Jahresrückblick 2010 Kurzarbeit, Konjunktur und Kündigungen

Was in der Krise begann, brachte die besten Arbeitsmarktzahlen seit fast 20 Jahren. Gekündigt wurde trotzdem, und auch dagegen geklagt. Ein Rückblick: Welche Entwicklungen es 2010 auf dem Arbeitsmarkt und im Arbeitsrecht gab.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

Januar: Elena ist da: Die Abkürzung steht für Elektronischer Entgeltnachweis. Seit dem 1. Januar 2010 werden alle relevanten Informationen über Arbeitnehmer gespeichert: Löhne, Sozialabgaben, Zeiten der Arbeitslosigkeit. Die Speicherung der Arbeitnehmerdaten sorgt für zahlreiche Proteste. Ansonsten dominiert noch immer die Krise: Viele deutsche Unternehmen haben Kurzarbeit angemeldet. Arbeitnehmer bangen um ihre Jobs. Darunter auch ein Betriebsrat des Motorenhersteller Dietz. Er äußert sich in einem Fernsehinterview zur wirtschaftlichen Situation des Unternehmens – und wird fristlos entlassen. Der Fall sorgt bundesweit für Aufsehen.

Februar: Aufmerksamkeit erregt im Februar eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Darin wird festgestellt, dass Bewerber mit türkischen Namen auf dem deutschen Arbeitsmarkt diskriminiert werden. Die Forscher hatten etwa 1000 Bewerbungen verschickt und ihnen per Zufall einen Namen eindeutig deutscher oder türkischer Herkunft zugeordnet. Ergebnis: Die Bewerber mit türkischen Namen erhielten 14 Prozent weniger positive Antworten. Dabei hatten die fiktiven Bewerber die gleichen Qualifikationen und bei allen handelte es sich ausnahmslos um deutsche Staatsbürger mit Deutsch als Muttersprache.

März: Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel veröffentlicht ihr Buch "Brief an mein Leben", in dem sie ihre Erfahrungen mit Burn-Out schildert. Das Buch löst eine Debatte über Arbeitssucht, Karrierestreben, Depressionen und Work-Life-Balance aus. Fast zeitgleich wird bekannt, dass die seelischen Erkrankungen durch Stress im Job zugenommen haben.

Die Telekom führt als erster Dax-Konzern eine Frauenquote für Führungspositionen ein. Bis Ende 2015 sollen 30 Prozent der oberen und mittleren Führungspositionen im Konzern mit Frauen besetzt sein. In der Politik wird über die Einführung einer Frauenquote diskutiert.

Besonders junge Beschäftigte bekommen nur noch befristete Arbeitsverträge. Das gibt das Statistische Bundesamt bekannt. Fast drei Millionen Beschäftigte – also jeder Neunte in Deutschland – arbeiten in einem Arbeitsverhältnis mit Ablaufdatum, Tendenz steigend. Besonders junge Menschen, Migranten und Frauen sitzen auf unsicheren Jobs. Die meisten der befristet Beschäftigten geben an, unter der Jobsituation zu leiden.

Im März findet auch die Berufungsverhandlung im sogenannten Maultaschen-Prozess statt. Einer 58-jährigen Altenpflegerin war wegen sechs angeblich geklauter Maultaschen fristlos gekündigt worden. Sie zog vor Gericht. Nach langen Verhandlungen über die Bagatellkündigung siegt die Frau schließlich vor Gericht und bekommt 25.000 Euro Abfindung sowie zusätzlich rückwirkend mehrere Monatslöhne.

April: Die Lage am Arbeitsmarkt verbessert sich allmählich, die Zahl der Menschen in Kurzarbeit sinkt. Aufgrund der positiven Entwicklung beginnt eine Debatte über einen möglichen künftigen Fachkräftemangel. Ein Ergebnis:Ausländische Bildungsabschlüsse sollen künftig unkomplizierter und schneller anerkannt werden. Die Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone bleibt gleichzeitig auf Rekordniveau. Im Schnitt liegt die Quote bei zehn Prozent, in Spanien sogar bei über 20 Prozent.

Ganz andere Sorgen haben Tausende von Arbeitnehmern, die wegen der Aschewolke über Europa in Übersee festsitzen und nicht zur Arbeit erscheinen können. Die Zwangspause kostet sie entweder Urlaubstage oder Gehalt. Noch härter trifft es die Unternehmen und Airlines, die unter den wirtschaftlichen Einbußen leiden.

Vor dem Arbeitsgericht in Stuttgart wird ein ganz besonderer Diskriminierungsfall verhandelt: Eine Frau hatte nach einer erfolglosen Bewerbung ihre Unterlagen inklusive des Vermerks "Ossi" und einem Minuszeichen zurückbekommen. Sie zog vor Gericht und klagte. Als Teil einer "ethnischen Gruppe" sei sie diskriminiert worden. Das Gericht sah die Sache nicht ganz so: Zwar sei das Wort "Ossi" diskriminierend, doch Ostdeutsche an sich seien keine ethnische Gruppe. Die Klage scheiterte aus formal-juristischen Gründen.

Mai: Am 1. Mai zieht es wieder Hunderttausende auf die Straße. Die Gewerkschaften machen mobil und fordern eine neue Solidarität. Gute Nachrichten gibt es für Elektriker: Für ihre Branche wird ein Mindestlohn eingeführt. Fortan erhalten sie einen Stundenlohn von 10,10 Euro im Westen und 9,35 Euro im Osten.

Juni: Der plötzliche Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler führt zu einer Diskussion über Stress und Einsamkeit von Menschen in Führungspositionen.

Vor dem Bundesarbeitsgericht in Erfurt wird der Fall der Kassiererin "Emmely" verhandelt: Die Frau war wegen Unterschlagung von Pfandbons im Wert von 1,30 Euro nach 31 Jahren von ihrem Arbeitgeber fristlos entlassen worden. Ist es zulässig, einen Mitarbeiter nach so vielen Jahren der Betriebszugehörigkeit wegen einer Bagatelle zu entlassen? Oder ist das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch den Vorfall unwiederbringlich zerstört? Der Arbeitsrechtsstreit endet mit einem Sieg der Kassiererin. Ihre Lohneinbußen werden ausgeglichen und sie kehrt nur wenige Wochen später an ihren Arbeitsplatz zurück.

Juli: Zum 1. Juli steigt der Beitrag zur Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen um ein Vielfaches. Für viele freiberufliche Geburtshelferinnen sind die Beiträge kaum noch zu bezahlen. Nach monatelangem Ringen um bessere Arbeitsbedingungen erstreiten die Hebammen schließlich zumindest etwas mehr Geld für Geburten.

Pünktlich zur nahenden Urlaubszeit kommt eine Studie auf den Markt: Smartphones werden zur Jobfessel. Jeder zweite Arbeitnehmer soll im Urlaub berufliche E-Mails abrufen, jeder dritte sogar dienstliche Telefonate führen.

August: Am 1. August tritt der Mindestlohn für die Pflegebranche in Kraft: Fortan erhalten Pflegekräfte einen Stundenlohn von 8,50 Euro im Westen und 7,50 Euro im Osten. Fachkräfte in der Branche sind rar. Der Beruf gilt als unattraktiv, schlecht bezahlt und körperlich anstrengend. In kaum einer anderen Branche gehen so viele Beschäftigte in Frührente oder wechseln den Beruf.

Passend zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres klagen Arbeitgeber darüber, dass die Jugendlichen nicht ausbildungsreif seien. So würden immer mehr Unternehmen Nachhilfeunterricht für ihre Lehrlinge organisieren. Zumindest ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt erstmals seit Jahren deutlich entspannter: Besonders im Osten suchten viele Firmen wegen des teils dramatischen Rückgangs der Schulabgängerzahlen händeringend nach qualifizierten Bewerbern, gibt die DIHK bekannt.

September: Im September werden gleich mehrere kuriose Kündigungsfälle vor dem Arbeitsgericht verhandelt. Ein Mann klagt gegen seine Entlassung wegen Stromklaus. Der Mitarbeiter hatte sein Handy am Arbeitsplatz aufgeladen und seinem Arbeitgeber damit Kosten in Höhe von 1,8 Cent verursacht. Für diesen war es Grund genug, ihn nach 19 Jahren Betriebszugehörigkeit zu entlassen. Das Landgericht Hamm hob die Kündigung auf. Auch im Fall einer Kasserierin aus Leipzig, die wegen eines alten Brotes entlassen worden war, hob das Gericht die Kündigung auf. Die Frau sollte das Brot in der Biotonne entsorgen, der Arbeitgeber entdeckte es dann aber in der Tasche der 44-Jährigen.

Sogar bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zieht ein Kirchenmusiker, der seinen Arbeitsplatz wegen Ehebruchs verloren hatte. Der Musiker bekam Recht: Mit der Kündigung sei gegen das Grundrecht auf Schutz des Privatlebens verstoßen worden. Das Urteil bedeutet aber nicht, dass die besonderen Rechte der Kirche als Arbeitgeber nicht mehr gültig sind.

Oktober: Die Lohnsteuerkarte fällt weg, das gibt im Oktober das Bundesfinanzministerium bekannt. Ab 2012 wird auf ein komplett digitales Verfahren umgestellt.

Das Familienministerium und der DIHK starten im Oktober eine Kampagne für Teilzeitstellen bis 35 Stunden pro Woche. So sollen Eltern Beruf und Familie leichter vereinbaren und mehr Berufstätige ihre Angehörigen pflegen können.

November: Die Konjunktur zieht weiter an und die Arbeitslosigkeit sinkt auf den niedrigsten Stand seit 1992.

Vor der versammelten Hauptstadtpresse rüffelt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble seinen Pressesprecher. Das Verhalten des Ministers löst eine Diskussion über den richtigen Führungsstil aus.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startet das Projekt anonymisierte Bewerbungen. Mit einem Standardbogen, der keine Rückschlüsse auf das Geschlecht, das Alter, die Herkunft oder Religion des Bewerbers zulässt und somit das Augenmerk auf seine Qualifikationen lenkt, sollen die am Modellprojekt beteiligten Unternehmen unter den Bewerbern auswählen.

Dezember: Das Bundesarbeitsgericht fällt am 14. Dezember sein Urteil: Die christlichen Gewerkschaft CGZP ist nicht tariffähig. Die Spitzenorganisation der Christlichen Zeitarbeitsgewerkschaften hätte nie Tarife für Leih- und Zeitarbeiter abschließen dürfen, entscheiden die Richter. Nun könnte es für hunderttausende Leiharbeiter Lohnrückzahlungen geben.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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