Interview mit Prof. Dr. Michael Frenkel "Eine reine Frontalvorlesung geht nicht mehr"

Der Rektor der Wirtschaftshochschule WHU über die Ansprüche der Generation Y, den Rauswurf aus dem Ranking und Ethik im Studium.

Stefani Hergert | , aktualisiert


WHU-Rektor Prof. Dr. Michael Frenkel
Foto: WHU

Herr Frenkel, die WHU ist gerade aus dem wichtigen Ranking der "Financial Times" für die Master in Management-Programme geflogen. Ist sie auf einmal zu schlecht?

Dass wir in diesem Jahr nicht in diesem Ranking sind, hat nichts mit der Qualität des Programms zu tun, sondern mit der Umstellung vom Diplom auf den Bachelor und Master.

Inwiefern?

Für das Ranking werden Absolventen befragt, die vor drei Jahren ihren Abschluss gemacht haben. Bisher waren das an fast allen deutschen Wirtschaftshochschulen wie auch an der WHU die Diplomstudenten, weil es den Master noch nicht lange genug gibt. Wir haben 2009 aber eine Lücke: Die letzten Diplom-Absolventen begannen 2004 und wurden 2008 fertig, die ersten Masterabsolventen begannen 2008 und wurden 2010 fertig.

Die Rankings sind umstritten, aber viele Bewerber orientieren sich daran. Kann man den Rauswurf einem Interessenten überhaupt vermitteln?

Das ist sicherlich schwierig. Einer breiten Öffentlichkeit ist dieses Thema kaum zu vermitteln, weil es doch einiger Details bedarf.

Business-Schools müssen eigentlich drei Jahre warten, bis sie aufgenommen werden. Das wäre erst 2015.

Die Zuständigen bei der Financial Times haben uns mündlich zugesichert, dass wir im nächsten Jahr wieder teilnehmen können. Natürlich hoffen wir, dass es auch dabei bleibt.


WHU-Rektor Prof. Dr. Michael Frenkel
Foto: WHU

Weil es für den Teilzeit-MBA keine Rankings gibt, war er lange nur wenig beachtet. Jetzt boomt das Segment, auch an Ihrer Hochschule. Ist dies das Ende des Vollzeit-MBA in Deutschland?

Nein, aber das Teilzeit-Programm ist einfach besser auf den deutschen Arbeitsmarkt eingestellt. In Deutschland bricht der MBA in eine tradierte, ganz anders strukturierte Hochschulausbildung. Die Zahl derer, die für den MBA aus dem Job aussteigen, wird weiter relativ niedrig bleiben. Und es wird nur wenigen deutschen Hochschulen gelingen, sich international zu platzieren. Das aber erwarten die Teilnehmer eines Vollzeit-MBA.

Mit dem Teilzeit-MBA verabschieden Sie sich von internationalen Studenten.

Natürlich reist niemand aus Indien dafür an. Dennoch stammt jeder fünfte Teilzeit-Student bei uns nicht aus Deutschland. Und wir könnten die Klasse noch deutlich vergrößern, bis vor kurzem hatten wir den MBA ja in einem Hotel angeboten.

Die WHU ist mit Teilzeitprogramm und Weiterbildungsbereich nach Düsseldorf gezogen. Ein Abschied auf Raten aus dem beschaulichen Vallendar?

Die hochpreisige Weiterbildung für erfahrene Manager müssen Sie dort anbieten, wo Sie die entsprechenden Hotels und eine gute Verkehrsanbindung haben. In Vallendar können wir genau das nicht bieten. Die WHU selbst aber bleibt mit ihrer grundständigen Ausbildung hier, wir haben nicht ohne Grund gerade 20 Millionen Euro in Gebäude investiert.


WHU-Rektor Prof. Dr. Michael Frenkel
Foto: WHU

Deutschland hat als MBA-Standort keine Tradition. Warum braucht man überhaupt den Vollzeit-MBA?

Der MBA wird in Deutschland auf absehbare Zeit nicht den Master of Science als Nachfolger des Diplom-Kaufmanns ablösen. Wir brauchen den Vollzeit-MBA aber, weil Leute die Branche oder Position wechseln wollen. Das Programm muss international sein, das heißt: Internationale Inhalte, Teilnehmer und Professoren. Ich kann als Professor nicht über Indien reden, wenn ich nie da war.

Wenn alles international ist, warum soll jemand dann in Deutschland studieren?

International heißt nicht, dass nicht deutsche Komponenten drin sind.

Zum Beispiel?

Etwa der Stakeholder-Ansatz anstelle des Shareholder-Ansatzes, der Lieferanten, Mitarbeiter und Kunden einschließt. Deutschland hat in der Krise gezeigt, dass Unternehmen im Rahmen eines relativ rigiden Arbeitsrechtes recht flexibel sein können. Das müssen wir vermitteln. Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied macht, wenn man solchen Dingen einen speziellen Namen gibt.

Die Grundlagen, das Handwerkszeug, werden immer 70 Prozent des Programms ausmachen. Aber der Rest ist das Wichtige. Das sind neue Themen, die auf die aktuellen Entwicklungen eingehen. Wir wollen den Studenten einen Werkzeugkoffer in die Hand geben, um künftige Herausforderungen zu lösen, die wir heute noch nicht kennen.

Im Lehrplan wird der deutsche Ansatz aber nicht wirklich berücksichtigt.

Doch das tun wir in vielerlei Weise. Nehmen Sie unser Forum Mittelstand oder den Lehrstuhl für Familienunternehmen.


WHU-Rektor Prof. Dr. Michael Frenkel
Foto: WHU

Das sind einzelne Veranstaltungen. Wie viele Fallstudien gibt es dazu, wie viele Dozenten kommen aus dem Mittelstand, wie viele Studenten steigen dort ein?

Es stimmt schon, oft nimmt man die großen Unternehmen für die Fallstudien. Die Vielfalt von Großunternehmen und Mittelstand in Deutschland finden Sie schon im Lehrplan, auch wenn es keinen Kurs dafür gibt. Wie viele Dozenten beschäftigen sich mit Mittelstand? Sicher nicht die Mehrheit, aber wir haben einige Projekte und Ansätze an der WHU. Nur hängen wir das nicht so an die große Glocke. Und vielleicht gehen unsere Studenten nicht direkt nach dem Studium in den Mittelstand, sondern später, nach einer Zeit in der Beratung etwa.

Wie viele Absolventen sind das?

Zahlen haben wir nicht. Aber wir sehen den Trend. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass sich immer mehr Absolventen selbstständig machen.

Das liegt aber vor allem an WHU-Alumnus und Gründer Oliver Samwer.

Ich weiß nicht, ob man sagen kann, es liegt vor allem an ihm. Aber er ist schon ein bekannter und zugleich auch einer der umstrittensten Gründer. Nehmen Sie andere WHU-Absolventen wie Michael Brehm oder Stephan Schubert. Das sind menschlich völlig andere Typen.


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Foto: WHU

Samwer wird für sein Geschäftsgebaren oft kritisiert. Da fragen Kritiker, welche Werte die WHU vermittelt.

Wir wollen schon Werte vorleben, die wir für sehr wichtig halten. So haben wir etwa ein umfangreiches, verpflichtendes Studium generale etabliert, in dem sich die Studenten auch mit Philosophie, Geschichte oder Soziologie beschäftigen.

Das ist etwas, das auch die Generation Y, die nach 1980 Geborenen, fordern. Wie verändert die "Gen Y" die Hochschulen?

Früher konnte man sagen: "Müller machen Sie mal das." Heute muss der Müller denken: "Das könnte spannend sein, das will ich machen." Deshalb sind Themen wie Führungsverhalten so bedeutend geworden. Eine reine Frontalvorlesung zu halten geht heute praktisch nicht mehr, die Studenten erwarten Interaktion.

Hochschulchefs kritisierten im Frühjahr, die Studenten hätten kein Gespür für gesellschaftliche Verantwortung und kein Interesse an außercurricularen Dingen.

Das würde der Theorie der Generation Y widersprechen. Das was hier betont wurde, kommt aus dem Phänomen des Rush-Hour-Life. Die jungen Leute sollen unglaublich schnell Karriere machen, sich nebenbei noch weiterbilden und auch eine Familie gründen. Auf den Wirtschaftshochschulen lastete in der Vergangenheit der Druck, mehr in die Tiefe zu gehen. Dies führt zu einer Gratwanderung und geht dann leicht auf Kosten einer breiten Ausbildung.

Wenn ich das ändern will, muss ich das Studium verlängern oder auf Inhalte verzichten. Und dann kommen immer die Diskussionen: Lehren wir jetzt Ethik und keine Mathematik mehr? Lehren wir Nachhaltigkeit und verzichten auf Finance?


WHU-Rektor Prof. Dr. Michael Frenkel
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Die Generation Y ist anspruchsvoller als ihre Vorgänger. Müssen Sie die Ausbildung anpassen?

Das haben wir bereits. Man will nicht mehr für ein Unternehmen arbeiten, dem nachgesagt wird, dass es Energie verschwendet und die Umwelt zerstört. Man will keine Produkte von Unternehmen kaufen, denen man nur eine kurzfristige Strategie nachsagt. Man will auch nicht Unternehmen beliefern, die nicht auf langfristige Beziehungen setzen. Das gilt auch für die Führungsetage. Man will nicht für ein Unternehmen arbeiten, dessen Chef ein – verzeihen Sie mir den Ausdruck – Schwein ist. Ich möchte das auch nicht. Unsere Studenten stellen Fragen. Ich sehe da eine Riesenchance.

Zum Beispiel?

Mit Themen wie dem ökologischen Fußabdruck: Wir verbrauchen aktuell das 2,5-fache dessen, was die Erde hergibt. Das muss auf eins runter. Es gibt teils konkurrierende Ansätze, wie man das schaffen könnte. Das Bewusstsein dafür ist aber bereits wichtig. Die jungen Menschen müssen Antworten auf die Fragen bekommen.

Wie wollen Sie die Antworten geben?

Wir machen ja nicht einen CSR- oder Ethikkurs als Alibi. Wir werden etwa im Master ein Sustainability-Camp veranstalten, da bringen wir alle diese Themen zusammen. Wir haben auch damit begonnen, dass zwei Professoren in einen Kurs eingebunden sind; die Studenten finden das irrsinnig spannend. Als reine Wirtschaftshochschule können wir nicht einfach den Kollegen aus der Soziologie oder Geschichte dazuholen, deshalb öffnen wir uns. Ein Wissenschaftler vom Haus der Geschichte unterrichtet zum Beispiel bei uns.

Herr Frenkel, vielen Dank für das Interview.

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