Interview Wirtschaft soll weiblicher werden

Familienministerin Kristina Schröder will die Firmen zur Frauenförderung in den Top-Etagen zwingen. Im internationalen Vergleich ist Deutschland in dieser Hinsicht noch Entwicklungsland. Ihr Ziel: In fünf Jahren soll jede fünfte Führungskraft eine Frau sein.

Barbara Gillmann, Dieter Fockenbrock | , aktualisiert

Vor 34 Jahren mussten Frauen nach damals geltendem Recht ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollten. Danach hat sich vieles verändert - nur nicht der Frauenanteil in Führungspositionen. 97 Prozent der Vorstände in Deutschland sind männlich. Frauen sind klug und zahlreich, aber auf die Toppositionen lässt man sie nicht vor.

Noch immer ist die Realität in den Firmen ernüchternd: Die wichtigsten 160 börsennotierten Konzerne haben 21 Frauen in ihren Vorständen - das sind weniger als drei Prozent. Deutschland ist in Sachen Frauenförderung Nachzügler. Andere Länder haben die Frage längst gesetzlich geregelt. In Norwegen etwa müssen Aufsichtsräte zu 40 Prozent mit Frauen besetzt sein.

Doch auch hier sollen sich die Zahlen verbessern. In fünf Jahren werden Frauen einen deutlich höheren Anteil aller Führungspositionen in der Wirtschaft besetzen - am besten 20 Prozent. Das kündigt Familienministerin Kristina Schröder (CDU) im Gespräch mit dem Handelsblatt an.

Die Regierungskommission Corporate Governance verschärft ihren Kodex. Unternehmen sollen dafür sorgen, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Reicht das?
Ich begrüße das sehr. Man darf die Wirkung des Kodex keinesfalls unterschätzen. Der Kodex bietet eine große Chance: Die Unternehmen müssen öffentlich Rechenschaft ablegen und riskieren bei Nicht-Einhaltung des Regelwerks, dass dies auf ihr Image und damit auf ihren unternehmerischen Erfolg zurückschlägt.

Anders als bei Aufsichtsräten verlangt der Kodex für Vorstände von Unternehmen nur, dass Frauen "angemessen" berücksichtigt werden.
Ja, aber die Folge ist, dass die Unternehmen sich der Diskussion werden stellen müssen, warum sie einen bestimmten Anteil als angemessen empfinden und anstreben.

Deutschland liegt mit drei Prozent Frauen in Top-Jobs international weit hinten. Wie lange geben Sie den Unternehmen noch Zeit, diesen Anteil massiv nach oben zu korrigieren.
Neuerdings tut sich viel. Es gibt einige neue weibliche Dax-Vorstände. Zudem weiß ich aus Unternehmen, dass viele ganz gezielt nach Frauen für Aufsichtsrat und Vorstand suchen. Die Telekom ist da erfreulicherweise mit einer freiwilligen Quote vorgeprescht. Es spricht sich herum, dass es nicht im ökonomischen Interesse der Unternehmen ist, die Hälfte des Begabtenpools zu ignorieren.

Wäre nicht eine Quotierung sinnvoll?
Ich kann nur so lange guten Gewissens auf eine Quote verzichten, solange ich in der Wirtschaft eine stetige Verbesserung sehe. Das ist aktuell so, aber wir brauchen eine ständige Veränderung in die richtige Richtung. Das Beste an einer "angedrohten" Quote ist, dass sie wie ein Damoklesschwert wirkt.

Die Initiative deutschsprachiger Top-Managerinnen "Generation CEO", deren Schirmherrin Sie sind, meint, in fünf Jahren müsse der Anteil von Frauen in Führungspositionen 20 Prozent betragen.
Einen Anteil von 20 Prozent im Jahr 2015 wünsche ich mir ebenfalls und halte das auch für machbar. Das kann aber nur im Schnitt gelten, nicht für jede Branche. Denn es gibt nun mal Unternehmen etwa in der Stahlindustrie, die selbst bei bestem Willen noch lange nicht genug Frauen finden. Entweder weil nicht genug Frauen eine geeignete Ausbildung haben, oder weil gar nicht genug Frauen entsprechende Positionen wollen.

Nicht wollen?
Ja. Hier ärgert mich die Unehrlichkeit in der Diskussion. Viele Frauen wollen sich den 60- bis 80-Stunden-Mörderjob in einem Vorstand nicht antun.

Also sollen sich die Frauen auch nicht beschweren, wenn sie im mittleren Management kleben bleiben?
Doch, natürlich. Allerdings: Der Schlüssel ist die Arbeitskultur. Unsere Unternehmen sind vielfach so organisiert, dass nur der an die Spitze vordringt, der entweder keine familiären Pflichten hat oder sie etwa an die Ehefrau outgesourct hat. Deshalb gibt es so wenig weibliche Topkräfte.

Der Vorsitzende der Corporate-Governance-Kommission, Klaus Peter Müller, sagt, die Politik sei schuld am niedrigen Frauenanteil in den Topetagen, weil sie über Jahrzehnte kaum Kinderbetreuung angeboten hat.
Das stimmt für die Vergangenheit. Aber wir haben nun mächtig zugelegt. Dies ist ja gerade einer der Gründe, warum ich so für den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab 2013 kämpfe. Aber: Damit fällt diese Ausrede für die Unternehmen weg. Die Wirtschaft muss jetzt auch mitmachen.

Hat das neue Interesse an Frauen damit zu tun, dass uns der Nachwuchs ausgeht?
Das wäre ja mal eine positive Folge des demografischen Wandels.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...