Job-Krise Harte Zeiten rund um die Wall Street

Die Finanzkrise hat in New York jungen Deutschen die eigenen Grenzen aufgezeigt. Martin Kolb, Personalmanager bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York, beobachtet, dass die Zahl der Arbeitsuchenden zugenommen hat.

Josefine Köhn | , aktualisiert

Es ist zwölf Uhr mittags, Lunchzeit an der Wallstreet. Doch von High Noon ist im Ciprianis, einem edlen Restaurant im Financial District von Manhattan, nichts zu spüren. Alle Tische sind leer. Thomas Rudy steht am Eingang und schüttelt den Kopf. "Früher war es unmöglich, hier eine Reservierung zu bekommen", sagt der 27-jährige Broker. Er selbst kann es sich noch leisten, hier zu essen. Seiner Kündigung bei der Citigroup ist er zuvorgekommen. Vor einem Jahr, als die Finanz- noch Immobilienkrise hieß, hat sich Rudy als Broker selbstständig gemacht. Er sieht und gibt sich als Gewinner der Krise. Stolz präsentiert er sich im Nadelstreifenanzug und mit Visitenkarte. Der Ludwigshafener ist Absolvent der New Yorker Columbia-Universität verwaltet derzeit zwar hauptsächlich das Kapital seiner Familie und von Bekannten, hofft aber auf ein paar schnelle Erfolge, um dann "seriös und mit Erfolgs-Background auftreten" zu können.

70 Prozent von der Krise betroffen

Ob naive Überheblichkeit oder nicht, wenn sich die Wirtschaftslage nicht bessert, wird es nicht nur für Rudy schwer werden. "Aufträge und Projekte werden vertagt, Firmen und Privatleute warten mit Investitionen", sagt Thomas Möbes vom German-American Trade Center. Die Organisation in Tucker, im US-Bundesstaat Georgia, unterstützt deutsche Unternehmen beim Markteintritt in den USA. Derzeit gibt es in den USA mehr als 3500 Hauptniederlassungen und Zweigstellen deutscher Unternehmen mit rund 655000 Mitarbeitern. Einer Studie der Unternehmensberatung Droege & Company zufolge, für die mehr als 300 deutsche Firmenverantwortliche in den USA befragt wurden, gaben 70 Prozent an, von der Krise betroffen zu sein. Rund 40 Prozent davon schwer. 

Über drei Viertel der Befragten befürchten, Mitarbeiter entlassen zu müssen. Martin Kolb, Personalmanager bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York, beobachtet, dass die Zahl der Arbeitsuchenden zugenommen hat. "Es rufen viel mehr an als im Vorjahr", sagt er. Von der US-Wirtschaftskrise sind besonders die jungen, gut ausgebildeten Ausländer betroffen. Bislang öffnete ein US-Studium im Wirtschafts- oder Finanzbereich jungen Deutschen sofort die Tür ins Management. Um das eigene Heer von mehr als 12,5 Millionen Arbeitsuchenden unterzubringen, haben die amerikanischen Behörden die Einreise- und Aufenthalts- sowie die Arbeitserlaubnisregelungen verschärft.

Keine ausländischen Arbeitnehmer

"Es brauchen sich höchstens noch Ingenieure mit Schlüsselpositionen in transatlantischen Firmenbeziehungen keine Sorgen zu machen - sofern sie eine Greencard haben", sagt Thomas Möbes vom German-American Trade Center. Der sogenannte "Employ American Workers Act" sieht sogar vor, dass Firmen, die staatliche Subventionen erhalten, überhaupt keine ausländischen Arbeitnehmer mehr einstellen dürfen.

Im vergangenen Jahr reisten noch 85153 Deutsche mit einer Arbeitserlaubnis in die USA ein, und 53800 junge Bundesbürger durften mittels eines J-Visums als Praktikanten, Trainees oder Studenten Erfahrungen in den USA sammeln. Wer zum Beispiel bislang nach dem Studium in den Vereinigten Staaten geblieben ist, um schnell Karriere zu machen, hat es jetzt schwer. Sollte sich der Erfolg nicht sofort einstellen, bleibt den hoffnungsvollen High Potentials oft nur die Heimreise. Auf Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe kann man erst nach einigen Jahren im Job hoffen.

Und selbst dann gibt es im sozialen Netz viele Lücken, durch welche die geschassten Gastarbeiter häufig fallen. Bettina Hein aus Frankfurt etwa, die in Cambridge, Massachusetts, eine Firma etablieren will, die aus Familienvideos professionelle Kurzfilme macht, kann von offizieller Seite keine Unterstützung erwarten. So arbeitet sie derzeit daran, das notwendige Kapital für ihre Firma Pixability aufzubringen: "Wenn wir im nächsten Jahr unsere Ausgaben nicht selbst decken können, müssen wir aufgeben." Auch Lars Dahlhaus, der bisher recht erfolgreich antike Lampen importierte und verkaufte, hangelt sich durchs Leben. Der Wuppertaler jongliert mit immer neuen Kreditkarten, um seinen Betrieb und Lebensstandard in Brooklyn aufrechtzuhalten.

"Durchhalten" lautet die Devise

Modedesignerin Yasmine Özelli, die seit neun Jahren in New York lebt, hat ein Zimmer in ihrem engen Apartment in Harlem untervermietet. Weil die Kunden für ihre maßgeschneiderten Anzüge ausbleiben, arbeitet sie nun als Verkäuferin in einer Boutique: "Wenigstens bin ich nicht arbeitslos." Einfach durchhalten, das ist die Parole.

Diese ist auch beim Stammtisch der "German Culture Meetup Gruppe" zu spüren. 80 deutsche Praktikanten, Angestellte und Einheimische, die alle gern ein frisch gezapftes Bier trinken, treffen sich im Porch, einer Bar in Manhattans Lower Eastside, um im wahrsten Sinne des Wortes "liquide zu bleiben" - wie Organisatorin Amy Sander es ausdrückt. Die 33-jährige Deutsch-Amerikanerin arbeitet im Risikomanagement der Euro Hypo, einer Gruppe der Commerzbank. Sie ist sich ihrer Stelle zwar noch sicher, Sorgen macht sie sich aber auch: "Es gibt keine dreimonatige Kündigungsfrist, du stehst hier von heute auf morgen auf der Straße."

Nach Deutschland zurückzugehen, kommt aber für keinen der jungen deutschen New Yorker in Frage. Sie alle hoffen auf ein baldiges Ende der Krise. Lars Dahlhaus verkauft neben den teuren handgefertigten Lampen aus dem elterlichen Betrieb nun auch online preisgünstige Versionen "made in China". Bettina Hein setzt auf ihren Charme und ihre Erfahrung. Modedesignerin Özelli hofft auf eine finanzstarke Mitbewohnerin, um nicht noch weitere Nebenjobs annehmen zu müssen. Die Krise will sie einfach nur noch überstehen: "Vorher kauft ja doch niemand einen handgefertigten Anzug."

Selbst Wallstreetbroker Rudy nicht. "In der Stadt, in der Geld eigentlich keine Rolle spielt, gehört Sparen jetzt zum guten Ton", sagt er. Selbst nach erfolgreichen Transaktionen sind Freudenkäufe für Wertpapierhändler derzeit tabu.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...