Interview Trugschlüsse beim Fachkräftemangel

Die Fachkräftemangel-Debatte geht von falschen Annahmen aus, sagt der Arbeitsmarktökonom Herbert Brücker im Interview. Dennoch brauchen wir künftig mehr Zuwanderung.

Philip Faigle, Alexandra Endres / Zeit.de | , aktualisiert


Foto: Karina/Pixelio
Herr Brücker, manche Ökonomen halten den Fachkräftemangel für eine "Fata Morgana", andere für ein ernstes Problem. Was stimmt denn nun?

Herbert Brücker: Die meisten Studien, die einen Mangel an Fachkräften voraussagen, sind wenig fundiert. Zumindest dann, wenn damit ein dauerhafter Überschuss der Arbeitsnachfrage über das Angebot gemeint ist. Wenn ein Forschungsinstitut wie Prognos behauptet, Deutschland würde in den kommenden Dekaden Millionen Spezialisten fehlen, dann steckt dahinter einfach schlechte Ökonomie. 

Was ist falsch an diesen Studien?

Brücker: Die Zahlen beruhen zwar auf einer richtigen Annahme: Das Angebot an Arbeitskräften wird in den kommenden Jahren durch den demografischen Wandel dramatisch sinken, sofern es keine Zuwanderung gibt. Daran besteht kein Zweifel. Der Trugschluss ist jedoch, dass die Studien unterstellen, alles andere bleibe gleich. Das Gegenteil stimmt: In einer Marktwirtschaft passen sich Märkte an. Das sind hochkomplexe Vorgänge.

Es gibt also keinen Fachkräftemangel?

Brücker: Man muss kurzfristige Engpässe und langfristige Entwicklungen unterscheiden. Im aktuellen Aufschwung beobachten wir, dass es in einigen Branchen und Regionen schwierig ist, offene Stellen zu besetzen. Vor allem in den Gesundheitsberufen und in einigen Ingenieursberufen suchen die Unternehmen oft vergeblich. Betrachtet man das ganze Land, sehen wir aber nur in wenigen Berufen mehr offene Stellen als Arbeitslose. Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit existieren also gleichzeitig. Das ist allerdings immer so – im Aufschwung wird das Phänomen nur besonders sichtbar. Ein langfristiger Fachkräftemangel ist etwas ganz anderes. Es wird allgemein unterstellt, dass wir auf Dauer eine höhere Nachfrage nach Fachkräften haben als uns zur Verfügung stehen. Das ist unrealistisch.

Also doch eine "Fata Morgana".

Brücker: Der Begriff "Fachkräftemangel" ist einfach falsch. Ihm liegt ein planwirtschaftlicher Gedanke zugrunde: Das Arbeitsangebot sinkt, alles andere bleibt gleich, also entsteht eine Lücke. In Wahrheit werden sich alle anderen Märkte anpassen. Dort entstehen die eigentlichen Probleme.

Welche sind das?

Brücker: Wenn die Zahl der Arbeitskräfte sinkt und der Realzins gleich bleibt, wird sich der Kapitalstock zwangsläufig anpassen. Dafür gibt es starke empirische Belege. Das wahrscheinliche Szenario sieht so aus: Es wird weniger im Inland investiert werden, Kapital wird zunehmend ins Ausland fließen. Der Kapitalstock schrumpft – und mit ihm die gesamte Volkswirtschaft.

Ein beunruhigendes Szenario.

Brücker: Durchaus. Nun könnte man sagen: Macht ja nix, denn die Produktion pro Arbeitskraft bleibt gleich. Wir wären irgendwann wie die Schweiz, nur mit mehr Land. Aber so einfach ist es nicht, denn unsere Bevölkerung wird älter. Immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter müssen eine wachsende Zahl an Rentnern finanzieren.


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Wird wenigstens die Arbeitslosigkeit insgesamt sinken?

Brücker: Das ist nicht sicher. Mehrere Trends werden gegeneinander laufen. Zum einen gibt es einen weltweiten Trend zur Höherqualifizierung der Arbeitnehmer. Zugleich wird mit dem Trend zur Dienstleistungsgesellschaft der Anteil kapitalintensiver Branchen an der Produktion in Deutschland fallen. Die Gewerkschaften sind aber traditionell stark in den kapitalintensiven Branchen wie dem Automobil- oder Energiesektor und schwach bei den Hochqualifizierten. Ihre Macht dürfte sinken. Das wird dazu führen, dass sich der Arbeitsmarkt weiter flexibilisiert und die Arbeitslosigkeit sinkt. Zum anderen aber wird Arbeit teurer, weil die Lohnnebenkosten durch den demografischen Wandel steigen. Das wird Beschäftigung am unteren Rand der Lohnskala eher erschweren. 

Welcher Effekt wird überwiegen?

Brücker: Unter dem Strich sagen unsere Modelle, dass wir bei einer Arbeitslosigkeit von fünf oder sechs Prozent im langfristigen Durchschnitt landen werden. Arbeitslosigkeit lässt sich aber langfristig nicht sicher prognostizieren.

An diesem Mittwoch wird die Bundesregierung ihr Fachkräftekonzept beraten. Die Arbeitsministerin gehört zu jenen, die vor einem Fachkräftemangel warnen. Ist sie schlecht beraten?

Brücker: Im Fachkräftekonzept der Bundesregierung steht viel Richtiges, vor allem wenn es um die Mobilisierung inländischer Potenziale geht. Das aber wird nur begrenzt helfen. Der größte und wichtigste Hebel, um das Erwerbspersonenpotenzial zu stabilisieren, ist die Zuwanderung. Die Bundesregierung will zwar die Vorrangprüfung für einige Ingenieurberufe und Ärzte aussetzen. Das sind allerdings nur allererste Ansatzpunkte. Im besten Falle wird das die Zuwanderung um einige Tausend Personen pro Jahr erhöhen. Ein großer Wurf ist das nicht.

Wie könnte der denn aussehen?

Brücker: Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir das Arbeitskräfteangebot in Deutschland langfristig entwickeln. Ohne Migration wird das nicht gehen. Die bisherigen Maßnahmen der Regierungen zur Förderung der Migration blieben leider weitgehend wirkungslos. Denken Sie an die Greencard oder die Reform des Zuwanderungsrechts. 

Wie viel Migration werden wir brauchen?

Brücker: Wir werden das Problem mit Migration allein nicht lösen, unter anderem weil auch die Migrationsbevölkerung altert. Kurzfristig wäre uns mit rund 200.000 Einwanderern geholfen, die pro Jahr mehr ins Land kommen als uns verlassen. Langfristig bräuchten wir deutlich mehr.

Ist das zu schaffen?

Brücker: Ein Einwanderungssaldo von 200.000 ist historisch betrachtet für Deutschland nicht ungewöhnlich. Im Gegenteil: Das ist in etwa der langfristige Durchschnitt der vergangenen 50 Jahre, bis zur Wiedervereinigung. Damals stieg der Saldo stark an, um dann rapide abzufallen. Im vergangenen Jahrzehnt betrug die Nettozuwanderung im Durchschnitt weniger als 100.000 – zeitweise war sie sogar negativ. Langfristig betrachtet war diese Zeit aber eine absolute Ausnahme.

Wir brauchen also gar nicht mehr Zuwanderer als bisher?

Brücker: Kurzfristig würde ein Wanderungssaldo von 200.000 Personen ausreichen. Die Ausgangsbedingungen sind gegenwärtig gar nicht so schlecht: Deutschland wird durch den Aufschwung gerade attraktiver für Einwanderer. Bereits im vergangenen Jahr hatten wir wieder ein positives Saldo von 127.000. Ersten Schätzungen zufolge ist der Anteil der Akademiker unter den Neuzuwanderern auf 40 Prozent gestiegen. Wir profitieren enorm von der Euro-Krise.


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Da würden Ihnen die meisten widersprechen.

Brücker: Schauen Sie sich doch den deutschen Arbeitsmarkt an. Dass es hierzulande so gut läuft, hängt auch mit den Ungleichgewichten im Euro-Raum zusammen. Nur wird das gerne übersehen..

Das müssen Sie erklären.

Brücker: Seit den fünfziger Jahren sind die Reallöhne in Deutschland langsamer gestiegen als in anderen OECD-Staaten. Das hat die deutsche Industrie gestärkt, sie ist heute größer als in anderen Industrieländern und stärker auf den Export orientiert. Bis zur Wiedervereinigung erwirtschaftete Deutschland bereits hohe Handelsbilanzüberschüsse, die allerdings dadurch aufgefangen wurden, dass die D-Mark aufwertete. Als der Euro eingeführt wurde, werteten unsere Handelspartner ihre Währungen kurz vorher stark ab, was unsere Exporte in den ersten Jahren erheblich gedämpft hat. Das Wachstum war in dieser Phase schwach. Danach hat sich Deutschland mit sehr niedrigen Lohnsteigerungen aus der Krise gearbeitet. Die Überschüsse kehrten zurück – allerdings unter neuen Bedingungen: Innerhalb der Währungsunion gibt es keinen Ausgleich über das Währungssystem.

Das macht nun Probleme.

Brücker: Ja. Unsere Handelsbilanzüberschüsse sind die Kehrseite der griechischen Verschuldung! Andererseits sind sie der Grund, warum die deutsche, exportorientierte Industrie derzeit im großen Stil neue Leute einstellt. Das schafft letztlich auch Anreize zur Migration nach Deutschland.

Warum werben wir dann nicht Arbeiter aus Spanien oder Griechenland ab, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist?

Brücker: Unsere Erfahrung zeigt, dass es hohe Einkommensanreize braucht, damit Menschen ihr Land und ihre Familie verlassen. Die Lohnunterschiede zwischen Deutschland auf der einen und Griechenland und Spanien auf der anderen Seite sind nicht groß genug. Damit Menschen auswandern, braucht es Einkommensdifferenzen von 50 oder 100 Prozent. Niemand verlässt seine Familie für fünf Prozent mehr Lohn.

Wo sollen die Menschen dann herkommen?

Brücker: In der Vergangenheit war die Zuwanderung nach Deutschland vor allem durch politische Schocks geprägt – etwa durch den Bürgerkrieg in Jugoslawien oder das Ende der Sowjetunion. Die Frage wird sein, ob wir den Zustrom von Zuwanderern im ökonomischen Sinne verstetigen können. Ich bin aber zuversichtlich, dass das gelingen kann. Wenn sich der Wirtschaftsaufschwung fortsetzt, können zumindest kurzfristig aus der Europäischen Union und den neuen Beitrittsländern so viele kommen, dass wir ein Wanderungssaldo von 200.000 erreichen.

Sie sagen selbst, dass bisherige Bemühungen, qualifizierte Zuwanderer nach Deutschland zu holen, nicht gerade von Erfolg gekrönt waren. Warum sollte es jetzt funktionieren?

Brücker: Wegen der hohen Einkommensunterschiede zwischen Deutschland und den neuen Mitgliedsstaaten und anderen Ländern an der europäischen Peripherie. In Polen liegen die Löhne zu Kaufkraftparitäten, also zu deutschen Preisen, bei knapp 40 Prozent, nominal bei 25 Prozent des deutschen Niveaus. In Bulgarien und Rumänien bei der Hälfte. In der Türkei sieht es ähnlich aus. Für die Leute dort lohnt es sich, auszuwandern. Zugleich sind sie, insbesondere in den neuen Mitgliedsstaaten, gut ausgebildet. Auch aus dem Mittleren Osten könnten künftig mehr Menschen zu uns kommen.

Was bedeutet es für die Herkunftsländer, wenn gerade die Gebildeten auswandern?

Brücker: Zunächst verlieren sie Arbeitskräfte. Aber sie profitieren auch, zum Beispiel durch Rücküberweisungen, oder wenn ihre Leute im Ausland Berufserfahrung sammeln und dann zurückkehren. Außerdem gibt es ein neues Argument, das die Gefahr des "Brain Drain" relativiert: Potenzielle Migranten haben Anreize, in ihre Ausbildung zu investieren. Je höher qualifiziert sie sind, desto besser ihre Chancen, nach Europa einwandern zu dürfen. In den ehemaligen französischen Kolonien machen deshalb viele Abitur oder studieren. Aber nicht alle gehen wirklich. Deshalb profitieren dann auch die Herkunftsländer am Ende von einer höheren Bildung ihrer Bevölkerung. 

Politisch ist eine höhere Zuwanderung schwer durchsetzbar. Nehmen uns die Migranten nicht die Arbeitsplätze weg?

Brücker: Nein, eben weil sich der Kapitalstock der Unternehmen dem Angebot an Arbeitskräften anpasst. Für eine Übergangszeit mag es geringe negative Effekte geben. Je höher jedoch die Zuwanderer qualifiziert sind, desto besser sind die Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt. Der Ingenieur aus Bulgarien würde hier sogar zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Es gibt allerdings eine Gruppe, die verliert: schlecht ausgebildete Arbeitskräfte aus dem Ausland, die schon in Deutschland leben. Letztlich können wir unseren Wohlstand aber nur durch mehr Migration sichern.

Mit Herbert Brücker sprachen Philip Faigle und Alexandra Endres

Zuerst veröffentlicht auf Zeit.de

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