Interview mit Thomas Greiner "Ich arbeite direkt über dem Paradies"

Thomas Greiner, Geschäftsführer der Dussmann-Gruppe, liebt Bücher, Musik und Wein. Im Interview erzählt er auch, warum er als langhaariger Schüler einen Streik organisierte.

Diana Fröhlich | , aktualisiert

Junge Karriere: Herr Greiner, welches Buch haben Sie zuletzt im Kulturkaufhaus gekauft?
Thomas Greiner: Erst gestern habe ich mir von Reich-Ranicki aus seinem Kanon die Dramen erstanden, und ich war richtig glücklich darüber. Schon vor einem halben Jahr wollte ich die Bücher haben, doch da sagte man mir, die Dramen seien eigentlich nicht mehr verfügbar. Ach, auch heute habe ich schon etwas gekauft: "Die Dämonen" von Dostojewskij.

Sie sind nah an der Quelle. Ihr Büro liegt direkt gegenüber dem Kulturkaufhaus.
So macht Arbeit natürlich Spaß. Dussmann ist weit mehr als nur das Kulturkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße. Aber es stimmt, die Nähe ist schon sehr verführerisch, weil ich häufig denke, ich mache jetzt mal zehn Minuten Pause und gehe kurz runter. Fast immer kaufe ich etwas. Wer Bücher und Musik so liebt wie ich, wird dort permanent zum Einkaufen inspiriert. Ich arbeite also direkt über dem Paradies.

Glückwunsch zum Traumjob!
Ja, es ist ein Idealberuf. Was mich sonst noch fasziniert hätte: Verleger zu werden. Da hat man nämlich auch eine ganz enge Verbindung von Kultur und Wirtschaft. Dussmann ist ein Multidienstleister.

Was macht das Unternehmen für Sie so interessant?
Wir machen, was der Kunde will. Das Unternehmen hat mit Reinigung begonnen, dann kam das Catering dazu, dann die Bewirtschaftung ganzer Häuser. 1986 noch Residenzen, hochwertige Altenheime. Es wurde einfach immer mehr. Das ist der rote Faden von Dussmann, und mir gefällt es.

Wie passt das Kulturkaufhaus dazu?
Im Jahr 1994 hat Dussmann die Firmenzentrale von München nach Berlin verlegt. Die oberen Stockwerke des Gebäudes waren bereits durch die weltweite Hauptverwaltung unseres Unternehmens belegt, doch der untere Bereich stand noch komplett leer. Zu der Zeit haben wir keine Mieter auf der Friedrichstraße gefunden, dann haben wir unser eigenes Konzept umgesetzt, das Kulturkaufhaus.

Sie sind seit 1. September 2007 Vorstandsvorsitzender. Wie wollen Sie aus dem Schatten des Firmengründers Peter Dussmann heraustreten?
Jedes Familienunternehmen hat eine ganz eigene Kultur, die geprägt ist vom Eigentümer. Peter Dussmann hat dieses Unternehmen 40 Jahre lang geführt, er kennt die Märkte und hat extrem viel Erfahrung. Mein Ziel ist es, ihn in alle wesentlichen Entscheidungen zu integrieren. Ich will von seinem Wissen profitieren. Er ist Ideengeber, Diskussionspartner - und kein Schatten.

Sie gehören nicht zur Familie Dussmann. Ist das manchmal schwierig?
Ich heiße nicht Dussmann, fühle mich der Familie aber trotzdem sehr verbunden. Wir haben einen guten Kontakt zueinander.

Ihre Eltern waren ebenfalls Unternehmer.
Ich habe quasi am Modell gelernt. Meine Eltern haben mir vorgelebt, Dinge aktiv in die Hand zu nehmen und Ideen zu entwickeln. Ich habe erlebt, wie befriedigend Erfolg sein kann. Und ich habe auch erfahren, dass die Woche keine 38,5 Stunden hat, sondern weitaus mehr. Der Vorteil: Meine Eltern waren so beschäftigt, dass ich viele Freiräume hatte. Mein Vater war zum Beispiel nie bei einem Elternabend in der Schule.

Hat dieses Lernen am Modell, wie Sie es nennen, nicht manchmal auch eine abschreckende Wirkung gehabt?
Meine Eltern hatten immer so viel Zeit für mich, wie ich wollte. Das haben die schon geschafft. Wir hatten dazu ein Kindermädchen, das sich auch um mich gekümmert hat. Ich persönlich habe nichts vermisst.

Sie haben auch im öffentlichen Dienst gearbeitet. Was genau haben Sie gemacht?
Ich war Dezernent für Kultur und Sport der Stadt Rottweil und habe zum Beispiel Musikfestivals veranstaltet. Drei Wochen lang kamen jeden Tag 1000 Menschen. Das Spannende dabei war die Frage: Wie gefällt es den Leuten? Es war eine tolle Zeit.

Ursprünglich wollten Sie aber Strafverteidiger werden und haben angefangen, Jura zu studieren. Woher stammte das Interesse?
Ich bin zu Schulzeiten nachmittags gerne ins Landgericht gegangen und habe zugeschaut. Das hat mich sehr fasziniert. Ich habe mich gefragt, wie kommt jemand dazu, eine Straftat zu begehen. Nach dem Abitur war deshalb mein Berufswunsch Strafverteidiger. In Tübingen habe ich dann Jura studiert. Allerdings hatte ich auch schon immer ein großes Interesse an Politik. In Paris habe ich neben Jura politische Wissenschaften studiert und einen Politik-Abschluss in München gemacht. Ich habe immer studiert, was mich interessiert hat. Für mich war es ein Vergnügen.

Sprechen Sie heute noch Französisch?
Leidlich. Früher war ich ganz gut, habe vor meinem Studium in Paris mehrere Jahre lang Schülerfreizeiten in Frankreich geleitet. Da habe jede Menge Erfahrungen gesammelt.

Ist Frankreich so etwas wie eine zweite Heimat für Sie?
Mittlerweile könnte ich mir eher vorstellen, nach Italien zu ziehen, in die Grenzregion zu Frankreich, zwischen Genua und Nizza. Es ist wunderschön dort, Sie haben die Berge und das Meer gleichermaßen vor der Tür.

Was haben Sie nach Ihrem Studium gemacht?
Ich habe schon immer sehr viel nebenbei gearbeitet. Ich hatte zum Beispiel schon während des Studiums eine kleine Firma, eine Unternehmensberatung, die sich auf jugendliche Zielgruppen spezialisiert hat. Meine Firma hieß You. Ein Kunde war zum Beispiel eine Bank, die wissen wollte, wie sie genau die Azubis finden kann, die sie wirklich will und braucht. Mitte der 1970er habe ich auch einen Anbieter von Clubferien dabei unterstützt, wie er sein Programm für Teenager verbessern kann. Ich habe neben Politik auch Pädagogik und Psychologie studiert und meinen Fokus immer auf Jugendliche gelegt. Nach dem Studium hat mich der Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Rottweil gefragt, ob ich ein Konzept für die Jugendarbeit entwickeln könnte. Das habe ich gemacht.

Wie haben Sie als Student alles unter einen Hut gebracht?
An der Universität habe ich mir Wissen angeeignet, nebenbei habe ich gemacht, was mir Spaß machte. Ich habe auch eigene Spielfilme produziert und hatte auf diese Weise schon Berufserfahrung, obwohl ich noch Student war. Ich mochte das.

Waren Sie als Teenager ein Rebell?
Ich weiß nicht. Ich war der jüngste Kreisvorsitzende der Jungen Union Deutschlands und habe als Schulsprecher sogar einen Streik organisiert. Der Bäcker hatte die Preise für die süßen Teilchen erhöht, da haben wir Schüler nicht mitgemacht. Außerdem hatte ich lange Haare, das hat meinem Vater natürlich nicht gefallen.

Was erwarten Sie heute von jungen Menschen, die sich bei Dussmann bewerben?
Drei Dinge sind mir wichtig: Jeder sollte sich für etwas begeistern - und kein 37,2-Grad-Leben führen. Dazu ist mir ehrenamtliches Engagement sehr wichtig. Im Sportverein oder als Schulsprecher lernt man, Menschen zu führen. Als Drittes schaue ich natürlich auch auf gute Noten.

Wie gehen Sie persönlich mit Misserfolgen um?
Es gibt nur eine Niederlage: wenn man nicht mehr aufsteht. Ich stehe wieder auf und starte einen neuen Anlauf. Ich bin ein optimistischer Typ. Im Jahr 2006 beispielsweise wollte Dussmann die Altenheime der Stadt Hamburg übernehmen. Am Ende gab es in der engeren Auswahl neben uns noch einen weiteren Kandidaten - wir wurden nur zweiter Sieger. Da darf man sich nicht entmutigen lassen.

Wie schaffen Sie es, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Ich bin verheiratet, und meine Frau hat eine 28-jährige Tochter aus erster Ehe. Ich glaube, mit eigenen Kindern könnte ich den Job nicht machen, wenn ich ehrlich bin. Mit meinen Ansprüchen würde ich Zeit haben wollen für eine Familie. Ich finde es toll, wenn Eltern vier oder sechs Kinder haben. Aber wenn, dann richtig. Die Verantwortung muss jeder annehmen. Ich für mich, so wie ich hier arbeite, könnte das nicht. Deshalb habe ich keine Kinder. Aber diese Frage muss man am Anfang einer Karriere entscheiden. Ich habe mich bewusst gegen Familie entschieden. Ich hatte schon immer eine 60- bis 70-Stunden-Woche, und das hat mich immer sehr zufrieden gemacht.

Sie kommen aus Rottweil, leben aber schon länger in Berlin. Was gefällt Ihnen hier?
Ich bin von Berlin begeistert. Hier gibt es tolle Restaurants und ein sehr großes kulturelles Angebot, viel Wasser und Wohnungen, die man sich woanders so nicht leisten könnte. Ich sage immer, in dieser Stadt ist alles möglich. Berlin ist offen, hier entsteht immer etwas Neues.

Welche Hobbys haben Sie?
Ich gehe sehr gern essen, liebe gute Weine. An ein bis zwei Wochenenden im Monat bin ich an der Ostsee, auf der Insel Usedom. Dort gehe ich drei bis vier Stunden jeden Tag spazieren. Zur Entspannung gehört für mich auch Musik und Sport. Ich laufe, fahre Rad und schwimme. Außerdem bin ich gerne in den Bergen und fahre Ski. Früher mochte ich noch Fußball und Tischtennis. Und dann sind mir Gespräche mit Freunden sehr wichtig. Sie sehen: Mir war es in meinem Leben noch keine Sekunde langweilig.

Thomas Greiner

Thomas Greiner, 53, wurde im baden-württembergischen Rottweil geboren. Er war Schülersprecher und jüngster Kreisvorsitzender der Jungen Union in Deutschland. Nach dem Abitur schrieb er sich für Jura in Tübingen ein, wechselte aber an die Ludwig-Maximilians-Universität in München, um Politik, Pädagogik und Psychologie zu studieren. Dem Magister folgte ein BWL-Aufbaustudium, das er als Diplom-Wirtschaftsförderer (VWA) abschloss. Rottweils Oberbürgermeister fragte Greiner, ob er für die Stadt ein Jugendkonzept entwickeln könne. Greiner sagte zu und war von 1987 bis 1996 Leiter des Kultur- und Sportamtes der 25 000-Einwohner-Stadt. 1997 wurde Greiner Leiter der Unternehmenskommunikation bei Dussmann. 2002 wurde ihm die Geschäftsführung der Tochtergesellschaft Kursana übertragen, des größten privaten Anbieters für Seniorenheime und Altenpflege in Deutschland. 2005 wurde er in den DussmannVorstand berufen, seit September 2007 ist er Vorstandsvorsitzender. Greiner ist verheiratet, seine Frau hat eine erwachsene Tochter aus erster Ehe.

Dussmann: Service und Pflege

Peter Dussmann nahm 1963 bei der Württembergischen Sparkasse einen Kredit von 2000 Mark auf - und gründete seine Firma. Aus dem Heimpflegedienst mit zehn Mitarbeitern ist ein Großkonzern geworden. Aktuell arbeiten mehr als 50 000 Mitarbeiter in 26 Ländern für die Dussmann-Gruppe. Unter dem Namen Dussmann-Service bietet das Unternehmen Dienstleistungen rund ums Gebäude an: technisches Management, Catering, Sicherheits- und Empfangsdienste, Gebäudereinigung, kaufmännisches Management und Energiemanagement. Die Tochtergesellschaft Kursana ist mit 86 Häusern Deutschlands größter privater Anbieter für Seniorenheime und Altenpflege. Zudem betreibt die Dussmann-Gruppe das Kulturkaufhaus in Berlin, das montags bis samstags von 10 bis 24 Uhr geöffnet hat. Die Dussmann-Gruppe erzielte im Jahr 2007 einen Gesamtumsatz von 1,3 Mrd. Euro. Gründer Peter Dussmann ist seit 2003 Vorsitzender des Aufsichtsrates.

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