Irritation am Arbeitsplatz Duzen – nein danke!

Wann ist es angebracht zu siezen, wann wird geduzt? Das eine schafft Nähe, das andere Distanz. Beide Anredeformen haben ihre Tücken und sind einem ständigen Wandel unterworfen – und das weltweit. Ein Überblick.

Nora Jakob, wiwo.de | , aktualisiert

Duzen – nein danke!

Foto: Eugenio Marongiu/Fotolia.com

Früher gab es noch Regeln, wer wem unter welchen Umständen das "Du" anbieten darf: Der Ältere dem Jüngeren und der Höhergestellte dem Nachrangigen. Das scheint sich heute immer mehr aufzulösen. Plötzlich ist es in einigen Büros in Mode, sich direkt zu duzen – einfach so, vor allem in den Medien oder der Werbung. Im Bereich der Banken geht es weiterhin eher konservativ zu.

Langsam regt sich in den Büros Widerstand gegen Dauer-Duzer. Denn Duzen ist keine Pflicht. Es ist ein Angebot sich auf einen meist lockeren Umgangston zu verständigen. Es baut auch bestehende Distanzen ab, das sollte man sich vor Augen halten. Das wird vor allem in Situationen deutlich, die Konfliktpotential und Reibungspunkte bieten: Ein (beleidigender) Angriff fällt leichter, wenn die "Sie"-Barriere weg ist.

Kritisches Du

Beim "Du" ist es außerdem schwierig, Kritik wirklich zu äußern. Und schwierig wird es auch, wenn der Vorgesetzte Autorität zeigen muss. Allerdings können Sie sich nicht dagegen wehren, wenn Sie in einem Unternehmen arbeiten, in dem das Duzen an der Tagesordnung ist. In dem Fall müssen Sie dem "Du" auch keine weitere freundschaftliche Bedeutung zumessen – es ist dann etwa vergleichbar mit englischen „You“.

Ablehnen sollten Sie es hingegen in Fällen, in denen Sie sich überrumpelt fühlen – Sie sollten dann aber klar machen, dass es nichts mit der Person des Gegenübers zu tun hat, sondern Sie sich mit dem "Du" nicht wohlfühlen. Das gilt übrigens auch gegenüber dem Chef: Sie sollten sich allerdings schon im Vorfeld eine gute Erklärung überlegen. Es ist allerdings nicht so, dass es gar keine offiziellen Regeln mehr gibt.

Franzosen sind "eher konservativ", weiß unsere Frankreich-Korrespondentin Karin Finkenzeller. Vor allem in den "höheren" Kreisen gehört es dazu – sogar unter Ehepaaren. Ein ähnliches Bild in alteingesessenen Familienunternehmen – dort bleibt man beim Sie.

In anderen Unternehmen setzt sich eine Kombination aus "Sie" und dem Vornamen durch. In international ausgerichteten Unternehmen hingegen setzt sich die "You"-Kultur durch. Vor Fettnäpfchen schützen sich manche Franzosen, in dem sie abwarten, was der Gesprächspartner für Umgangsformen vorschlägt, denn ein einfaches "Bonjour" ohne den Zusatz "Madame" oder "Monsieur" kann kurzangebunden und auch leicht unhöflich klingen.

Regionale Feinheiten

In Belgien hingegen hängt das Duzen und Siezen von den Landesteilen ab, erklärt unsere Brüssel-Korrespondentin Silke Wettach. Während Flamen recht großflächig duzen, sind die französischsprachigen Wallonen sehr formell. Verwirrung gibt es, wenn Flamen französisch reden, und munter die vertrauliche Variante wählen. Insgesamt sind gute Umgangsformen in Belgien sehr wichtig – schon im Kindergarten wird es den Kindern beigebracht.

Auch in der Volksrepublik China werden gute Umgangsformen großgeschrieben – sogar innerhalb der Familie. Dabei gibt es jedoch einige Feinheiten zu beachten. Während sich Chinesen in der Öffentlichkeit eher gleichgültig begegnen, manchmal auch ruppig, gilt im Geschäftsleben oder auch in der Familie noch immer das traditionell konfuzianische Gesellschaftsbild. Das ist durch strenge Hierarchie geprägt, die sich allerdings je nach Gruppendynamik ändern kann: Vorgesetzte stehen über Nachrangigen, Kunden über Verkäufern, Ältere über Jüngeren und so weiter.

Vor allem ist es wichtig, dass das Gegenüber nicht "sein Gesicht verliert". Einem älteren Mitarbeiter oder gar dem Chef zu widersprechen, ist verpönt, weiß unser China-Korrespondent Philipp Mattheis zu berichten. Kritik wird, wenn überhaupt, nur sehr vorsichtig formuliert. Junge chinesische Mitarbeiter klagen oft über die starren Umgangsformen in China.

"Es gibt Chefs, die erwarten von ihren Mitarbeitern, dass sie den Schreibtisch aufräumen und Tee nachschenken", erzählt etwa ein 30-jähriger Angestellter im Gespräch mit Mattheis. Das ändert sich aber langsam, vor allem in den großen Städten, wo viele internationale Unternehmen ansässig sind. In Staatsunternehmen ist es üblich, die Höflichkeitsanrede "Nin" zu benutzen, anstatt "Ni", dem chinesischen Du.

"Für Ausländer ein Minenfeld"

In Großbritannien gibt es weder "Du" noch "Sie", schreibt Großbritannien-Korrespondentin Yvonne Esterházy. Das vereinfache die Kommunikation im Büro einerseits, mache sie auf der anderen Seite aber auch komplizierter. Jeder werde mit "You" angesprochen und es hat sich außerdem eingebürgert, sich beim Vornamen zu nennen. Der Umgangston ist daher "stets locker und freundlich". Doch Hierarchien gebe es natürlich auch im Vereinigten Königsreich, "das ist für Ausländer ein Minenfeld", weiß Esterházy.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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