Interview mit Reid Hoffman "Für einen Tag wäre ich gerne Barack Obama"

Reid Hoffman, Gründer des Business-Netzwerks Linked-In, spricht mit Junge Karriere über die Gefahren des Perfektionismus, das Studium der Philosophie und das die Welt verbessernde Internet.

Dorothee Fricke | , aktualisiert

Mr. Hoffman, Ihre erste Firma, die Sie 1997 gegründet haben, hieß Socialnet. Waren Sie damit der Vordenker der heutigen Online-Netzwerke?
In gewisser Hinsicht ja. Die Idee hinter Socialnet war es, Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenzubringen, also zum Beispiel Flirt- und Sportpartner oder Mitbewohner zu vermitteln, aber auch Jobsuchende und Arbeitgeber zu vernetzen.

Warum hat das nicht richtig funktioniert?
In einigen Bereichen, etwa beim Dating, hat Socialnet hervorragend funktioniert, auf der beruflichen Ebene allerdings nicht. Hier fehlte die Vertrauensbasis. Das hat mich dann auch auf die Idee von Linked-In gebracht, einer Community, in der man sich mit Leuten vernetzt, zu denen man bereits eine Verbindung hat.

Linked-In hat inzwischen 35 Millionen Mitglieder weltweit. Hat der Erfolg mit einem veränderten Verständnis von Karriere zu tun?
Auf jeden Fall. Früher beschritt man einen Karriereweg innerhalb eines Unternehmens. Man fing als Projektmanager an, wurde irgendwann Bereichsleiter, dann stellvertretender Marketing-Chef und so weiter. Moderne Karrieren unterscheiden sich aber davon: Heute ist jedes Individuum ein "kleines Business", eine Art Ich-AG. Mit jedem Arbeitgeber und Kunden, für den man arbeitet, baut man sein Geschäft, seine Kontakte und Fähigkeiten aus. Selbst wenn man mal drei oder vier Jahre für einen Arbeitgeber tätig ist, identifiziert man sich nicht mehr so stark. Es ist wichtiger, die eigene Marke aufzubauen und zu pflegen, zum Beispiel durch die Selbstdarstellung bei Linked-In.

Seit dieser Woche gibt es eine deutsche Version von Linked-In. Bisher haben Sie hierzulande gerade einmal 500000 Mitglieder, Ihr Konkurrent Xing dagegen drei Millionen. Warum also wechseln?
Wenn ich ein Deutscher wäre, hätte ich in beiden Netzwerken ein Profil. Die lokalen Aktivitäten sind bei Xing natürlich stärker. Aber ich denke, dass viele Möglichkeiten für junge Deutsche europäisch oder gar global sind. Xing ist in der englischsprachigen Welt nahezu unbekannt. Da liegt die Stärke von Linked-In. Dazu fällt mir eine kleine Anekdote ein: Vor einigen Jahren habe ich einen neuen persönlichen Assistenten eingestellt, einen jungen Stanford-Absolventen. Der flog nach Europa und unterhielt sich im Flugzeug von Madrid nach Genf mit seinem Sitznachbarn. Mein Assistent erzählte ihm, dass er bei Linked-In angefangen hat. Da erzählte ihm der Sitznachbar, dass er gerade über Linked-In von einem Headhunter in Deutschland für eine Stelle in Genf angesprochen worden ist und jetzt aus seiner Heimat Spanien zum Vorstellungsgespräch fliegt.

Kann man solche modernen Karrieren überhaupt noch planen, beziehungsweise seine eigene kleine Ich-AG in eine bestimmte Richtung steuern?
Begrenzt. Man kann nur auf Gelegenheiten reagieren. Karriere ist kein Schachspiel, es gibt keinen starren Regelkatalog oder vorher festgelegte, erlaubte Bewegungen der Spielfiguren. Ich hatte meine ersten Geschäftsideen im Bereich Softwareentwicklung. Dann bin ich aber darauf gestoßen, dass das Internet das große Ding ist. Darauf wäre ich nicht gekommen, wenn ich mich nicht auf das Tagesgeschehen eingelassen hätte.

Sie haben einmal gesagt: "Wenn dir die erste Version deines Produktes nicht peinlich ist, hast du es zu spät an den Start gebracht." Was heißt das?
Gründer identifizieren sich häufig viel zu stark mit ihren Produkten. Es ist, als ob die Leute einen persönlich hassen, wenn sie dein Produkt nicht mögen. Jeder möchte aber geliebt werden. Früher galt der Grundsatz, dass man nur eine einzige Chance hat, neue Kunden zu gewinnen. Man brachte also nur etwas auf den Markt, was auf einem hohen Level ausgereift war, was perfekt war. Im Internet gibt es aber mehrere Variablen. Zum einen ist die Zeit ein kritischer Faktor, zum anderen hat man im Netz mehrere Chancen, Kunden zu gewinnen. Anstatt zu perfektionistisch zu sein, sollte man im Netz lieber schnell eine erste Version seiner Idee an den Start bringen und sich darauf einlassen, diese mit den Usern zu diskutieren und daraus zu lernen.

Sie haben Philosophie studiert. Das ist ungewöhnlich für einen Internet-Unternehmer.
Schon auf der High School habe ich mich damit beschäftigt, was den Menschen eigentlich ausmacht. Das, was mich am meisten interessiert hat und immer noch interessiert, sind Menschen und wie sie ihr Leben leben. Deshalb wollte ich ursprünglich eine akademische Laufbahn einschlagen. Doch in der Wissenschaft hat man nur ein begrenztes Publikum. Man schreibt Bücher oder Aufsätze, die vielleicht 50, vielleicht 200 Leute lesen. Ich wollte aber etwas machen, was das Leben von Millionen von Menschen verändert und verbessert.

Hat Ihnen das Studium trotzdem etwas gebracht?
Auf jeden Fall. Philosophie trainiert das Denken. Auf einem hohen Niveau gibt es eine Parallele: Der Philosoph und der erfolgreiche Unternehmer denken beide nicht nur darüber nach, was heute ist, sondern was morgen sein könnte. Das hilft mir bis heute.

Haben Sie mal überlegt, noch einen Wirtschaftsabschluss zu machen?
Nein, nie. Unternehmertum kann man nicht studieren. Man lernt es, während man seine Firma aufbaut.

Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die ein Gründer mitbringen muss?
Es hilft, wenn man schnell lernen kann und ein Generalist ist. Vor allem anfangs muss man ständig etwa 30 Probleme gleichzeitig lösen. Man sollte das lieben, was man tut. Wenn die Motivation nur ist, dass man schnell viel Geld verdienen will, klappt das selten. Eine der wichtigsten Eigenschaften ist aber auch, dass man ein intelligentes Risikobewusstsein mitbringt.

Wie risikofreundig sind Sie selbst auf einer Skala von eins bis zehn?
Ich liege bei etwa 9,5. Ich würde nichts machen wollen, was gar kein Risiko in sich trägt. Ich denke aber, dass alle Risiken, die ich aufnehme auch intelligent abgewogene Risiken sind. Hoffentlich stimmt es.

Sie sagen, Ihre Hauptmotivation als Gründer sei, das Leben der Menschen zu verbessern. Kann das Internet das?
Auf jeden Fall! Das gilt sowohl für gemeinnützige Projekte als auch für kommerzielle Angebote. Kiva.org etwa ermöglicht es Menschen, über das Internet Geld an Kleinbetriebe in Entwicklungsländern zu verleihen. Das funktioniert, obwohl niemand damit Geld verdient. Aber es fasziniert die Menschen, anderen in der Dritten Welt beim Aufbau ihres Unternehmens zu helfen. Das hilft dort dem ganzen Wirtschaftssystem. Doch auch viele der kommerziellen Unternehmen haben das Leben verbessert. Communitys erleichtern den Austausch der Menschen, über ein System wie Paypal kann jeder die Zahlungsweise über Kreditkarten anbieten. Das war für kleine Unternehmen vorher kaum möglich. Die Möglichkeit, dass jeder Einzelne über eine gewisse wirtschaftliche Macht verfügt, ist eine sehr gute Sache.

Als Investor und Business Angel sind Sie an zahlreichen Internet-Unternehmen beteiligt. Was überzeugt Sie, in ein Start-up zu investieren?
Eine einzigartige Idee, die Fähigkeit auf Millionen Menschen zuzugehen und eine großartige Unternehmerpersönlichkeit.

Wir befinden uns in einer weltweiten Rezession. Wie stark sind Sie von der Wirtschaftskrise betroffen?
Linked-In geht es bisher sehr gut. Wenn sich die Menschen ihrer ökonomischen Eigenschaften stärker bewusst werden, nutzen sie die Plattform viel aktiver. Man reagiert auf die schwierigen Zeiten, indem man sein Image im Netz aufpoliert. Auch im Recruiting-Bereich, wo jetzt zwar insgesamt weniger Geld ausgegeben wird, hat uns die Krise bisher nicht geschadet. Es geht jetzt eben nicht mehr so stark um Quantität, sondern um Qualität. Ein Unternehmen, welches bisher 500 Leute gesucht hat, sucht jetzt vielleicht noch 30. Aber diese 30 sollen genau die richtigen sein. Deshalb suchen viele Firmen neue Mitarbeiter jetzt noch viel gezielter über Linked-In.

Und wie beeinflusst die Krise Ihre Aktivitäten als Investor?
Die Wirtschaftskrise verändert die Regeln. Bisher konnte ich davon ausgehen, dass ein erfolgversprechendes Start-up auch andere Geldgeber fand. Derzeit kriegen Gründer das Geld vielleicht gar nicht erst zusammen. Ich überlege also genauer, bevor ich investiere. Aber sogar in der Zeit der großen Depression haben die Leute weiter Geschäfte gemacht. Die Welt hört nicht auf sich zu drehen.

Welchen Rat geben Sie jungen Unternehmen in diesen schwierigen Zeiten?
Wenn es einem jetzt gelingt, das Geld zusammenzubringen, ist es eine großartige Zeit, ein Unternehmen zu starten. Es ist ganz einfach: Wenn weniger Unternehmen an den Start gehen, ist auch die Konkurrenz kleiner. Auf der anderen Seite sollte man jetzt schnell umdenken und in eine neue Richtung gehen, wenn man merkt, dass man das Geld nicht bekommt.

Das Netz verändert sich rasend schnell. Was ist Ihre Vision für das Web 3.0?
Schwer zu sagen, wir befinden uns immer noch im Web 2.0, dessen Charakteristikum es ist, dass Millionen von Usern dort veröffentlichen und Inhalte hochladen und verändern können. Im Web 3.0 könnten neue Applikationen entstehen, die die Inhalte auf neue Art und Weise verknüpfen, wie etwa automatische Fotobücher. Oder Applikationen, über die man über das Netz einsehen kann, wie viele Leute sich gerade in einem Restaurant befinden. Das könnte zum Beispiel über die Dichte von Mobiltelefonen und die ausgesendeten GPRS-Signale geschehen.

Gibt es einen Traum, den Sie sich unbedingt noch verwirklichen wollen?
Eigentlich ist das, was ich tue, mein Traum. Aber ich würde gerne mehr Menschen zeigen, warum ihr Leben bedeutsam ist, vielleicht ein Buch darüber schreiben oder junge Menschen unterrichten.

Was sagen Freunde über Sie?
Dass ich zu viel arbeite, was stimmt. Dass ich mehr Sport machen sollte und mehr auf meine Gesundheit achten sollte, was ich jetzt auch dringend angehen will. Viele fragen mich, wann ich endlich ein Buch schreibe, dafür fehlt mir aber im Moment die Zeit. Hoffentlich würden sie auch sagen, dass ich ein guter Freund bin: Aber das müssen Sie sie selbst fragen.

Wann hatten Sie das letzte Mal ein freies Wochenende?
Das war Weihnachten, also ist es nicht allzu lange her. Tatsächlich ist es aber so, dass meine Frau und ich etwa alle zwei bis drei Monate ein Wochenende für uns haben. Sie würde wahrscheinlich sagen, dass es nur alle drei bis vier Monate vorkommt. Wir spannen dann einfach gemeinsam aus. Bleiben zu Hause, gehen in die Sauna oder treffen Freunde.

Glauben Sie gar nicht an das Konzept einer ausgewogenen Work-Life-Balance?
Viele denken, ich bin verrückt, wenn sie hören, dass ich jeden Tag - auch am Wochenende - arbeite, und fragen: "Willst du nicht wenigstens mal einen Sonntag freinehmen?" Mir ist das nicht so wichtig. Aber ich habe auch keine Hobbys, für die ich viel Zeit brauche, weil ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Trotzdem kann ich verstehen, dass Leute auch Zeit für andere Dinge neben der Arbeit brauchen.

Wenn Sie für einen Tag jemand anders sein könnten: Wer wäre das und was würden Sie gerne machen?
Es wäre interessant, ein Politiker oder jemand auf der Regierungsebene zu sein. Vielleicht Barack Obama oder einer seiner Berater. Ich denke, dass Regierungen besser regieren könnten, wenn sie verstünden, wie man ein Unternehmen aufbaut. Ich würde gerne wissen, ob das stimmt. Es käme aber nur als Experiment in Frage. Längere Zeit will ich nicht in die Politik gehen.

Zur Person

Reid Hoffman, geboren 1967, wuchs in Berkeley auf und studierte in Stanford und Oxford Philosophie und Symbolic Systems, ein interdisziplinäres Programm, das die Mensch-ComputerBeziehung untersucht. Hoffman arbeitete nach seinem Studium für Apple und Fujitsu, bevor er 1997 Socialnet, einen Vorläufer heutiger Online-Netzwerke gründete. Drei Jahre später wechselte er zum Online-Bezahldienst Paypal, wo er den erfolgreichen Verkauf an Ebay einstielte. 2003 gründete Hoffman Linked-In. Das Business-Netzwerk hat heute 35 Millionen Mitglieder, davon neun Millionen in Europa. Die Führung des Unternehmens gab er 2006 an Dan Nye ab, kehrte aber Ende 2008 als CEO an die Spitze zurück. Als Investor, Business Angel und Unternehmer ist er an zahlreichen weiteren InternetFirmen beteiligt, darunter Facebook, Flickr, Mozilla und das gemeinnützige Kiva.org. Hoffman lebt mit seiner Frau im Silicon Valley in Kalifornien.

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