Interview "Sie können nur mit Persönlichkeit überzeugen"

Burkhard Schwenker hat den Vorstandsvorsitz bei Roland Berger abgegeben. Jetzt führt er den Aufsichtsrat der Unternehmensberatung. Im Interview mit dem Handelsblatt erläutert er, warum er Persönlichkeit und Rückgrat bei Bewerbern und Partnern für so wichtig hält.

Tanja Kewes | , aktualisiert

Herr Schwenker, Sie sind vor kurzem aus dem operativen Beratergeschäft ausgeschieden und jetzt Aufsichtsratsvorsitzender von Roland Berger. Die Beraterbranche ist nicht gerade für ihren Kuschelfaktor bekannt. Sie haben aber eine sehr persönliche Abschiedsmail an ihre Kollegen geschrieben…
Ja, und hinter dieser Mail stehe ich voll und ganz. Sie spiegelt mein Berufsverständnis und meine Persönlichkeit wider. Um ein guter Berater zu sein, müssen Sie Menschen mögen, Überzeugungen haben und Rückgrat beweisen. In meiner letzten Mail als CEO habe ich deshalb noch einmal die Dinge, die mir wichtig sind, aufgezählt. Und da man meines Erachtens nur mit Persönlichkeit überzeugen kann, ist es sehr persönlich geworden.

Ihr Nachfolger Martin Wittig scheint aber ein ganz anderer Typ zu sein als Sie. Haben Sie da keine Bedenken, dass jetzt ein anderer Stil eingeführt und gepflegt wird?
Nein, Martin und ich sind zwar sehr unterschiedliche Typen - aber das ist auch gut so. Denn eine Beratung lebt von der Vielfalt ihrer Partner. Wichtig ist, dass gemeinsame Werte wie Ehrlichkeit, Offenheit und Verantwortlichkeit geteilt werden. Und das tun Martin und ich, deshalb sind wir auch persönlich eng befreundet.

Warum sind unterschiedliche Typen wichtig für eine Beratungsgesellschaft wie Roland Berger?
Weil nur Vielfalt und unternehmerische Freiheit zu kreativen, überzeugenden Lösungen führen! Das Beratungsgeschäft hat sich gewandelt. Vor 20 Jahren, als ich anfing, ging es vorwiegend um Konzeptberatung. Wir haben unsere Analysen gemacht, waren aber wenig vor Ort – vielleicht 20 bis 30 Prozent unserer Zeit - und Interaktion mit dem Klienten spielte keine große Rolle. Am Ende haben wir dann das Konzept präsentiert  - mit der großen Gefahr, Idealvorstellungen nachzugehen. Heute ist es umgekehrt. Die Berater verbringen die meiste Zeit mit dem Auftraggeber vor Ort. Die Mitarbeiter werden einbezogen, Konzeptentwicklung und Umsetzung gehen Hand in Hand. Und müssen es auch, weil Tempo zählt. Und hier sind Erfahrung und Rückgrat gefragt: Wie viele Kompromisse darf man eingehen, bevor ein gutes Konzept ein schlechtes wird?  Und Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit sind einfach wichtig, um Klienten überzeugen zu können.

Für welche Werte steht Roland Berger?
Für Unternehmertum, Exzellenz und Partnerschaft. Um diese Werte mit Leben zu füllen, braucht es Integrität, Vertrauen, Respekt, Mut und Verantwortung. Und vor allem müssen die Werte ständig vorgelebt werden – nur Vorbilder führen zu einem klaren Werteverständnis.

Hat es persönliche Konsequenzen, wenn sich jemand nicht an diese Werte hält?
Ja. Wer sich nicht an unsere Werte hält, wird dies in den regelmäßigen Evaluationen, etwa am Ende eines Projektes, zu hören bekommen, er wird schlechter bezahlt, weil sein Bonus geringer ausfällt, und er wird nicht befördert. Das ist auch Bestandteil unserer Arbeitsverträge.

Wie gelingt das mit der Vielfalt und den Werten im Tagesgeschäft?
Das ist eine echte Herausforderung, man muss dran bleiben, Werte brauchen Beharrlichkeit. Es beginnt schon beim Recruiting der ganz jungen Kollegen. Wichtig ist der richtige Mix, wir dürfen nicht zu homogen werden, sonst verlieren wir an Vielfalt. Deswegen rekrutieren wir nicht
nur an privaten Hochschulen, sondern verstärkt auch an öffentlichen, und nicht nur Betriebswirte, sondern alle Disziplinen. 

Was läuft nicht gut?
Wir haben einiges getan, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in unserer Firma voran zu treiben. Wir können hier aber noch attraktiver und flexibler werden, und da stehe ich auch persönlich voll in der Verantwortung. Vielleicht haben wir es uns in der Vergangenheit zu einfach
gemacht. Heute wissen wir: Flexibilität ist möglich, beispielsweise durch Sabbaticals, Elternzeit auch für Männer oder indem wir Berater auf Zeit im Research mit wenig Reisen einsetzen.

Dann würden vielleicht auch mehr Frauen unter ihren Partnern sein…
Ja, wir müssen noch mehr Frauen für unsere Profession begeistern. Ich bin jedoch strikt gegen eine Quote, vor allem bei professionellen Organisationen wie der unseren. Leistung und Persönlichkeit sind ausschlaggebend für Einstellung und Aufstieg und nicht Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Religion.

Als Aufsichtsratsvorsitzender könnten Sie es etwas ruhiger angehen lassen. Dennoch engagieren Sie sich darüber hinaus bei Weconomy, dem Gründerwettbewerb des Handelsblatts. Warum? 
Weil ich es als eine persönliche Herausforderung und Bereicherung empfinde, jungen Unternehmern Rede und Antwort zu stehen. Und dabei gilt: Ich bin zwar Berater, bilde mir aber nicht ein, auf alle Fragen eine Antwort zu wissen. Menschen, die so etwas für sich in Anspruch nehmen halte ich für unseriös. Hier bei Weconomy geht es neben ganz praktischen Fragen - zum Beispiel ab welcher Firmengröße brauche ich ein Controlling? -  viel um Zuspruch und Austausch. Die Jungunternehmer bekommen dabei das Gefühl, dass sie nicht allein dastehen und dass sich selbst erfahrene Manager immer wieder mit Fragen quälen oder einfach mal Dinge ausprobieren.

Und dieser Tag hat für mich nicht nur eine persönliche und professionelle Bedeutung, sondern auch eine gesellschaftliche. Deutschland bietet erstklassige Bedingungen für Gründer – unser industrielle Stärke, unsere Fähigkeit, Industrie und Dienstleistungen zu verbinden. Aber nur vier Prozent der Erwerbstätigen gründen, und davon 30 Prozent nicht freiwillig, also etwa aus der Arbeitslosigkeit heraus. Junge Unternehmer, die den ersten Schritt schon gewagt haben, zu unterstützen, ist volkswirtschaftlich wichtig. Ein schönes Phänomen ist übrigens: Gründen ist keine Frage des Alters mehr. Wir haben auch bei diesem Wettbewerb mehr reifere Gründer und Jungunternehmer als etwa in Zeiten der New Economy.

Haben Sie selbst schon einmal gegründet?
Nein, aber ich habe mich schon von guten Ideen begeistern lassen und privat und im kleineren Maßstab in Gründungen investiert.

Warum haben Sie nicht selbst gegründet?
Diese Frage habe ich mir schon häufiger gestellt… Ich denke, weil ich bei Roland Berger immer große unternehmerische Freiheit hatte und die Tätigkeit stets eine Herausforderung darstellte - mir war also nie langweilig. Eine eigene Beratung zu gründen kam darüber hinaus nicht in Frage, weil ich mich gerne mit großen Problemen beschäftige und international tätig bin – und beides geht bei einer großen Beratung besser als bei einer kleinen. 

Wie Sie ja eben selbst schon gesagt haben: Gründen ist keine Frage des Alters. Kommt da noch was?
Nein, jedenfalls ist nichts geplant. Ich habe mich der Partnerschaft von Roland Berger für die nächsten fünf Jahre verpflichtet.

Reicht Ihnen der Aufsichtsratsvorsitz?
Ja, das ist ein Full-Time-Job. Ich verstehe mich als Coach und kümmere mich um die strategische Ausrichtung. Außerdem bin ich ja noch aktiver Partner.

Ist Ihnen der Wechsel leicht gefallen?
Nein, auch wenn es gewollt war, ist so etwas nie einfach. Ich muss mich erst einmal daran gewöhnen, nicht mehr operativ verantwortlich zu sein. Erst neulich habe ich routinemäßig einen Stapel Dokumente unterschrieben - und als ich fertig war, ist mir eingefallen: „Das ist jetzt doch gar nicht mehr dein Job!“

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...