Interview mit Claudia Kemfert "Langstreckenflüge verhageln meine Bilanz"

Claudia Kemfert ist Wissenschaftlerin und Expertin für Energie und Klima. Sie berät unter anderem die Weltbank und die Vereinten Nationen. Im Interview spricht sie über steigende Meeresspiegel, Medienauftritte und ihren Lieblingsfilm "Die Nackte Kanone".

Michael Detering | , aktualisiert

Frau Kemfert, Sie kommen aus Delmenhorst. Wer ist die bekanntere Person aus dieser Stadt - Sie oder die Sängerin Sarah Connor?
Sicherlich Sarah Connor, sie ist eine tolle Sängerin und hat viele Fans. Und sie hat Delmenhorst in der breiten Öffentlichkeit bekannter gemacht.

Aber Sie sind häufiger in der Tagesschau.
Vermutlich schon, denn über Musiker wird in der Tagesschau nicht so oft berichtet wie über Energiepreise oder Klimaschutz.

Warum hört und sieht man aber ausgerechnet Sie zu dem Thema so oft in den Medien?
Ich finde es wichtig, dass Wissenschaftler sich in den öffentlichen Medien zur Politik äußern oder aber auch die wissenschaftlichen Ergebnisse erklären. Die Gesellschaft hat ein Anrecht darauf, zu erfahren, welche wissenschaftlichen Ergebnisse Forscher erarbeitet haben.

Einige werfen Ihnen aufgrund Ihrer Medienpräsenz mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Wie reagieren Sie darauf?
In den Medien muss man zwangsläufig stark vereinfachen, wenn man dem Laien etwas verständlich vermitteln will. Allen Wissenschaftlern, die sich in Deutschland in den Medien äußern, wird mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen. Was leider zur fatalen Folge hat, dass sich noch weniger Fachleute in den Medien äußern wollen. Das ist im Übrigen ein allzu deutsches Phänomen. In den USA ist es Pflicht und gehört geradezu zum Geschäft, dass sich die Wissenschaftler regelmäßig in den Medien - auch zu politischen Themen - äußern.

Angeblich soll es unter Wissenschaftlern das geflügelte Wort geben, das derjenige, der viele Schlagzeilen produziere, "kemfere". Ärgert Sie das?
Nein, überhaupt nicht. Öffentlich vorgetragene Kritik gehört dazu und ich schätze den wissenschaftlichen Diskurs sehr. Allerdings kann ich diese nur ernst nehmen, wenn die Kollegen auch genannt werden wollen. Gern stelle ich mich jeglicher Kritik, wenn sie sachlich und offen, und natürlich namentlich vorgetragen wird.

Sie beraten viele Politiker, unter anderem EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Wie sehen Sie das Verhältnis von Wissenschaft und Politik?
Das ist sehr von den beratenden Politikern und Ministerien abhängig. Der EU-Präsident nimmt sich beispielsweise sehr viel Zeit für die Themen Energie und Klimaschutz. Leider ist in der Berichterstattung völlig verkannt worden, dass ohne ihn kaum das Energie- und Klimapaket der EU auf den Weg gebracht worden wäre. Sicherlich gibt es immer viel zu verbessern, und gewiss ist es manchmal frustrierend, wenn Politiker nicht das umsetzen, was man rät. Aber der politische Gestaltungsprozess ist komplexer als man sich das in der Wissenschaft so wünscht.

Sind Sie für eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke?
Wenn man die Laufzeiten sicherer Kernkraftwerke verlängert, sollte das im Rahmen eines neuen Atomkonsens an bestimmte Bedingungen geknüpft werden, etwa, dass Teile der Extragewinne der Stromkonzerne für neue Energietechnik abgezweigt werden. Man sollte sich vorher die zu erreichende Energiestrategie gut überlegen. Wir benötigen eine sichere, bezahlbare und klimaschonende Energieversorgung. Um diese umzusetzen, benötigt man Zeit - welche die Verlängerung der Laufzeiten bringen könnte.

Was hat die Branche der erneuerbaren Energien von der neuen Regierung zu erwarten?
Beide Parteien haben sich vor der Wahl für die Förderung der erneuerbaren Energien ausgesprochen, am ErneuerbareEnergien-Gesetz (EEG) wird wohl kaum gerüttelt werden. In der Kritik sind derzeit die hohen Vergütungssätze für Photovoltaik, da die Kosten auf dem Weltmarkt stark gesunken sind. Allerdings sieht das EEG ja vor, die Vergütungssätze nächstes Jahr um zehn Prozent zu senken. Wenn es weiteren Spielraum zur Senkung geben sollte, könnte man dies im EEG aufnehmen.

Vor zwei Jahren sorgte der drohende Klimawandel noch für große Schlagzeilen. Inzwischen reden alle nur noch über die Finanzkrise. Frustriert Sie das?
Nein. Man kann in der Krise auch die Chancen sehen. Die bedeutsamsten Innovationen sind immer aus einer Krise entstanden. Und seit der Finanzkrise muss man nicht mehr erklären, warum der Markt sich nicht immer selbst reguliert. Sowohl im Energiemarkt als auch beim Klimaschutz benötigen wir politische Vorgaben. Wir dürfen nicht warten, bis das System kollabiert.

Beim Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember soll ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll verabschiedet werden. Wird es ein konkretes Ergebnis geben?
Ich bin recht optimistisch, dass es ein Klimaabkommen geben wird. Ich denke aber nicht, dass drinstehen wird, welches Land wie viel Emissionen wann vermeiden wird - obwohl Europa sich dies wünschen würde. Ich würde es als Durchbruch werten, wenn die Weltnationen sich verbindlich darauf einigen, den Anstieg der globalen Oberflächentemperatur auf zwei Grad Celsius zu begrenzen.

Der Durchschnittsdeutsche emittiert pro Jahr zehn Tonnen Kohlendioxid. Wie schaut es bei Ihnen aus?
Ich komme auf rund sieben Tonnen pro Jahr. Ich vermeide alles, was meine Kohlendioxid-Bilanz belasten würde: Ich esse vegetarisch, kaufe hauptsächlich regionale Bioprodukte, beziehe Ökostrom, habe nur energiesparende Elektrogeräte und wohne in einem gedämmten Haus. Ich fahre kein Auto, sondern benutze täglich mein Fahrrad für den Weg zur S-Bahn. Und ich fahre fast ausschließlich Zug. Aber die Langstreckenflüge verhageln meine Bilanz! Ich neutralisiere diese Emissionen jedoch, indem ich in Klimaschutzprojekte investiere.

Sie haben an vielen Orten geforscht und gelehrt: Oldenburg, Mailand, St. Petersburg, Stanford, Moskau, Siena. Wo ist das Klima akut bedroht?
Zunehmende Wärme und geringe Niederschläge bedrohen Kalifornien, aber auch Italien, wie man an den Waldbränden schon ablesen kann. Auch Oldenburg wird, wenn der Meeresspiegel sehr stark steigt, gefährdet sein. Wir müssen uns darauf vorbereiten.

Haben Sie überhaupt noch ein Privatleben?
Ja, durchaus. Die Wochenenden sind fest für das Privatleben reserviert. Da nehme ich keine Termine wahr, auch wenn das manchmal Tagungsorganisatoren ärgert. Mein Mann und ich entspannen gern in der Natur oder besuchen Kunst- und Architekturausstellungen.

Gibt es auch jenseits der Wissenschaft einen Job, der Sie reizen würde?
Ich bin mit Leib und Seele Wissenschaftlerin und das wird sich auch nicht ändern. Die Neugier an dem Thema ist letztlich das, was mich treibt.

Kriegen Sie Jobangebote aus der Wirtschaft oder Politik?
Die gibt es gelegentlich.

Von Energiekonzernen?
Es gibt aus allen Bereichen Anfragen. Mir ist aber der wissenschaftliche Bezug der Aufgaben sehr wichtig. Ich bin daher am DIW sehr glücklich.

Auf Ihrer Homepage geben Sie an, Sie seien ein Fan des Films "Die nackte Kanone 2 1/2". Was ist Ihre Lieblingsszene?
Der amerikanische Präsident beauftragt in dem Film den Wissenschaftler Dr. Meinheimer, eine Studie zu erstellen, wie sich das amerikanische Energiesystem vollständig auf erneuerbare Energien umstellen lässt. Den Lobbyisten der Atom-, Öl- und Kohleindustrie gefällt das natürlich nicht, sie versuchen Meinheimer auszubremsen. Am Ende schafft es Meinheimer trotzdem, seine Rede zu halten, doch alle Journalisten fallen sofort in Tiefschlaf! Das ist die beste Szene.

Mögen Sie den Film eher wegen des Witzes oder wegen des Realitätssinns?
Damals mochte ich den Klamauk lieber als heute. Dennoch scheint der Film einen wahren Kern zu beinhalten. Zumindest in der Vergangenheit waren die Energiekonzerne den erneuerbaren Energien nur wenig zugetan. Und das Thema so aufzubereiten, dass nicht alle in Tiefschlaf fallen, ist eine große Herausforderung. Manche Wissenschaftler neigen dazu, komplizierte Sachverhalte für die Allgemeinheit gähnend langweilig darzustellen.

Claudia Kemfert

Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. 1968 in Delmenhorst geboren, studierte sie Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Bielefeld, Oldenburg und Stanford.

Sie promovierte in Oldenburg, anschließend leitete sie dort eine Gruppe von Nachwuchsforschern. 2004 wurde sie Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Damit war sie die erste Juniorprofessorin, die auf eine ordentliche Professur berufen wurde. Sie ist Beraterin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Gutachterin des UN-Weltklimarates. Sie ist externe Expertin für die Weltbank und die Vereinten Nationen. Zuletzt war sie im Gespräch als neue Chefin der Deutschen Energie-Agentur (dena).

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