Job-Trend Nachhaltigkeit Alles bleibt im Kreislauf

Nachhaltigkeit wird zum wichtigen Kaufkriterium. Viele Firmen suchen deshalb nach Spezialisten für verantwortungsvolles Wirtschaften.

Andreas Schulte | , aktualisiert

Alles bleibt im Kreislauf

Foto: eillen1981 - Fotolia.com

Lothar Hartmann ist in seinem Geschäft ein alter Hase. Seit 15 Jahren arbeitet er als Nachhaltigkeitsmanager beim fränkischen Versandhändler Memo. "Ökologisch, günstig, fair": So bewirbt Memo seine rund 10 000 Produkte – vom Recycling-Aktenordner bis zum Gartenstuhl.

Betriebswirt Hartmann erstellt nicht nur die jährliche Ökobilanz für das Unternehmen. Er kümmert sich auch um das Gesundheitsmanagement für die 130 Mitarbeiter und legt fest, auf welche Waren man besser im Katalog verzichtet, etwa weil sie die Umwelt belasten.

Das ökologische Geschäftsmodell ist erfolgreich: Umweltbewusstsein wird für Verbraucher wichtiger bei der Kaufentscheidung – und so wächst auch Memo. Lothar Hartmann bekommt mehr zu tun: "In den letzten Jahren hat die Arbeit zugenommen", sagt er. 

Verordnete Verantwortung 

Eine weitere Kollegin unterstützt ihn – so kümmert sich das kleine Team auch um Ökobilanzen für Produkte, die im Firmenauftrag gefertigt werden. Ob es um Ökobilanzen geht, die Qualität von Arbeitsbedingungen oder soziales Engagement: "Der Bedarf an Nachhaltigkeitsmanagern wächst", sagt Ludger Heidbrink, Gastprofessor für Corporate Responsibility und Corporate Citizenship an der Uni Witten-Herdecke.

Das Thema dürfte in Zukunft noch mehr Relevanz bekommen: Die Europäische Union will Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern verpflichten, ihr gesellschaftliches Engagement zu dokumentieren. Wann die Berichtspflicht kommen und wie umfangreich sie sein wird, ist noch nicht klar. Nach Angaben des Netzwerks CSR Europe könnten rund 18 000 Unternehmen in Europa von der EU-Berichtspflicht betroffen sein. Bislang berichten nur 2 500 Unternehmen.

Der Zugang in den Beruf ist noch höchst variabel, eine einheitliche Ausbildung gibt es in Deutschland nicht. Vor allem staatliche Unis tun sich weiterhin schwer, diesem Themenfeld einen Studiengang zu widmen. Private Hochschulen und Fachhochschulen haben schneller reagiert.

Insgesamt existieren in Deutschland rund 300 Studienangebote zur Nachhaltigkeit – viele davon sind berufsbegleitend oder als Weiterbildung angelegt. Auch die Industrie- und Handelskammern bieten mittlerweile vornehmlich für den Mittelstand entsprechende Kurse an. "Noch sind streng geregelte Ausbildungen rar", sagt Heidbrink. "Deshalb haben auch Allroundexperten mit einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung gute Jobchancen."

Nachhaltigkeitsmanagement

Diese Erfahrung hat auch die Diplom-Ökonomin Elke Vohrmann gemacht. Sie arbeitet selbstständig als Nachhaltigkeitsberaterin. In einem von der EU geförderten Projekt im Rhein-Kreis Neuss hat sie 23 Unternehmen im Auftrag des Kreises zunächst in Workshops Basiswissen vermittelt.

Auf Grundlage der gemeinsamen Beratung hat sie eine Nachhaltigkeitsstrategie für jedes Unternehmen entwickelt. Diese entscheiden individuell, welche der vorgeschlagenen Maßnahmen sie ergreifen, also ob sie etwa ein betriebliches Gesundheitsmanagement einführen oder an ihrer CO2-Bilanz arbeiten. Wo Expertenrat notwendig ist, besucht Vohrmann die Betriebe gemeinsam mit den Anbietern entsprechender Maßnahmen, wie Energieexperten oder Gesundheitsmanagern.

Im Jahr 2008 wagte Vohrmann den Schritt in die Selbstständigkeit. Zuvor hatte sie über Jahre in einer großen Bank Unternehmensfinanzierungen gemanagt. "Schon vor zehn Jahren habe ich begonnen, mir die ökologischen und sozialen Kenntnisse in Eigenregie anzueignen", sagt sie. Einen Studiengang zum Nachhaltigkeitsmanagement hat sie nicht absolviert.

Für 2014 plant die Düsseldorferin die Gründung einer eigenen Akademie. Sie sieht ihre Vielseitigkeit als Vorteil: "Es gibt wenige Nachhaltigkeitsberater, die sich mit Ökologie, Ökonomie und sozialen Themen gleichermaßen auskennen", sagt Vohrmann. Das sei für sie ein gewisses Alleinstellungsmerkmal.

Dass Nachhaltigkeitsmanager selbstständig und außerhalb von Unternehmen Karriere machen, ist nicht ungewöhnlich. In Politikberatungen, in der öffentlichen Verwaltung oder bei gemeinnützigen Organisationen sind sie gefragt. Oder sie beraten Firmen, wie sie dokumentieren, dass sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung tatsächlich nachkommen. 

Abwechslungsreiche Aufgaben 

Weil das Themenspektrum so breit ist, existiert kein typischer Arbeitsalltag. Während der Nachhaltigkeitsmanager im Bekleidungskonzern etwa die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in Zulieferfirmen in Asien kontrolliert, schreibt der mittelständische Nachhaltigkeitsmanager einen CO2-Bericht seiner Firma, und der Kollege bei der Kommune überprüft die Unterbringung von Asylbewerbern. "Der Traumjob für die meisten Absolventen bleibt aber der im Konzern", sagt Heidbrink. "Dort baut man die Nachhaltigkeitsabteilungen aus."

Ein Grund dafür dürfte die Erkenntnis sein, dass Nachhaltigkeit sich zunehmend finanziell auszahlen kann. Diesen Trend unterstützt auch eine Studie der Marktforschung Nielsen. 37 Prozent der Deutschen sind demnach bereit, bei sozial verantwortlich handelnden Unternehmen höhere Preise zu akzeptieren. Vor zwei Jahren waren es 32 Prozent.

26 Prozent geben an, während der vergangenen sechs Monate ein Produkt gekauft zu haben, nur weil das dafür verantwortliche Unternehmen nachhaltig handelt. "Das ist für Firmen ein klares Signal, dass es hierzulande noch viel Spielraum für die richtigen Nachhaltigkeits-Engagements gibt, um Verbraucher zu gewinnen und zu binden", sagt Ingo Schier, Geschäftsführer Deutschland bei Nielsen.

"Die Einstellung eines Nachhaltigkeitsmanagers kann ein geeignetes Mittel sein." Im Konzern steht oft die Überwachung der eigenen Lieferkette im Vordergrund. "Heute kann es sich kein Unternehmen mehr erlauben, sich nicht intensiv mit der eigenen Lieferkette auseinanderzusetzen", sagt Bernhard Schwager, Nachhaltigkeitsmanager bei Bosch.

Der Mittelstand nähert sich dem Nachhaltigkeitsmanagement eher vorsichtig, sagt Heidbrink. Er sieht als potenzielle Arbeitgeber vor allem international agierende Unternehmen, erst recht solche, die vom Produkt her mit hohen Umwelt- oder Sozialrisiken umgehen. Bewerber könnten einer einfachen Regel folgen: "Je mehr ein Unternehmen im Licht der Öffentlichkeit steht, desto größer ist sein Bedarf an Nachhaltigkeitsmanagement."

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