Interview mit Titus Dittmann "95 Prozent Marktanteil hielt ich für normal"

Skateboard-Pionier Titus Dittmann berichtet im Interview über sein anfängliches Monopol, seinen Beinahe-Konkurs und Kalaschnikows. Zu alt fühlt er sich noch lange nicht, um Jugendkultur zu verkaufen. Mit seinem Sohn verbindet ihn eine Leidenschaft für Autos.

Til Knipper | , aktualisiert

Herr Dittmann, Sie haben sich selbst mal als Erfinder der Corporate Social Responsibility bezeichnet. Warum?
Habe ich das gesagt? Wenn, war es ironisch gemeint. Ich kann schon gar nicht der Erfinder sein, weil man zum Erfinden Vorsatz braucht. Bei mir war es aber andersrum. Ich habe 1968 Abitur gemacht und bin entsprechend sozialisiert. Ich habe Sport und Geografie auf Lehramt studiert und auch sechs Jahre als Lehrer gearbeitet. Als ich nebenher angefangen habe, Skateboards zu verkaufen, hatte ich ein so schlechtes Gewissen, Unternehmer zu sein, dass ich alles Geld in Jugend- und Skateprojekte gesteckt habe. Im Nachhinein kann man das natürlich als geniale CSR-Strategie bezeichnen.

Warum haben Sie Ende der 70er angefangen, Skateboards zu verkaufen?
Ich habe in meiner Examensarbeit untersucht, ob Skateboarden als Schulsport sinnvoll ist. Es gab damals aber kein vernünftiges Material in Deutschland zu kaufen. Da bin ich in den Schulferien in die USA geflogen und habe dort direkt ab Werk eingekauft und die Bretter in der Reisetasche durch den Zoll geschmuggelt und zum Selbstkostenpreis an meine Schüler verkauft.

Als Unternehmer sind Sie Autodidakt?
Ja, 100-prozentig. Erst wollte ich mir gar nicht eingestehen, dass ich Unternehmer bin. Für einen 68er war das ja ein Albtraum. Ich habe dann Rat bei BWLStudenten gesucht, bin dann zu dem Schluss gekommen, dass man sowieso neue Wege gehen muss, wenn man besser sein will als die anderen.

Hatten Sie keine Angst, den sicheren Beamtenjob aufzugeben?
Nein, ich lege sehr viel Wert drauf, nicht fremdbestimmt zu sein. Außerdem habe ich ein sehr großes Ego. Dazu stehe ich auch. Ich bin eine Rampensau und wäre eigentlich am liebsten Rockstar geworden. So ein Profil hilft natürlich beim Schritt in die Selbstständigkeit, raus aus der Beamtenlaufbahn.

Ab wann konnten Sie vom neuen Job leben?
Am Anfang habe ich das Unternehmen parallel zur Schule gemacht. Daher konnte ich von meinem Lehrergehalt leben und musste kein Geld aus dem Unternehmen rausziehen. Dadurch konnte ich mit Niedrigstpreisen den Markt erobern und dann langsam aber stetig die Preise anziehen. Das kann man ähnlich wie den unbewussten CSR-Ansatz als tolle Strategie bezeichnen. Ich habe schnell einen Marktanteil von 95 Prozent erreicht. Beide Ansätze kombiniert haben geholfen, Glaubwürdigkeit in der Szene aufzubauen und die Zielgruppe gleichzeitig wachsen zu lassen.

Warum halten Sie Skaten eigentlich für pädagogisch wertvoll?
Es ist für mich die perfekte Synthese aus Leistungsbereitschaft, Kreativitätsanspruch und einem festen Willen. Ich habe eine Lieblingsszene aus einem Skatefilm, die ich auch immer bei Vorträgen zeige. Da versucht jemand mit dem Skateboard auf ein Treppengeländer zu springen und darauf runterzugleiten. Er fällt dabei voll auf die Schnauze, steht aber sofort wieder auf, streckt die Arme nach oben, macht das Victoryzeichen und probiert es wieder. Diese Einstellung braucht man auch, um im Leben erfolgreich zu sein. Wenn etwas fünfmal nicht klappt, muss man es eben noch ein sechstes Mal probieren.

Hilft es auch beim Erwachsenwerden?
Ja, Skateboarden ist unheimlich identitätsstiftend für Jugendliche, weil es relativ erwachsenenuntauglich ist. Denn die feinmotorischen Anforderungen sind sehr hoch. Anders gesagt: Erwachsene gehen die Treppe lieber zu Fuß runter. So hat es sich auch zur größten Jugendkultur entwickelt, die je aus einer Sportart hervorgegangen ist.

Hat Skaten wirklich einen so großen Einfluss? Die aktive Szene ist doch eher überschaubar.
Das stimmt. Aber es geht nicht nur um die Fahrer, sondern um den Lifestyle. Die Hip-Hop-Szene besteht doch auch nicht nur aus den Leuten, die auf der Bühne stehen und rappen. In der Skateboardszene gibt es neben den professionellen Fahrern auch die Fans, die diesen Lifestyle leben wollen. Mit entsprechenden T-Shirts, Schuhen und tief hängenden Hosen. Sich zugehörig zu fühlen, notfalls das Board unterm Arm zu tragen, wenn man nicht gut fährt, kann als Krücke auf dem dornigen Weg zum Erwachsensein auch reichen.

Haben Sie es je bereut, den Lehrerjob aufgegeben zu haben?
Nein.

Warum sind Sie dann für RTL 2 noch mal ins Klassenzimmer zurückgekehrt?
Das Ego wieder. Es war aber der größte PR-Gau aller Zeiten, weil ich die Macht des Regisseurs einer Doku-Soap unterschätzt habe. Die wollten einen Unternehmer zeigen, der als Lehrer kläglich scheitert. Da passte es nicht ins Konzept, dass ich mit den Hauptschülern außerhalb des Unterrichts in Karlsruhe erfolgreich ein Skate-Event organisiert habe. Im Fernsehen haben sie am Ende nur gezeigt, dass wir vergessen hatten, einen Krankenwagen zu organisieren, nachdem einer der Teilnehmer gestürzt war. Das ist nur ein Beispiel für deren Manipulationen.

Hatten Sie 2006 nach der BeinaheInsolvenz nicht genug zu tun mit der Rettung des Unternehmens?
Doch da steckten wir noch mittendrin im Schlamassel.

Wie ist das passiert?
Das war einer der Momente, wo mir mein großes Ego im Weg stand. Ich bin als Monopolist gestartet. Da ich aber keine unternehmerische Erfahrung hatte, hielt ich einen Marktanteil von 95 Prozent für normal. Heute weiß ich, dass das eher anormal ist. Im Laufe der Zeit haben sich dann ehemalige Mitarbeiter selbstständig gemacht, so dass ich mir meine Wettbewerber sozusagen selbst herangezogen habe. Obwohl die Börse nie mein Ziel war, bin ich durchgedreht als zwei davon 2001 mit meiner Idee dorthin wollten.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe mir Investoren reingeholt, eine AG gegründet und Millionen in die Vorbereitung des Börsengangs gesteckt. Ich habe mich dann ausschließlich auf die Öffentlichkeitsarbeit konzentriert und bin durch alle Talkshows getingelt. Da wurden endlich meine Rockstarbedürfnisse befriedigt. Fachfremde Manager haben in der Zwischenzeit das Unternehmen kaputt gemacht, weil sie die Zielgruppe nicht verstanden haben. Der Börsengang scheiterte, weil die Internet-Blase platzte und die Märkte auf Talfahrt gingen. Die Investoren wollten daraufhin das Unternehmen ausschlachten.

Ihr Lebenswerk war in Gefahr.
Ja, aber irgendwann haben meine Frau und ich beschlossen, keine Angst mehr zu haben und alles zu riskieren. Dadurch bekamen die anderen Angst, weil wir plötzlich unberechenbar waren. Wir haben unser Haus, unsere Altersvorsorge, das gesamte Privatvermögen eingesetzt, um die Investoren rauszukaufen. Wenn wir das nicht gemacht hätten, hätten wir die Firma nicht zurückbekommen. Man muss in so einer Situation bereit sein, notfalls auch loszulassen. Das Schlimmste, was uns hätte passieren können, war Hartz IV. Damit verhungert man auch nicht.

Jetzt konzentrieren Sie sich wieder aufs Kerngeschäft?
Das "wieder" stimmt nicht, wir haben es neu definiert. Meine Kernkompetenz war Pädagogik, ich hatte viel Erfahrung und Know-how im Umgang mit Pubertierenden. Es ging immer darum, die Zielgruppe von unten wieder aufzubauen, weil sie oben herauswuchs. Denen haben wir alles geboten: Skateboards, Klamotten, Turnschuhe, Events, Magazine, Konzerte, selbst einen eigenen Logistikbetrieb hatten wir. Einen eigenen Weg kann man aber nur gehen, so lange man erfolgreich ist. Daher konzentrieren wir uns jetzt auf den Verkauf von Skateboard-Equipment und -Outfits.

Sie sind 60, wie lange können Sie noch glaubhaft eine Jugendkultur verkaufen?
Ich kann das bis zum letzten Atemzug machen. Ich verhalte mich altersgemäß und bemühe mich nicht krampfhaft den Berufsjugendlichen zu spielen. Ich fahre ja auch nicht mehr in der Halfpipe.

Mit Ihrem Sohn steht ein prädestinierter Nachfolger bereit. Oder müssen Sie mangels Altersvorsorge weitermachen?
Das ist eine sehr traditionell geprägte Frage. Meine Funktion wird sich in den kommenden drei bis vier Jahren sicher radikal verändern, aber ich werde dem Laden trotzdem voll erhalten bleiben. Ich möchte dann noch mehr humanitäre Hilfe mit dem Skateboard leisten. 

Und wer wird Nachfolger in der Geschäftsführung?
Es wird mehr als einer sein. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass mein Sohn Julius hier übernimmt gemeinsam mit einem Kollegen, der jetzt schon große operative Verantwortung trägt. Ob Julius hier einsteigt, entscheide aber nicht ich, sondern er selbst. So haben wir ihn erzogen. Die beiden wären aber eine gute Kombination. Ein alter Sack und ein junger Sack.

Mit Ihrem Sohn teilen Sie ja auch die Leidenschaft für Autos.
Ja, wir fahren nach wie vor mit unseren Ford Mustangs bei der Oldtimer-Tourenwagen-Serie mit.

Wie viele Autos haben Sie denn?
Wir haben eine ganze Reihe alter amerikanischer Muscle Cars aus den 70er-Jahren mit dicken V8-Motoren. Und bevor Sie fragen: Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt. Es gibt Untersuchungen, wonach es umweltfreundlicher ist, mehrere Jahrzehnte ein Auto zu fahren, das 40 Liter verbraucht und ordentlich CO2 rausrotzt, als alle fünf Jahre ein Neues zu kaufen. Man muss nämlich auch die CO2-Emissionen bei der Herstellung mit einbeziehen. Deswegen halte ich die Abwrackprämie für eine Riesen-Umweltsauerei. Das war jetzt mein Plädoyer für Oldtimer. Ich fahre aber ohnehin relativ wenig mit dem Auto, sondern fast immer mit der Bahn. Die wenigen Autokilometer sollen dann aber Spaß machen.

Vorher standen Sie eher auf Enten als auf V8?
Ich habe auch immer noch eine. Mein komplettes Studium habe ich finanziert, indem ich Enten repariert habe.

Stimmt es, dass Sie auch mal eine mit Außendusche hatten?
Ja, ich bin mit meiner Frau zweimal damit durch die Sahara gefahren, weil die Wüste mich als Geografie-Student fasziniert hat. Die Dusche diente dabei sowohl der Trinkwasserversorgung als auch der Hygiene.

In den letzten Monaten waren sie mehrfach in Afghanistan. Was machen Sie da genau?
Ich habe für das Projekt "Skateistan" zwei Tonnen Skateboard-Equipment gesammelt, die DHL gratis nach Kabul gebracht hat. Ich bin selbst im Januar mitgeflogen und habe das Zeug in Kabul durch den Zoll geboxt und dort in Waisenhäusern Skateunterricht gegeben.

Planen Sie weitere Aktionen?
Ja, ich bin voll infiziert worden. Wir haben auch vorher schon kleine Sachen in Kenia, Tansania und Südafrika unterstützt. Jetzt will ich aber eine Stiftung gründen, die unter dem Namen Skate-Aid humanitäre Arbeit finanzieren soll.

Gibt es schon konkrete Projekte?
Die größte Sache, um die ich mich gerade kümmere, ist in West-Afghanistan. In Zusammenarbeit mit den "Grünhelmen" von Rupert Neudeck, der dort 29 Schulen gebaut hat, rüsten wir diese Schulen mit Skateparks aus. Das passt super zusammen, weil es dort bisher überhaupt kein Freizeitangebot gibt für Kinder und Jugendliche. Und Skateboard fahren ist auf jeden Fall gesünder als mit Kalaschnikows zu spielen.

Zur Person

Geboren 1948 im Westerwald als Eberhard Dittmann, bekommt er von seinem Bruder später den Spitznamen Titus verpasst, weil er aussieht wie ein römischer Kaiser. 1968 macht Titus Dittmann Abitur und studiert anschließend Geografie und Geschichte auf Lehramt in Münster. Als Referendar gründet er 1978 eine Schülersportgruppe Skateboard und schreibt darüber seine Examensarbeit. Bis 1984 arbeitet er als Lehrer in Hamm. Nebenher baut er seinen Skateboard- und Streetwear-Handel unter dem Namen Titus auf. Zusätzlich organisiert er die Skateboard-WM in Münster und verlegt ein Magazin. Die Zahl der Mitarbeiter steigt auf 550 und der Umsatz auf 90 Millionen Euro. Der gescheiterte Börsengang führt 2001 fast zur Insolvenz. Heute beschäftigt Titus noch 80 Mitarbeiter und konzentriert sich auf seine Kernkompetenz, den Einzelhandel. Dittmann ist verheiratet und hat einen Sohn.

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