "Escape the City" haben in den vergangenen drei Jahren nach Angaben der Gründer mehr als 117.000 frustrierte Banker einen Ausweg aus ihrem Job gesucht.


Und nun der Tod des Praktikanten, der immense Reaktionen ausgelöst hat. "Mich hat überrascht, wie viele Menschen gesagt haben, dass sie der Fall schockiert", sagt Andre Spicer, Professor an der Londoner Wirtschaftshochschule Cass.

Er glaubt, dass sich die Diskussion nun auch auf Bewerbungen von Top-Absolventen auswirken könnte.

Seine Kollegin Sarah Juillet hatte zuvor schon beobachtet, dass immer mehr unsicher werden. "Studenten prüfen angesichts der Negativschlagzeilen der Branche jetzt deutlich stärker als noch vor einigen Jahren andere Optionen." Die Banken wiederum fragten nach Absolventen mit anderen Qualifikationen als früher, "weil sie durch die Krise zu einem Kulturwandel gezwungen sind und bei ihren Mitarbeitern eine größere Vielfalt wollen."

Peinliche Jobs im Finanzsektor

Doch ihre Attraktivität als Arbeitgeber hat gelitten. Nach einer Umfrage der Marktforscher von Yougov im Auftrag der britischen Lloyds Banking Group ziehen nun mehr Studenten eine Karriere im öffentlichen Sektor vor.

Etwa jeder Zweite sagte zudem, dem Bankensektor zu misstrauen - und zwar deutlich stärker als noch vor fünf Jahren. Ein Viertel der Studenten räumte ein, es wäre ihnen peinlich, wenn sie Freunden und Bekannten sagen müssten, sie arbeiteten in der Finanzbranche.

Kritische Fragen der Talente

Für Lloyds-Chef Antonio Horta-Osorio sind das eindeutige Alarmzeichen: "Wir wollen, dass die Besten und Klügsten sich für eine Bankerkarriere entscheiden", sagte er vor einigen Wochen vor Studenten in Oxford. Und die könnten jetzt abgeschreckt sein, fürchtet er.

Dass sich etwas verändert hat, spüren auch die Verantwortlichen in den Banken. "Zwei, drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise haben wir im Prinzip bei der Rekrutierung noch so weitermachen können wir vorher", berichtet ein Topmanager der Londoner Finanzbranche. "Bei der darauffolgenden Studiengeneration haben wir teilweise eine geänderte Einstellung beobachten können. Da kommen mehr Fragen, kritischere Fragen."


Es sind vor allem Fragen nach der Zukunft der Branche. Denn das Bild, dass man im Bankensektor einen sicheren und gut bezahlten Job findet, müssen die Studenten korrigieren.

Es gebe einen größeren Anteil jüngerer Mitarbeiter, die weniger verdienten, räumte 2012 der damalige Goldman-Sachs-Finanzchef David Viniar ein.

Wie bei der Schwester von Roderick Preece kommt die Angst um den Job hinzu. Insgesamt hat Europas größtes Finanzzentrum London seit Ausbruch der Krise fast 100.000 Arbeitsplätze bei Banken und ihren Dienstleistern verloren. Das geht aus Studien des Centre for Economics und Business Research hervor. Ende vergangenen Jahres haben noch 255.000 Menschen in der Londoner Finanzindustrie gearbeitet, der niedrigste Wert seit 1996.

Stellenabbau schreitet voran

Ein Ende des Abbaus ist noch nicht in Sicht, denn strengere Regulierung und höhere Eigenkapitalanforderungen zwingen die Banken zu neuen Einschnitten. So hat die britische Großbank HSBC im Frühjahr angekündigt, mehr als 1000 Stellen in ihrem Heimatmarkt zu streichen, weltweit bis zu 14.000. Konkurrent Barclays baut rund 2000 Stellen in Kontinentaleuropa ab.

Auch in anderen Finanzzentren sind Tausende von Jobs verschwunden. Beschäftigten die Banken in Zürich und Umgebung 2009 noch gut 62.000 Menschen, so wird diese Zahl bis Ende 2014 um fünf Prozent fallen, prognostiziert das Forschungsinstitut BAK Basel. Und im Versicherungs- und Bankensektor in New York arbeiteten zuletzt noch 530.000 Menschen, im Jahr 2007 waren es noch knapp 580.000.

Verlockungen für kluge Köpfe bleiben aus

Volkswirte können diesem Trend auch eine positive Seite abgewinnen: Jahrelang wurden kluge Köpfe aus Branchen wie Physik, Medizin und Informatik durch die extrem hohen Gehälter in die Finanzbranche gelockt.

Eine Studie zweier US-Ökonomen zeigt, dass sich 30 bis 50 Prozent des Lohnunterschieds zur restlichen Privatwirtschaft nicht durch die Anforderungen und Qualifikationen erklären lassen. So gesehen, könnte die jetzige Entwicklung eine willkommene Korrektur sein.


Auch wenn es weniger werden, die Banken haben noch genug Bewerber. Laut der Personalervereinigung Association of Graduate Recruiters sandten im Schnitt 136 Absolventen ihre Unterlagen auf eine Stelle im Investmentbanking ein, ein Jahr zuvor waren es noch 142.

"Die Zahl der Bewerber pro Stelle ist immer noch sehr hoch", sagt auch ein Manager, der bei dem britischen Ableger eines US-Finanzinstituts arbeitet. "Uns ist aber sehr wohl bewusst, dass das natürlich daran liegt, dass weniger eingestellt wird und hier auf der Insel die Wirtschaft sich auch erst sehr allmählich erholt."

Wie attraktiv die Branche noch für die besten Uniabsolventen sei, werde sich zeigen, wenn der Aufschwung seinen Höhepunkt erreichen werde.

Erwünschte Mitarbeitermischung

Einige Banken gehen dennoch schon neue Wege: Nachwuchs suche man verstärkt auch an Universitäten außerhalb Londons, heißt es bei der Royal Bank of Scotland (RBS). Man wolle neue Impulse, kreative Mitarbeiter, die sich etwa für soziale Medien interessierten, über den Tellerrand schauten. Die Bank begründet das mit den Lehren aus der Krise.

Man brauche eine andere Kultur, eine andere Mitarbeitermischung, um die Reputation zu verbessern und neue Exzesse zu verhindern. Die RBS, die in der Krise mit Steuermilliarden gerettet werden musste und fast komplett dem britischen Staat gehört, steht unter massivem Druck, sich zu verändern. Die Regierung will, dass die Bank ihr Investmentbanking weiter schrumpft und sich stärker auf das Privatkundengeschäft konzentriert.

"Diese Einmischung macht die Bank auch unattraktiver als Arbeitgeber", lästert ein Konkurrent. Sie müsse daher Neues ausprobieren, um überhaupt an Nachwuchs zu kommen.

Immenser Arbeitseinsatz, unsichere Zukunft

Für Roderick Preece hat vor allem ein Argument den Ausschlag gegeben, sich gegen eine Bankerkarriere zu entscheiden: "Ich hab mich gefragt, ob mir die immer noch recht gute Bezahlung als Kompensation für die Nachteile reicht", erzählt er. Als Nachteil sieht er nicht nur die unsicheren Zukunftsaussichten und den immensen Arbeitseinsatz, sondern auch den konkreten Job, der ihm angeboten wurde: in der Compliance-Abteilung, die darüber wacht, ob Banken ihre internen Regeln und die Auflagen der Regulierer auch wirklich befolgen. "

An der Uni hat man uns zwar erzählt, dass das ja das neue Gravitationsfeld der Banken sei, aber es hat mich nicht überzeugt."

Er hat sich daher andere Branchen angeschaut: Immobilien, Medien und den Technologiesektor. Am Ende hatte er zwei Zusagen auf dem Tisch – im Marketing eines Immobilienentwicklers oder bei einem Start-up, das eine neue Idee für den Onlinehandel entwickelt hat.

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