Jobeinstieg "Dem Studium fehlt Praxisnähe"

Wie steht es um die "Generation Praktikum"? DIHK-Hochschulexperte Kevin Heidenreich warnt vor einem solch pauschalen Begriff. In der Regel seien Praktikanten heute weitgehend zufrieden. Kritisch sieht er die zu geringe Praxisnähe des Studiums – ein Grund mehr aber, sich für mehr und gute Praktika in den Unternehmen einzusetzen.

Interview: Anne Koschik | , aktualisiert

"Dem Studium fehlt Praxisnähe"

Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com



"Generation Praktikum" – dieses Schlagwort steht seit rund einem Jahrzehnt für einen Gesellschaftstrend mit jungen Menschen in Angst vor einer unsicheren beruflichen Zukunft, die sich von Praktikum zu Praktikum und Job zu Job hangeln – schlecht bezahlt und auf der Suche nach der eigenen Identität. Wirtschafts- und Finanzkrise haben diesen Begriff neu befeuert, doch durch den immer stärker werdenden Fachkräftemangel sehen Fachleute ein Ende dieser Ära. Nicht aber die jungen Leute selbst: Neue Umfragen und Studien belegen, dass sie als Praktikanten wieder schlechter bezahlt werden, dass sie weiterhin dauerhaft befristete Arbeitsverträge fürchten, dass sie Angst haben, keinen passende Job zu finden und durch Bewerber aus dem Ausland verdrängt werden.

Herr Heidenreich, können Sie dieser Angst etwas entgegensetzen?

Kevin Heidenreich: Auch in der Krise müssen sich Hochschulabsolventen keine großen Sorgen machen. Ein Studium ist immer noch die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, die Arbeitslosenquote ist seit Jahren konstant niedrig. 2010 lag sie mit 2,8 Prozent sogar deutlich niedriger als in den Jahren zuvor.

Ist es aus Ihrer Sicht richtig, Praktikumsplätze auch nach dem Studium zu vergeben?

Es gibt gute Gründe auch nach einem Studium ein Praktikum zu absolvieren. Leider sind viele Studiengänge wenig praxisnah, so dass Absolventen praktische Erfahrungen abseits vom Studium machen müssen. Viele Absolventen wissen direkt nach dem Studium auch nicht, welche beruflichen Tätigkeiten zu Ihnen passen. Ein Praktikum kann dabei helfen.

Und wenn jemand nach dem Bachelor einen Master machen will, dann empfehle ich denjenigen, zwischendurch erst einmal Praxiserfahrungen zum Beispiel in Form eines Praktikums zu sammeln. Mit diesen Erfahrungen kann man den persönlichen Wunsch-Master gleich viel gezielter auswählen.

Ist diese Einstellungspraxis nicht auch eine einfache Methode, Bewerber kostengünstig auf Vollzeitstellen zu testen, anstatt hier die Probezeit anzuwenden?

Nein, das ist nicht zulässig. Zwar gehört zu einem guten Praktikum auch das gemeinsame Kennenlernen, klar ist aber: Ein Praktikum ist ein Lernverhältnis und darf keine regulären Vollzeitstellen ersetzen. In dem Fall läuft der Arbeitgeber Gefahr, auf ein Arbeitnehmergehalt verklagt zu werden.


Für kleines Geld sollen Praktikanten häufig vollwertige Arbeit leisten, ergab eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Eine aktuelle Umfrage von meinpraktikum.de untermauert dies. Wie stehen Sie als Verband dazu?

Ich warne davor, eine ganze "Generation Praktikum" auszurufen. Alle repräsentativen Studien zu Praktika ergeben ein klares Bild: Die große Mehrheit ist zufrieden mit ihrem Praktikum. Hinzu kommt: nur ein kleiner Teil der Hochschulabsolventen macht überhaupt ein freiwilliges Praktikum nach dem Abschluss – und auch diese sind in den meisten Fällen mit dem Praktikum zufrieden.

Wir setzen uns ganz klar für faire Praktika ein. Inakzeptable Einzelfälle dürfen aber nicht dazu führen, dass man das sinnvolle Instrument Praktikum insgesamt diskreditiert. Es besteht die Gefahr, dass die Unternehmen dann weniger faire Praktika anbieten und das kann niemand wollen.

Wie wichtig sind berufsrelevante Praxiserfahrungen bei der Rekrutierung?

Studien des DIHK zeigen regelmäßig, dass Praxiserfahrung sogar eine der wichtigsten Anforderungen der Unternehmen an Hochschulabsolventen ist. Der Hauptgrund für Trennungen innerhalb der Probezeit ist eine fehlende Verbindung des theoretischen Wissens mit der Praxis. Leider sind zu viele Studiengänge zu wenig danach ausgerichtet, was die Studierenden nach ihrem Abschluss machen.

Wir werben deshalb sehr dafür, dass Unternehmen noch mehr gute und faire Praktika anbieten.

Wie kommunizieren Unternehmen nach außen, dass sie Praktikanten nicht ausnutzen?
 
Unternehmen achten immer mehr auf ihr Image als guter Arbeitgeber. In einigen Branchen und Regionen gibt es mittlerweile einen knallharten Wettbewerb um gute Fachkräfte. Da kann es sich kein Unternehmen erlauben, zukünftige Kandidaten schlecht zu behandeln. Das spricht sich zudem sehr schnell rum.

Der DIHK gibt Leitfäden für Praktika an die Unternehmen aus, die Hinweise zum Beispiel für die Einrichtung von Schülerpraktika oder auch Absolventenpraktika geben.



"Guter Lebensstandard durch gute Ausbildung"


Zu einem Großteil halten Studierende ihre persönlichen Berufschancen in Deutschland auch in Zeiten der Finanzkrise für gut. Das hat das Institut für Demoskopie Allensbach jetzt festgestellt. Jedoch sorgen sie sich darum, nicht sofort den passenden Beruf finden zu können. In der Umfrage gab außerdem  rund ein Viertel der Teilnehmer an, mit dauerhaft befristeten Arbeitsverträgen zu rechnen, und etwa 17 Prozent haben Angst vor der Bewerberkonkurrenz aus dem Ausland.

Eine neue Studie des Instituts für Altersvorsorge (DIA) macht der Generation der um 1990 Geborenen zusätzlich Mut: Der Fachkräftemangel beschere ihnen gute Jobaussichten und einen "neue Generation Praktikum" werde es nicht geben. "Guter Lebensstandard durch gute Ausbildung" sei ihr Motto. Dabei seien sie fest der Meinung, dass sich ihre Leistung – durch lebenslanges Lernen, hartes Arbeiten und Wettbewerb – bei entsprechender Ausbildung auch bezahlt mache.

Praktika gehören heute selbstverständlich dazu: Nur zwöf Prozent der Uni- und drei Prozent der Fachhochschulabsolventen lassen die praktische Erfahrung während ihres Bachelorstudiums ausfallen, hat die Hans-Böckler-Stiftung ermittelt. Und die Studierenden profitieren in der Regel von den betrieblichen Einsätzen. Wie dem Arbeitspapier zu entnehmen ist, komme es jedoch vor, dass Unternehmen das Instrument Praktikum missbrauchten: Es wurde festgestellt, dass 81 Prozent der Befragten in ihrem Praktikum vollwertige Arbeit geleistet haben, etwa 75 Prozent gaben an, dass ihre Arbeit fest im Betriebsverlauf eingeplant gewesen sei. 40 Prozent der Befragten wurden dafür nicht einmal bezahlt und nur neun Prozent wurden mit mehr als 800 Euro monatlich vergütet. Kritisch sehen die Forscher einen Teil der Praktika, die im Anschluss an ein Studium geleistet werden.


Das DIHK-Unternehmensbarometer widerspricht dem: Die Mehrheit der Arbeitnehmer setze Praktikanten nicht als kostengünstige Arbeitskräfte ein. Absolventenpraktika seien eine Chance für den Berufseinstieg und kompensierten das Fehlen berufsrelevanter Erfahrungen. Auch für Quereinsteiger seien sie sinnvoll. Nur eine kleine Minderheit nutze das Instrument Praktikum zur Deckung vorübergehender Personalengpässe oder mit Blick auf die Arbeitskosten.

Da gibt der Praktikantenreport 2012 allerdings zu denken, in dem 3800 Unternehmen aus 1300 Städten bewertet wurden: Demnach ist die Praktikantenvergütung gegenüber den Vorjahren deutlich zurückgegangen. Das Ergebnis von 5.500 Praktikumsbewertungen: Durchschnittlich lag der Verdienst bei 290 Euro im Monat, 40 Prozent der bewerteten Praktika waren unentgeltlich. Die best bezahlten Branchen mit teilweise mehr als 1000 Euro im Monat waren das Consulting, die Konsumgüterindustrie und Internet/Multimedia.

Insgesamt zeigten sich aber 65 Prozent der Teilnehmer mit ihrem Praktikum zufrieden, was nicht zuletzt an der Qualität der ihnen übertragenen Aufgaben lag. Auch hier punktete die Konsumgüterindustrie und die IT-Branche, aber auch Versicherungen und Telekommunikations-Unternehmen, die den Praktikanten bei längerem Aufenthalt kleinere Projekte anvertrauten. 


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