Internet der Dinge: Vernetzte Industrie bietet Gründern Chancen

Internet der Dinge Vernetzte Industrie bietet Gründern Chancen

Fabriken lassen sich aus der Ferne steuern, Roboter können via Datenbrille gelenkt werden, Maschinen kommunizieren miteinander: Das Internet verändert die deutsche Industrie radikal. Und bietet Startups eine große Chance, mit Industriekonzernen und etablierten Mittelständlern ins Geschäft zu kommen – wenn sie die nötige Ausdauer mitbringen.

Jens Tönnesmann, wiwo.de | , aktualisiert

Vernetzte Industrie bietet Gründern Chancen

Foto: chanpipat/Fotolia.com

Geduld ist eine Eigenschaft, die Gründer gewöhnlich selten auszeichnet. Aber Reza Etemadian braucht gerade eine Menge davon. Der Grund: Ein namhafter Konzern aus Wolfsburg lässt sein Startup Itizzimo zappeln. Um das lang geplante Pilotprojekt mit dem Konzern starten zu können, muss dieser ihn als Lieferant listen – und das kann Monate dauern, wie der Einkauf des Unternehmens signalisiert hat. Nicht auszuschließen, das der Deal noch platzt – weil Itizzimo zu klein oder jung ist. "Je größer ein potenzieller Partner ist", sagt Etemadian, "umso mehr rote Ampeln gibt es für Startups."

Dabei haben es Etemadian und sein Mitgründer Christian Kleinschroth eilig: Sie entwickeln eine Technologie, die die Arbeit in Fabriken radikal verändern könnte – mithilfe intelligenter Brillen, die wie kleine Computer funktionieren und 2013 von Google und Epson auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas im Januar vorgestellt wurden.

Industrielle Revolution

Wer sie in einer Produktionshalle trägt, kann dank Itizzimo Informationen zu den Maschinen einblenden oder per Video-Chat mit Experten sprechen, die bei der Wartung helfen. Lageristen können Bestände lokalisieren und über die Brille nachbestellen, wenn Engpässe auftreten – und haben dabei die Hände frei. "Die Brillen werden das nächste große Ding", ist Reza Etemadian überzeugt, "und damit Teil der vierten industriellen Revolution."

Diese nächste Stufe der industriellen Revolution, auch Industrie 4.0 genannt, ist die große Hoffnung der deutschen Wirtschaft. Denn sie treibt grundlegende ökonomischer Umwälzungen voran, ganz ähnlich denen, die mechanische Produktionsanlagen Ende des 18. Jahrhunderts auslösten, Fließbänder und elektrischer Strom knapp 100 Jahre später und die ersten Computer in den Sechzigerjahren.

Industrie 4.0 soll Produktionsanlagen in intelligente Fabriken verwandeln und Straßen und Häuser in intelligente Städte, in denen Maschinen, Fahrzeuge und Geräte miteinander und mit den Menschen kommunizieren. Ein "Internet der Dinge" soll entstehen, in dem der Grundsatz gilt: Was über elektronische Datennetze miteinander verbunden werden kann, wird auch verbunden, liefert Daten, lässt sich aus der Ferne steuern oder reguliert sich und andere Geräte in selbstlernenden Prozessen.

Eine Entwicklung, die unseren Alltag grundlegend verändern wird: Während vor 30 Jahren mehrere Menschen um einen Computerbildschirm saßen wie steinzeitliche Jäger und Sammler ums Lagerfeuer, wird künftig jeder Einzelne viele Computer nutzen – so selbstverständlich wie wir heute Steckdosen und Lampen einsetzen, statt Feuer zu entfachen.

Im Jahr 2020 sollen 50 Milliarden Geräte weltweit vernetzt sein, prognostizieren die Telekommunikationsausrüster Cisco und Ericsson. Die Heizung lässt sich via Handy steuern, und der Kühlschrank bestellt Lebensmittel, wenn die Vorräte knapp werden.

"Das Potenzial von Industrie 4.0 ist immens", hat eine Forschergruppe um Henning Kagermann festgestellt, den Präsidenten von Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Auch Dieter Schweer vom Bundesverband der Deutschen Industrie ist überzeugt, dass die "Digitalisierung der Industrie die Art der Produktion und der Produkte grundlegend verändern wird".

Chance für Deutschland

So sehr, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsverbände darin unisono eine "Riesenchance für Deutschland" erkennen. In einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom etwa erklärten 90 Prozent der High-Tech-Unternehmen, dass Industrie 4.0 wichtig für das produzierende Gewerbe sei, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Denn weltweit sind laut Cisco bis 2022 rund 14,4 Billionen Dollar mit dem Internet der Dinge zu verdienen. Die Bundesregierung hat Industrie 4.0 längst als Ziel ihrer High-Tech-Strategie festgeschrieben und will dafür bis zu 200 Millionen Euro bereitstellen.

Eine Entwicklung, in der sich gerade für Firmengründer zahlreiche neue Möglichkeiten auftun. "Innovationen von Startups spielen beim Thema Industrie 4.0 eine entscheidende Rolle", heißt es etwa beim halbstaatlichen High-Tech Gründerfonds, der junge Technologieunternehmen finanziert.

Erst durch die Verbindung von innovativen, wendigen Startups mit der etablierten Industrie kann der Wirtschaftsstandort Deutschland von der vierten Welle der Industrialisierung profitieren, sind Experten überzeugt. Darin liege der "Schlüssel für eine kreative Weiterentwicklung und Umsetzung von Industrie 4.0", heißt es etwa beim Wirtschaftsrat der CDU.

Bernd Groß hat eines dieser wendigen Startups gegründet: Cumulocity. Das Unternehmen hat sich im Düsseldorfer K-LAN niedergelassen, einem Innovationsinkubator, und entwickelt Software, die die mobile Kommunikation zwischen Maschinen ermöglicht.

Groß sitzt an einem Schreibtisch und betrachtet bunte Balkendiagramme auf seinem iPad. Die zeigen an, wie viel Kaffee ein Getränkeautomat in der Darnall Service Station heute ausgeschenkt hat, einer Tankstelle irgendwo in Großbritannien. Gerade eben hat sich jemand den 301. Caffè Latte des Tages für 1,50 Pfund gezapft. Groß sitzt Hunderte Kilometer entfernt, aber er kann das Geld förmlich im Automaten klimpern hören.

Technik macht Prozesse noch effizienter

Groß kann aber nicht nur beobachten, wie viel die Getränkeautomaten ausschenken und wie viel sie einspielen – er sieht auch, wann Tee und Kaffee nachgefüllt werden müssen. Das erspare dem Automatenbetreiber unnötige Anfahrten und so bis zu 40 Prozent der Kosten, sagt Groß. Außerdem verdiene er mehr, weil Kunden ihren Automatenkaffee nun auch bargeldlos zahlen können.

Möglich machen das ein kleiner Computer im Automaten, der mit dem Internet verbunden ist – und die Software von Cumulocity. Damit lassen sich aber nicht nur Getränkeautomaten in England überwachen, sondern etwa auch Fuhrparks von Unternehmen, die wissen wollen, wie sparsam ihre Mitarbeiter mit den Fahrzeugen umgehen. "Wir können alles mit unserer Plattform verbinden, um Geschäftsprozesse zu optimieren", sagt Groß, "Automaten und Autos, Bügeleisen und Spielzeug."

"Eine Technologie, die auch für die deutsche Industrie interessant sein könnte." So dachte jedenfalls Bernd Groß, als er und seine drei Mitgründer vor gut zwei Jahren auf die Idee zu Cumulocity kamen.

Damals arbeitete Groß beim Mobilfunkkonzern Nokia im Silicon Valley. Statt im kalifornischen Gründermekka gründeten Groß und seine Mitstreiter aber lieber in ihrer alten Heimat Deutschland – vor den Toren des Ruhrgebiets.

Doch während Groß und sein Team in Großbritannien und Finnland schnell Pilotkunden fanden, reagierten deutsche Unternehmen verhalten. "Ihr seid zu klein, zu jung und zu riskant, haben wir bei vielen Firmen zu hören bekommen", erzählt Groß. Er ist inzwischen überzeugt: "Der größte Standortnachteil der deutschen Industrie ist, dass sie konservativ agiert."

Welten prallen aufeinander

Die Erfahrungen von Bernd Groß und Itizzimo-Gründer Reza Etemadian sind offenbar eher die Regel als die Ausnahme: "In den meisten Fällen passt die DNA eines Industrieunternehmens in punkto Flexibilität, Schnelligkeit und Risikofreudigkeit nicht mit der des Startups zusammen", sagt Tobias Kollmann, Professor für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen und Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft beim Bundeswirtschaftsministerium. "Da prallen Welten aufeinander."

Auch das Augsburger Startup Secomba, das im November 2013 den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb gewonnen hat, muss gerade viel Geld für eine Zertifizierung ausgeben, damit auch Behörden und Konzerne die Verschlüsselungstechnologie des jungen Unternehmens nutzen können.

"Viele Anforderungen von Industrieunternehmen an neue Kooperationspartner sind so hoch, dass ein Startup oftmals direkt durchs Raster fällt", sagt Kollmann. "Das fängt mit Einkaufsrichtlinien an und hört bei Sicherheiten und 90-tägigen Zahlungszielen auf. Darauf kann ein Startup meist nicht reagieren."

Meiko Hecker versucht es zumindest. Der Experte für Technologietransfer und Dozent für Entrepreneurship an der TU Darmstadt arbeitet mit dem Physiker Walter Schäfer an einer Technologie, mit der sich Sprühprozesse über eine Datenverbindung von jedem beliebigen Punkt der Erde messen und steuern lassen.

Damit soll es in Zukunft zum Beispiel möglich sein, Lackiervorgänge in einem Autowerk in China vom Firmensitz in Deutschland zu überwachen und anzupassen. "Aktuell verhandeln wir mit einem Konzern über eine Kooperation und machen für die einen Testdurchlauf nach dem anderen", sagt Hecker. "Aber das Honorar fließt in sehr homöopathischen Dosen."

Dass es überhaupt zu den Testdurchläufen gekommen ist, verdanken Hecker und Schäfer der Tatsache, dass sie ihr Unternehmen aus der TU Darmstadt heraus gründen. Wie wichtig solche Institutionen als Referenz sind, wissen auch Ramin Lavae Mokhtari und Gerd Ascheid. Mokhtari hat für den Energiekonzern E.On gearbeitet und das US-Geschäft von T-Ventures geleitet, einer Beteiligungsfirma der Deutschen Telekom; Ascheid leitet an der RWTH Aachen das Institute for Communication Technologies and Embedded Systems, das Technologien für die vierte Welle der Industrialisierung erforscht.

Wer gut vernetzt ist, tut sich leichter

Und genau dort setzt ihr Unternehmen an: ICE Gateway kombiniert effiziente LED-Beleuchtung mit intelligenter Steuerungselektronik und senkt so für seine Kunden die Energiekosten. Die Mission der Gründer: Deutschlands Straßenlaternen ins Internet zu bringen. Dafür tauschen sie in den Laternen die Betriebsgeräte gegen Minicomputer aus, die sich übers Mobilfunknetz mit dem Rest der Welt verbinden. So lassen sich nicht nur die energieeffizienten Leuchtmittel in der Laterne aus der Ferne steuern und Kosten sparen.

Die Laternen könnten zukünftig auch Touristen Informationen bereitstellen oder den Straßenverkehr erfassen. Kunden wie Städte, Konzerne und Flughäfen sollen die Technologie quasi umsonst bekommen: Die Kosten werden durch die Ersparnisse ausgeglichen, die die hochgerüsteten Laternen einspielen.

"Allerdings müssen wir eine ganze Reihe von Entscheidern überzeugen", sagt Mokhtari, "und das geht nur, wenn Sie zeigen können, wie viel Wissen hinter Ihrem Produkt steht."

Wer gut vernetzt ist, tut sich leichter: Reza Etemadian von Itizzimo etwa hat von seinen Industriekontakten aus seiner Zeit bei SAP profitiert. Für Meiko Heckers Unternehmen spielte ein Professor den Türöffner. Und Bernd Groß von Cumulocity gelang es, über seine Kontakte aus Nokia-Zeiten die Deutsche Telekom als Kunden zu gewinnen. Außerdem konnte er den High-Tech Gründerfonds als Investor an Bord holen. "Seitdem ist es für uns auf dem deutschen Markt einfacher", sagt Groß, der bereits 20 Mitarbeiter beschäftigt und demnächst eine weitere Finanzierungsrunde abschließen will.

Wer solche Netzwerke nicht hat, muss Wege finden, sie aufzubauen. Andreas Wilzeck ist deswegen mit seinem Unternehmen WiseSense, das Funksysteme zur störungsfreien Kommunikation zwischen Maschinen entwickelt, dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie beigetreten. Das koste zwar 2.000 Euro pro Jahr, sagt Wilzeck. Aber dafür kann der Gründer im Arbeitskreis Wireless in der Automation Kontakte zu Vertretern der Industrie knüpfen. "Total wichtig" sei das gewesen, sagt Wilzeck.

Ignoranz als Chance

Man kann die Ignoranz der Industrie aber auch als Chance begreifen – so wie Christian Deilmann und Valentin Sawadski es getan haben. Als die beiden 2011 mit ihrem Unternehmen Tado starteten, setzten auch sie große Hoffnungen auf Kunden und Partner aus der Industrie. Ihre Geschäftsidee: Heizungen via Smartphone und Internet mit ihren Benutzern vernetzen. Entfernen die sich von ihrer Wohnung, regelt die Heizung die Temperatur herunter. Nähern sie sich, sorgt sie für angenehme Wärme. Wer seine Heizung auf diese Weise sich selbst überlässt, kann laut Deilmann Heizkosten sparen und über sein Smartphone verfolgen, wie sich der Energieverbrauch entwickelt.

"Mithilfe unserer Technologie könnten die Versorger Erdgas und Wärmesteuerung via App als Paket vertreiben", sagt Deilmann. "Dann würde aus dem anonymen Rohstoff ein persönliches Produkt, das Kunden bindet."

Doch trotz positiver Testläufe reagierten die Konzerne vorsichtig. "Unsere Idee hat deren Kerngeschäft berührt", sagt Deilmann und zitiert das amerikanische Sprichwort: "You won’t get fired for buying IBM" – "Du wirst nicht gefeuert, wenn du IBM kaufst."

Soll heißen: Geschäfte mit einem Startup sind riskant. Zwar seien die Gesprächspartner in den Unternehmen von der Technologie begeistert gewesen. "Aber als es darum ging, die übrigen Entscheidungsträger zu überzeugen, dauerte doch alles länger als gedacht."

Tado hat die Zurückhaltung nicht geschadet: Die Gründer beschlossen, ihre Technologie direkt an die Heizungsbesitzer zu verkaufen. Das ging auf: Inzwischen hat Tado Tausende Kunden und beschäftigt 31 angestellte und 14 freie Mitarbeiter. "Es geht extrem bergauf", sagt der Pionier, "der Herbst und der Winter waren fantastisch."

Neue Visionen

Das lockt nun auch die großen Firmen. Seit Mitte Januar bietet der Energieversorger Entega die Heizungs-App von Tado an. Regelmäßig melden sich Maschinenbauer bei Deilmann, die wissen wollen, ob Tado nicht auch ihre Geräte ans Netz bringen kann – Rauchmelder etwa.

Der Gründer hat erst mal andere Pläne: Noch in diesem Jahr will er eine App auf den Markt bringen, die Klimaanlagen steuert. "Vielleicht", sagt er, "lassen sich ja auch die Konzerne dieses Mal schneller überzeugen."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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