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Internationale Netzwerke Die Zirkel der Macht

Vier globale Treffpunkte der Elite: Wie Netzwerken beim Weltwirtschaftsforum in Davos, auf der Bilderberg-Konferenz, beim Rotary Club und am European Roundtable funktioniert.

Tim Rahmann, Daniel Rettig, Silke Wettach und Lin Freitag, wiwo.de | , aktualisiert

Die Zirkel der Macht

Foto: konstantin_sl/Fotolia.com

Weltwirtschaftsforum (WEF): Hochkaräter im Schnee

Das wichtigste Utensil ist die Visitenkarte. Bereits auf dem Weg zum Kongresszentrum beginnt deren Tausch. Konzernlenker und Politiker, Journalisten und Nobelpreisträger: Sie kommen nach Davos, um zu diskutieren und zu netzwerken. "Das Weltwirtschaftsforum bietet eine geniale Gelegenheit, eine Vielzahl von Kunden, Kooperationspartnern, Zulieferern und Politikern zu treffen", sagt Klaus Kleinfeld, Chef des US-Aluminiumherstellers Alcoa. "Diese Dichte von hochkarätigen Gesprächspartnern gibt es an keinem anderen Ort der Welt."

Microsoft-Gründer Bill Gates gehört ebenso zu den Stammgästen wie Angela Merkel. In diesem Jahr dabei waren außerdem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und Coca-Cola-Chef Muhtar Kent. Insgesamt begrüßte Veranstalter Klaus Schwab zur 43. Auflage etwa 2 500 Führungspersonen – mehr als fünf Mal so viele wie bei der Premiere 1971. Zutritt erhält neben angemeldeten Pressevertretern nur, wer persönlich eingeladen ist – oder viel Geld bezahlt.

Visitenkarte öffnet VIP-Türen

Dem Forum gehören 1 000 der weltgrößten Unternehmen an sowie 200 kleinere als Mitglieder oder Partner. Der Jahresbeitrag liegt je nach Größe der Firma und Beteiligung zwischen 40.000 und 400.000 Euro. Alle Mitglieder des WEF können für rund 15.000 Euro eine Eintrittskarte für Davos bekommen. Für jedes weitere Ticket steigt der Preis exponentiell.

Die Chance, mit Promis zu sprechen, bietet sich für Außenstehende dennoch, etwa auf den Partys, Empfängen und Galadiners unter der Woche. Konzerne wie Yahoo, die Deutsche Bank oder Microsoft, aber auch die Stadt Frankfurt laden zu Cocktails und Häppchen, vor allem in die Nobelherberge Steigenberger Belvédère. Rein kommt, wer auf der Gästeliste steht oder eine aussagekräftige Visitenkarte vorlegt. Von sich selbst – oder von einem neuen Kontakt.

Die US-Präsidentschaftswahlen? Regelt sie. Die Ölkrise von 1973? Hat sie initiiert. Den Irak-Krieg 1991? Ebenfalls. Kein Netzwerk erregt die Fantasie von Verschwörungstheoretikern so wie die Bilderberg-Konferenz. Die Wahrheit ist profaner. Seinen Namen verdankt der Zirkel dem Hotel de Bilderberg im niederländischen Oosterbeek. Dort versammelte der Politikberater Józef Retinger erstmals 1954 Eliten aus Politik und Wirtschaft.

Die Runde sprach darüber, wie Europa und die USA enger zusammenarbeiten könnten. Schon damals waren die Treffen nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. So sollte sichergestellt werden, dass die Teilnehmer offen diskutieren. Seitdem treffen sich die Bilderberger einmal jährlich an einem anderen Ort, die einzige Aktivität der Gruppe. Im vergangenen Jahr fand die 60. Konferenz statt.

Das Programm veröffentlicht die Runde im Internet, ebenso wie die Teilnehmerliste. Aus Deutschland unter anderem dabei: Bilfinger-Boss Roland Koch und Linde-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Reitzle. "Mit einigen der einflussreichsten Leute der Welt zu fraternisieren wirkt wie ein psychologisches Aphrodisiakum", schrieb 2011 Ian Richardson in einem Buch.

Mitglied auf Zeit

Die Teilnahme befördere die Mitglieder "in die am meisten bewunderten Zirkel der Macht". Der Weg dorthin führt über Henri de Castries, hauptberuflich Vorstandschef des Versicherungskonzerns Axa, nebenberuflich Chef der Bilderberg-Gruppe. Er bereitet mit einem 33-köpfigen Führungskomitee die Konferenzen vor und wählt die Teilnehmer aus.

Die Mitglieder werden zunächst für vier Jahre gewählt. Bedingungen: genug Erfahrung und Wissen sowie eine einflussreiche Position – entweder in der Wirtschaft oder in der Politik.

Sie wollen unbedingt Rotarier werden? Dann lassen Sie es sich besser nicht anmerken. "Wer sich um die Aufnahme bemüht, kommt nicht rein", sagt ein deutsches Mitglied. Der bekannteste Service-Club weltweit pflegt das Understatement.

Motto: Wer überlegen ist, spielt sich nicht in den Vordergrund. Rotarier brauchen zunächst mal erfolgreiche Freunde, die die Anwärter nominieren. Allerdings muss es nicht nur menschlich passen. Pro Club soll lediglich ein Repräsentant aus jeder Berufsgruppe vertreten sein. Gerade in Universitätsstädten kann das schwierig werden, theoretisch zumindest.

Praktisch helfen Tricks: Aus zwei Medizinprofessoren werden dann eben schon mal ein Hirnforscher und ein Herzspezialist. Nach der Nominierung des Anwärters folgt ein Abendessen mit den Mitgliedern, meist samt Ehefrauen. Ist auch diese Hürde genommen, stimmen die Clubmitglieder anonym ab. Nur eine Gegenstimme reicht aus, um die Aufnahme zu verhindern. Erhält der Kandidat alle Stimmen, wird er gefragt, ob er eintreten will.

Zeitintensives Rotieren

Und da lautet die Antwort auch mal nein. Nicht aus finanziellen Gründen, denn der Jahresbeitrag liegt bei nur einigen Hundert Euro, sondern eher aus zeitlichen. Jeder Club versammelt sich einmal pro Woche, Anwesenheit ist Pflicht. Die Treffpunkte sind exklusiv: Der Rotary Club Hamburg-Blankenese findet sich im Luxus-Hotel Louis C. Jacob ein, viele Münchner Clubs im Bayerischen Hof, die Düsseldorfer im Industrieclub.

Zum erlesenen Essen werden gehaltvolle Vorträge serviert. Teils von den Mitgliedern selbst, teils von Gästen. Der japanische Botschafter zum Beispiel spricht über die deutsch-japanischen Beziehungen, Konrad Delius vom gleichnamigen Verlag über die Verknüpfung von analoger und digitaler Welt durch Google, Amazon und Co., der Zukunftsforscher Matthias Horx über Megatrends.

Dazu kommen noch Treffen in übergeordneten Distrikten, in sozial engagierten Projektgruppen und in den Rotary Fellowships, in denen die Mitglieder gemeinsamen Hobbys nachgehen. Bei diesem zeitlichen Aufwand überrascht es nicht, dass viele der Mitglieder Rentner sind. Die deutschen Rotarier sind im Schnitt bereits 60 Jahre alt.

Karrierist oder Potenzialist?

Weltweit gibt es etwa 34.000 Vereine mit 1,2 Millionen Mitgliedern. Sie gehen zurück auf den amerikanischen Anwalt Paul Harris. Er traf sich 1905 mit drei Freunden und gründete den ersten Rotary Club. Der Name leitet sich von Rotation ab, denn die Mitglieder versammelten sich jede Woche in einem anderen Büro.

Harris’ Absicht: Aus Freundschaft sollen Geschäftsbeziehungen wachsen – und umgekehrt. Heute gilt: Rotarier wird man nicht, um Karriere zu machen, sondern weil man sie bereits gemacht hat. Ausnahmen bestätigen die Regel. Einige Clubs wählen ihre Mitglieder auch nach Potenzial. Für Rotarier unter 30 dürfte der Netzwerk-Aspekt eine wesentliche Rolle spielen.

Junge Mitglieder leugnen nicht, dass der Club Vorteile verschaffen kann. Kein Wunder: Die Liste prominenter Rotarier ist lang. Schriftsteller Thomas Mann gehörte einst genauso dazu wie Konrad Adenauer. Auch heute ist die politische und wirtschaftliche Elite in den etwa 1000 deutschen Clubs vertreten. Zu den knapp 52.000 Mitgliedern gehören der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer, Audi-Chef Rupert Stadler und Adidas-CEO Herbert Hainer. Frauen sind allerdings in der Minderheit – nur jedes zehnte Mitglied ist weiblich.

Keine Ledersessel, kein Kamin. Nach Clubatmosphäre sucht man vergeblich. In der Zentrale des European Roundtable of Industrialists (ERT) in Brüssel dominieren funktionale Büroräume und nüchterne Konferenzsäle. Dennoch wäre es ein Fehler, den ERT zu unterschätzen. Der Zusammenschluss hält sich selbst für bedeutend.

Zurück geht er auf das Jahr 1983. Damals trafen sich in Paris 17 Wirtschaftsbosse, angeführt vom Ex-Volvo-Chef Pehr Gyllenhammar, dem damaligen Philips-CEO Wisse Dekker und dem Fiat-Paten Umberto Agnelli. Ihr Ziel: Sie wollten eine Organisation bilden, um die Regierungen auf den schlechten Zustand der europäischen Wirtschaft aufmerksam zu machen.

EU-Flüsterer?

ERT-Chef ist heute der Ericsson-Boss Leif Johansson, zu seinen Stellvertretern gehört auch der Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher. Insgesamt besteht der ERT aus etwa 50 Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsvorsitzenden europäischer Konzerne. Sie treffen sich zwei Mal jährlich zu gemeinsamen Diskussionen, die Mitgliedschaft erfolgt allerdings nur auf Einladung.

Lobbykritische Nichtregierungsorganisationen zürnen den ERT regelmäßig als Einflüsterer der EU-Kommission. Fest steht, dass es einer Gruppe Vorstandsvorsitzender leichter gelingt, einen Termin beim zuständigen Kommissar zu arrangieren. In den Achtzigerjahren gelang es den Industriellen sogar, die Politik zum europäischen Binnenmarkt entscheidend mitzugestalten. Anfang des neuen Jahrtausends setzten sie sich dann für mehr Wettbewerbsfähigkeit in der EU ein. Doch diesmal blieb ihr Erfolg aus: Die vom ERT mit angestoßene Lissabon-Strategie floppte.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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