Interview "Wir bilden keine Anthroposophen aus"

Der Rektor der Leipziger Wirtschaftshochschule HHL über seine zweite Amtszeit, eine rote Null und ein neues Führungsmodell für Manager.

Interview: Stefani Hergert | , aktualisiert

"Wir bilden keine Anthroposophen aus"

Foto: Manuel Schönfeld / fotolia.com

Seinen Wechsel von der Politik ins Hochschulmanagement scheint Andreas Pinkwart nicht zu bereuen. Über Führungskonzepte, Forschungsförderung und Rankings kann er genauso enthusiastisch reden wie einst als Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen über Hochschulgesetze.

Herr Pinkwart, vor fünf Jahren sind Sie als Rektor angetreten, die HHL neu zu positionieren. Besonders weit sind Sie am Ende der ersten Amtszeit nicht gekommen, oder?
 
Wenn es so wäre, hätte man mich sicherlich nicht wiedergewählt. Andererseits: Wenn es nichts mehr zu tun gäbe, wäre ich nicht noch mal angetreten. Zur Sache selbst: Die Studentenzahlen sind von 350 auf heute 650 gestiegen, für eine Graduate School ...

Zur Person: Der Volks- und Betriebswirt, Jahrgang 1960, entschied sich nach Promotion und kurzem Ausflug in die Politik für eine Professorenlaufbahn, zuletzt an der Universität Siegen. 2002 ging er für die FDP in den Bundestag, 2003 wurde er ihr Vize-Chef, von 2005 bis 2010 war er Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen.
Seit dem 1. April 2011 ist Pinkwart Rektor der privaten Wirtschaftshochschule HHL Leipzig Graduate School of Management, zugleich ist er dort Professor für Innovationsmanagement und Unternehmertum. Im April 2016 hat seine zweite Amtszeit begonnen.
... eine Hochschule, die keine Bachelorprogramme anbietet ...

.. eine stattliche Zahl. Zugleich haben wir die Fakultät wie die Anzahl der Klassen verdoppelt und so den persönlichen Charakter der HHL gesichert. Die Forschungsleistung ist deutlich gestiegen, die Vernetzung in die Wirtschaft intensiver und das Netzwerk erstklassiger internationaler Partnerhochschulen größer. Wichtig vor allem: Die HHL steht finanziell auf stabileren Füßen. 2016 planen wir mit einem ausgeglichenen Haushalt, den wir 2015 schon nahezu erreicht haben.

Man könnte es so formulieren: 2015 hat die HHL wie in den Jahren zuvor auch Verlust gemacht.

Das ist eher eine rote Null. Unser Ergebnis hat sich von Jahr zu Jahr erheblich verbessert. Es gibt ja andere Hochschulen, die sagen, sie haben eine schwarze Null, wenn sie keine neuen Kredite aufnehmen. Kredite haben wir gar nicht nötig.

Nun ja, die HHL hat 1994 vom Freistaat Sachsen ein Darlehen in Höhe von umgerechnet 12,8 Millionen Euro erhalten, mit dem sie jedes Jahr die Verluste ausgleicht. Was schon verbraucht ist, müssen Sie nicht mal zurückzahlen. Welche Summe ist denn noch da?

Es wurden in 20 Jahren des Wiederaufbaus der Hochschule etwa 7,7 Millionen Euro entnommen. Wenn Sie das mit den verlorenen Zuschüssen für andere private Universitäten vergleichen, ist das eine angemessene und gut angelegte Förderung, die sich für Sachsen längst mehrfach auszahlt.

Sie wollen international mitspielen. Ihr EMBA für erfahrene Führungskräfte hatte 2014 erst 15 Teilnehmer. Für die wichtigen Rankings brauchen sie aber 30.

Mit dem Voll- und dem Teilzeit-MBA sind wir bereits in den Rankings. Mit dem noch jungen Global Executive MBA, in dem aktuell 20 Teilnehmer studieren, gehen wir in die gleiche Richtung. Bei uns hat die Qualität der Bewerber stets Vorrang vor der Quantität. Als ich kam, hatte ich das Gefühl, dass der Master of Science in Management ...

... der frühere Diplom-Kaufmann ...

... das Standbein der HHL ist und der MBA nur ein Spielbein. Mittlerweile hat sich der MBA zum zweiten Standbein entwickelt, allen Unkenrufen und der weltweiten Abkühlung des MBA-Marktes zum Trotz.

Wenn der Master das traditionelle Standbein ist, dann muss es doch sehr schmerzen, dass genau dieser im wichtigsten Ranking zuletzt etliche Plätze verloren hat. Dabei machen Sie Ihren Erfolg doch an diesen Rankings fest.

Wir haben uns in den letzten fünf Jahren von Plätzen hinter 40 auf zuletzt Rang 17 weltweit deutlich verbessert. Dass wir es vor zwei Jahren schon einmal unter die Top 10 geschafft haben, zeigt unser Potenzial wie auch die hohen Anforderungen, um ein solches Ziel nachhaltig zu erreichen, was wir bis 2023 anstreben.
 
Sie haben schon 2012 ein Leipziger Führungsmodell angekündigt, jetzt soll es endlich kommen.

Moment, wir haben 2012 in unser Zukunftskonzept die Vision einer neuen Leipziger Schule für nachhaltige Unternehmensführung geschrieben, an der wir seitdem intensiv arbeiten. Unser Modell stellen wir im Dezember auf dem HHL-Forum "Führung neu denken" vor. Parallel hierzu überarbeiten wir unsere Curricula grundlegend.

Was genau wird sich ändern?

Es wird nicht nur eine neue Einführungsveranstaltung geben, die Pflicht für alle ist. Das neue Leadership-Konzept wird sich in allen Phasen und Modulen des Studiengangs widerspiegeln.

Klingt sehr vage.
 
Wir stellen es im Dezember vor und werden auf die vielen Veränderungen, die wir sehen, Antworten geben.

Welche Veränderungen?

Aus der Finanzkrise kristallisierte sich die Frage heraus, was Menschen und Unternehmen antreibt. Ist es die kurzfristige Gewinnmaximierung, oder gibt es andere Ziele, für die sich Unternehmen einsetzen? Die Vorstellungen der jungen Generation sowie die Digitalisierung stellen Führungskräfte vor völlig neue Herausforderungen.

Jede Business-School spricht heute von nachhaltiger Führung. Sind Konkurrenten nicht viel weiter?

Es geht uns nicht um Schlagworte, sondern um Inhalte und Methoden. Wir haben nachhaltige Führung schon früher gelehrt, es ist aber nicht mehr mit einzelnen Vorlesungen getan. Wir brauchen einen umfassenden Ansatz und die Bereitschaft, die Spannungsfelder zwischen den unterschiedlichen Perspektiven systematisch zu beleuchten und erfahrbar zu machen.

Ihr Ziel ist, dass die HHL bis 2023 zu den zehn besten Graduate Schools Europas zählt, gemessen am Ranking der "Financial Times". Das beruht zu einem großen Teil auf Gehaltsdaten der Absolventen. Konkurrenten, die stark auf Nachhaltigkeit setzen, findet man eher im Mittelfeld. Machen Sie sich Sorgen, dass auch die HHL dort landet?

Nein, denn dann müsste ich ja annehmen, dass die besonders Erfolgreichen – gemessen am Einkommen – weniger verantwortlich und weniger nachhaltig handeln.

Offenbar ziehen stark auf Nachhaltigkeit setzende Business-Schools nicht die Studenten an, die später in die bestbezahlten Branchen gehen.

Wir bilden keine Anthroposophen aus, Punkt. Aber wir glauben, dass Führungskräfte in Top-Positionen oder auch Jungunternehmer künftig nur dann erfolgreich sein werden, wenn sie eine Ausbildung erhalten, die sich von dem abhebt, was an Business-Schools lange Zeit allein im Vordergrund stand.

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