Interview "Die Rolle als Hausmann war mir zu wenig"

Manfred Schreiber wurde mit 37 Witwer und zog vier Kinder alleine groß. Wie er Familie und Job unter einen Hut brachte und welche Herausforderung er in der Familienpolitik fand, erzählt er im Interview.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

ZEIT ONLINE: Herr Schreiber, im Hintergrund rufen Kinder. Sind das Ihre Enkel?
Manfred Schreiber: Ja, das ist mein Enkelkind und andere Kinder. Ich bin gerade mit meiner Tochter und meinem Enkelkind auf dem Spielplatz.

Sie können es also nicht lassen, was?
(lacht) Ja. Für meine Enkel will ich natürlich da sein.

So wie Sie es vor 30 Jahren für Ihre Kinder waren. Sie haben vier Töchter alleine großgezogen und mussten dafür viele Kompromisse im Job machen. Wie kam das?
Die Entscheidung war unfreiwillig, wie wohl bei den meisten Männern. Ich hätte den Ausstieg aus dem Beruf und das Leben als Vater und Hausmann wohl nicht geführt, wenn ich es nicht gemusst hätte. Männer wechseln die Rolle nur, wenn sie es müssen oder ungewöhnliche Situationen haben, in denen sie sich das erlauben können. Ich kam in diese Situation, weil meine Frau bei der Geburt unserer Zwillinge gestorben ist.

Ein schwerer Schicksalsschlag. Sie hatten bereits Kinder?
Ja, wir hatten schon zwei Töchter, die eine war 6, die andere 3 Jahre alt. Ich war damals 37 Jahre alt und stand auf einmal da mit vier kleinen Kindern. Der Oberarzt der Entbindungsstation, wo das geschah, wollte mir helfen und hat ein sehr langes Gespräch mit mir damals geführt und sogar vorgeschlagen, dass ich die Kinder auch in ein Heim geben könnte. Aber das wäre für mich nicht infrage gekommen. Mein Vater allerdings, der hat mir später einmal gesagt, dass er wohl so gehandelt hätte. Er hätte nicht das gemacht, was ich gemacht habe.

Sie haben sich der Verantwortung gestellt und die Kinder allein großgezogen. Wie haben Sie das bewerkstelligt, gerade in der ersten Zeit, mit zwei kleinen Säuglingen und zwei sehr kleinen Kindern?
Ehrlich gesagt weiß ich das selbst nicht mehr so genau. Für Trauer blieb jedenfalls wenig Zeit. Ich habe ja auch in den ersten Jahren noch Vollzeit gearbeitet. Das ging nur, weil ich eine Haushaltshilfe hatte. Die bekam ich anfangs über eine Kirchengemeinde in unseres Wohnorts, in der meine Frau zu Lebzeiten sehr aktiv war. Trotzdem war diese Lösung sehr kostspielig. Das musste ja bezahlt werden! Bei meiner Arbeit – ich war als leitender Beamter in der Baubehörde tätig – haben mir meine damaligen Vorgesetzten sehr geholfen. Man hat mich auf eine Stelle versetzt, in der ich meine Arbeitszeit freier einteilen konnte. Ich muss dazu sagen, dass es in der Behörde kaum Frauen gab, die außerhalb des Sekretariats arbeiteten. Ich war der einzige Mann auf einer Teilzeitstelle in einer Männerdomäne. Aber ich hatte viel Unterstützung von den Kollegen. Da war es möglich, auch mal später zu kommen oder früher zu gehen. Manchmal haben auch meine Schwiegereltern geholfen.

Sie haben also irgendwann eine Teilzeitstelle angenommen?
Ja, die Betreuung war eine Herausforderung, organisatorisch und finanziell. Als ich in Teilzeit gearbeitet habe, ging es besser. Ich konnte mir die Arbeit so einteilen, dass ich von 9 bis 12 in der Behörde war und tageweise auch noch nachmittags. Ich musste ja auch an den Besprechungen teilnehmen. Insgesamt war diese Zeit aber finanziell sehr schwierig für mich und meine Kinder. Ich habe immer wieder Bittbriefe geschrieben. Einmal sogar an den damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.

Was war die schwerste Zeit?
Zum Problem wurde die strukturelle Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie, als meine Behörde umstrukturiert und ich versetzt wurde. Da waren die Kleinsten gerade 6 Jahre alt, die Älteste 12. Ich hatte einen Chef, der wenig Verständnis für die familiäre Situation der Mitarbeiter hatte. Ob diese Kinder hatten oder nicht spielte für ihn keine Rolle, hauptsache war, dass man 10, manchmal 12 Stunden lang im Büro war. Er hat das gleiche zeitliche Engagement von seinen Mitarbeitern verlangt, das er sich selbst abforderte. Das war für mich nicht zu schaffen. Die Belastung war sehr groß, ich erkrankte. Irgendwann wurde ich früh verrentet – mit Anfang 40.

Es klingt, als hätten Sie das nicht als Entlastung empfunden?
Nein, der Verlust meiner Arbeit war sehr hart für mich. Auch wenn ich jetzt Zeit für meine Kinder hatte und durch die Rente auch unsere finanzielle Situation gesichert war. Doch die Rolle als Hausmann und Vater war mir zu wenig. Es tritt, wenn man nicht mehr berufstätig ist, ja auch eine Isolation ein. In meinem Beruf bin ich häufig zu Besprechungen in das Ministerium gefahren, das fiel jetzt alles weg. Ich habe dann sehr schnell begonnen, mich politisch zu engagieren, und habe im Alleinerziehenden-Verband mitgewirkt. Dort wurde ich bald zum Vorsitzenden des Ortsvereins, später zum stellvertretenden Vorsitzenden im Landesverband gewählt. Und so habe ich die Familienpolitik für mich entdeckt. Ich mischte mich in die Stadtpolitik ein und habe mir über das Engagement Schritt für Schritt ein ähnliches Tätigkeitsprofil geschaffen wie in meinem Beruf. Und das Beste war: Ich konnte diese Arbeit flexibel mit der Erziehung meiner vier Töchter verbinden. Ich bin später auch Vorsitzender der Familienverbände der Stadt Freiburg geworden.

Sie sind aber nie wieder in den Beruf zurückgekehrt?
Nein, ich war irgendwann viel zu lange raus. Da wollte mich niemand mehr einstellen, an eine Rückkehr in den Beruf war also nicht zu denken. Im Grunde habe ich das erlebt, was sonst die Frauen erleben. Ich hatte es in den Verbänden auch überwiegend mit Frauen zu tun.

Profitieren Ihre Töchter heute davon, dass sie diesen Rollentausch an ihrem Vater erlebt haben?
Meine Töchter haben alle studiert, zwei sind schon selbst Mutter – aber sie leben nicht völlig andere als die gesellschaftlich verbreiteten Rollenaufteilungen, nur weil es in Ihrer Kindheit nur einen Vater zu Hause gab. Meine Schwiegersöhne haben zwar die zwei Monate Elternzeit genommen, und kümmern sich dadurch um ihr Kind auch später noch, soweit der Beruf es erlaubt, aber es sind doch meine Töchter, die für die Erziehung ihrer Kinder überwiegend zuständig sind und die Karriere etwas zurückstellen, während die Schwiegersöhne den größeren Teil des Familieneinkommens durch weitgehend ununterbrochene Vollzeiterwerbstätigkeit beisteuern.

Ich habe auch den Eindruck, dass die meisten jungen Väter durch die Elternzeit so gut es geht hindurchkommen. Der Stil, mit den Aufgaben in der Betreuung der Kinder umzugehen, ist ein anderer. Es ist eine Aufgabe, eine Herausforderung, aber keine neue Rolle. Immerhin gibt es jetzt diese zwei Monate, das ist ein Anfang. Es darf aber allein nicht dabei bleiben. Ich sehe das eher realistisch: Nach meiner Beobachtung ist die klassische Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft sehr fest verankert. Es dauert lange, bis man gesellschaftliche Veränderungen erwirkt hat. Und ich muss ehrlicherweise auch sagen: Wenn ich noch einmal Familie gründen würde und mir würde dieser Schicksalsschlag nicht noch einmal passieren, ich würde und müsste mich wohl auch für die klassische Männerrolle entscheiden. Auch wenn das heißt, auf viele schöne, intensive Stunden mit seinen Kindern zu verzichten.

Was würden Sie jungen Männern raten, die gerne den Rollenwechsel ausprobieren möchten?
Es zu wagen. Und nicht alleine sondern gemeinsam mit anderen dafür kämpfen. Noch immer dominiert auch von der Gesellschaft die Erwartung an die jungen Männer, dass sie die Ernährer der Familie sein müssen. Wer es andersrum probiert, hat es schwer. Gerade dort, wo Arbeitsplätze hart umkämpft und die Konkurrenz groß ist, kann man sich Familienarbeit, manchmal sogar Familie gar nicht leisten. Dabei wäre eine Gesellschaft, in der die Arbeit zwischen den Geschlechtern gleicher verteilt wäre, sicher eine schönere. Ich hoffe, dass die nachfolgenden Generationen über eine Umstrukturierung der Arbeitsgesellschaft und einen besseren Ausgleich mit der Familienwelt nachdenken. Doch dafür müssen wir noch viel kämpfen – politisch und ganz individuell.

Zur Person
Manfred Schreiber war leitender Beamter in der Baubehörde in einer Stadt in Baden-Württemberg. 1981 verlor er im Alter von 37 Jahren seine Frau und war plötzlich mit vier Kindern alleinerziehend. Viele Jahre lang versuchte er, Beruf und Kindererziehung miteinander zu vereinbaren. Später engagierte sich in der Familienpolitik. Er berät alleinerziehende Mütter und Väter. Wer Kontakt aufnehmen möchte, kann sich hier bei ihm melden: ManfredSchreiber@t-online.de

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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