Interview „In den Niederlanden gibt es die meisten Teilzeitchefs Europas“

Warum in den Niederlanden Teilzeitarbeit unter Managern besonders verbreitet ist und warum deutsche Arbeitgeber für eine bessere Vereinbarkeit von Job und Privatleben sorgen sollten, erläutert der Wissenschaftler Stefan Stuth im Interview. Stuth forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Soziologie über atypische Beschäftigung in Europa.

Claudia Obmann | , aktualisiert


Foto: H. Lunke/Pixelio
Gerade mal zwei Prozent der männlichen Führungskräfte hierzulande arbeiten Teilzeit, welches europäische Land ist international betrachtet in Sachen Teilzeitchefs denn schon weiter als Deutschland?

Stefan Stuth: Die Niederlande liegen in Europa klar vorn. Dort gibt es die meisten Teilzeitchefs. Bei unseren Nachbarn arbeiten bereits 41 Prozent der weiblichen Führungskräfte und sieben Prozent ihrer männlichen Kollegen Teilzeit.

Wie kommt das?

Stuth: Um ihren Arbeitsmarkt anzukurbeln, haben die Niederländer vor gut zehn Jahren das Recht auf individuelle Arbeitzeitverkürzung eingeführt. Außerdem bezuschusst der Staat seit den 80er-Jahren diejenigen Vollzeitstellen, die in Teilzeitstellen umgewandelt werden.

Hat der deutliche Ausbau der Teilzeitarbeit auch das Bewusstsein der niederländischen Gesellschaft verändert?

Stuth: Ja. Diese Maßnahmen haben inzwischen Früchte getragen. Für viele Niederländer ist es heute völlig normal, Teilzeit zu arbeiten und somit auch ihr Berufs- und Privatleben besser miteinander vereinbaren zu können. 

Was muss sich tun, damit sich mehr deutsche Männer für eine Teilzeitstelle entscheiden? Am Geld allein kann es ja zumindest in der Managerliga nicht liegen – zumal, wenn die gut ausgebildete Frau mitverdient.

Stuth: Es wäre schon hilfreich, wenn die Vätermonate nicht als „Wickel-Volontariat“ abqualifiziert würden und die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen nicht länger als für berufstätige Männer irrelevante Frauenangelegenheit betrachtet würde.

Handelsblatt: Warum sollten deutsche Arbeitgeber dafür sorgen, dass das Modell „Teilzeitchef“ auch für Männer attraktiv wird?

Stuth: Aufgrund des drohenden Fachkräftemangels ist eine Arbeitsatmosphäre gefragt, die gleichermaßen ansprechend für Frauen und Männer ist. Wer gute Mitarbeiter langfristig an das eigene Unternehmen binden will, kommt deshalb an flexiblen Arbeitszeit- und Karrieremodellen, mit denen der Einzelne seine persönlichen Interessen und Verpflichtungen individueller als bislang berücksichtigen kann, nicht vorbei.

Das Interview führte Claudia Obmann

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