Interview mit Steffen Leistner Mit MBA auf den Chefsessel

Steffen Leistner, der Geschäftsführer und Fizepräsident von Booz Allen Hamilton über seine Anfänge an der Harvard Business School und seine weitere Karriere nach Ende der DDR.

Die Junge Karriere | , aktualisiert

Welche Schule:
Harvard Business School

Year of Graduation:
1993

Heutige Position:
Vice President / Geschäftsführer bei Booz Allen Hamilton

A. Gehalt und Karriere

1. Rückblickend betrachtet: Wo standen Sie job- / karrieremäßig, als Sie sich entschlossen, einen MBA zu machen?
Ich war damals Leiter Strategie im KALI Kombinat Sondershausen (damals DDR). Unmittelbar als Folge der Wende wurde meine weitere Karriere in diesem Unternehmen nach der Übernahme durch die Treuhand "beendet". Ich entschloss mich, diesen Umstand zu nutzen und mich weiterzubilden.

2a. Hatten Sie vor / bei Antritt des MBA-Studiums eine klare Karriere-Perspektive?
Klar war mir nur, dass sich etwas dramatisch ändern musste. Zum einen wollte ich den Industriezweig nach insgesamt zehn Jahren im Bergbau wechseln. Zum zweiten hatte ich in einigen Feldern, wie Marketing oder Kapitalmärkte, erhebliche Wissenslücken bedingt durch das System, in dem ich aufwuchs. Der MBA sollte mir helfen, diese zu schließen und mir gleichzeitig neue Karrieremöglichkeiten eröffnen. Was das genau sein sollte, wusste ich damals jedoch noch nicht. Hätte mir im Vorfeld jemand gesagt, du wirst Berater, hätte ich ihn kopfschüttelnd für verrückt erklärt. Mit Consulting konnte ich damals nichts anfangen.

2b. Hat sich dies dann mit / nach dem MBA auch so entwickelt?
Die Wissenslücken konnte ich sehr gut schließen. Des Weiteren fand ich durch Gespräche, Foren, etc. Zugang zu völlig neuen Zukunftsvisionen, wie beispielsweise dem Management Consulting oder dem Non-profit-Bereich. Die Unternehmensberatung selbst bot mir exzellente Möglichkeiten, neue Industrien kennen zu lernen und mich in einer dieser rasch zu entwickeln. Die Garantie von Booz Allen Hamilton, mich in der Telekommunikation engagieren zu können, überzeugte mich damals wie heute. Völlig neu war für mich auch die Erkenntnis, dass ich nach Abschluss des MBAs an der HBS quasi auf einen Schlag nicht mehr primär "Ossi" war und von so manchem mit Skepsis betrachtet wurde, sondern Harvard Absolvent, dem sich so ziemlich alle Türen öffneten. 1993 musste man sich nicht bewerben, man wurde umworben.

3. Hat sich der MBA job- / karrieremäßig gelohnt?
Ja, auf alle Fälle. Zum einen hat der MBA den Einstieg in eine Top-Management-Beratung deutlich erleichtert. Außerdem hat mir das dort erlernte "Handwerkszeug" geholfen, eine erfolgreiche Karriere innerhalb des Consultings zu durchlaufen. Natürlich gibt es auch Dinge, die kommen erst jetzt über ein Jahrzehnt nach meinem Abschluss so richtig zum Tragen: Das fantastische Alumni Netzwerk beispielsweise.

4. Wie haben Sie Ihr MBA-Studium finanziert?
Auch hier muss ich der Harvard Business School bzw. deren Alumnis ein riesiges Kompliment machen. Durch Sponsorengelder konnten allen osteuropäischen Studenten fünfzig Prozent der Gesamtkosten erlassen werden - ohne daran geknüpfte Bedingungen! Der andere Teil wurde von Booz Allen Hamilton nach einem erfolgreichen Praktikum übernommen, so dass ich de facto eine 100% "tilgungsfreie" Finanzierung hatte.

B. Alumni-Netzwerk

5. Wie wichtig ist das Alumni-Netzwerk Ihrer Schule für Sie?
Es ist im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Heute, zehn Jahre nach dem Abschluss, wo fast jeder Absolvent an wichtigen Entscheiderpositionen in der Hierarchie angelangt ist, wo es manchmal auch "sehr einsam" wird, suchen viele Executives Verbindungen zu "alten Vertrauten". Allein aus meiner Sektion arbeite ich bereits mit fünf ehemaligen Mitstudenten zusammen. Ich kann mich in jedem Erdteil bewegen und treffe auf Harvard Alumnis, die mir offen gegenüber stehen und mir helfen. Manchmal sind es nur kleine Begebenheiten, wie ein Beispiel zeigt: Die Erteilung meines US-Visums gestaltete sich sehr schwierig. Erst als der Vorgesetzte im US-Konsulat hinzugezogen wurde und feststellte, dass wir beide Harvard Alumnis sind, wurde mir ohne weitere Fragen das Visum erteilt. Man sieht: Eine gemeinsame Vergangenheit kann Türen öffnen!

6. Wie nützlich sind diese Kontakte für Sie beruflich?
Für mich sind diese Kontakte unglaublich nützlich. Bei zwei meiner Klienten arbeite ich sehr eng mit Alumnis zusammen. Uns verbinden der Mobilfunk und die Herausforderungen, die damit verknüpft sind. Für uns ist es eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich auszutauschen und den gegenseitigen Erfolg zu fördern."

C. Rückblickend betrachtet, was haben Sie in Ihrem MBA-Studium gelernt, was in Ihrem heutigen Job von Bedeutung ist?

7. An Fachwissen:
In erster Linie wurde der Gemeinsinn geschult - aber auch die Anwendung von Wissen. Das hing schon damit zusammen, dass man mit über 800 aus der Managementpraxis entwickelten Fallstudien aus zwei Jahren Studium anschließend fast mit einer "Case-Brille" durchs professionelle Leben läuft, oftmals einen Vergleich zitieren kann oder aber sehr geübt darin ist, die entscheidenden Fragen zu stellen. Durch die Wahlmöglichkeit von ca. 60% der Fachgebiete habe ich sehr gezielt meine größten Wissenslücken etwa im Marketing-Bereich schließen können, ohne natürlich zu behaupten, dass ich mich nach einigen Kursen zum "Guru" entwickelt hätte. Das ist auch nicht der Zweck des MBA-Studiums. Vielmehr ist die Vermittlung von praxisnahem Managementwissen der Kernpunkt - und das ist hervorragend gelungen.

8. An sonstigen Fähigkeiten (soft skills etc.):
Die kulturelle Vielfalt der Studenten ist sicherlich der entscheidende Faktor, wenn es um die Frage der soft skills geht. Dabei sehe ich zwei prägende Elemente - das geografische und das professionelle Umfeld jedes Einzelnen. In meiner Lerngruppe waren wir insgesamt fünf Studenten aus völlig verschiedenen Ländern, die drei Erdteile repräsentierten. Das war eine tolle Erfahrung! In meiner Sektion mit 90 Studenten war es zusätzlich die Tatsache, dass wir zwar Banker und Berater in der Überzahl hatten, aber auch Ärzte, Sportler und Politologen. Diese Vielfalt spiegelte sich dann auch in der Unterschiedlichkeit von Ideen, Auffassungen, Eigenheiten und Überzeugungen wider und war eine echte Bereicherung.

9. Jedes MBA-Programm, das auf sich hält, verspricht, für eine General-Management-Position fit zu machen. Können Sie das aus Ihrer Erfahrung bestätigen?
Harvard ist für mich ein Musterbeispiel an Ausbildung für eine General Management-Position. Das zeigt sich besonders in der Breite der erhaltenen Angebote, die von Investmentbanking, Industrie bis hin zur UNO reichten.

10. Fühlten Sie sich nach / mit dem MBA für "höhere" Aufgaben besser gewappnet? Und waren Sie es - aus der Distanz betrachtet - auch tatsächlich?
Bei mir kommt sicherlich die Sondersituation mit DDR-Hintergrund hinzu. Der "Harvardeffekt" hat mir natürlich eine ganz andere Ausgangssituation geboten und in bestimmten Beziehungen echte Sicherheit vermittelt, wie beispielsweise bei Bewerbungsgesprächen oder der "Selbstvermarktung", die ich in der Form vorher nicht kannte. Ja, ich fühlte mich sehr viel besser gewappnet und hätte ohne einen MBA meine "zweite" Karriere in dieser Form sicherlich nicht machen können. Die Kehrseite der Medaille ist sicherlich die potentielle Hochnäsigkeit und Arroganz, die man sich im Kreis solcher Eliten sehr schnell und fast unbemerkt zu eigen machen kann. Das gipfelt dann letztendlich in Selbstüberschätzung. Hier muss man sich immer wieder zur Bodenhaftung zwingen oder durch Freunde dazu angestoßen werden.

D. Die menschliche Erfahrung

11. Welche Bedeutung hat das MBA-Studium für Ihre persönliche Entwicklung?
Es hat meine Persönlichkeit sicherlich geprägt, jedoch weniger stark als die anderer Studenten. Nach zehn Jahren Tätigkeit im Untertagebergbau und als einer der älteren und erfahreneren Studenten in der Sektion habe ich sicherlich jüngeren Studenten mehr für ihre Persönlichkeitsentwicklung vermitteln können als umgekehrt. Es hat mir jedoch neue Horizonte in vielerlei Hinsicht eröffnet, hierzu zähle ich vor allem die große Vielfalt und Offenheit beim Suchen und Erarbeiten von Lösungen. Zum zweiten habe ich viel hinsichtlich der unterschiedlichen Kulturen und die damit in Verbindung stehenden Management-Philosophien gelernt. Der Gegensatz zwischen einer japanischen Langfristdenke und einer amerikanischen Quartalsberichterstattung ist sicher extrem, auch oder gerade in ihrer Wirkung auf die potentielle Problemlösung. Gefunden habe ich echte Freunde, die mir noch heute mit Rat jederzeit zur Seite stehen.

12. Ein Punkt, nach dem ich Sie nicht gefragt habe, der Ihnen aber wichtig ist...
Die Frage: "Was hat mir nicht gefallen oder was empfand ich als befremdlich" habe ich bisher vermisst. Dazu habe ich zwei Anmerkungen: Der knallharte Wettbewerb unter den Studenten, egal ob bei der Diskussion eines Cases oder beim Ausgleichssport, war sehr gewöhnungsbedürftig und erreichte zum Teil absurde Ausmaße. Ein zweiter Punkt ist das Fehlen bestimmter Fächer wie Psychologie oder Wahrnehmungstraining. Beides ist für Leadership unabdingbar und sollte auf alle Fälle nach dem MBA nachgeholt werden.

13. Ein Ratschlag für jeden, der sich für einen MBA interessiert?
Ein MBA ist aus meiner Sicht in erster Linie nicht das Mittel zur Karrierebeschleunigung, sondern eine dauerhafte Erweiterung und Befruchtung der Persönlichkeit jedes Einzelnen, in dessen Ergebnis sich eine erfolgreiche Karriere fast automatisch ergibt. Wer einen MBA so sieht, wird nie enttäuscht werden und immer mit Freude auf die zwei arbeitsreichen Jahre zurückblicken.

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