Interview mit Michael Vassiliadis "Wer Karriere machen will, darf das auch laut sagen"

Der Chef der Gewerkschaft IG BCE über die neue Generation der Funktionäre, und warum der Fall des Thyssen-Krupp-Aufsichtsrats Bertin Eichler die Arbeitnehmer-Organisationen nicht nervös macht.

Sarah Sommer | , aktualisiert

"Wer Karriere machen will, darf das auch laut sagen"

Foto: IG BCE, Ulrich Pucknat

Herr Vassiliadis, Sie selbst sind in der IG BCE sehr schnell aufgestiegen – vom Chemielaboranten zum Gewerkschaftsvorstand und Multi-Aufsichtsrat in großen Konzernen. Was müssen Nachwuchskräfte heute mitbringen, um als Gewerkschafsfunktionär Karriere zu machen?

Der Job ist komplexer geworden, die Arbeitswelt hat sich gewandelt, unsere Mitglieder sind andere als früher. Wir vertreten Branchen von Bergbau bis Biotech. Da geht es nicht um vordergründige Parolen, sondern darum, für die Beschäftigten der jeweiligen Industrie pragmatische Lösungen zu finden. Und auf Augenhöhe mit Unternehmen zu verhandeln.

Sie suchen also andere Qualifikationen als früher?

Wir suchen heute gezielt Fachkräfte außerhalb unserer Gewerkschaft, zum Beispiel Juristen, Biologen, Chemiker. Und wir ermutigen unsere ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen, sich weiterzubilden, Abitur zu machen, zu studieren – und erst dann eine hauptberufliche Gewerkschaftslaufbahn einzuschlagen.

Gute Fachkräfte sind in der Wirtschaft heiß begehrt und gut bezahlt. Entscheiden die sich allein aus Idealismus für die Gewerkschaftslaufbahn?

Die Konkurrenz um die besten Köpfe ist hart, ganz klar. Wir bieten nicht die besten Gehälter, aber ordentliche, und betreiben eine strategische Personalentwicklung. Wir sehen uns als Wertegemeinschaft, insofern geht es ohne Idealismus nicht, und wir suchen schon einen bestimmten Typ von Mitarbeiter.

Welchen denn?

Wir brauchen kommunikative Leute mit einer besonderen sozialen Kompetenz. Man ist viel in den Betrieben vor Ort unterwegs, oft auch abends und am Wochenende. Klingt noch immer nach Kärrnerarbeit statt steiler Karriere. Früher war es regelrecht verpönt, die Gewerkschaftslaufbahn als Karriere zu sehen und offen zu sagen, dass man aufsteigen möchte, Einfluss und ein ordentliches Gehalt anstrebt. Auch das hat sich geändert.

Es ist schließlich ganz normal, dass man sich auch persönlich weiterentwickeln will. Inzwischen darf man das bei uns auch laut sagen. Wenn sich Gewerkschafter den Gepflogenheiten der Chefs zu sehr anpassen, kann das schiefgehen. Fälle wie der von ThyssenKrupp-Aufsichtsrat Bertin Eichler, der sich als Gewerkschaftsvertreter von Luxus umgarnen ließ und sich zu weit von der Arbeitnehmerbasis entfernte, sorgen für Aufruhr.

Wie sollten Gewerkschaften denn darauf reagieren?

Fehlverhalten im Amt gibt es in Politik, Management und auch bei Gewerkschaften immer mal wieder. Die Regel ist das allerdings nicht, der Alltag sieht anders aus. Unsere Aufsichtsräte machen einen wichtigen und guten Job – dieses Bild wird durch aktuelle Meldungen verzerrt.

Und die Vergütung der Unternehmenskontrolleure aus Gewerkschaftskreisen ist o.k.?

Die Arbeit in den Gremien wird angemessen entlohnt. Im Übrigen fließt der weit überwiegende Teil dieser Aufsichtsratsvergütungen von Arbeitnehmervertretern in Bildungsstiftungen und in die Stipendiatenförderung. Selbstverständlich ist die strikte Einhaltung der Compliance-Regeln des Unternehmens unabdingbar, und die Erstattung von Aufwendungen muss zudem sachlich klar begründet sein.

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