Job Verhandeln Sie trotz Krise Ihr Gehalt

Wer nicht fragt, kriegt nicht mehr. Junge Karriere sagt, in welchen Branchen auch in der Krise mehr drin ist, welche Forderungen Sie stellen können und wie Sie sich auf das Gehaltsgespräch vorbereiten.

Ulrike Heitze | , aktualisiert

Wie ein Besuch beim Zahnarzt? Nein, diesen Vergleich findet Benjamin Lüpschen übertrieben. "Das wäre ja dann ein unangenehmer Termin", sagt der 30-Jährige. Wenn er in den nächsten Tagen zum Jahresgespräch bei seinem Chef antritt, empfindet er das eher als positiv. "Ich bekomme ein konstruktives Feedback auf meine Arbeit. Und weil ich im letzten Jahr gut war und viele meiner Ziele erreicht habe, kann ich mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein da rein und über den Bonus und das Gehalt verhandeln."

Die miesen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in diesem Jahr wird er bei seinen Verhandlungen zwar berücksichtigen. Komplett ausbremsen lassen will er sich aber nicht: "Natürlich habe ich ein Auge auf die Interessen der Firma und darauf, was das Unternehmen derzeit umtreibt. Andererseits weiß ich auch, was ich geschafft habe. Ich denke, wir werden uns irgendwo in der Mitte einigen." Seit viereinhalb Jahren ist der Diplom-Kaufmann beim Konsumgüterkonzern Henkel beschäftigt, seit zwei Jahren in der Konzernstrategie und als Assistent des Vorstandsvorsitzenden Kasper Rorsted. Vier Jahresgespräche hat Lüpschen bereits hinter sich, viermal Ziele vereinbart, viermal seine Leistung verkauft - und unterm Strich ist er sehr zufrieden mit seinen Gehaltssprüngen. Mit etwa 45000 Euro ist er wie jeder Hochschulabsolvent, der bei Henkel einsteigt, vor Jahren gestartet. Nach mehreren Gehaltsrunden und Positionswechseln verdient er inzwischen deutlich mehr.

Auch in der Krise besteht die Chance, eine Gehaltserhöhung zu bekommen. Doch wie hoch würden Sie pokern?

Benjamin Lüpschen ist mit seinen Gehaltsambitionen und dem Ruf "Ich will mehr" nicht alleine, das zeigt eine aktuelle Umfrage des Job-Portals Monster. Demnach planen 45 Prozent aller befragten Arbeitnehmer, auch in diesem Jahr beim Chef um mehr Gehalt zu fragen. Nur jeder Vierte gab an, dass er momentan darauf verzichte, weil ohnehin keine Aussicht auf Erfolg bestehe. Die Bereitschaft, sein Gehalt zu verhandeln, ist in letzter Zeit merklich gestiegen. Vor einigen Jahren noch war das Gros der Belegschaft froh, dass sich die Tarifparteien um die Erhöhungen kümmerten. Mittlerweile ist es in vielen Unternehmen üblich, Ziel- und Bonusvereinbarungen zu schließen.

Diese Entwicklung ist begrüßenswert. Denn regelmäßige Gehaltsgespräche sollten zum Standardrepertoire von Fach- und Führungskräften gehören. Die Verhandlungen sind Teil der persönlichen Selbstvermarktung, und weil Firmen den Beitrag eines Mitarbeiters zur Gesamtleistung letztlich in Geld bewerten, ist es sinnvoll, ihm die Chance zu geben, selbst für sein Gehalt zu kämpfen. Wer viel beiträgt, sollte mehr bekommen. Wer seine Ziele nicht erreicht, muss eventuell eine Runde aussetzen bei der Verhandlung, um wie viel das Monatsgehalt ansteigt.

In diesem Jahr allerdings werden verhandlungswillige Arbeitnehmer mit Blick auf die täglichen Horrormeldungen aus der Wirtschaft mit einem mulmigen Gefühl beim Vorgesetzten antreten. Ist es überhaupt sinnvoll, um einen Zuschlag zu bitten? Wie kommt das beim Chef an? Welche Forderung ist okay, welche maßlos? Derzeit ist Augenmaß gefordert. Gehaltscoach Martin Wehrle macht Arbeitnehmern trotzdem Mut: "Die Krise trifft längst nicht alle Unternehmen und auch nicht alle zur gleichen Zeit. Wer wirklich gut ist, hat jetzt beste Chancen auf ein erfolgreiches Gespräch." Wer erst bis zum Aufschwung wartet, wird sich anhören müssen: "Jetzt müssen wir uns erst ein bisschen erholen, bevor es wieder mehr gibt." Ohnehin würde sich dann die gesammelte Belegschaft ein Herz fassen und etwas vom Gehaltskuchen abhaben wollen.

Der ungeteilten Aufmerksamkeit des Chefs kann man sich also eher jetzt sicher sein. Die sollte ein Arbeitnehmer allerdings nur suchen, wenn er in jüngster Zeit Leistungen vollbracht hat, die eine zusätzliche Belohnung verdienen. Ein erfolgreiches Projekt also, ein gewonnener Neukunde oder eine entdeckte Möglichkeit, Kosten zu reduzieren. Mit Mittelmaß fällt man in der Gehaltsverhandlung eher negativ auf.

Drei Berufstätige schildern ihre Erfahrungen mit Gehaltsverhandlungen:

Dass für Erhöhungen durchaus das Budget vorhanden ist, zeigen aktuelle Erhebungen unter Personalverantwortlichen: Nach einer Studie der Vergütungsberatung Mercer planen deutsche Unternehmen, das Gehalt ihrer Führungskräfte um 3,3 Prozent zu erhöhen. Fachkräfte sollen 3,5 Prozent erhalten. Ihre früheren Schätzungen für 2009 haben die Unternehmen schon leicht nach unten korrigiert. Mitte 2008 hatte man noch damit gerechnet, in diesem Jahr knapp vier Prozent mehr zu zahlen. Möglich ist, dass die Firmen ihre Pläne ein zweites Mal korrigieren, sagt Jutta Kömm, Vergütungsspezialistin bei Mercer. Dass die Einkommen ganz eingefroren werden, wie derzeit bei Yahoo und der Omnicom-Gruppe, zu der Werberiese BBDO gehört, hält die Expertin aber nur in vereinzelten Branchen und Bereichen für wahrscheinlich.

Im Vergleich zum Vorjahr fallen die aktuellen Budgets zwar deutlich magerer aus - 2008 gab es laut Mercer im Schnitt 3,9 Prozent mehr, 2007 waren es drei Prozent. Trotzdem sind die Unternehmen auch in diesem Jahr gewillt, über Zuwächse mit sich reden zu lassen. Der Haken: Es gibt nicht für jeden etwas. Die Palette reicht von Nullrunden bis zu sechs, sieben, acht Prozent. In wirtschaftlich miesen Zeiten ist deshalb mehr Fingerspitzengefühl und Verhandlungsgeschick nötig. Die Erhöhungen sitzen längst nicht mehr so locker wie noch im vergangenen Jahr. Immerhin: Es gibt welche.

Anders als in finanziell guten Zeiten werden jetzt Mitarbeiter bevorzugt, die das Unternehmen durch die Krise bringen. Gehaltscoach Martin Wehrle hat diese Erfahrung in früheren Krisen gemacht, beispielsweise nach dem Platzen der Internetblase. "Bei der Masse der Belegschaft sind die Gehälter eher gesunken, bei Führungskräften und Leistungsträgern dagegen gestiegen." Thomas Haussmann, Leiter des Bereichs Human Capital bei Watson Wyatt Heissmann, bestätigt: "Die Firmen haben aus der Vergangenheit gelernt. Um nicht wieder beim Anziehen der Konjunktur ein Personalproblem zu bekommen, versuchen sie, ihre guten Leute bei Laune zu halten und an sich zu binden."

Das Ziel muss also sein, den Chef von seinen Qualitäten als Leistungsträger zu überzeugen. Während sich jeder gerne selbst für einen solchen hält - schließlich gibt man sich ja ordentlich Mühe im Job -, folgt die Chef-Wahrnehmung anderen Regeln. "Sie müssen Ihre Stellung in der Abteilung und im Unternehmen kritisch unter die Lupe nehmen", sagt Sabine Hansen, Partnerin bei der Personalberatung Heidrick & Struggles. "Sie müssen herausbekommen, wie Ihre Chancen stehen."

Arbeiten Sie mit den entscheidenden Kunden und Budgets? Sind Sie an strategisch wichtigen Projekten beteiligt? Also dort, wo Umsatz gemacht, das Image verbessert und Kosten verringert werden? Sind Sie Know-how-Träger? Haben Sie Kontakte? Sind Sie eine Marke? Wie sind Sie und Ihre Arbeit bei den entscheidenden Leuten angesehen? Wie war das bisherige Feedback in Personalgesprächen? - All das macht den Wert für das Unternehmen aus.

Wer das analysiert und zu einem befriedigenden Ergebnis kommt, kann seine Trümpfe beim Chef ausspielen. Wer dagegen den Schluss ziehen muss, dass er in jüngster Vergangenheit unauffällig vor sich hingewerkelt hat, dass er geräuschlos austauschbar ist oder dass das zumindest die entscheidenden Leute so sehen, der sollte in den Gehaltsverhandlungen lieber den Ball flach halten. Ein mögliches Ziel sollte dann nur ein Inflationsausgleich von zwei, drei Prozent sein - und der gute Vorsatz, in Zukunft an seiner Sichtbarkeit zu arbeiten.

"Mitarbeiter in internen Abteilungen wie der Organisation oder dem Personalwesen haben oft schlechtere Karten", sagt Sabine Hansen. "Ihr Beitrag zum Unternehmenserfolg ist nicht so offensichtlich wie der der Kollegen aus dem Vertrieb oder der Entwicklung." Aber auch in den Abteilungen machen Personalberater Unterschiede in der Anerkennung aus: Wald-und-Wiesen-Controller haben gegen den Risk Manager, der strategisch eingesetzt ist, schlechte Karten, der klassische Aktenverwalter ist nicht so häufig gefragt, der Business Partner, der die Personalentwicklung für die Zukunft plant, schon eher. Je zukunftsorientierter die Position ausgerichtet ist, desto größer die Chance auf ein Gehaltsplus.

Wie erfolgreich die Verhandlungen ausfallen, hängt letztlich aber von der Branche ab. Vorgesetzte in Banken und Automobilunternehmen bemühen derzeit häufig das Totschlagargument - "Der Firma geht es nicht gut, und Sie wollen mehr Geld haben? Nein, tut mir leid!" - und haben damit Recht. Andere Branchen hingegen - die Pharma- und weite Teile der Konsumgüterindustrie zählen dazu - kommen vergleichsweise glimpflich durch die Krise. Hier lassen sich solche Argumente seitens des Chefs mit einer kurzen Recherche vorab kontern.

Aber auch innerhalb der Branchen gibt es große Unterschiede, selbst in der Autobranche sind einige wenige Unternehmen noch für Gehaltssteigerungen zu haben. Christoph Stettner* zum Beispiel, Maschinenbauingenieur bei einem großen Autohersteller, hat trotz der notwendigen Kurzarbeit kürzlich 7,2 Prozent mehr Gehalt herausgeholt. 4,2 per Tariferhöhung und drei Prozent durch eine Zulage des Chefs.

Die Frage nach dem eigenen Marktwert stellt sich auch Berufseinsteigern, und die Unsicherheit ist groß. Wer kennt sich direkt nach dem Studium schon aus? Die notwendigen Vergleiche fehlen, also lässt sich die Frage, ob die Forderung nach 50000 Euro Gehalt im Jahr eine Chance hat, zunächst nicht beantworten.

Eine erste Orientierungshilfe erhalten Bewerber in dem Gehaltsbaukasten, den Handelsblatt Junge Karriere zusammen mit der Vergütungsberatung Mercer entworfen hat. Ausgehend von einem Mittelwert für eine Position hilft er beispielsweise, weitere Faktoren in den Durchschnitt einzuarbeiten und daraus eine realistische Vorstellung abzuleiten, die im Bewerbungsschreiben und -gespräch weiterhilft. Zusätzlich sollten Bewerber aber immer auch selbst recherchieren. Was sagen Freunde oder Bekannte, die in der angestrebten Branche tätig sind? Gibt es Firmeninsider, die ein paar Details verraten über das Arbeitsklima, die Hierarchien, die Gehälter? Je mehr Informationen man vor der Bewerbung sammelt, desto besser kann man sich und seine Qualifikationen einsortieren.

Maßgeblich beeinflusst wird das Einkommen von der Unternehmensgröße, der Branche und dem Sitz der Firma. Banken, Chemie- und Pharmaunternehmen sowie die Automobil- und Konsumgüterindustrie zählen grundsätzlich zu den Besserbezahlern - was mögliche Nullrunden schnell zu einem Jammern auf hohem Niveau macht. Bau, Medien, Handel, Kultur und soziale Dienste zahlen dagegen traditionell unterdurchschnittlich. Die Gehälter von Architekten sind schon fast legendär niedrig: Laut Architektenkammer Nordrhein-Westfalen verdient ein Diplom-Ingenieur mit bis zu fünf Jahren Berufserfahrung im Schnitt 29800 Euro. Dafür würde ein Ingenieur aus dem Maschinenbau nicht einmal direkt nach dem Studium beginnen. Mit fünf Jahren Joberfahrung verhandelt er mindestens über das Doppelte.

Das wichtigste Kriterium ist die Unternehmensgröße. Wer in einem 20-Mann-Betrieb statt in einem Großkonzern beginnt - Unterschiede in den Aufgaben, der Verantwortung und der Entscheidungsbefugnis sind nicht beachtet -, verhandelt um 20 bis 30 Prozent weniger Startgeld.

Bestes Beispiel: die Juristerei. Während sich die renommierten Kanzleien die besten drei bis fünf Prozent eines Absolventenjahrgangs mit Einstiegsgehälter von 70000 Euro aufwärts sichern, müssen sich Junganwälte in kleinen Kanzleien häufig mit 30000 Euro und weniger begnügen. Große Mandate bringen eben großes Geld, kleine nur kleines. Gerecht ist das angesichts des langen Studiums und der Arbeit, die hinter dem Staatsexamen steckt, nicht, sagt Adrian Bingel, der es in die Liga der Gutverdiener geschafft hat. Aber solange die Unis weiter Jahr für Jahr unzählige Juristen auf den Markt spucken, wird sich daran wohl kaum etwas ändern. Otto-Normal-Juristen sind eben keine knappe Ware.

Nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage bestimmt sich im Bewerbungsgespräch auch die Verhandlungsposition eines Kandidaten. Wer mit seinem Spezialwissen auf eine Stelle wie angegossen passt, hat bessere Karten als ein durchschnittlich ausgebildeter Mitbewerber. Bei der Frage nach dem Einkommen kann er also mehr verlangen.

Grundsätzlich haben Unternehmen zwar präzise Vorstellungen, innerhalb welcher finanziellen Bandbreiten sie sich für eine Position bewegen können, ohne das interne Gehaltsgefüge zu sprengen. Doch wie teuer oder günstig der Bewerber letztlich eingekauft wird, hängt von dessen Passgenauigkeit ab. Und natürlich von seinem Geschick, seine Vorzüge rüberzubringen.

Was Personaler interessiert, sind Alleinstellungsmerkmale und Spezialisten. Gute Noten, Praktika und Auslandserfahrung bringen mittlerweile viele Bewerber mit. Das entscheidende I-Tüpfelchen sind Themen und Know-how, mit denen das Unternehmen etwas anfangen kann: Über eine Diplom-Arbeit über LED-Leuchten würde sich Osram freuen; ein Windkraft-Praktikum oder Russisch-Kenntnisse kämen bei RWE gut an; die Beratungsfirmen BCG und McKinsey dürften die Mitarbeit in einer studentischen Unternehmensberatung honorieren. So etwas macht einzigartig. Wer ein durchschnittliches Studium mitbringt, muss deutlicher an seinen I-Tüpfelchen feilen, wenn er ernsthaft ein Spitzengehalt fordern möchte.

Ähnliches gilt für Jobwechsler: Je spezialisierter die ausgeschriebene Stelle ist und je weniger Bewerber es dafür gibt, desto besser ist die Verhandlungsposition. Das war zwar schon immer so, verschärft sich in der Krise aber, sagen Personalberater. Das wird - im umgekehrten Fall - Auswirkungen auf die Einstellungsgehälter haben. Das Prinzip: Wenn zurückhaltender eingestellt wird, entsteht ein Überangebot an Arbeitskräften. Also sinken die Preise, sprich: Gehälter. "Noch können wir keine Auswirkungen beobachten. Das wird naturgemäß noch einige Monate dauern", sagt Tim Böger, Geschäftsführer des Vergütungsdienstleisters Personalmarkt. "Aber wir rechnen damit, dass die Einstiegsgehälter für durchschnittliche Absolventen leicht nachgeben werden. Mit steigenden können bestenfalls noch die Überflieger eines Jahrgangs und die Studenten mit den heiß begehrten, seltenen Qualifikationen rechnen."

Unterm Strich erfordert das von Absolventen und Jobwechslern eine gute Vorrecherche und ein zielgerichtetes Bewerben auf die tatsächlich passenden Stellen. Und Mut zur Ehrlichkeit. Wer sich kritisch fragt und feststellt, nur Durchschnitt anbieten zu können, disqualifiziert sich mit überzogenen Forderungen schneller als noch vor einem Jahr, als die Budgets größer waren und Mitarbeiter dringender gesucht wurden. So ist der Grad zwischen "Ich nenne eine etwas höhere Summe und lasse mich dann auf mein Wunschgehalt runterhandeln" und "Tut uns leid, aber mit Ihren Vorstellungen liegen Sie weit über dem, was wir für angemessen halten. Besten Dank und auf Wiedersehen" derzeit unbestreitbar schmal.

Markus Rosen*, der gerade seine Job-Gespräche mit einem Münchener Maschinen- und Anlagenbauer abgeschlossen hat, musste das erfahren. "Ich hätte eigentlich gerne zwischen 60000 und 64000 Euro verdient. 62000 Euro wäre ideal gewesen." Doch als der vermittelnde Personalberater etwas weniger als 60000 vorschlug, erwog der 29-jährige Wirtschaftsingenieur nur kurz, nachzuverhandeln. "Alles andere an dem Job passte ja, da wollte ich kein Fass mehr aufmachen", erzählt er. Zu riskant. "Die 2000 Euro im Jahr machen den Kohl auch nicht mehr fett." Und eine deutliche Verbesserung zu seinem vorherigen 46000-Euro-Job bei einem Mittelständler ist es allemal.

Wer bei seinen Verhandlungen weniger akzeptable Umstände antrifft und mit dem Chef oder dem Personaler in den Ring steigen will, tut gut daran, sich ausgiebig vorzubereiten. Denn hier trifft der Amateur auf den Profi. Schon von Berufs wegen sind Chefs geübtere Verhandler und trainiert darauf, Verhandlungspartner in die gewünschte Position zu lenken. Und das ist jetzt, in der Wirtschaftskrise, nicht selten die Nullrunden-Ecke. Deshalb lohnt es sich, mögliche Einwände des Vorgesetzten vorher durchzuspielen, um sie entsprechend kontern zu können, sagt Trainer Martin Wehrle. "Legen Sie Ihrem Vorgesetzten dar, dass Sie der Firma Geld sparen, Kunden bringen oder Ihre Qualifikationen ausgebaut haben - und dass Sie deshalb auch mehr verdient haben. So einfach ist im Grunde die Argumentation. Sie muss nur souverän vorgebracht werden." Danach liegt es am Chef, Stellung zu beziehen und Gegenvorschläge zu machen.

Ein Mitarbeiter oder Bewerber, der trotz guter Leistungen und Argumente kein Gehaltsplus durchsetzen kann, geht trotzdem nicht mit leeren Händen. Wer sich in diesem Test angemessen geschlagen hat, macht Imagepunkte für die Zukunft und bringt sich zudem in eine bessere Ausgangslage für künftige Nachverhandlungen. Und noch etwas sollten Verhandler beachten, sagt Martin Wehrle: Bloß nicht einknicken. "Eine Verhandlung ist nicht beendet, wenn der Chef ,Nein' sagt. Dann geht sie erst richtig los."

Hier finden Sie weitere Informationen und Tipps zur erfolgreichen Gehaltsverhandlung:

Drei Berufstätige schildern ihre Erfahrungen

30000 EURO

Duc Pham, 28, ist seit einem Dreivierteljahr Einkäufer für Laufsportartikel bei Perfacts, einem mittelständischen Sportartikelhersteller mit Sitz in Dorsten. Er verdient 30000 Euro pro Jahr plus Bonus. Studiert hat der Hobbyläufer BWL in Würzburg. Perfacts ist nach einer Sprachkursfirma sein zweiter Arbeitgeber.

Sie verdienen 2500 Euro pro Monat. Drei Jahre nach dem Studium ist das nicht gerade üppig. Zufrieden?
Ja, völlig. 30000 bis 40000 Euro sind im Sportbereich recht üblich. Zu meinen 2500 Euro kommt ja einmal jährlich noch ein Bonus von bis zu zwei Monatsgehältern. Geld stand für mich bei der Entscheidung für diesen Job ohnehin nicht im Vordergrund.

Sondern?
Die Stelle passt 100-prozentig zu mir. Ich bin Sportler und konnte mein Hobby zum Beruf machen. Wir leben hier mit unseren Produkten, es geht mehr um Qualität als um Quantität. Das motiviert mich zurzeit deutlich stärker, als einfach viel Geld zu verdienen.

Gar kein bisschen neidisch? 
Ich habe Kommilitonen, die sind bei McKinsey gelandet. Die verdienen vielleicht 150000, 180000 Euro, müssen dafür aber bestimmt 80 Stunden pro Woche im Büro verbringen. Nein, mit denen möchte ich nicht tauschen. Das wäre es mir nicht wert. Ich muss nicht jeden Tag Essen gehen oder zigmal pro Jahr in den Urlaub fahren. 

Einmal im Jahr müssen Sie über Ihre Ziele und den Bonus sprechen. Unangenehm?
Nein, hier bei Perfacts nicht. In meinem früheren Job war das aber anders.

Warum?
Ich habe im Vertrieb für einen großen Sprachkursanbieter gearbeitet. Das war meine erste Stelle nach dem Studium. Da waren Zielvorgaben und Provisionen jeden Monat ein Thema. Die Hälfte meines Gehalts war damals variabel. Das war mir sehr unangenehm.

Verdienen Sie heute mehr als damals?
Nein, in etwa das Gleiche. Aber mit dem Unterschied, dass ich heute sicher weiß, was am Monatsende auf dem Konto landet. Das beruhigt sehr.

49000 EURO

Katharina von Roda, 28, ist seit drei Jahren Ärztin für Anästhesie und Intensivtherapie am Helios Klinikum Erfurt. Darüber hinaus absolviert sie derzeit bei Helios eine zusätzliche Managementausbildung. Sie verdient rund 49000 Euro pro Jahr, plus Zulagen für Schichtdienste, deren Zahl sie sich aussuchen kann.

Bei Ärzte-Gehältern reichen die Klischees vom schwerreichen Gott in Weiß bis zum bettelarmen, ausgebeuteten Nachwuchsmediziner. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Ich bin sehr zufrieden. Ich verdiene 4100 Euro pro Monat. Und je nachdem, wie viele Dienste ich übernehme, kommen noch mal ein paar Hundert Euro dazu. Ich weiß von Freunden und Kommilitonen, die viel schlechter dran sind. Sie verdienen weniger, kämpfen mit ihrer Arbeitsbelastung oder kriegen keine Fortbildung. Ich bekomme diese sogar bezahlt und werde dafür freigestellt. Das ist längst nicht üblich.

Viele Ärzte schieben jeden Monat unzählige Sonderschichten, um ihr Gehalt aufzubessern. Wie ist das bei Ihnen? 
Wir haben 24-Stunden-Dienste - acht Stunden normal arbeiten und 16Stunden Bereitschaft. Davon kann jeder so viele machen, wie er kann oder mag. Ich mache die Dienste aber eigentlich nicht des Geldes wegen, sondern um Erfahrung zu sammeln. Das ist mir viel wichtiger. 

Verhandeln Sie Ihr Gehalt?
Nein, bisher nicht. Ich werde nach Tarif bezahlt. Und Erhöhungen handelt für uns der Ärzteverband Marburger Bund aus. Da hat es auch erst vor kurzem eine Anhebung gegeben. 150 Euro im Monat. Wenn man Oberarzt geworden ist, kann man anfangen, Teile seines Gehalts zu verhandeln.

Wäre das was für Sie?
Ehrlich gesagt bin ich noch nie auf die Idee gekommen, mehr zu verlangen. Ich komme gut klar. Als ich hier angefangen habe, war mir gar nicht bewusst, dass das gut bezahlt ist. Mir war nur die Option wichtig, mich schnell auf die Intensivmedizin stürzen zu können. Übers Gehalt hab ich mich erst später gefreut.

55000 EURO

Achim Gurka, 29, ist seit knapp zwei Jahren Consultant bei der Cellent Finance Solutions. Derzeit arbeitet er an der Integration von Tochterunternehmen in eine deutsche Landesbank. Nebenher macht der Wirtschaftsinformatiker gerade seinen MBA. Mit seiner 80-Prozent-Stelle verdient er bis zu 55000 Euro pro Jahr.

Sie machen derzeit einen MBA. Wie soll der sich mal finanziell niederschlagen?
Ich bekomme sicherlich nicht dafür mehr Geld, dass ich mit einem Zertifikat herumwedele. Aber durch die Weiterbildung steigen meine Kompetenzen und Einsatzmöglichkeiten. Dies führt wiederum zu erweiterten Aufgaben - und zu einem höheren Gehalt.

Was verdienen Sie momentan?
Wegen meines MBAs habe ich meinen Job auf 80 Prozent reduziert. Das macht mit sämtlichen Extras dann ein Gehalt von etwa 50000 bis 55000 Euro im Jahr. Und die Firma finanziert meinen MBA. 

Führen Sie Gehaltsverhandlungen?
Ja, wir haben jährliche Personalentwicklungsgespräche, in denen es auch ums Geld geht. Meine Gehaltsentwicklung orientiert sich an der Qualifikationseinstufung und deren jährliche prozentuale Anpassung. Über die wird dann verhandelt. Anfangs fand ich das sehr irritierend. 

Was war verwirrend?
Ich war zuvor vier Jahre im Controlling einer Sparkasse beschäftigt. Dort wird per Tarifvertrag und Stelleneinstufung gezahlt. Es gibt nicht groß was zu verhandeln. Als dann im Bewerbungsgespräch die Frage nach meinen Gehaltsvorstellungen fiel, traf mich das etwas unvorbereitet. So viel Freiheit war ich gar nicht gewohnt, sehe es mittlerweile aber als große Chance für mich.

Wie haben Sie sich aus der Affäre gezogen?
Ich habe einfach mein damaliges Gehalt genannt, versehen mit einem Aufschlag. Heute bereite ich mich im Vorfeld intensiver vor. Und formuliere zum Beispiel für mich Mindestergebnisse für Verhandlungen.

Mit welchem Erfolg?
Mein Arbeitgeber beschäftigt fast nur Berufserfahrene. Die in der Beratung oft üblichen Absolventengehälter, die dann in den ersten Jahren riesige Steigerungsraten hinlegen, gibt es daher nicht. Aber in meinen bisherigen Personalentwicklungsgesprächen konnte ich trotzdem deutliche Steigerungen aushandeln. Mit denen bin ich sehr zufrieden.

Hier finden Sie weitere Informationen und Tipps zur erfolgreichen Gehaltsverhandlung:

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