Interview mit Ulrich Weber "Ich wollte was finden, das mich 40 Jahre unterhält"

Ulrich Weber, zukünftiger Personalchef der Bahn, hat in seinem Studium viele Entscheidungen wieder verworfen und heute einen eher kruvigen Lebenslauf. Hier spricht er über seine Evonik-Zeit, wichtige Sackgassen und Eigenheiten von Vorstandssekretärinnen.

Kirsten Ludowig | , aktualisiert

Herr Weber, nach 28 Berufsjahren in Nordrhein-Westfalen zieht es Sie raus - und zwar als neuer Personalvorstand der Deutschen Bahn nach Berlin. Wie kam es zu diesem Angebot? 
Ganz einfach: Die Stellen mussten neu besetzt werden. Und ich erschien den Verantwortlichen offensichtlich als der geeignete Kandidat dafür.

Die Deutsche Bahn schreibt viele Schlag- zeilen in den letzten Monaten. Sie sind der dritte Bahn-Personalvorstand innerhalb kurzer Zeit. Ist das nicht ein Schleudersitz, auf dem Sie Platz nehmen? 
Da bin ich sorgenfrei, denn sobald ich meinen Posten angetreten habe, werde ich vermutlich zum Platznehmen keine Zeit mehr haben. Und im Übrigen gibt es dort keine Schleudersitze - wir fahren Bahn.

Sie haben sich in der Schule schwer getan. Hat es Ihnen dort nicht gefallen? 
Nein, nicht wirklich. Ich bin bisher jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen, aber diesen inneren Antrieb, das Interesse und damit auch die Leichtigkeit habe ich in der Schule nie verspürt.

Ihr Vater war Schlosser, Ihre Mutter Hausfrau. Warum wollten Sie studieren? 
Die Entscheidung hatte mit meinen Vorlieben und meinen Schwächen zu tun. Etwas Handwerkliches kam für mich nicht in Frage, weil ich zwei linke Hände habe. Es musste also irgendwie in Richtung Kopf gehen. Da kam zwangsläufig die Frage auf: betriebliche Ausbildung oder Universität?

Warum haben Sie sich für die Deutsche Sporthochschule in Köln entschieden? 
Ich habe immer unheimlich gerne Sport getrieben. In Köln gab es damals außerdem den einzigen Lehrstuhl für Sportpublizistik, einer der Dozenten war der Chef des Sportinformationsdienstes. Ich hatte vor, Sport und Journalismus zu verbinden und Sportreporter zu werden.

Hatten Sie vor der Aufnahmeprüfung genauso viel Bammel wie viele der Anwärter heute?
Nein, das Anspruchsniveau ist in den vergangenen Jahrzehnten rasant angestiegen. Ich gehörte da noch zu den glücklicheren Jahrgängen. Im Studium waren einige Prüfungen im Turnen oder im Schwimmen aber schon sehr hart.

Nach ein paar Semestern wurden Sie unsicher, ob das wirklich das Richtige ist.
Ja, ich konnte mir dann doch nicht vorstellen, damit den Rest meines Berufslebens zu verbringen.

Sie haben dann Ihren Wehrdienst abgeleistet und noch zwei Jahre als Zeitsoldat drangehängt. Warum sind Sie nicht beim Bund geblieben, sondern doch wieder zurück an die Uni? 
Die Berufe bei der Bundeswehr haben mich schlicht nicht interessiert. Für mich gehörte der Bund zu meiner staatsbürgerlichen Pflicht. Aber ich habe dort nicht meine berufliche Zukunft gesehen und mich auch nie besonders wohl gefühlt.

Sie haben Ihr Sportstudium abgebrochen, sich dann für Soziologie eingeschrieben, um wenig später auf Jura umzusatteln. Was hat Sie von einem weiteren Wechsel abgehalten? 
Das strukturierte Herangehen an Sachverhalte, das Analysieren und schließlich die Lösungsfindung, ausgehend vom gesetzlichen Regelwerk und ergänzt durch eigene Auslegung - das hat mich wirklich interessiert. Abgesehen davon: Ich wollte und musste ja auch mal zu einem Ergebnis kommen. Ich habe mich mit ein paar Kommilitonen zusammengetan und das Studium zügig durchgezogen. Jura ist ein Massengeschäft, in dem man sich schnell verlieren kann, wenn man sich nicht selbst und gegenseitig antreibt.

Sie haben während Ihrer Ausbildung viel ausprobiert - mal hier reingeschaut, mal dort rein. Was halten Sie eigentlich vom Bologna-Prozess? 
Ich kann noch nicht sagen, was der Bologna-Prozess auf längere Sicht mit sich bringt und wie die Studenten ihn erleben. Was die Stringenz anbelangt, mag es eine Hilfe sein. Aber ich finde zum Studentendasein gehören eben auch das Suchen, das Orientieren und vielleicht auch das Laufen in die falsche Richtung, wenn es dabei hilft, später den richtigen Weg einzuschlagen. Man muss auch mal seine Lust ausleben und sich in ein Thema verbeißen dürfen, das einen scheinbar nicht weiterbringt. Später stellt man dann fest, dass auch das ein wichtiger Schritt auf dem eigenen Weg war.

Kommen beim Bologna-Prozess nur stromlinienförmige Kandidaten raus? 
Es ist nicht allein die Universität, die einen prägt. Ich glaube, das setzt schon früher an, beim Erwachsenwerden und in der Erziehung. Es ist vor allem abhängig von Elternhaus und Freundeskreis, und dann erst von Schule und Universität. Aber die große Frage bleibt: Wie erhalten wir Individualismus? Welchen Beitrag müssen die Rahmenbedingungen leisten und welchen Beitrag muss jeder Einzelne durch sein Tun und seine Neugier selbst leisten?

Sie haben, abzüglich der Zeit beim Bund, etwa zehn Jahre gebraucht, bis Sie Anfang der 80er-Jahre Ihren ersten Job in einer Kanzlei angetreten haben. Warum war es für Sie so schwierig, den eigenen Weg zu finden? 
Mein Weg war vielleicht etwas kurviger, aber nicht schwierig. Für mich war jeder Schritt mit einer wichtigen Erfahrung verbunden und hat mir so geholfen, meinen Weg zu finden. Schließlich wollte ich etwas machen, dass mich 30, 40 Jahre lang unterhält - ich meine nicht im finanziellen Sinne und auch nicht im Sinne einer Fernsehshow; etwas, von dem ich glaube, ich kann einen Großteil meines Lebens damit verbringen, es tagtäglich mit Freude tun, mein Geld damit verdienen und glücklich sein.

Glauben Sie, dass diese Art von ,trial and error' früher leichter war?
Ja, der Druck vom Arbeitsmarkt und von Themen wie demografischer Wandel und Globalisierung sind heute viel präsenter als früher. Trotzdem halte ich es für wichtig, junge Menschen zu ermutigen, ihren Weg zu suchen - auch um den Preis, mal in eine Sackgasse zu laufen, in der allein ein U-Turn hilft. Nur so lässt sich herausfinden, wo die eigenen Stärken liegen.

Sie haben nach dem Studium zwei Jahre als Anwalt gearbeitet. Wie haben Sie schließlich zur Kohle gefunden? 
Ich habe schon als Student bei einer kleinen Anwaltskanzlei angeheuert und wurde nach dem Studium übernommen; damals mit der Perspektive, Partner zu werden. Aber es kam anders. Ich habe dann nach einem Job in der Industrie Ausschau gehalten, mich beworben und wurde zu diversen Vorstellungsgesprächen eingeladen. Ich hatte mit dem Bergbau nichts zu tun, ich komme ja vom Niederrhein - aber dann ergab sich eine Möglichkeit hier in Essen bei der damaligen Ruhrkohle AG.

Das war Ende 1983...
Richtig. Ich sprach mit meinem Vor-Vorgänger, dem damaligen Arbeitsdirektor im Vorstand Fritz Ziegler, der einen Assistenten suchte. Auch Ziegler ist ein Mann mit einer vielfältigen Karriere: Er war Bergmann, Referent im nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium und Regierungspräsident in Arnsberg, bevor er zur Dortmunder Bergbau AG und schließlich zur RAG kam. Er war ein wenig eigenwillig in seiner Art, eine einflussreiche Autorität - auch ein Stück weit gefürchtet. Ich habe mir gedacht: Geh mal hin und schau, was passiert.

Und, was genau ist passiert? 
Wenig später rief mich Zieglers Sekretärin an. Das werde ich nie vergessen, Vorstandssekretärinnen sind ja manchmal eine besondere Spezies. Sie sagte: Wir wollen Sie einstellen! Und ich dachte: Schön, wer ist denn wir? Der Einstieg war dann gut, aber nicht immer einfach. Denn als Assistent war ich ein kleines Licht, bewegte mich aber im Umfeld des Vorstandes. Ich habe die Aktentaschen getragen, Reden geschrieben, Unterlagen vorbereitet. Gleichzeitig habe ich natürlich tiefe Einblicke erhalten, das Unternehmen kennenlernen können und viele Kontakte geknüpft.

War es für Sie als Niederrheiner hart, mit dem Kohlenpott warm zu werden? 
Ich bin sehr freundlich und offen aufgenommen worden. Das hat mir das Warmwerden mit dieser einzigartigen Arbeits- und Arbeitermentalität leicht gemacht.

Wie haben Sie die Diskussion über die Zukunft des Bergbaus empfunden? 
Ein ständiges emotionales Auf und Ab: Mal erlebte die Diskussion Höhepunkte, auf denen alle vom Ausbau der Förderung träumten, dann machte sich wieder Depression breit. Ein Großunternehmen mit mehr als 100000 Mitarbeitern in die Zukunft zu führen und dabei die Interessen privater Aktionäre, die politische Rücksichtnahme gegenüber der Bundesregierung und den Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen und Saarland sowie die starke Gewerkschaft und die betriebliche Mitbestimmung im Blick zu behalten - das machte für mich gerade den Reiz der Aufgabe als Arbeitsdirektor aus.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie heute nie dort wären, wenn die Menschen sie nur auf dem Papier betrachtet hätten? 
Das stimmt. Ich weiß nicht, ob Fritz Ziegler, mein erster Chef, mich eingestellt hätte, wenn er sich nur meine Bewerbung, etwa das Abiturzeugnis, angeschaut hätte. Er hat mir die Chance gegeben, mich auch als Persönlichkeit zu zeigen.

Hat das Einfluss darauf, wie Sie Bewerber und Mitarbeiter beurteilen? 
Ich schaue immer, was jemand fachlich und auch persönlich mitbringt. Ich versuche auszuloten, ob jemand von der Denke, von der Emotionalität, von der Haltung in das Unternehmen passt. Das ist wie bei einer Fußballmannschaft. Die Frage lautet: Sind das elf gute Fußballer oder können sie auch im Team erfolgreich spielen?

Bei Evonik kriselt es vor allem im Bereich Chemie. Sie haben in der letzten Zeit Verhandlungen über Kurzarbeit geführt. Wie stark hat Sie das belastet? 
Die Verhandlungen sind nicht immer einfach, schließlich geht es um die Zukunft von Menschen. Mich beschäftigt dabei stets die Frage: Was ist zumutbar? Was ist der Beitrag, den wir von den Mitarbeitern erwarten können, und was muss das Unternehmen leisten? Für mich ist ganz wichtig, dass ich auch heute noch den Betriebsräten in die Augen schauen kann, mit denen ich vor 25 Jahren am Verhandlungstisch gesessen habe, denn wir haben gemeinsam schwere Zeiten durch gestanden. Wir haben deshalb so viel erreicht, weil in den vergangenen Jahren nie die eine Seite versucht hat, die andere zu besiegen, sondern wir immer nach Lösungen gesucht haben, die wir gemeinsam tragen konnten.

Wie hart muss ein Personalchef sein? 
Es sollte für jeden Personalchef eine eherne Regel lauten: Sei aufrichtig und ehrlich. Ich sage ganz klar: Ich biete den Job unter den Bedingungen und erwarte die Leistung. Dazu gehört leider manchmal auch, jemandem sagen zu müssen, dass seine Leistung nicht reicht. Das kann schon hart sein, vor allem wenn derjenige zum Beispiel Familie hat. Das fällt nicht leicht.

Die Gewerkschaften Transnet und GDBA haben sich für Sie als neuen Bahn-Personalvorstand ausgesprochen. Hat Sie das gefreut? 
Sicher hat mich das Lob gefreut.

Sie haben viel erlebt bei Evonik. Gemeinsam mit dem Ex-Vorstand Werner Müller haben Sie die Umstrukturierung von RAG in Evonik maßgeblich geplant und umgesetzt. Was war das für eine Zeit? 
Es war eine Zeit voller Herausforderungen, aber eins ist klar: Wenn etwas gelingt, an dem man fünfeinhalb Jahre gearbeitet hat, dann ist das ein tolles Gefühl. Es ist ein Projekt, das sich in meinem Berufsleben nicht wiederholen wird. Wie ein Olympiasieg, auf den die Frage folgt: Was kommt jetzt?

Ist Ihr Wechsel zur Deutschen Bahn die Antwort auf diese Frage, wollen Sie es noch einmal wissen? 
Ich wollte und will immer viel wissen. Darum werde ich bei der Bahn erst einmal zuhören und verstehen, wie der Konzern funktioniert und seine Mitarbeiter denken und fühlen. Und Sie wissen ja: Olympische Spiele gibt es alle vier Jahre.

Zur Person

Ulrich Weber wurde 1950 in Krefeld geboren. Nach dem Jura-Studium an der Universität Köln, arbeitete er kurze Zeit als Anwalt. Im Jahr 1984 stieg er bei der Ruhrkohle in Essen ein. Anschließend war er mehrere Jahre bei der Berggewerkschaftskasse in Bochum und als Geschäftsführer bei der Deutschen Montan Technologie tätig. Nach fünf Jahren im Vorstand des IT-Dienstleisters Cubis wechselte er im Jahr 1998 als Arbeitsdirektor in den Vorstand der RWE Rheinbraun und ist seit 2001 in gleicher Position bei der RAG, heute Evonik in Essen. Ulrich Weber soll spätestens zum 1. Juli seinen Posten als neuer Personalvorstand der Deutschen Bahn und der Tochter DB Mobility Logistics antreten. Das teilte die Bahn nach ihrer Aufsichtsratssitzung am 25. Mai mit. Der Evonik-Aufsichtsrat müsse aber noch zustimmen. Wie Weber nach dem Datenskandal das Vertrauen der 240 000 BahnMitarbeiter zurückgewinnen will, bleibt vorerst sein Geheimnis.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...